mini|hochkant=1.4|Wayang beber Gedompol, 5. Rolle, Detail der 3. Szene: Entscheidungsschlacht auf dem großen Platz (alun-alun) vor dem Palast. Tawang Alun, der Verbündete des Helden Panji sticht den magischen kris in den Hals des bösen Königs Klana. Mit dem Sieg ist der Frieden im Königreich Kediri wiederhergestellt. Wayang beber, auch wayang bèbèr (javanisch, aus wayang, „Puppe“ und beber, „aufrollen“, „ausbreiten“), ist eine Form der dramatischen Erzählung auf der indonesischen Insel Java, bei der ein Vorführer (indonesisch dalang) auf Bildrollen gemalte Szenen zeigt und mit Musikbegleitung erzählt. Die Vorführungen beinhalten Geschichten des in der Zeit der späteren hindu-javanischen Königreiche (13. Jahrhundert bis Anfang 16. Jahrhundert) entstandenen Erzählzyklus um den mythischen Prinzen Panji. Die Panji-Geschichten gehören zur jüngeren Erzähltradition wayang gedog.
Wayang beber ist eine zu den indonesischen Theaterstilen wayang gehörende Kunstgattung, die in der Bevölkerung eine hohe Wertschätzung genießt, aber Anfang des 20. Jahrhunderts als praktisch verschwunden galt und erst in den 1960er Jahren von der Forschung in den beiden Dörfern Gedompol und Gelaran an der Südküste Ostjavas wiederentdeckt wurde. Die vermutlich Ende des 17. Jahrhunderts angefertigte Bilderzählung von Gedompol besteht aus sechs Rollen mit jeweils vier Szenen in chronologischer Abfolge und mit einer durchgängigen Handlung. In Gelaran sind sieben Bildrollen mit je vier Szenen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhalten, deren erzählerischer Zusammenhalt nicht eindeutig überliefert ist.
Seit der Jahrtausendwende fertigen einige Maler in Zentraljava zu Panji-Erzählungen und zu aktuellen gesellschaftlichen Themen neue Bildrollen an, die einem breiten Publikum vorgeführt und in Kunstgalerien gezeigt werden.
Herkunft und Forschungsgeschichte mini|hochkant=1.4|Gedompol, 6. Rolle, 3. Szene: Prinzessin Sekar Taji, in ein Batiktuch gehüllt, erhält in ihrem Palastgemach nach ihrer Hochzeit Ratschläge von der älteren Kili Suci in schwarzer Bluse. Rechts ihr Bruder Ganda Ripa oder ihr Gemahl Panji. Wayang bezeichnet in der javanischen Sprache eine Puppenfigur oder einen anderen Charakter in einem Drama. Ein angehängtes Bestimmungswort erklärt Näheres zu Stil und Inhalt der Theateraufführung. Am bekanntesten ist das Schattenspiel wayang kulit (kulit, „Haut“, „Hülle“, „Schale“), das nach Herkunft seiner Themen eingeteilt wird. Wayang kulit purwa, verkürzt wayang purwa, das „altertümliche wayang“, enthält Episoden aus den altindischen Sanskrit-Epen Ramayana und Mahabharata sowie dem von Tantular im 14. Jahrhundert am Hof der Radschas von Majapahit verfassten Arjuna Sasrabahu, das Geschichten um den aus dem Ramayana bekannten König Arjuna enthält.
Die romantische Geschichte des Prinzen Panji geht nicht auf indischen Einfluss zurück, sondern entstand in Java. Das zugehörige Schattenspiel heißt wayang kulit gedog. Zu den Legenden des wayang gedog gehören neben Panji weitere Helden, vor allem Damar Wulan, die Hauptfigur eines Ritterromans aus der Majapahit-Zeit. Gedog ist ein Wort der Kawi-Sprache, ein Vorläufer der heutigen javanischen Sprache, und bedeutet „Pferd“, entsprechend dem neujavanischen kudho. Es steht laut dem javanischen Prinzen Noto Soeroto (1888–1951) des Sultanats Yogyakarta für den wie ein stampfender Pferdehuf klingenden Schlag, den der Spielführer (dalang) beim Schattenspiel erzeugt, wenn er mit seinem cempala (kleiner gedrechselter Holzknüpfel) gegen die Kiste (kotak) mit den Spielfiguren klopft, um seinen Vortrag zu betonen.Raden Mas Noto Soeroto: Over den Oorsprong van het Woord Gedog in de Wayang. In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch-Indië, Band 65, 1911, S. 132–134
Panji ist außer im wayang beber auch die Hauptfigur in einigen Tanzstilen, besonders im Maskentanz wayang topeng und in den Puppenspielen wayang klitik (flache farbige Holzpuppen) und wayang golek (dreidimensionale größere Holzpuppen). Zum umfangreichen Repertoire des wayang golek gehören Dramen (lakon) des indischen wayang purwa, mehrere Arjuna-, Panji- und die Damar-Wulan-Erzählungen sowie den muslimischen Serat-Menak-Stoff, der ansonsten im Schattenspiel Serat Menak Sasak aufgeführt wird.
Über das Alter des javanischen wayang beber herrscht keine Klarheit, es ist etwa so alt oder älter als das wayank kulit. Vielleicht gehörten beide ursprünglich zu animistischen Ritualen und zur Ahnenverehrung.James R. Brandon: Theatre in Southeast Asia. Harvard University Press, Harvard 1967, S. 45 Die Chroniken aus den Palästen (kraton) von Yogyakarta und Surakarta lassen sich so zusammenfassend interpretieren: Die Einführung des wayang beber ist ungefähr für das Jahr 1223 festgelegt. Damals wurden Zeichnungen auf Palmblattstreifen (lontar) geritzt. Prabu Panji Suryawisesa, der Herrscher des ostjavanischen Königreichs Jenggala trug zu den Zeichnungen an seinem Hof indische Erzählungen vor. Dabei zeigte der König nacheinander einzelne Bilder und sein Vortrag wurde von einem gamelan begleitet. Ein späterer König von Jenggala namens Prabu Surya Amiluhur verlagerte im 13. Jahrhundert sein Reich nach Westjava, wo er das Königreich Pajajaran gründete. Um die Bilder zu vergrößern, ließ er ein Papier aus der gestampften Rinde des Papiermaulbeerbaums (Broussonetia papyrifera) herstellen, das auf Javanisch dlancang gedog oder dlancang Ponogoro (Panaraga) nach dem einzigen Herstellungsort des Papiers genannt wird (indonesisch „Rindenpapier“: kertas daluwang). Die geographische Angabe „Westjava“ ist zweifelhaft, denn Ponogoro liegt in der Osthälfte der Insel. Während der Herrschaft des Königs Prabu Batana von Majapahit wurde um 1316 die Technik der Aufführung durch Holzrollen verbessert, die Bilder wurden sorgfältig ausgeschmückt und vergoldet. Nun kam der Name wayang beber für diese Vorführung auf.
Dem Majapahit-König Brawijaya I. wird die Verbreitung des wayang beber in der ungefähr bis heute überlieferten Form zugeschrieben, bei der die Farbgebung zur Unterscheidung der Charaktere (Könige, Helden, Untergebene) maßgeblich wurde. Die Rollen wurden auf Holzstäben aufgerollt und diese fest auf einem Sockel aufgestellt. Der König soll einen seiner Söhne angewiesen haben, für neue wayang beber zu sorgen. Drei neue Bildrollen für unterschiedliche Geschichten seien so entstanden. Als im 15. Jahrhundert Majapahit im Niedergang begriffen war, gelangten die Bildrollen nach Demak an die Nordküste, wo mit dem Sultanat Demak gegen Ende des 15. Jahrhunderts der erste muslimische Herrschaftsbereich in Java entstand. Ein muslimischer Javaner, Sunan Kalijaga, der heute als einer der neun heiligen Wali (Wali Songo) verehrt wird, verwandte die wayang-Aufführungen zur Verbreitung seines sufischen Islam. Als Zugeständnis an das islamische Bilderverbot verloren die Figuren (gleichermaßen im wayang kulit und im wayang beber) ihr lebensnahes Aussehen und erhielten die bis heute vorherrschenden, erstarrten Vogelkopfgesichter. Andere Quellen teilen weit weniger als die Palastchroniken mit.
Die bedeutendsten fremden Quellen über das Majapahit-Reich Anfang des 15. Jahrhunderts sind die chinesischen Muslime Ma Huan und Fei Hsin, die im Gefolge des Admirals Zheng He während einer Schiffsexpedition 1416 Java besuchten. In ihrem Bericht heißt es, dass es gewisse Leute gäbe, die auf Papier Menschen, Vögel, Tiere und Insekten malten. Das Papier sei eine 90 Zentimeter breite Rolle, die zwischen zwei Holzstäben gespannt und Szene für Szene vom einen zum anderen Ende umgerollt wird, während ein dahinter auf dem Boden sitzender Vorführer in lautem Ton in der Lokalsprache Erklärungen abgibt. Die Zuschauer sitzen um ihn herum am Boden und brechen, je nachdem, was er erzählt, in Geschrei oder Gelächter aus.Brian E. Colless: Majapahit Revisited: External Evidence on the Geography and Ethnology of East Java in the Majapahit Period. In: Journal of the Malaysian Branch of the Royal Asiatic Society, Band 48, Nr. 2 (228), 1975, S. 124–161, hier S. 148 Diese Beschreibung trifft nach wie vor zu, abgesehen davon, dass die Zuschauer heute ausschließlich vor der Bildrolle sitzen. Auf Fotografien um 1902 saßen sie noch im Kreis um den dalang.
Nachfolgend fehlen konkrete Hinweise auf das wayang beber bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Nach dem Niedergang des Majapahit-Reiches gegen Ende des 15. Jahrhunderts gingen vermutlich viele ältere Traditionen, die an den Höfen gepflegt wurden verloren und die Darsteller mussten sich der Kultur der islamischen Herrscher anpassen. Dies könnte auch die Darsteller getroffen haben, die in den Palästen epische Gedichte (kakawin) in altjavanischer Sprache möglicherweise zusammen mit Bildrollen darboten. Daneben gab es wandernde Schausteller (widu mawayang), die unter anderem in den Schattenspielen die Tradition der indischen Epen im Gewand der islamischen Bildervorstellungen weiterpflegten.Laurie J. Sears: Rethinking Indian Influence in Javanese Shadow Theater Traditions. In: Comparative Drama, Band 28, Nr. 1 (Early and Traditional Drama) Frühjahr 1994, S. 90–114, hier S. 109 Die Palastchroniken teilen mit, dass zur Zeit des muslimischen Sultanats von Mataram bis 1630 wayang beber gespielt wurde. In jenem Jahr verbot der Sultan von Mataram wayang-beber-Aufführungen zum magischen Reinigungsritual ruwatan, weshalb anschließend nur noch Schattenspiele bei diesem öffentlichen Ritual gezeigt wurden und Rollbilder auch anderweitig kaum noch Zuschauer fanden. Dies änderte sich unter Sultan Amankurat II. (reg. 1677–1703), als die Geschichte von Jaka Kembang Kuning gezeigt wurde.
Der englische Forscher Thomas Stamford Raffles (1781–1826) erkannte den indischen Ursprung des indonesischen Schattenspiels und anderer Theaterformen. Das wayang beber beschreibt er 1817 als „nicht sehr häufig“ anzutreffende Darstellungsform der Heldenerzählungen von Damar Wulan und seines Widersachers Menak Jingga. Die Panji-Erzählungen fand er nur beim wayang topeng, für das wayang beber erwähnt er sie nicht. Letzteres wurde laut Raffles im Unterschied zu einem anderen wayang nicht von einem gamelan musikalisch begleitet.Thomas Stamford Raffles: The History of Java. Band 1, John Murray, London 1830 (1817), S. 374, 379 (bei Internet Archive) Raffles zufolge scheint das wayang beber bereits Anfang des 19. Jahrhunderts selten gewesen zu sein.
mini|Präsentation einer gesamten Bildrolle des wayang beber Gelaran für den Fotografen. Um 1902 im Haus des Arztes Wahidin Soedirohoesodo (1852–1917) in Yogyakarta. Soedirohoesodo war der erste Führer der politischen Befreiungsbewegung Budi Utomo und gilt als Nationalheld.