mini|Der Salon, gestaltet von Otto Lessing.
Der Salonwagen Nr. 1 diente dem deutschen Kaiser Wilhelm II. ab 1889 als persönliches Fahrzeug in seinem Hofzug.
Fahrzeug Bau Die Salonwagen, die der technikbegeisterte und reisefreudige Kaiser von seinen Vorgängern übernahm, waren bei seinem Regierungsantritt 1888 technisch veraltet. Er benötigte deshalb neue Wagen für seinen Hofzug, darunter einen neuen persönlichen Salonwagen. Dieser wurde schon am Ende seiner Kronprinzenzeit in Auftrag gegeben.Büte, S. 16 Um einen möglichst weiten Einsatz gewährleisten zu können, nahm die preußische Eisenbahnverwaltung mit den meisten europäischen Eisenbahnverwaltungen, die normalspurige Strecken betrieben, Kontakt auf, um die technischen Parameter für das Fahrzeug abzusprechen. Hergestellt wurde der Wagen bei Linke-Hofmann in Breslau.Bei den 1902 und 1904 für Kaiser Wilhelm II. gebauten Salonwagen war es so, dass zunächst Modelle im Maßstab 1:1 gebaut wurden, die der Kaiser besichtigten und anhand derer er den Bau freigegeben konnte. Die Handwerker konnten an dem Modell die Funktionstüchtigkeit der Inneneinrichtung prüfen. „Geld und Zeit spielten keine Rolle.“ (Zeitzeugenbericht in: Schroeter, S. 45f). Die Anschaffungskosten betrugen 130.000 Mark.Anmerkung zu Büte, S. 23.
Das Fahrzeug wurde im Laufe seiner Betriebszeit mindestens einmal umgebaut. Da ursprünglich für den Kronprinzen Wilhelm gedacht, sollte es einzeln, außerhalb eines Hofzuges verkehren können. Also war entsprechender Platz für die Begleiter vorzusehen. Als der Wagen von Wilhelm als Kaiser genutzt wurde, lief er im Hofzug, der eigene Wagen für das Personal führte. Daraufhin wurde eines der Begleiterabteile ausgebaut und mit dem gewonnenen Platz der Toiletten- und Waschraum des Kaisers zu einem Ankleidezimmer erweitert.Büte, Tafel zwischen S. 18 u. 19, S. 19.
Ausstattung Innenausstattung mini|Beleuchtung (Detail) mini|Abteil des Flügeladjutanten mit ausklappbarem Waschbecken Im letzten Ausbauzustand waren etwa zwei Drittel der Länge des Fahrzeugs für den Kaiser persönlich vorgesehen. Dieser persönliche Bereich war in drei Räume eingeteilt: Ein repräsentativ dekorierter Salon mit vorgelagertem Einstiegsraum. Der Salon erstreckte sich über die gesamte Wagenbreite. An dessen innerer Stirnseite führte eine Tür zum Schlafraum des Kaisers, eine zweite in den Seitengang, der sich bis zum anderen Ende des Fahrzeugs erstreckte; der relativ kleine Schlafraum hatte nur die Länge des Bettes und keinen Zugang zum Seitengang; ein Raum der als Toilette, Wasch- und Ankleideraum diente, größer als der Schlafraum war und vom Gang aus betreten werden konnte. Daran schlossen sich an – waren jedoch ausschließlich vom Seitengang zu betreten: Ein Abteil für den Flügeladjutanten des Kaisers mit eigener Waschgelegenheit; ein Abteil für zwei Diener mit Liegen; zwei „Personaltoiletten“, eine für den Flügeladjutanten und eine für die Diener; ein Heizraum. Abschließend folgte ein zweiter Einstiegsraum. Die Einstiegsräume waren etwas schmäler als der übrige Wagen, so dass die Türen im Verhältnis zum übrigen Wagenkasten eingezogen waren.
Die Innenausstattung war dem überladenen Stil des Historismus verpflichtet, von Otto Lessing gestaltet, und setzte in großem Umfang Intarsien und Edelholzfurnier ein.Kuhn.
Technische Ausstattung mini|Salonwagen Nr. 1 im Deutschen Technikmuseum Berlin
Der Wagen war mit stahlarmierten Holzträgern ausgeführt.Büte, S. 17 Von der Bauart her entsprach der neue Wagen den künftigen preußischen D-Zug-Wagen und zeigte in der äußeren Form das dafür typische Laternendach. Der Wagen erhielt einen in der preußischen Eisenbahn auffällig cremefarbenen/blauen Außenanstrich.
Zum besonderen Komfort des Fahrzeugs zählten ausklappbare Stufen an den Türen, fugenlose Faltenbälge, Ölgasbeleuchtung (als Notbeleuchtung war Kerzenbeleuchtung möglich)Büte, S. 19 und – später eingebaut – eine batteriegespeiste Zusatzbeleuchtung.Büte, S. 18; Schroeter, S. 43. Eine Dachabdeckung mit Berieselungsanlage über den kaiserlichen Räumen stellte sicher, dass der Wagen gekühlt werden konnte, wenn er länger in der Sonne stehen musste.Büte, S. 18. Die Fenster des Salons hatten zusätzlich noch außenliegende Jalousien als Licht- und Wärmeschutz.Katalog, S. 5. Zum Heizen besaß der Wagen eine Warmwasserheizung.Büte, S. 18. Eine elektrische Klingel ermöglichte es, das Personal herbeizuläuten.
Die Stirnseiten des Wagens wiesen Türen auf, um den Übergang zu anschließenden Wagen zu gewährleisten. Die stählernen Bodenplatten, der aus Leder gefertigte Faltenbalg und die entsprechende Stoffverkleidung an der Innenseite waren nicht Bestandteil des Wagens selbst, sondern mussten bei Zugbildung eingebaut werden.
Im Gegensatz zu D-Zug-Wagen erhielt er dreiachsige Drehgestelle der preußischen Regelbauart. Hier setzten die unterschiedlichen Bremsen an, mit denen das Fahrzeug ausgestattet war. Immer nur eine der Bremsen wirkte auf zwei Achsen eines Drehgestells. Ausgestattet war der Wagen anfangs mit einer Druckluftbremse System Carpenter (später ersetzt durch eine Westinghousebremse) und einer Saugluftbremse für die österreichischen Eisenbahnen. Dass dreiachsige Drehgestelle verwendet wurden, hatte nicht nur etwas mit dem Gewicht des Wagens zu tun: Die Fahrkosten wurden oft nach den zurückgelegten Kilometern und der Anzahl der Achsen berechnet.
Im Toilettenraum des Kaisers und an der entsprechenden, gegenüberliegenden Gangseite gab es je einen Notausstieg – also etwa in der Wagenmitte. Diese sind nie genutzt worden.Katalog, S. 5.
Einsatz mini|Der erste Nutzer des Wagens: Kaiser Wilhelm II. Der Wagen war dem Kaiser vorbehalten.Katalog, S. 4ff, Nr. 1.; Helmut Schroeter: Der kaiserliche Salonwagen als Glanzstück des Berliner Verkehrs- und Baumuseums. In: Lok-Magazin 1988, Nr. 150, S. 219ff. Der erste Einsatz nach den Probefahrten erfolgte Anfang August 1889 als der Kaiser seine Nordlandfahrt damit beendete, mit dem neuen Salonwagen Nr. 1 von Wilhelmshaven nach Potsdam zu fahren.Büte, S. 23. Heimatbahnhof des Wagens war der „Hofbahnhof“, ein Teil der Hauptwerkstatt Potsdam. Dort gab es einen, später zwei „Hofwagenschuppen“, um die Fahrzeuge des Hofzuges witterungssicher abstellen und warten zu können.https://eisenbahnstiftung.de/images/bildergalerie/13445.jpg
Mit dem Salonwagen reiste Kaiser Wilhelm II. sehr oft im Verband seines Hofzugs.Dost, S. 147. Diese häufige Nutzung und die ständigen Reisen des Kaisers – er verbrachte mindestens neun Monate des Jahres außerhalb seiner Residenzstädte Berlin und Potsdam – reizten zu Kritik. So wurde, in Anlehnung an den Beginn des Textes der ersten Strophe der deutschen Kaiserhymne, „Heil Dir im Siegerkranz …“, die Spottversion „Heil Dir im Sonderzug …“ kolportiert.Bettina Vaupel: Allerhöchste Eisenbahn. Von Kaiserbahnhöfen, Fürstenzimmern und Salonwagen. In: Monumente 23. Jg. (2013) Nr. 3, S. 13.
1902 wurde das Fahrzeug durch einen moderneren Wagen ersetzt, der die Bezeichnung „1A“ erhielt, 1904 folgte ein noch moderneres Fahrzeug, das nicht erhalten ist.Katalog, S. 4. Der ältere Wagen von 1889 wurde jedoch als Betriebsreserve weiterhin einsatzbereit gehalten.Gottwaldt: Der Hofzug, S. 30. Er wurde 1904 umnummeriert, da der neue Wagen die Bezeichnung „Nr. 1“ führen sollte. Im Laufe der Zeit trug der alte Wagen Nr. 1 folgende Bezeichnungen:
Ort Herkunft Gattungsbezeichnung 1889 Nr. 1 1904 Berlin 11 1945 T-5017Vgl.: Nussbaum, S. 35; dies war vermutlich keine Nummer, unter der der Wagen betrieben wurde, sondern bezeichnete ihn als Beutestück, „трофей“ (Trophäe), (vgl.: Gottwaldt: Marschall Sokolowski, S. 81.) 1946 10 207 BlnNicht zu verwechseln mit dem zuvor unter gleicher Nummer gelaufenen Salonwagen des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels. Vgl. dazu: Salonwagen 10207. Sdr 6 ü BerlinDas bedeutete: Sonderwagen – sechsachsig – geschlossene Übergänge (vgl.: Gottwaldt: Marschall Sokolowski, S. 83).
Im Ersten Weltkrieg wurde der Wagen – wie alle des Hofzuges – zur Tarnung grün gestrichen.
Musealisierung mini|500px|Grundriss
Bis 1945 Nach dem Ende der Monarchie kam der Wagen am 3. November 1921 als Ausstellungsstück in das Verkehrs- und Baumuseum in Berlin,Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 76 das ihn – zunächst noch im grünen Tarnanstrich – in dem als Ausstellungshalle dienenden, ehemaligen Hamburger Bahnhof zeigte.Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 78f. Hier erhielt er die Inventarnummer E-0-976. Im Vorfeld zu dem 1935 gefeierten 100-jährigen Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland wurde die Außenlackierung in den ursprünglich cremefarben/blauen Anstrich zurückversetzt. Als Museumsobjekt wurde das Fahrzeug mit einer von außen gespeisten elektrischen Innenbeleuchtung versehen, geschädigte Textilien der Innenausstattung mit zeitgenössischen Stoffen, wie sie die Reichsbahn damals für die Ausstattung der ersten und zweiten Klasse verwendete, repariert.Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 76–78.
Nach der Operation Gomorrha, verheerenden Luftangriffen auf Hamburg, begann das Verkehrs- und Baumuseum in Berlin mit dem Auslagern seiner wertvollsten Bestände, wozu der „Kaiserwagen“ gehörte. Ein geeigneter Schuppen wurde im Bahnhof Zielenzig gefunden. Am 12. Oktober 1943 wurde mit dem Abtransport begonnen.Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 79 Dazu wurde alles bewegliche Inventar ausgeräumt, das zwar den Krieg überstand, jedoch in der Nachkriegszeit abhandenkam.Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 78f. Da das Museum keinen Gleisanschluss hatte, wurde er von Mitarbeitern der Reichsbahn mit einem fliegenden GleisNussbaum, S. 34. zum Lehrter Güterbahnhof und von dort mit einer Rangierlokomotive und 20 km/h Höchstgeschwindigkeit in das Reichsbahnausbesserungswerk Potsdam geschleppt.Gottwaldt: Ein Hofwagen, S. 78. Dort wurde er für die Fahrt nach Zielenzig ertüchtigt, wo er am Morgen des 30. Oktober 1943 ankam.
Erneuter Einsatz mini|Der letzte Nutzer des Wagens: Marschall Wassili Danilowitsch Sokolowski (1941) Der Wagen fiel der Roten Armee in Zielenzig Anfang 1945 in die Hände.Nussbaum, S. 35. Er erhielt Beschriftungen in kyrillischer Schrift.Gottwaldt: Marschall Sokolowski, S. 81. Weitere Aufschriften weisen darauf hin, dass der Wagen bereits im Februar 1946 eine Untersuchung erhielt, also wieder fahrtüchtig war,Gottwaldt: Marschall Sokolowski, S. 82. und dass er mit einer Lichtmaschine für die elektrische Beleuchtung versehen wurde.Gottwaldt: Auf der Suche, S. 84. Er stand Marschall Wassili Danilowitsch Sokolowski als Oberstem Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland und Oberkommandierendem der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland bis 1949 zur Verfügung.Gottwaldt: Marschall Sokolowski, S. 83. Konkrete Belege, wer ihn tatsächlich genutzt hat, liegen nicht vor.
Nach 1950