J̌ebe oder J̌ebe NoyanEs existiert kein einheitliches System zur Transliteration der Eigen- und Ortsnamen aus der Zeit des Mongolischen Weltreichs. Dementsprechend finden sich in den Publikationen zum Thema unterschiedliche Schreibweisen auch des Namens J̌ebe Noyans (Jebe, Jäbä, Yeme, Dschebe, Chêpieh). Wir folgen in der Schreibweise J̌ebe Noyan, ebenso wie bei den Schreibungen anderer mongolischer Namen und Bezeichnungen, Manfred Taubes Übersetzung der Geheimen Geschichte der Mongolen (Kiepenheuer, Leipzig / Weimar 1989), sofern sich keine standardisierten Schreibweisen im Deutschen finden, wie etwa im Falle Činggis Qans. (mittelmongolisch: ᠵᠡᠪᠡ ᠨᠣᠶᠠᠨ, J̌ebe Noyan; mongolisch (modern): Зэв ноён, Zev Noyon; chinesisch: 哲別 那顏, Zhébié Nuóyán; * um 1180 in der heutigen Mongolei; † vermutlich 1223 in der heutigen Ukraine) war einer der bedeutendsten adligen Führer des frühen Mongolischen Reichs unter Dschingis Khan. Sein Geburtsname war J̌irqo'adai, den Spitznamen J̌ebe (mongolisch für Waffe, Pfeil), unter dem er berühmt wurde, verlieh ihm Dschingis Khan selbst.Igor de Rachewiltz: The Secret History of the Mongols: A Mongolian Epic Chronicle of the Thirteenth Century. 2 Bände. Brill, Leiden 2004, S. 537, Kommentar (englisch). Als Führer eines Tümen (10.000 Haushalte mit je einem rekrutierbaren Soldaten), bekleidete er den Rang eines Noyan (wörtlich: Prinz, Herr; vergleichbar dem englischen Sir) und führte diesen Titel als Beinamen.
J̌ebe gilt als einer der fähigsten Feldherren Dschingis Khans, der sich durch zahlreiche erfolgreiche Kampagnen, vor allem während der Eroberungsfeldzüge gegen China und Zentralasien, hervortat und 1223 zusammen mit Sube'etai Ba'atur bis nach Osteuropa vordrang.Timothy May: The Mongol Art of War. Pen and Sword, Barnsley 2007, S. 92–93 (englisch).
Leben Herkunft und frühe Jahre Angaben über J̌ebes Leben sind in den Primärquellen äußerst dürftig. Insbesondere zu seinen frühen Jahren und den Beginn seiner Laufbahn finden sich Angaben einzig in der Geheimen Geschichte der Mongolen und in der Chronik Dschāmiʿ at-tawārīch des persischen Geschichtsschreibers Raschīd ad-Dīn, und auch dort nur bruchstückhaft. Dies spiegelt sich naturgemäß in der Sekundärliteratur wider, wo die wenigen Angaben weit verstreut sind. Zusammenhängende Darstellungen finden sich nur in stark gerafften, biografischen SkizzenChristopher P. Atwood: Encyclopedia of Mongolia and the Mongol Empire. Facts on Files, New York 2004, S. 265 (englisch); Paul D. Buell: Historical Dictionary of the Mongol World Empire. Scarecrow Press, Lanham / Oxford 2003, S. 170–171; Timothy May: The Mongol Art of War. Pen and Sword, Barnsley 2007, S. 92–93 (englisch). und vereinzelten akademischen Abhandlungen.Stephen Pow: The Last Campaign and Death of Jebe Noyan. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Vol. 27, Nr. 1. Cambridge University Press, Cambridge 2017, S. 1–21 (englisch).
Weder sind sein Geburtsdatum und sein Geburtsort bekannt, noch liegen Informationen zu seiner Kindheit und Jugend, seinen Eltern oder seinen Frauen vor, und auch die Umstände seines Todes sind ungewiss. Spärliche Angaben über J̌ebes Abstammung und Familie finden sich nur bei Raschīd ad-Dīn. J̌ebe entstammte dem mongolischen Clan der Besüt, entfernten Verwandten von Dschingis Khans Clan, den Borjigin. Er hatte einen Bruder namens Mönggädü Sa’ur, der zur Gefolgschaft Tolui Khans gehörte, und einen Sohn namens Sunqusun, der ebenfalls Offizier der mongolischen Armee war. Darüber hinaus gibt ad-Dīn an, dass zu seiner Zeit (um 1300) mehrere Verwandte und Nachfahren J̌ebes hohe zivile und militärische Posten im Dienste des mongolischen Herrscherhauses innehatten.Wheeler McIntosh Thackston: Rashiduddin Fazlullah's Jamiʼuʼt-tawarikh. Compendium of Chronicles – A history of the Mongols. Harvard University Press, Cambridge 1998, S. 102–103 (englisch).
Anschluss an Dschingis Khan und Ursprung des Namens Laut der Geheimen Geschichte der Mongolen kämpfte J̌irqo'adai zunächst auf Seiten der Tayiči’ut, einem Clan, zu dem sein eigener Clan in einem Vasallen-Verhältnis stand. Die Tayiči’ut gehörten zu den erbittertsten Feinden des jungen Temüdschins, des späteren Dschingis Khan, und 1201 kam es zu einer Schlacht, die Temüdschin für sich gewinnen konnte. Im Verlauf dieser Schlacht wurde Dschingis Khans Pferd, ein Falbe mit weißer Schnauze, von einem Pfeil getroffen und getötet. Als Dschingis Khan nach der Schlacht die Gefangenen fragte, wer den Pfeil abgeschossen habe, trat J̌irqo'adai vor. Er gestand ein, dass er der Schütze gewesen war, und erbot sich, Temüdschin treu zu dienen, sollte dieser ihn am Leben lassen. Temüdschin zeigte sich beeindruckt von dem Mut des Mannes, der im Angesicht des Feindes seine Tat zugab. Er beschied J̌irqo'adai, dass dieser wert sei, ein Nökör (mongolisch: Gefährte, enger Gefolgsmann) zu sein, nahm sein Angebot an und versah ihn zur Anerkennung seines Mutes mit dem Namen J̌ebe.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig / Weimar, 1989, S. 73–74. Auch bei Raschīd ad-Dīn findet sich diese Episode. Sein Bericht weicht in Details ab, allerdings erschoss J̌irqo'adai auch hier Dschingis Khans Falben mit weißer Schnauze, gestand dies ein, wurde daraufhin von Dschingis Khan J̌ebe genannt und erhielt zunächst das Kommando über ein Arban (Zehnerschaft der mongolischen Armee).Wheeler McIntosh Thackston: Rashiduddin Fazlullah's Jamiʼuʼt-tawarikh. Compendium of Chronicles – A history of the Mongols. Harvard University Press, Cambridge 1998, S. 93, 102 (englisch).
Als General mini|Die Inthronisation des Temüdschin zum Činggis Qan. (Darstellung in einer persischen Chronik, ca. 1430.)
J̌ebe erwies sich als fähiger Kommandeur, stieg in der Hierarchie des mongolischen Militärs schnell auf und gehörte schon bald zur obersten Kommandoebene des Mongolischen Reichs. Er war ein versierter Taktiker, der seine Gegner oft durch eine vorgetäuschte Flucht in Hinterhalte lockte. Er verfeinerte diese unter den Steppenreitern übliche Vorgehensweise und operierte hierbei in Gewaltmärschen mitunter in erstaunlicher Geschwindigkeit, wenn er nach tagelangem Rückzug plötzlich kehrtmachte und über die Gegner herfiel. Auch war er bekannt dafür, dass er weit in feindliches Territorium vordrang, wo er unabhängig vom mongolischen Oberkommando, aber meist im Tandem mit anderen Kommandeuren, operierte, zu Beginn seiner Laufbahn häufig mit Qubilai Noyan, später meist mit Sube'etai Ba'atur. Wiederholt setzte Dschingis Khan J̌ebe für besonders verwegene Einsätze ein oder um gezielt Jagd auf gegnerische Anführer zu machen.Timothy May: The Mongol Art of War. Pen and Sword, Barnsley 2007, S. 92–93 (englisch).
1206 anlässlich seiner Inthronisation zum Dschingis Khan ernannte Temüdschin J̌ebe als einen der Dörben Noqas (Vier Hunde) zu einem seiner bedeutendsten Militärführer.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig / Weimar 1989, S. 146. Die Dörben Noqas, J̌ebe, Sube'etai, J̌elme und Qubilai waren die Kommandeure der mongolischen Vorhut und bildeten mit den Dörben Kulu'ud (Vier Rössern) Muqali, Bo'orču, Boroqul und Čila'un, das Zentrum der mongolischen Militärführung um Dschingis Khan.Timothy May: The Mongol Art of War. Pen and Sword, Barnsley 2007, S. 93, 96. Als im Jahre 1221 der chinesische Diplomat Zhao Hong die Mongolen aufsuchte, stellte er fest, dass außer Muqali, den Dschingis Khan 1217 zum Statthalter Nordchinas gemacht hatte, und Dschingis Khan selbst, wohl kein anderer Kommandeur in der mongolischen Militärhierarchie höher stand als J̌ebe, der das Oberkommando über die mongolischen Stoßtruppen innehatte.Stephen Pow: The Last Campaign and Death of Jebe Noyan. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Vol. 27, Nr. 1. Cambridge University Press, Cambridge 2017, S. 3 (englisch).
Die Vereinigung der mongolischen Stämme (1201–1211) J̌ebes erste militärische Operation in Diensten Temüdschins, die in den Primärquellen Erwähnung findet, ist eine Schlacht im Jahre 1202, in deren Verlauf Dschingis Khans Truppen die Krieger des Volkes der Tatar vollständig auslöschten. Offiziere Temüdschins hatten mit ihren Männern, entgegen den ausdrücklichen Befehl Temüdschins, begonnen das Lager der Tatar zu plündern, noch bevor der Sieg errungen war. Dschingis Khan entsandte J̌ebe und Qubilai, um den Plünderern ihre Beute wieder wegzunehmen.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig / Weimar 1989, S. 80–81.
1204 kam es zu einer entscheidenden Schlacht gegen eine Koalition verschiedener mongolischer Stämme unter Tayang Khan von den Naiman, die Temüdschins Vorherrschaft unter den Stämmen des Mongolischen Hochplateaus endgültig durchsetzte. Im Vorfeld der Schlacht wurden J̌ebe und Qubilai zu einer Erkundungsmission ausgesandt, in deren Verlauf es zu einem Zusammenstoß mit Kriegern der Naiman kam. Bei der darauffolgenden eigentlichen Schlacht, befehligte J̌ebe einen Teil der Vorhut. Die Mongolen gewannen die Schlacht, Tayang Khan fiel, sein Sohn Güčülük überlebte und flüchtete nach Westen.Manfred Taube: Geheime Geschichte der Mongolen. Herkunft, Leben und Aufstieg Cinggis Qans. Kiepenheuer, Leipzig / Weimar 1989, S. 118, 122, 129. Der Widerstand gegen Temüdschins Herrschaftsanspruch war zusammengebrochen.
Über J̌ebes Verbleib in den Jahren 1206 bis 1211 liegen keine gesicherten Informationen vor. Möglicherweise verfolgte er, zusammen mit Sube'etai, geflüchtete Überlebende des Stammesverbandes, den Temüdschins Krieger 1204 geschlagen hatten, in das Gebiet der Uigur im Nordwesten des heutigen China. Dort empfingen die Mongolen 1209 nicht nur die Unterwerfung der Uigur, sondern brachten auch den Geflüchteten eine erneute Niederlage bei. Abermals gelang jedoch Teilen der gegnerischen Truppen die Flucht.Die beschriebenen Ereignissen sind in den Primärquellen äußerst widersprüchlich dargestellt. Paul Buell und Christopher Atwood haben der frühen Expansion des Mongolischen Reichs nach Westen ausführliche Analysen gewidmet, kommen aber in Teilen zu stark unterschiedlichen Deutungen des Materials. Die hier gemachten Angaben folgen der nicht unumstrittenen Interpretation von Buell, sie finden sich aber auch bei anderen Autoren, so etwa Stephen Pow. (Christopher P. Atwood: Jochi and the Early Western Campaigns. In: Morris Rossabi (Hrsg.): How Mongolia Matters: War, Law, and Society. Brill, Leiden, 2017, S. 35–56 (englisch); Paul D. Buell: Early Mongol Expansion in Western Siberia and Turkestan (1207-1219): a Reconstruction. In: Central Asiatic Journal. Vol. 36, Nr. 1/2. Harrassowitz, Wiesbaden 1992, S. 1–30 (englisch); S. Stephen Pow: The Last Campaign and Death of Jebe Noyan. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Vol. 27, Nr. 1. Cambridge University Press, Cambridge 2017, S. 5 (englisch)).
Der Feldzug gegen die Jin (1211–1215) mini|Schlacht zwischen den Mongolen und den Jin. (Darstellung in einer persischen Chronik, ca. 1430.)