Julie Helene Bider, auch Leny Bider (* 8. November 1894 in Langenbruck; † 7. Juli 1919 in Zürich), war eine Schweizer Stummfilm-Schauspielerin.

Leben Kindheit und Jugend Julie Helene BiderStammbaum der Familien Bider aus Langenbruck wurde am 8. November 1894 im Kurort Langenbruck am Oberen Hauenstein im Kanton Basel-Landschaft in eine mittelständische Tuchhändler-, Geranten- und Politikerfamilie hineingeboren. 1890 und 1891 kamen ihre beiden Brüder Georges Alphons («Schorsch»; 1890–1946) und Oskar Marcus («Oski»; 1891–1919), der spätere Aviatikpionier und Cheffluglehrer in Dübendorf, zur Welt. Georges wurde Arzt. Er litt während seines ganzen Lebens an Lungenproblemen.

Nach dem frühen Tod der Mutter Frieda Marie, geb. Glur (1869–1907), zog Vater Jakob (1855–1911) im Herbst 1908 mit seinen drei Kindern nach Basel. Dort trat Leny – die noch im Grundschulalter (Primarschule) war – direkt in die höhere Töchterschule, das Basler Mädchengymnasium, ein. Sie begann sich überdies für die Basler Theater- und Konzertwelt zu interessieren. Als deutlich Pubertierende spielten für sie die üblichen Schwärmereien für Schauspieler und Musiker eine wichtige Rolle. Unter ihnen befand sich der Schauspieler Robert Peter. Von Peter's Darstellung des Hamlet, den er in allen «dunklen» Fazetten (schwarz verhüllt mit Schädel auf der Hand …)vgl. zeitgenössisches, «morbides» Foto auf Ansichtskarte zu Schauspieler Robert Peter (Kopie in Leny-Biografie'2017) spielte, war Leny begeistert. Viele ihrer Erlebnisse hielt sie ab 1910 bis 1912 in einem TagebuchTagebuch-Original im «Privatarchiv Julie Helene Bider» des Staatsarchivs Kanton Basel-Landschaft in Liestal BL; Reg.-Nr. PA 6005 (StA BL; Schweiz) fest. Sie machte sich darin wöchentlich, manchmal täglich, recht tiefschürfende Gedanken über sich selbst. Sie scheint oft voller Sehnsüchte, Selbstzweifel und -vorwürfe. Andererseits drosch sie viel «Görenstroh»; so, wie das bei Mädchen ihres Alters schon damals der Fall war.

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters infolge Lungenentzündung fiel ihre ehemals eng «gestrickte», fünfköpfige Familie vollständig auseinander. Bider wurde als Vollwaise vorübergehend zu ihrem Vormund und Onkel, Max Albert Glur-Forster (1881–1948) und Gattin Martha (1889–1982) in die basellandschaftliche Kantonshauptstadt Liestal geholt. Einige Wochen besuchte sie dort die Mädchensekundarschule, wo ihr Vormund Rektor war. Er befasste sich in seiner Freizeit mit der Aquarellmalerei. Weiter war er von der griechischen Klassik, den alten Komödien und Dramen, sehr angetan. Bider war begeistert von dieser besonderen Neigung ihres Onkels. Dramen waren forthin ein wesentlicher Bestandteil ihres «Tagträumens» und Interesses für die griechische Klassik. Im April 1911 wurde sie sodann – der protestantischen Glaubensrichtung zugehörend – in Liestal konfirmiert.

Im Mai 1911 wurde Bider, noch auf vormalige Anordnung ihres Vaters, in das Mädchenpensionat «Clos du Matin» in Lausanne gesteckt. Es stand unter der Führung von Mme. A. Piguet-Truan an der Rue du Valentin 42. Für das ziemlich aufmüpfige Mädchen gestaltete sich der Schulalltag dort wie zuvor in Basel: Der manchmal etwas chaotische Unterricht war gefolgt von heiss ersehnten Stadtbesuchen. Sie schwärmte dort, so wie bisher, für Schauspiel und klassische Konzerte. Wieder begeisterte sie sich für junge Repräsentanten der Lausanner Künstlerszene, denn sie wollte Künstlerin werden. Im April 1912 wurde sie auf Beschluss ihres Vormunds von Oskar vorzeitig aus dem Lausanner Pensionat heimgeholt. Man befürchtete Schwierigkeiten Biders im Mädchenpensionat wegen unziemlichem, pubertärem Verhalten. Die Pensionatsleiterin hatte sie nicht mehr zuverlässig unter Kontrolle, wie aus den Niederschriften im erwähnten Tagebuch hervorgeht.

In der Pensionatsklasse hatte sich Leny sofort mit den Mitschülerinnen Gisela Hamburger (1895–1941) aus Würzburg und Jeanne Lecoultre (1895–1987) aus Le Sentier VD angefreundet. Durch den Schriftverkehr der Klassenkameradinnen können einige Details aus Lenys späterem Leben dokumentiert werden. Hamburgers Eltern führten in Würzburg ein Herrenbekleidungsgeschäft.Vgl. BDJU, Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, IdNr. 23941 - Gisela Hamburger Gisela Hamburger zog 1928 nach München und wurde im November 1941 nach Litauen deportiert, wo sie noch am Tag ihrer Ankunft, am 25. November 1941, im Konzentrationslager Kowno (d. h. im Vernichtungslager Kaunas) gemeinsam mit über 2900 weiteren Deportierten erschossen wurde.Stadtevent-Broschüre «KAUNAS – in your pocket», s. Artikel: «Ninth Fort Monument», S. 32, May 2018.

Erhalten geblieben sind zwei schriftliche Dokumente der beiden Freundinnen: Eine Ansichtskarte Biders vom «Nationalen Flugspendetag» in Basel, versandt am 9. März 1913 nach Würzburg. Bider flog an jenem Tag als Passagierin erstmals auf einer Blériot mit ihrem Bruder Oskar. Hamburger sandte ein letztes Mal mit Datum vom 12. Juli 1919 eine eng beschriebene Karte an die frisch vermählte Leny Jucker (geb. Bider) nach Zürich. Darin rügt sie deren knapp gehaltene Vermählungsanzeige, die so gar nichts Persönliches enthalte.Dettwiler-Riesen, Joh., 2017: «Biografie über Julie Helene - Leny - Bider (1894–1919)», ca. 260 Seiten; auf Website oskar-bider-archiv.ch/Familie: Die Schwester Leny Bider (1894–1919)

Laut Tagebuchtexten haben sich die beiden Mädchen damals in Lausanne über Alltägliches, Gruppendynamisches im Pensionat, aber auch über klassische Themen ausgetauscht. Dazu gehörte auch die griechische Tragödie. Hamburger verfasste zu diesem Thema für ihre Freundin eigens ein dreiteiliges, griechisches Ehedrama. Dieses endete in einer tödlichen Tragödie – die enttäuschte Griechin nahm sich das Leben. Der Text – ganz nach Biders klassischen Neigungen – wurde danach ihrem Tagebuch beigelegt. Nur wenige Tage nach dem Austritt aus dem Lausanner Pensionat schickte man Bider in die streng geführte Haushaltungsschule im Schloss Ralligen am Thunersee. Biders Verwandten – die drei Onkelfamilien Glur – wünschten, aus der impulsiven Jugendlichen eine zuverlässige Gattin und Mutter zu formen.

Im Mai 1913 reiste die junge Frau allein nach England. Der von ihren Verwandten als Begleiter vorgesehene Bruder Oskar war gerade mit einem Flugspende-Wochenende in Sitten im Kanton Wallis beschäftigt und demzufolge verhindert, seine 19-jährige Schwester nach London zu begleiten. In England war Bider in Haushalten mit Kindern angestellt.laut E-Mail aus den Distriktarchiven von Surrey (Dyncan Myrilees) und von Lincolnshire (Paul Morgan) – Juni/Juli 2014 Vorerst hütete sie an der «Oatlands Chase» in Weybridge / Surrey bei der Familie des Friedensrichters William Alfred Bilney (J. P.; Justice of Peace) drei Kinder im Schulalter. Danach zog sie weiter nach Lincolnshire zur Familie des Farmers G. A. Riggall in Ulceby Grange bei Alford, wo sie ein 14-jähriges Mädchen zu betreuen hatte. Zuletzt besuchte Bider unter anderem den mondänen Kurort Woodhall Spa, ebenfalls in Lincolnshire. Dort hielten sich hin und wieder auch Mitglieder der Königsfamilie auf. Im Juli 1914 kehrte Bider via London, diesmal jedoch begleitet von ihrem Cousin Paul Robert Cardinaux-Gerster (1876–1957) aus Bern, in die Schweiz zurück. Höchstwahrscheinlich wohnte sie bis April 1915 in Bern bei der Familie dieses Cousins.

Leben in Zürich Bider erreichte den Zenit ihres kurzen Lebens ab 1915 in Zürich. Vorerst besuchte sie eine Kunstfachschule und dann eine Stummfilm-Schauspielschule. Während einiger Monate, ab November 1916 bis zum Frühjahr 1917, betrieb sie an der Bahnhofstrasse 33 im Dachgeschoss ein kleines Moden-Atelier. Mehrfarbige Grossreproduktionen von 16 ihrer damaligen Damenhut-Entwürfe in Aquarell – und einige als Tuscheskizzen – können seit April 2015 im Hotel Erica in Langenbruck in Dauerausstellung besichtigt werden. Diese Originale waren 2014 bei fernen Verwandten Biders zufällig wiederentdeckt worden. Einige ihrer Tusche-Hutskizzen lehnen deutlich an den in Zürich damals gerade aufspriessenden Dadaismus an («Cabaret Voltaire» – Eröffnung am 5. Februar 1916). Auch für das «Mascotte» im Palais CORSO am Zürcher Bellevueplatz (Eröffnung am 13. Januar 1916), hinterliess Bider künstlerische Spuren – sie tat dies in einem Inseratentwurf «Collage mit Kopf und Hut».Van Reekum H., Dettwiler-Riesen Joh. (2015): vgl. S. 6 im «Ausstellungskatalog MODESKIZZEN 1916 / 1917 von Julie Helene Bider (1894–1919)», 16 S., Dauerausstellung im Hotel Erica, Langenbruck BL (Schweiz)

Im Frühling 1917 belegte Bider unter ihrem vollen Namen eine erste Filmrolle. Als eine von zwei Rädelsführerinnen eines Mädchenpensionats – diesbezüglich hatte sie Erfahrung aus ihrer Lausanner Zeit. Es handelte sich um den armeekritischen Kinoschwank «Frühlingsmanöver». Dieser verschollene 15-minütige Stummfilm begeisterte das Zürcher und Basler Kinopublikum enorm. Die Armeeleitung um General Ulrich Wille jedoch war nicht amüsiert. Zeitgenössische Filmkritiken der Tagespresse und im Zürcher Kinofilm-Journal «Kinema» belegen dies. Im Film wurden unter anderem Offiziersuniformen benutzt. Dies war damals ein krasser Verstoss gegen Armeevorschriften.vgl. KINEMA, statutarisch anerkanntes Organ des «Verbands der Interessierten im kinematographischen Gewerbe der Schweiz», Verlagsanstalt E. Schäfer & Cie, A.-G Zürich zur zeitgenössischen Kinofilm-Szene der Schweiz, Ausgaben zum Thema «Leny Bider / Harold» in den beiden Jahrgängen 1917 / 1918 (Zürich, Schweiz)Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 138. Jahrg., Nr. 1618, Ausgabe 2. September 1917

Im Sommer 1917 erhielt Bider, nun unter dem Pseudonym «Leny Harold», die Hauptrolle im volkstümlichen Bergdrama «Der Bergführer».Filmrolle aufbewahrt im Schweizer Filmarchiv in Penthaz (VD; Schweiz) Im 65-minütigen Film spielte sie überdies noch eine Neben- und eine kurze Statistenrolle; höchstwahrscheinlich aus Gründen der knappen Finanzen in jenem Filmunternehmen (Express Film M. Lips, Basel). Bider setzte darin ihr stummfilmbedingt ausdrucksvolles Körperspiel sehr gewandt in Szene. Sie legte eine selbstbestimmte, eigensinnig-persönliche Rollendarbietung vor – bis hin zu einer damals skandalösen Kuss-Szene.