mini|Östliches Torhaus von Farleigh Hungerford Castle Farleigh Hungerford Castle, auch Farleigh Castle oder Farley Castle, ist eine Burgruine auf dem Anwesen Farleigh Hungerford in der englischen Grafschaft Somerset. Die Burg entstand in zwei Phasen: Die Kernburg ließ Thomas Hungerford, der sein Vermögen als Statthalter von John of Gaunt machte, von 1377 bis 1383 errichten. Die Burg entstand als Kastellburg – damals bereits eine etwas überkommene Bauform – an Stelle eines früheren Herrenhauses über dem River Frome. Neben der Burg wurde ein Rehpark angelegt, was den Abriss eines ganzen Dorfes erforderlich machte. Sein Sohn, Walter Hungerford, ein erfolgreicher Ritter und Höfling am Königshofe von Heinrich V., wurde im Laufe des Hundertjährigen Krieges mit Frankreich reich und ließ die Burg durch eine Vorburg erweitern, die auch die örtliche Pfarrkirche mit einschloss. Nach Walter Hungerfords Tod 1449 waren die große Burg reich ausgestattet und die Burgkapelle mit Fresken geschmückt.
Farleigh Hungerford Castle blieb über die folgenden zwei Jahrhunderte größtenteils in den Händen der Familie Hungerford, mit Ausnahme zweier Zeiträume während der Rosenkriege, als die Burg von der Krone gehalten wurde, und nach der Anklage und Verurteilung einiger Familienmitglieder. Bei Ausbruch des englischen Bürgerkrieges 1642 gehörte die nach der jüngsten Mode im Tudor- und Stuartstil modernisierte Burg Edward Hungerford. Der unterstützte die Parlamentaristen und wurde einer ihrer Führer in Wiltshire. 1643 wurde Farleigh Hungerford Castle von den Royalisten erobert aber 1645, gegen Ende des Konfliktes, von den Parlamentaristen kampflos wieder eingenommen. So entkam es nach dem Krieg der Schleifung, anders als viele andere Burgen im Südwesten Englands.
Das letzte Mitglied der Familie Hungerford, das die Burg besitzen sollte, war ein weiterer Sir Edward Hungerford, der sie 1657 erbte. Aber seine Spielsucht und sein ausschweifender Lebensstil zwangen ihn 1686 zum Verkauf des Anwesens. Im 18. Jahrhundert lebte keiner der Eigner mehr in der Burg und sie verfiel langsam. 1730 kaufte sie die Familie Houlton, und sie wurde größtenteils abgerissen, um die Baumaterialien wiederzuverwenden, z. B. zum Bau des Landhauses Farleigh House. Das Interesse der Geschichtsforscher und der Touristen an der übrig gebliebenen Burgruine stieg im 18. und 19. Jahrhundert. Die Burgkapelle wurde 1779 instand gesetzt und diente einschließlich ihrer 1844 an ihren Wänden wiederentdeckten Fresken und einiger seltener vermenschlichender Bleisärge aus der Mitte des 17. Jahrhunderts seither als Museum für Kuriositäten. 1915 wurde Farleigh Hungerford Castle an das Office of Works verkauft und es begann ein vieldiskutiertes Renovierungsprogramm. Heute gehört die Burgruine English Heritage, die sie als historisches Gebäude I. Grades gelistet hat. Sie gilt außerdem als Scheduled Monument.
Geschichte 11. bis 14. Jahrhundert mini|Heutiger Grundriss des Farleigh Hungerford Castle; A – Nordwestturm; B – Backhaus; C – Burghof und Garten; D – Nordostturm; E – Damm; F – Küchen; G – Rittersaal; H – Paradeschlafzimmer; I – westlicher Burggraben; J – innerer Burghof; K – Ostflügel; L – Südwestturm; M – inneres Torhaus; N – Südostturm; O – Burggraben; P – Barbakane; Q – verfüllter Burggraben; R – Westtor; S – äußerer Burghof; T – Burgkapelle; U – nördliche Kapelle; V – Pfarrhaus; W – Stallungen; X – östliches Torhaus Nach der normannischen Eroberung Englands verlehnte Wilhelm der Eroberer die Grundherrschaft von Ferlege in Somerset an Roger de Courcelles. Der Name „Ferlege“ ist von der angelsächsischen Bezeichnung Faern-laega abgeleitet, die im Deutschen „farnige Weide“ bedeutet und später zu „Farleigh“ wurde. William Rufus vergab die Grundherrschaft dann an Hugh de Montfort, der sie in Farleigh Montfort umbenannte. Die Grundherrschaft ging dann in den ersten Jahren der Regentschaft von König Eduard III. von der Familie Montfort an die Familie Bartholomew de Bunghersh über.
Sir Thomas Hungerford kaufte das Anwesen von der Familie Bunghersh im Jahre 1369 für £ 733. Ab 1385 wurde die Grundherrschaft nach ihrem Eigner „Farley Hungerford“ genannt. Sir Thomas Hungerford war Ritter und Höfling, der als Chefstatthalter des mächtigen John of Gaunt und dann als erster dokumentierter Speaker des House of Commons reich wurde. Thomas Hungerford entschloss sich dazu, Farley Hungerford zu seinem Hauptsitz zu machen, und ließ zwischen 1377 und 1383 dort eine Burg errichten. Leider erhielt er nicht die erforderliche königliche Erlaubnis zur Befestigung seines Hauses (engl.: Licence to Crenellate), bevor mit dem Bau der Burg begonnen wurde. So musste er 1383 den König um Verzeihung bitten.
Die neue Burg von Thomas Hungerford beinhaltete das vorhandene Herrenhaus über dem River Frome. Auch wenn die Burg auf einem niederen Felssporn errichtet worden war, so waren doch die Hügel im Norden und Westen höher, und sie lag aus reinen Verteidigungsgesichtspunkten nicht ideal. Zeitgenössische Burgen hatten große, palastartige Wohntürme und Wohnungen für die mächtigsten Adligen, wie z. B. Kenilworth Castle, das von Thomas Hungerfords Herrn John of Gaunt erweitert worden war, oder es waren kleinere, von den Franzosen beeinflusste Burgkonstruktionen, wie das nahegelegene Nunney Castle, das einer der neureichen Landbesitzer, wie Thomas Hungerford einer war, bauen ließ. Im Gegensatz dazu folgte Farley Hungerford Castle der Tradition der Kastellburgen, wie sie in Frankreich seit Beginn des 13. Jahrhunderts gebaut wurden, wo traditionelle Gebäude eines unbefestigten Herrenhauses in eine vierseitige Außenmauer eingeschlossen wurden, die mit Ecktürmen bestückt war. Dieser Baustil war Ende des 14. Jahrhunderts noch durchaus üblich, wenn auch schon etwas altmodisch.
Die Burg wurde um einen Innenhof herum gebaut, der später der innere Burghof genannt wurde. Sie wurde mit einer Kurtine umgeben, die an jeder Ecke einen Rundturm und vorne ein Torhaus erhielt. Der Nordostturm war größer als die anderen, möglicherweise um als zusätzliches Verteidigungsbauwerk zu dienen. Über die Zeit erhielt jeder Turm seinen eigenen Namen: Der Nordwestturm hieß Hazelwell Tower, der Nordostturm Redcap Tower und der Südwestturm Lady Tower. Von der Burg aus fiel das Terrain an den meisten Seiten steil ab, auf der Süd- und der Westseite war sie durch einen wassergefüllten Burggraben geschützt, dessen Wasser von einem Damm kam, der von einer natürlichen Quelle gespeist wurde und mit dem Graben durch ein Rohr verbunden war. Das Torhaus hatte Zwillingstürme und eine Zugbrücke.
mini|links|Südwestseite der Burg mit der St.-Leonhard-Kapelle (Mitte) Gegenüber dem Eingang und mitten durch den Hof verlaufend lag der Rittersaal der Burg mit einer großen Vorhalle und einer Treppe zum 1. Obergeschoss, wo Prestigegäste zwischen geschnitzten Wandschirmen und Fresken unterhalten wurden. Die Ausgestaltung des Rittersaals mag der von John of Gaunts Rittersaal auf Kenilworth Castle entsprochen haben, mindestens war sie aber ein machtvolles Symbol für Thomas Hungerfords Autorität und gesellschaftliche Stellung. Auf der Westseite des inneren Burghofes fanden sich die Küchen, die Bäckerei, der Brunnen und andere Versorgungseinrichtungen. Auf der Ostseite waren das Paradeschlafzimmer des Burgherrn und eine Reihe weiterer Schlafräume für andere Gäste untergebracht. Hinter dem Rittersaal befand sich ein kleinerer Hof oder Garten. Thomas Hungerford scheint seine neue Burg in verschiedenen Bauphasen aufgebaut haben zu lassen; die Kurtine wurde zuerst errichtet, dann wurden die Türme hinzugefügt.
Ein Rehpark wurde um die Burg herum angelegt; ein Park war ein Zeichen von großem Prestige, versetzte Thomas Hungerford in die Lage, zu jagen, stellte die Versorgung der Burg mit Wildfleisch sicher und war zugleich eine Einkommensquelle. Der größte Teil des Dorfes Wittenham musste abgerissen werden, um für den Rehpark Platz zu schaffen, und der Ort wurde danach eine Wüstung. Eine neue Pfarrkirche, die dem Hl. Leonhard geweiht war, ließ Thomas Hungerford außerhalb der Burg bauen, nachdem er die alte, einfachere Kirche aus dem 12. Jahrhundert beim Bau der Kernburg hatte abreißen lassen. Thomas Hungerford starb 1397 und wurde in der neuen Kapelle der Hl. Anna begraben, die nördlich an die neue Kirche angebaut wurde.
15. Jahrhundert mini|Die Burg von Südosten mit dem östlichen Torhaus (links) und dem Pfarrhaus (rechts) Walter Hungerford erbte Farleigh Hungerford Castle nach dem Tod seiner Mutter Joan 1412. Walter Hungerfords erster politischer Patron war John of Gaunts Sohn, König Heinrich IV. und später wurde ein enger Freund von König Heinrichs Sohn, König Heinrich V. Heinrich V. machte Walter Hungerford, wie sein Vater vor ihm, 1414 zum Speaker des House of Commons. Walter Hungerford reüssierte, er wurde ein Experte im Lanzenstechen. 1415 kämpfte er in der Schlacht von Azincourt im Hundertjährigen Krieg, wurde zum Lord Steward of the Household gemacht und war in den 1420er-Jahren eine wichtige Person der Regierung, da er den Posten des Lord High Treasurer innehatte und einer der Vormunde des jungen Königs Heinrich VI. war. Obwohl er ein Lösegeld von £ 3000 an die Franzosen bezahlen musste, nachdem sein Sohn 1429 gefangen genommen worden war, häufte Walter Hungerford, der inzwischen zum Baron Hungerford gemacht worden war, ein ansehnliches Vermögen aus seinen unterschiedlichen Einkommensquellen an, darunter auch das Recht auf 100 Mark (£ 66) pro Jahr von der Stadt Marlborough, die Wollsteuern von Wells und die Lösegelder für französische Gefangene. So konnte er mehr Land kaufen und häufte in seiner Lebenszeit 110 neue Grundherrschaften und Ländereien an.
Zwischen 1430 und 1445 ließ Walter Hungerford die Burg beträchtlich ausbauen. Eine Vorburg mit eigenen Türmen und einem zusätzlichen Torhaus, das den Eingang zur Burg bildete, entstand an der Südseite der Kernburg. Diese neuen Verteidigungsanlagen waren nicht so stark wie die der Kernburg und das östliche Torhaus war damals nicht mit Zinnen versehen. Eine Barbakane als Verlängerung des alten, inneren Torhauses wurde errichtet. Der neue Burghof umschloss die Pfarrkirche, die so zur Burgkapelle wurde; Walter Hungerford ließ als Ersatz eine neue Pfarrkirche im Dorf bauen. Er ließ die Burgkapelle mit einer Reihe von Fresken dekorieren, auf denen Szenen aus der Geschichte des Heiligen Georgs und des Drachens abgebildet waren. Der Heilige Georg war der Lieblingsheilige von Heinrich V. und mit dem prestigeträchtigen Hosenbandorden verbunden, dem Walter Hungerford angehörte. Neben der Kapelle wurde ein Pfarrhaus errichtet. Walter Hungerford verband auch die beiden Pfarren Farleigh in Somerset und Wittenham in Wiltshire, die Teil des Rehparks waren, rechtlich miteinander und veränderte dabei die Grenzen der beiden Grafschaften. Als Dorf verschwand Wittenham vollständig von der Landkarte.
mini|links|Blick über den äußeren Burghof mit dem Südwestturm (links) und der Burgkapelle (rechts)