Gustav Schlesinger (* 3. Mai 1833 in Oberglogau, Oberschlesien; † 4. September 1906 in Wotitz, Böhmen) war ein Journalist, Jurist, Bankrechtspezialist, Unternehmer und Großgrundbesitzer. Nach der Standeserhöhung in den Ritterstand am 15. Oktober 1869 führte er den Namen Ritter von Schlesinger ( Schlesinger).

Leben Gustav Schlesinger wurde am 3. Mai 1833 in OberglogauGeorg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 3: S–T. Amalthea Signum Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-99050-061-3, S. 3276–3278, hier S. 3277. Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer und Gabriel Mauthe (Redaktion): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert (Band 3: S–Z). K. G. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8, S. 1208, sowie zeitgenössisch Journalisten- und Schriftsteller-Verein „Concordia“: 1859–1909. Eine Festschrift. Wien 1909, S. 178, nennen 1834 als Geburtsjahr, aber ohne genaues Datum. als Sohn von Hirschel Schlesinger und Minna Löwy geboren.Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 3: S–T. Amalthea Signum Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-99050-061-3, S. 3276–3278, hier S. 3277 Fn. 6. Nachdem er aus Preußen in die Habsburger Monarchie übergesiedelt war, trat er 1859 eine Erzieherstelle im Haus des Predigers der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Adolf Jellinek, an.Franz Baltzarek, Alfred Hoffmann, Hannes Stekl (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft der Wiener Stadterweiterung. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1975, S. 315 f. unter Berufung auf den Nobilitierungsakt von 1869 im Allgemeinen Verwaltungsarchiv. Daneben war er als Journalist tätig. Er redigierte den volkswirtschaftlichen Teil der Wiener Zeitung Neueste Nachrichten,Journalisten- und Schriftsteller-Verein „Concordia“: 1859–1909. Eine Festschrift. Wien 1909, S. 178. die 1863 im Wiener Lloyd aufging. 1864 erwarb Schlesinger das Blatt. Allerdings finanzierte er den Erwerb nicht durch seine journalistische Tätigkeit, sondern durch seine Anstellung als Sekretär der Austria-Bank im Jahre 1863.Fremden-Blatt. 17. Jahrgang, Nr. 319, 20. November 1863, Zugang 25. November 2015. Im Jahr 1864 wurde Schlesinger Generalsekretär der Anglo-Österreichischen Bank. Nachdem der Wiener Lloyd 1865 mit der Tageszeitung Die Debatte fusionierte, blieb Schlesinger bis 1867 deren Mitarbeiter. Bei seiner journalistischen Tätigkeit setzte sich Schlesinger für eine Umstrukturierung der österreichischen Monarchie ein, die in die Geschichte als der Österreichisch-Ungarische Ausgleich aus dem Jahre 1867 eingegangen ist.

Für seine Verdienste wurde er auf Vorschlag des ungarischen Ministeriums mit dem Orden der Eisernen Krone III. Klasse ausgezeichnet.Die Debatte. 6. Jahrgang, Nr. 118, 29. April 1869, Morgen-Ausgabe, Zugang 25. November 2015. Er gehörte zu den wenigen Privatiers und Journalisten, welche ohne Wirtschaftskapitän zu sein, in 103 Jahren der Existenz des österreichischen Ordens der Eisernen Krone in den Orden aufgenommen wurden, denn seine wirtschaftliche Karriere begann erst nach der Nobilitierung. Am 15. Oktober 1869 erfolgte seine Standeserhöhung in den erblichen österreichischen Ritterstand als Ritter von Schlesinger.Karl Friedrich von Frank [zu Döfering]: Alt-Österreichisches Adels-Lexikon. I. Band (1823–1918), Selbstverlag, Wien 1928, S. 276, Nummer 8237. Wenige Wochen zuvor war er am 11. September 1869 Bürger von Wien und damit österreichischer Staatsbürger geworden.Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 3: S–T. Amalthea Signum Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-99050-061-3, S. 3276–3278, hier S. 3276.

Durch einen Lotteriegewinn in Preußen im Jahr 1865Die Debatte und Wiener Lloyd. 2. Jahrgang, Nr. 249, 9. September 1865, Zugang 24. November 2015. kam er zu einem bedeutenden Vermögen von 30.000 Talern, das ihm wirtschaftliche Investitionen in der Umbruchzeit nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich ermöglichte. Schlesinger spekulierte mit verschiedenen Grundstücken in Wien und war als Bauherr tätig. So wurde z. B. von 1870 bis 1872 das Palais Schottenring für ihn sowie den Mitinvestor Daniel (David) Horowitz nach den Plänen des ebenfalls in Oberglogau geborenen Architekten Wilhelm Fraenkel erbaut.Markus Kristan: Jüdische Bauherren und Baukünstler der Ringstraße. In: Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Jüdisches Museum Wien, Wien 2015, ISBN 978-3-85002-915-5, S. 59–88, hier 84.

Im Jahre 1873 wurde für ihn das imposante Gebäude Reisnerstraße 51 im 3. Bezirk ebenfalls vom Architekten Wilhelm Fraenkel errichtet. Das Palais weist streng gegliedert mit leicht vortretenden Seitenrisaliten (hier repräsentative Balkone auf Konsolen), französischen Fenstern im ersten Obergeschoß, antikisierenden weiblichen Figuren neben den Balkontüren des zweiten Obergeschoßes, auch eine architektonisch einheitliche Innenausstattung (Entree und Stiegenhaus) auf. Nach Schlesingers Tod kam es 1913 in den Besitz der Familie des Architekten Max von Ferstel, um heute als Residenz der Finnischen BotschaftPräsentation der Botschaft von Finnland, Zugang 21. November 2015. zu dienen. Im Jahre 1946 wurde das Palais aufgestockt.Kortz: Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung. Hrsg. vom Oesterreichischen Ingenieur und Architekten-Verein. Band 2, Gerlach & Wiedling, Wien 1906, S. 142 und Géza Hajós, Walther Brauneis: Die Profanbauten des III., IV. und V. Bezirkes (= Österreichische Kunsttopographie. Band 44.2). Schroll, Wien 1980, S. 129 f. Hierbei kommt es zur Verwechslung mit dem Palais Ferstel im 1. Wiener Gemeindebezirk, Innere Stadt, mit den Adressen Strauchgasse 2–4, Herrengasse 14 und Freyung 2. Dieses Gebäude wurde als Nationalbank- und Börsengebäude durch Max von Ferstel errichtet; die Bezeichnung als Palais ist unhistorisch. In der Residenz der Finnischen Botschaft, 3, Reisnerstraße 51, befindet sich eine freistehende Büste im Stiegenhaus mit Inschrift Baron W. Ferstel. Da ein Baron W. Ferstel nicht bekannt ist, handelt es sich bei dem Gebäudeerwerber im Jahre 1913 vermutlich um Max von Ferstel. Zugang 22. März 2016.

mini|Abteilung der finnischen Botschaft in der Reisnerstraße 51

Durch die Gründung einer Ziegelfabrik in Oberlaa bei Wien nahm er am Umbau der Wiener Innenstadt teil und nutzte die Baukonjunktur der Gründerzeit für eigene Bauprojekte. In Rothneusiedl besaß er parzellierte Baugründe, die nach zwei erfolglosen Versteigerungsterminen beim dritten Versuch im Jahr 1881 versteigert wurden.Amtsblatt zur Wiener Zeitung und Central-Anzeiger für Handel und Gewerbe. Nr. 4, 6. Jänner 1881, S. 26, Zugang 24. November 2015.

Im Jahr 1869 promovierte er mit einem Thema zur Problematik des österreichischen Banksystems an der Universität Rostock.Promotionsschrift Gustav Schlesinger: Die neueste Bankgesetzgebung in Oesterreich. Druck von Adler’s Erben, Rostock 1869 (Digitalisat). Als Bankrechtsspezialist nutzte er den Bankenkrach im Jahre 1873 zum Erwerb ehemalig tafelrechtlicher Güter in Böhmen. Die Besonderheit an dem Erwerb vom 15. Januar 1878 war, dass er seine Neubauten am Wiener Schottenring im Wert von geschätzt 15 Millionen Gulden gegen die Wottitzer Güter (heute Votice), Gut Votice mit Schnapsbrennerei und Brauerei, dem Kalksteinbruch und Sägewerk in Opalí sowie den Vorwerken in Javoře, Hostišově und Beztahově, das Gut Groß Welten (heute Horní Valtinov) mit der dortigen Brauerei und das Gut Fichtenbach bei Vollmau, heute Horní Folmava, an der bayerischen Grenze (alle in Böhmen) tauschte.Nach einer Mitteilung der Neuen Freien Presse gibt die Steyrer Zeitung vom 27. Dezember 1877, S. 3 preis, dass die Erste Österreichische Sparkasse von dem Bauunternehmer Gustav Ritter von Schlesinger das Angebot erhielt, drei landtäfliche Güter in Böhmen gegen mehrere Häuser auf der Brandstätte und am Schottenring zu tauschen, die einen Wert von 15 Millionen Gulden repräsentieren. Der Tauschwert entspricht je nach Umrechnung einem heutigen Betrag von 90 – 150 Millionen €.Nach der Schrift „150 Jahre Erste österreichische Spar-Casse, 150 Jahre österreichische Geschichte, Wien, am Graben 21, Wien 1969“ knapp 89 Millionen Euro (ein Gulden der Jahre 1873–1894 entspricht 5,93 Euro, demnach 15.000.000 Gulden = 88.950.000 €), nach der Umrechnung gemäß dem „Verbraucherpreisindex 1966“ um 150 Millionen €

Später erwarb die Wiener Bankfirma Gustav Schlesinger noch die landtäflichen Güter Gut Dub beider Teile und das Gut WodnianGut „Wodnian (Aquileia), eine königl. freie mit Mauern und einem tiefen Graben umgebene Stadt. Sie liegt an dem Fluße Blanitz, 15 Meilen von Prag, und 3 Postmeilen von Strakonitz entfernt“. Carl Eduard Rainold: Verzeichniss aller im Königreich Böhmen befindlichen Ortschaften. Band 13, 1794, Seite 78. in Böhmen von der „Hypothekar Credit- und Vorschußbank in Liquidation“.Prager Tagblatt. 2. Jahrgang, Nr. 29, 29. Januar 1878, S. 3, Zugang 21. November 2014. Bei späteren Verkäufen der Güter zeigte sich, dass die Güter zu einem extrem überhöhten Preis getauscht worden sind und kaum Käufer fanden.Erste Beilage zum Prager Tagblatt [9. Jahrgang] Nr. 41, 11. Februar 1885, S. 5: „Der Großgrundbesitzer Dr. Gustav Ritter von Schlesinger beabsichtigte sein böhmisches Gut Wottic zu verkaufen und Freiherr v. Nadherny wollte es kaufen …“, Zugang 15. Juni 2015; Die Presse. 35. Jahrgang, Nr. 2, 2. Jänner 1882, Zweites Abendblatt, S. 3. Da der Verkauf der landtäflichen Gutes Dub in Böhmen im Jahr 1881 nur einen Ertrag von 343.000 Gulden erbrachte. Wiener Landwirtschaftliche Zeitung. 32. Jahrgang, Nr. 1, 4. Januar 1882, S. 5: „Das landtäfliche Gut ‚Dub beider Theile‘ nebst drei dazu gehörigen Bauernhöfen wurde von Dr. Gustav Ritter von Schlesinger an MDr. Emil Bellot um den Preis von fl. 343.000 verkauft.“, Zugang 21. November 2015.

1869 trat er als Verwaltungsrat der Wiener Allgemeinen Omnibus AG zurück,Gerichtshalle. 13. Jahrgang, Nr. 10, 4. Februar 1869, S. 42, Zugang 15. Juni 2015. blieb aber noch Verwaltungsrat der Eisenbahn Lemberg-Belsec, Aufsichtsrat der Eisenbahn Lemberg-Czernowitz, hielt Beteiligungen an der Wiener Handelsbank und der Böhmischen Unionsbank und blieb auch Mitglied des Klubs Concordia in Wien. Bei der konstituierenden Generalversammlung der Österreichisch-Israelitischen Union am 24. April 1886 wurde er in den Vorstand gewählt.Joseph S. Bloch: Erinnerungen aus meinem Leben. R. Löwit Verlag, Berlin und Leipzig 1922, S. 201 f.

Familie Schlesinger war seit dem 31. Jänner 1880 mit Sophie Eckstein (1853–1929) verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor, darunter die Schriftstellerin Viola Gabriele von Schlesinger (1884–1950).Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 3: S–T. Amalthea Signum Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-99050-061-3, S. 3276–3278, hier S. 3277 f.

Literatur Schlesinger IV. In: Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938. Band 3: S–T. Amalthea Signum Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-99050-061-3, S. 3276–3278.

Einzelnachweise

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