mini|Menschen mit Smartphones mini|Digitale Vernetzung mini|Internet der Dinge Das Schlagwort Digital Lifestyle – auch Digitaler Lebensstil, Digital Living, Digital Life, Smart Living, e-Living, Virtual Life oder Digitales Leben hat aufgrund der unüberschaubaren Bandbreite seiner Verwendung eine Vielzahl von Bedeutungen, jedoch keine allgemein anerkannte Definition. Mit Digital Lifestyle und den verwandten Begriffen wird seit Anfang der 2000er Jahre ein Alltagsleben bezeichnet, das durch die intensive Nutzung von Internet, digitalen Medien, Social Computing, Social Media, Onlinedienste und Mobile Apps geprägt ist. Durch die digitale Transformation sämtlicher Lebensbereiche entsteht eine neue hybride Kultur der Mixed Reality und der Digitalität und Postdigitalität.

Herkunft des Begriffs Die seit den 1970er Jahren im Silicon Valley entwickelten und weltweit verkauften Produkte des Unternehmens Apple trugen mit ihrem Design, ihrer Ästhetik und ihrem Marketing maßgeblich zur Etablierung eines digitalen Lebensstils bei. Im Januar 2001 stellte Steve Jobs, CEO von Apple, auf der Macworld erstmals das Konzept „a digital hub for a digital lifestyle“ vor:

Auch Bill Gates, CEO von Microsoft – ein Unternehmen dessen Schwerpunkt seit den 1980er Jahren bei Büroanwendungen liegt –, propagierte den Digital Lifestyle.

Mit der Einführung des iPhone im Jahr 2007 wurde das Smartphone zum wichtigsten Teil des Digital Lifestyle und dessen Nutzung zu einem Schwerpunkt der Medienforschung. Mobile Geräte mit dem Betriebssystem Android (bspw. Samsung Galaxy) dominieren seit den 2010er Jahren neben Apple-Geräten mit dem Betriebssystem IOS den Markt. Neben Smartphones und Notebooks prägen seitdem auch Tabletcomputer, Phablets und Smartwatches sowie Cloud Computing und das Smart Home mit WLAN, Smart TV, Smart Speaker und Servicerobotern sowie andere Smarte Objekte und Smart Services die Digitale Welt und den digitalen Alltag.

Vorgeschichte des digital vernetzten Alltags In der Postmoderne und mit dem Postfordismus nahm die Individualisierung in westlichen Gesellschaften weiter zu (Die Gesellschaft der Singularitäten) und ermöglichte im Rahmen der Entwicklung zu Informations-, Wissens- und Netzwerkgesellschaften weltweit digital geprägte, vernetzte Lebensstile.

Der Trend zur digitalen Medialisierung und Technisierung des Alltagslebens ist eng mit der Entwicklung der High-Tech-Industrie im Silicon Valley (insbesondere Hewlett-Packard und Xerox PARC) und der kalifornischen Ideologie (Stewart Brand, John Perry Barlow, Whole Earth Catalog, Hippies, Nerds, Geeks) sowie mit dem Wachstum der „Datenautobahn“, des Ubiquitous computing, Pervasive computing, Big Data, Datafizierung und dem Internet der Dinge: Any Thing-, Any Time-, Any Place-connection in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit verbunden. In den 1970er/1980er Jahren berichtete das Computermagazin Byte über Mikrocomputer und ihre breiten Anwendungsmöglichkeiten. Seit den 1990er Jahren berichtet das kalifornische Lifestyle-Magazin Wired über die Entwicklung der Netzkultur, digitale Innovationen und Gadgets.

Vorläufer der digitalen Vernetzung und erste Ansätze eines durch digitale Geräte geprägten Alltags- und Berufslebens in den 1980er Jahren waren Minitel in Frankreich und Btx in Deutschland sowie die Verbreitung der sogenannten „Neuen Medien“ (Personal Computer wie der IBM PC und Apple Macintosh, Electronic Organizer, Personal Digital Assistant) in den 1970er/1980er/1990er Jahren.

Tragbare analoge Mediengeräte (Kofferradio, Walkman) waren ebenfalls frühe Vorläufer eines mobilen, medial geprägten Lebensstils.

Die Verbreitung von tastaturbasierten Mobiltelefonen (Symbian-Plattform, Blackberry, Nokia Communicator) in den 1990er Jahren hat dem Appstore- und Touchscreen-basierten Smartphone als unentbehrlichen, multifunktionalen „Schweizer Taschenmesser“ für den kommunikativen Alltag den Weg bereitet. Viele spezialisierte elektronische Alltagsgeräte sind durch das Smartphone überflüssig geworden.

Voraussetzungen: Internetzugang, Endgeräte und digitale Kompetenzen Grundlegende Voraussetzung für die digitale Transformation des Alltags ist der Zugang zum Internet. Im Jahr 2000 war AOL der größte Internetdienstanbieter der Welt. In Deutschland dürfte dessen Werbekampagne mit dem Tennisspieler Boris Becker („Bin ich schon drin?“) aus dem Jahr 1999 zum starken Anstieg der Internetanschlüsse in den 2000er Jahren beigetragen haben. Der deutsche Internetdienstanbieter Freenet Group bspw. wirbt explizit mit dem Slogan Wir sind Digital Lifestyle. Wichtiger Treiber eines zunehmend digitalen Lebensstils war die Konvergenz und die digitale Transformation im Bereich der Telekommunikation. Gebündelte Angebote (Triple Play, Flatrate) von audiovisuellen Mediendiensten (Fernsehen, Video-on-Demand), Telefonie (Mobilfunk, Festnetz) und Internet führen seit etwa 2005 auf den Telekommunikationsmärkten zu einem verstärkten Wettbewerb.

Um die verschiedenen Internetdienste und digitalen Güter nutzen zu können, sind Endgeräte mit Benutzerkonto und geeigneter Anwendungssoftware sowie verschiedene digitale Kompetenzen (Informationskompetenz, Medienkompetenz, Datenkompetenz) erforderlich. Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft und zwischen Ländern bei Zugang und Nutzung digitaler Medien führen zur Digitalen Kluft. Für Menschen mit Behinderungen ist ein barrierefreier Internetzugang wichtig.

Vertreter der Post-Privacy gehen davon aus, dass mit dem Internet eine Welt entstanden ist, in der es keine Privatsphäre mehr gibt und Datenschutz nicht mehr praktikabel ist. Praktiken der Entnetzung können dieser Entwicklung möglicherweise entgegenwirken.

Digitalisierungsgrad, Generationen und Soziale Milieus Als erste mit dem Internet und WWW aufgewachsene Generationen werden die Generation Y und die Generation Z zwar am stärksten mit einem digital geprägten Lebensstil in Verbindung gebracht (Digital Native), aber auch ältere Generationen (Generation X, Baby-Boomer, Silver Surfer) nutzen digitale Technologien zunehmend intensiver in ihrem Alltag.

Bei den in der Marktforschung verwendeten Sinus-Milieus wird die sogenannte Digitale Avantgarde (Digitale Individualisten, Digitale Kosmopoliten) als eine neue transnationale Leitzielgruppe identifiziert.

Deutschland Seit 1997 wird die Entwicklung der Internetnutzung in Deutschland mit der ARD/ZDF-Onlinestudie untersucht. Im Rahmen der ARD/ZDF-Online-Studie 2004 wurde dabei eine OnlineNutzerTypologie erstellt.

Der von der Initiative D21 publizierte Digital-Index für 2020/2021 unterscheidet Digitale Vorreiter, Digital Mithaltende und Digital Abseitsstehende und stellt fest, dass sich der Digitalisierungsgrad in Deutschland, differenziert nach Sozialen Milieus und Geschlecht, insgesamt weiter erhöht hat.

Zum dritten Mal beleuchtet 2021 der vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme erstellte Deutschland-Index den Stand und die Entwicklung der Digitalisierung.

Als Kooperationsprojekt des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) und dem SZ-Institut der Süddeutschen Zeitung liefert seit Anfang 2022 das bidt-SZ-Digitalbarometer Befragungsdaten zum Stand der digitalen Transformation in Deutschland. Erhoben werden dabei Daten zum Nutzungsverhalten, zu digitalen Kompetenzen, zur Arbeitswelt, zu E-Government und zur Künstlichen Intelligenz.

Die Kommission Digitalisierung im Alltag der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft erforscht die Einbettung digitaler Medien im Alltag aus ethnographischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Seit 2020 findet im Sommer jährlich ein bundesweiter Digitaltag statt, der die digitale Teilhabe in der Gesellschaft mit unterschiedlichen Aktionen fördern soll.

Seit 2006 findet der Digital-Gipfel statt, ein jährlich ausgerichteter Kongress, der zusammen mit seinem unterjährigen Prozess als zentrale Plattform zur Gestaltung der Digitalisierung und der Digitalen Transformation von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland dienen soll.

Vom Kabinett Scholz wurde am 21. August 2022 die Digitalstrategie Deutschland Gemeinsam digitale Werte schöpfen verabschiedet.

Europa Die Entwicklung der EU-Mitgliedstaaten bei der Digitalisierung wird vom Digital Economy und Society Index (DESI) erfasst.

Auswirkungen des digitalen Wandels in der Lebenswelt Die vielfältige Nutzung digitaler Produkte und Dienste in alltäglichen Praktiken und Kontexten der Lebenswelt verändert auf radikale Weise die Beziehungen zu anderen Menschen, zu sich selbst und zur Welt. Im Rahmen der Digitalen Agenda für Europa 2020 hatte die Europäische Kommission (DG Connect) im Februar 2012 die ONLIFE Initiative gestartet, um diese Zusammenhänge zu erforschen. Unter der Leitung des Philosophen Luciano Floridi wurden vier Fragen erörtert: 1. die Auflösung der Grenze zwischen Realität und Virtualität, 2. die Auflösung der Unterschiede zwischen Mensch, Maschine und Natur, 3. der Umschlag von Informationsknappheit zu Informationsüberfluss und 4. der Vorrang von Interaktionen. Die Ergebnisse des Projekts wurden 2015 als The Onlife Manifesto. Being Human in a Hyperconnected Era publiziert.

Zur Frage, wie die Menschen in Deutschland die digitale Transformation erleben, zeichnet die bisherige Forschung kein einheitliches Bild. Vielfach werden die negativen Aspekte eines digital geprägten Lebens thematisiert:

Der Digital Lifestyle des ‚always online’ ist mit Suchtgefahren und anderen Gefährdungen verbunden (hohe Bildschirmzeit, Handyabhängigkeit, Fear of missing out, NoPhone, Internetabhängigkeit, Medienverwahrlosung, Informationsüberflutung, VR-Krankheit, Technostress, Internetkriminalität, Internetbetrug, Romance Scam, Pornografie, Internetsexsucht, Doxing, Digitale Demenz, Cyber-Mobbing) und kann Lebensfreude, Wohlbefinden und Lebensqualität beeinträchtigen sowie Entzugsmaßnahmen (Digital Detox) erforderlich machen. Verkehrsunfälle wegen unaufmerksamer Nutzung des Mobiltelefons stellen eine weitere Gefahr dar. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit durch Social Media befördert Desinformation, Fake News und Hassrede. Die massive Sammlung persönlicher Daten (Datafizierung, Big Data, Quantified Self) beeinträchtigt die Privatsphäre. Intransparente algorithmische Entscheidungssysteme und maschinelles Lernen verhindern die informationelle Selbstbestimmung und führen zum Verlust an Serendipity. Je nach politischen Rahmenbedingungen beinhaltet der Digital Lifestyle Profiling, Nudging, Online-Durchsuchungen, Social Scoring, Post-Privacy und Überwachungskapitalismus. Digital vernetzte Ortungsgeräte wie AirTags können leicht missbraucht werden (Stalking). Die als nicht ausreichend empfundene Abschätzung von Risiken bei der massiven Einführung von Digitaltechnik (bspw. des Mobilfunkstandards 5G, ChatGPT, DALL-E) führt zu Technikskepsis bis hin zu Protest und Widerstand. Im Jahr 2016 veröffentlichte das Institut für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien Stuttgart „10 Gebote der Digitalen Ethik“. Sie sollen anhand kleiner, eingängiger Geschichten Leitlinien für ein „gutes, gelingendes Leben in der digitalen Gesellschaft“ aufstellen.

Die Digitalisierung des kommunikativen Alltags geht auch mit einem Wandel der Funktionen und Erscheinungsformen von Schriftlichkeit einher.

Der Verein Digitalcourage hat einen „Digitalzwangmelder“ eingerichtet und setzt sich für die Wahlfreiheit zwischen analogen und digitalen Handlungsalternativen im Alltag ein.

Der Philosoph und Wissenschaftsjournalist Alexander Grau sieht die gesamte Gesellschaft als „Opfer des Digitalisierungswahns“ der Tech-Konzerne. Die Digitalisierung sei längst keine Technologie mehr, sondern eine Ideologie, die uns die Freiheit raube.

Vom Digital Lifestyle zur Digitalen Daseinsvorsorge