mini|Werner Fricke Werner Fricke (* 23. Juli 1936 in Danzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten arbeitsbezogene Aktionsforschung und Humanisierung der Arbeit.
Leben Fricke kam 1945 als Flüchtling aus Danzig nach Nordhessen, besuchte dort das Realgymnasium in Bad Sooden-Allendorf. Er studierte in den 1950/1960er Jahren Germanistik an der Universität Göttingen, danach Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin mit dem Abschluss als Diplom-Volkswirt. Ab 1968 war Fricke als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bonn tätig. Er gründete dort 1971 die Abteilung Arbeitskräfteforschung (später Abteilung Arbeit und Technik), deren Leiter er bis 1989 war. 1975 promovierte er bei Heinz Hartmann in Münster mit der soziologischen Dissertation „Arbeitsorganisation und Qualifikation. Ein industriesoziologischer Beitrag zur Humanisierung der Arbeit“. In diesem Buch, das 1978 in 2. Auflage erschien und in der Industriesoziologie intensiv diskutiert wurde, entwickelte Fricke neben einer Kritik an Konzepten und Forschungsergebnissen der damaligen Industriesoziologie (u. a. an Kern / Schumann „Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein“) sein Konzept der innovatorischen Qualifikationen. Von 1996 bis 2001 war Fricke Honorarprofessor an der Universität Bremen für das Lehr- und Forschungsgebiet „Arbeits- und Technikgestaltung im internationalen Vergleich“. Er lebt heute als Rentner in Emern bei Uelzen.
Fricke wurde am 12. Januar 2018 mit dem Ehrenzeichen der Niedersächsischen Jugendfeuerwehr ausgezeichnet. Er stellte der Jugendfeuerwehr Emern seit mehr als 30 Jahren eine kostenlose Unterstellmöglichkeit für das Mannschaftstransportfahrzeug zur Verfügung.
Beruflicher Werdegang 1968 begann Fricke seine Forschungstätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im RKW Projekt A 33 „Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland“. 1971 wurde er Leiter der neu eingerichteten Abteilung „Arbeitskräfteforschung“ (später Abteilung Arbeit und Technik) im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn. Nach einer EGKS finanzierten empirischen Untersuchung zum Zusammenhang von Arbeitsorganisation, Qualifikation und Tätigkeit von technischen Angestellten in Untertagebetrieben des Steinkohlenbergbaus entwarf und realisierte er 1975 – 1979 mit einer interdisziplinären Forschergruppe (drei Soziologen, eine Psychologin, ein Ingenieur) ein Aktionsforschungsprojekt in der damaligen Peiner AG (heute Salzgitter AG), finanziert aus dem Programm des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT) zur Humanisierung des Arbeitslebens (HdA). Dieses Peiner Beteiligungsprojekt brachte Fricke und seine Kollegen erstmals in Kontakt zur britisch/skandinavischen Tradition der Aktionsforschung. Zusammen mit den Überlegungen Werner Frickes in seiner Dissertation zum Potential der innovatorischen Qualifikationen (Fricke 1975, 1978) bildete die Aktionsforschung die theoretische Grundlage für die Entwicklung des Peiner Beteiligungsverfahrens. Die Forschungsgruppe lernte besonders viel von den Erfahrungen des norwegischen Forschungsprogramms „Industrial Democracy“. Fricke knüpfte Kontakte zu skandinavischen Aktionsforschern (Einar Thorsrud, später Björn Gustavsen, Per Engelstad und Oyvind Palshaugen) sowie des britischen Tavistock Instituts London (Eric Trist, Lisl Klein). Auf Basis seiner eigenen Forschungen pflegte er drei Jahrzehnte lang intensive Forschungskontakte mit ihnen und ihren Instituten. Unter anderem entstand aus Kontakten insbesondere mit dem Work Research Institute in Oslo die internationale Zeitschrift „Concepts and Transformation. International Journal of Action Research and Organizational Renewal“, später International Journal of Action Research (Verlag Barbara Budrich), deren editor-in-chief Fricke von 2001 bis 2009 war, und an dem er bis 2016 als editor emeritus mitwirkte.
Zwischen 1985 und 1990 leitete Werner Fricke eine Projektgruppe aus drei praxiserfahrenen betrieblichen Ausbildern und drei Industriesoziologen, die zusammen mit einer Gruppe chinesischer Ingenieure das pädagogische, technische und bauliche Konzept für ein chinesisches Berufsbildungszentrum in Nanchang, 800 km westlich von Shanghai, entwickelte und realisierte. Es entstanden drei Ausbildungshallen, je eine für Betriebsschlosser, Werkzeugmacher und Betriebselektriker; aus dem Berufsbildungszentrum wurde später eine Fachhochschule für Ingenieure und Facharbeiter.
Tätigkeit in wissenschaftlichen Beiräten Fricke gehörte verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten staatlicher Forschungsprogramme in Bund und Ländern an. Von 1975 bis 1979 war er Mitglied des Steuerungskreises des vom BMFT finanzierten Aktions- und Forschungsprogramms Humanisierung des Arbeitslebens, in den folgenden Jahren Mitglied in verschiedenen Beiräten des Bundesprogramms Arbeit und Technik, des Landesprogramms Nordrhein-Westfalen „Mensch und Technik – Sozialverträgliche Technikgestaltung“ sowie des Bremer Landesprogramms Arbeit und Technik. Hinzu kommen langjährige Beratungstätigkeiten in wissenschaftlichen Projektbeiräten der Hans-Böckler-Stiftung.
Herausgebertätigkeit Neben seiner Tätigkeit als editor-in-chief des International Journal of Action Research war Fricke von 1990 bis 2001 Herausgeber des „Jahrbuch Arbeit und Technik“, das anfangs jährlich, später alle 2 Jahre zu Schwerpunktthemen wie „Zukunftstechnologien und gesellschaftliche Verantwortung“, „Zeiterfahrung – Zeitpolitik“ oder „Zukunft des Sozialstaats“ jeweils rund 30 Beiträge prominenter und fachlich kompetenter Autoren vereinte. Von 1978 bis 1989 gab Fricke die Reihe Arbeit mit 21 Bänden und 15 Sonderheften zu sozialwissenschaftlichen Themen heraus; nach 1990 entstand daraus das Forum Zukunft der Arbeit, alle drei Reihen im Verlag Neue Gesellschaft, seit 1988 J.H.W. Dietz Nachf., Bonn. 1996 wurde Fricke Mitbegründer und Mitherausgeber der Buchreihe „Dialogues on Work and Organisation“, Verlag John Benjamins, Amsterdam & Philadelphia.
Schriften (Auswahl) Ausgewählte Buchveröffentlichungen Auf dem Wege zur Dienstleistungsindustrie? Band IV des RKW-Projekts „Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der BRD“, Frankfurt/Main 1971, Europäische Verlagsanstalt (mit H. Lindner, A. Mohr, G. Stümpfig, P. Thelen, K.-H. Weimer) Arbeitsorganisation und Qualifikation. Ein industriesoziologischer Beitrag zur Humanisierung der Arbeit. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1975, 2. Aufl. 1978 Arbeitsformen technischer Intelligenz im Steinkohlenbergbau. Eine empirische Untersuchung zum Zusammenhang von Arbeitsorganisation, Qualifikation und Tätigkeit in Untertagebetrieben des Steinkohlenbergbaus. Westdeutscher Verlag, Opladen 1976 (zusammen mit E. Fricke, G. Portmann, W. Schmidt, M. Schönwälder) Berufsausbildung und Beschäftigungssystem. Eine empirische Analyse der Vermittlung und Verwendung von Qualifikationen in fünf Großbetrieben der Metallindustrie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1976 (zusammen mit E. Fricke) Qualifikation und Beteiligung. Ausführlicher Forschungsbericht HA 80-026, Leopoldshafen 1980, digitalisiert: Band 1; Band 2 Qualifikation und Beteiligung. Das Peiner Modell zur Humanisierung der Arbeit. Campus, Frankfurt/Main 1981 (zusammen mit E. Fricke, M. Schönwälder, B. Stiegler) Beteiligen, Mitgestalten, Mitbestimmen. Arbeitnehmer verändern ihre Arbeitsbedingungen. (Hrsg. mit G. Peter, W. Pöhler), Bund-Verlag, Köln 1982 Beteiligung als Element gewerkschaftlicher Arbeitspolitik. Erfahrungen aus Norwegen, Italien, Schweden und der Bundesrepublik. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1984 (Hrsg. mit W. Schuchardt) Innovatorische Qualifikationen – eine Chance gewerkschaftlicher Arbeitspolitik. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1985 (Hrsg. mit W. Schuchardt) Beteiligung im Industriebetrieb. Probleme des mittleren Managements. Campus, Frankfurt/Main 1985 (zusammen mit H. Wiedenhofer) Arbeit und Technik als politische Gestaltungsaufgabe. Ein Gutachten aus sozialwissenschaftlicher Sicht (für den Bremer Senator für Bildung und Wissenschaft). Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1985 (zusammen mit K. Krahn, G. Peter) Möglichkeiten der Gestaltung von Arbeit und Technik in Theorie und Praxis. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1986 (Hrsg. mit K. Bartölke, J. Bünnig, G. Hobbensiefken, U. Höfkes, H.-G. Ridder) Sozialwissenschaften und industrielle Demokratie. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1988 (Hrsg. mit W. Jäger) (Hrsg.) (1994): Arbeit und Technik-Programme in Bund und Ländern 1993. Eine sozialwissenschaftliche Bilanz. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn (Hrsg.) (1997): Aktionsforschung und industrielle Demokratie. Forum Zukunft der Arbeit 6, Verlag Neue Gesellschaft, Bonn Action Research in Workplace Innovation and Regional Development. John Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 2004 (Hrsg. mit P. Totterdill) Demokratisierung der Arbeit. Neuansätze für Humanisierung und Wirtschaftsdemokratie. VSA, Hamburg 2012 (Hrsg. mit H. Wagner)
Ausgewählte Aufsätze (1973) (mit Else Fricke und Manfred Schönwälder) Qualifikation und betriebliche Arbeitsorganisation. Zum Problem der Analyse von Qualifikationen im Arbeitsprozess. In: Soziale Welt, Heft 2/3, S. 219 ff (1974/1979) (mit Else Fricke) Auf dem Wege zu einer dynamischen Theorie der Qualifikation. Zu einigen methodischen Problemen der Qualifikationsforschung. In: Soziale Welt, Heft 4, S. 426 ff. Wiederabdruck in Lutz Zündorf (Hrsg.) Industrie- und Betriebssoziologie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979 (1977) Organisationsentwicklung und berufliche Autonomie der Arbeitenden. In: Jürgen Gohl (Hrsg.) Arbeit im Konflikt. Probleme der Humanisierungsdebatte, Goldmann Verlag, München (1977) (zusammen mit Else Fricke) Industriesoziologie und Humanisierung der Arbeit. In: Soziale Welt, Heft 1/2, S. 91 ff (1977) Humanisierung der Arbeit – eine Chance selbstbestimmter Gestaltung der Arbeit durch die Arbeitenden. In: Ulrich Borsdorf, Hans O. Hemmer, Gerhard Leminsky, Heinz Markmann (Hrsg.) Gewerkschaftliche Politik: Reform aus Solidarität. Zum 60. Geburtstag von Heinz O. Vetter, Bund Verlag, S. 311–336 (1977) Humanisierung der Arbeit als autonomie-orientierte Gestaltung von Arbeits- und Produktionsprozessen. In: Christian von Ferber, Franz-Xaver Kaufmann (Hrsg.) Soziologie und Sozialpolitik, Sonderheft 19 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (1978) Zum Verhältnis von Produktionstechnik, Arbeitsorganisation und Qualifikationsstruktur – Überblick über den Forschungs- und Diskussionsstand. In: Karl Martin Bolte (Hrsg.) Materialien aus der soziologischen Forschung. Verhandlungen des 18. Deutschen Soziologentages 1976 in Bielefeld, DGS, München 1978, S. 864–877 (1978) Autonomie-orientierte Organisationsentwicklung als gemeinsamer Lernprozess von Wissenschaftlern und Arbeitern. In: Klaus Bartölke u. a. (Hrsg.) Arbeitsqualität in Organisationen, Gabler, Wiesbaden (1979) (zusammen mit Else Fricke und Barbara Stiegler) Bedingungen der Vermittlung und Anwendung innovatorischer Qualifikationen im Industriebetrieb. Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Peiner Forschungsprojekt zur Humanisierung der Arbeit. In: WSI-Mitteilungen, Heft 6 (1979) Möglichkeiten der Entwicklung und systematischen Anwendung eines Beteiligungsverfahrens auf betrieblicher Ebene. In: Willi Pöhler (Hrsg.) …. Damit die Arbeit menschlicher wird. Fünf Jahre Aktionsprogramm Humanisierung des Arbeitslebens. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn, S. 84–102 (1979) Die ungenutzten Möglichkeiten des Aktions- und Forschungsprogramms zur Humanisierung der Arbeit. In: Bernd Biervert, Günter Buchholz, Jürgen Gohl (Hrsg.): Institutionelle Reformen in der Krise. Campus, Frankfurt am Main