Der Garten Eden (The Garden of Eden) ist ein 1986 postum veröffentlichter, unvollendeter Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway (1899–1961).
Entstehung
Der Autor hatte den Roman im Frühjahr 1948Hans-Peter Rodenberg: Ernest Hemingway. Eine Biographie.Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 107. begonnen, jedoch nie zu seiner Zufriedenheit fertigstellen können. Tom Jenks, ein Lektor bei Hemingways Verlag Charles Scribner’s Sons, erarbeitete aus verschiedenen Manuskripten Hemingways die veröffentlichte Fassung.The Garden of Eden Analysis bei eNotes.com (englisch). Abgerufen am 16. März 2016. Der semiautobiographische Roman handelt von den Schreib- und Beziehungsproblemen eines Schriftstellers namens David Bourne. Die deutsche Übersetzung der erstmals 1987 im Rowohlt Verlag erschienenen Ausgabe stammt von Werner Schmitz.Der Garten Eden auf DNB.de. Abgerufen am 24. März 2016.
Handlung
miniatur|Küste mit Palmen (Côte d’Azur) von János Vaszary, späte 1920er JahreIn den 1920er Jahren verbringen die frisch vermählten US-Amerikaner David und Catherine Bourne ihre Flitterwochen in der Camargue, an der Côte d’Azur und der spanischen Atlantikküste. Sie sind sich in ihrem Aussehen sehr ähnlich und werden schon mal für Geschwister gehalten – für Bruder und Schwester, doch Catherine reizt der Gedanke, als Davids Bruder durchzugehen. Ihr gefällt das Spiel mit ihrer sexuellen Identität und auch das Aufsehen, das sie mit ihren eigens angefertigten Hosen erregt. Um einander ähnlicher zu werden, schneiden und färben sich die beiden auf Catherines Wunsch die Haare, und auch David bemerkt, dass ihm das gefällt.
David ist Schriftsteller, doch Catherine ist eifersüchtig auf seine Arbeit und kann mit seinem Erfolg nicht umgehen. Der einzige Gegenstand, der es wert sei, dass über ihn geschrieben werde, sei ihr gemeinsames Leben und ihre Flitterwochen. Weil David besser schreiben kann, wenn er für sich ist, sucht Catherine außerhalb der Hotels nach Unterhaltung. In Mandelieu-la-Napoule nahe Cannes lernen die Eheleute die junge Französin Marita kennen. Catherine bringt sie von einem ihrer Ausflüge wieder mit und freundet sich mit ihr an. In Nizza küssen sich die beiden Frauen, und als sie gemeinsam zu David zurückkehren, wünscht sich Catherine auch von David und Marita, dass sie einander küssen. Marita gesteht ihnen, dass sie sich in beide verliebt habe, und es entwickelt sich eine brüchige Dreiecksbeziehung, die die junge Ehe gefährdet.
Ohne vorherige Rücksprache mit David zeigt Catherine Marita dessen Geschichte über ihre Flitterwochen. David hält sie für beendet, doch Catherine möchte, dass er auch Marita hineinschreibt. Marita findet einen besseren Zugang zu Davids Arbeiten als Catherine und besonders zu einer Geschichte, in der er die Beziehung zu seinem Vater und ein gemeinsames Erlebnis auf der Elefantenjagd verarbeitet und die sein Denken und Schaffen immer mehr bestimmt.
Eines Tages holt Catherine aus Davids Arbeitszimmer die Hefte mit den Stories sowie einen Stapel gesammelter Zeitungsausschnitte. Manuskripte und Ausschnitte verbrennt sie.Ernest Hemingway: Der Garten Eden. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987, S. 284–288. Später verlässt sie das Hotel. David bleibt bei Marita und beginnt, die verlorenen Geschichten neu zu schreiben.
Einordnung
Hemingway begann spätestens 1946 nach seiner Rückkehr aus Europa nach Kuba und der Heirat mit seiner vierten Ehefrau Mary Welsh mit der Arbeit an Der Garten Eden. In Briefen an seinen Freund Charles T. Lanham gibt es allerdings Hinweise darauf, dass er schon zuvor an einem Stoff über das geschlechtliche oder sexuelle (doppeldeutig, englisch: „sexual“) Ausprobieren geschrieben habe, den er schließlich in Der Garten Eden und Inseln im Strom verarbeitete.Rose Marie Burwell: Hemingway: The Postwar Years and the Posthumous Novels. Cambridge University Press 1996, S. 95 f. (Bei Google Books.) Hemingway arbeitete zunächst planlos, mit dem ständigen Gefühl, gegen seinen drohenden Tod anzuschreiben. Nach einem Jahr hatte der Entwurf tausend Seiten Umfang, und Hemingway legte ihn zur Seite, um sich anderen Arbeiten zu widmen. Angesichts seiner Suizidalität beendete er die erste Fassung 1950 mit einem provisorischen Ende.Rose Marie Burwell: Hemingway: The Postwar Years and the Posthumous Novels. Cambridge University Press 1996, S. 98. Material aus dieser Fassung verwendete er unter anderem in Über den Fluss und in die Wälder.Edwin McDowell: New Hemingway Novel To Be Published in May auf NYTimes.com (englisch). Abgerufen am 17. März 2016.
Erst 1958 begann Hemingway wieder an Der Garten Eden zu schreiben, zu einer Zeit, in der er unter Kopfschmerzen, Depressionen und der Trauer um Verstorbene litt.Megan Floyd Desnoyers: auf jfklibrary.org (englisch). Abgerufen am 17. März 2016. Am Ende seines Lebens besann er sich auf seine Anfänge als Schriftsteller und Ehemann.David Wyatt: Hemingway, Style, and the Art of Emotion. Cambridge University Press 2015, S. 197. (Bei Google Books.) Hemingway beschrieb das Thema des Romans einmal als „die Glückseligkeit des Gartens, die der Mensch verlieren muss“, ein Thema, das er schon in Fiesta, in In einem andern Land und in Wem die Stunde schlägt bearbeitet hatte beziehungsweise noch bearbeiten würde.Michiko Kakutani: Books of the Times auf NYTimes.com (englisch). Abgerufen am 17. März 2016. Doch anders als in seinen früheren Werken versuchen seine Figuren nicht mehr, diesen Verlust zu leugnen, sondern seine Unvermeidbarkeit zu akzeptieren.Pamela A. Boker, Paul Robinson: Grief Taboo in American Literature. New York University Press 1997, S. 256. (Bei Google Books.) In die neue Fassung arbeitete er die Erfahrungen aus seiner Ehe mit Mary Welsh und seiner zweiten Safari mit hinein und revidierte die Geschichte schließlich noch ein drittes Mal.
Nach Hemingways Tod übergab Mary Welsh die drei Manuskripte Hemingways Verlag Charles Scribner’s Sons. Verschiedene Lektoren, darunter der damalige Verlagsleiter Charles Scribner IV., scheiterten an dem Versuch, ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Zwanzig Jahre später erarbeitete Scribner-Lektor Tom Jenks die heutige Fassung, kürzte sie auf etwa ein Drittel des Originals und strich unter anderem ein zweites Ehepaar heraus, den Maler Nick Sheldon und seine Frau Barbara, deren Beziehung wohl die der Bournes spiegeln sollte. Im provisorischen Ende der ersten Fassung, das Hemingway selbst gestrichen hatte, waren außerdem Catherines Rückkehr aus einer Psychiatrie und ein Selbstmord-Pakt vorgesehen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Hemingway jemals in Betracht zog, die Geschichte wie in Jenks’ Fassung mit David Bournes Absicht zu beenden, seine Geschichten neu zu schreiben.
In ihrer Dissertation an der University of Massachusetts Amherst argumentiert Susan M. Seitz, die Nachbearbeitungen an Hemingways posthum veröffentlichten Romanen hätten diese dem bekannten Hemingway-Kanon angepasst, seine späten thematischen und stilistischen Experimente fänden keinen Ausdruck. Sie bemerke in Hemingways Spätwerk eine Neubetrachtung der Beziehungen zwischen Frauen und Männern und ein Interesse für Androgynie und vertauschte Geschlechterrollen.Susan M. Seitz: (Abstract) auf UMass.edu (englisch). Abgerufen am 17. März 2016. Hemingway bewege sich weg von seiner ursprünglichen, düsteren Thematik der Vertreibung aus dem Paradies hin zu einem künstlerischen Widerstand gegen klassische Geschlechterrollen, schreibt Mark Spilka in Hemingway’s Quarrel with Androgyny.Mark Spilka: Hemingway’s Quarrel with Androgyny. University of Nebraska Press 1990, S. 3. (Bei Google Books.) Lektor Tom Jenks kommentierte, das Thema der Bisexualität zeige eine Zärtlichkeit und Verletzlichkeit Hemingways, die für gewöhnlich verborgen lagen unter dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hatte. E. L. Doctorow kritisiert allerdings die naive Voraussetzung des Romans, Catherine Bournes sexuelle Phantasien seien Ausdruck von Wahnsinn.E. L. Doctorow: Braver Than We Thought auf NYTimes.com (englisch). Abgerufen am 17. März 2016.
Der Garten Eden zeigt Inspirationen durch den Roman Zärtlich ist die Nacht von F. Scott FitzgeraldThe Garden of Eden in der Literary Encyclopedia (englisch). Abgerufen am 16. März 2016., einem Freund Hemingways. Fitzgerald schildert ebenfalls eine unglückliche Dreiecksbeziehung zwischen einem amerikanischen Ehepaar an der Côte d’Azur und einer Europäerin. Die semiautobiographische Handlung von Der Garten Eden basiert allerdings vor allem auf Hemingways Flitterwochen mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer in Le Grau-du-Roi im Mai 1927. Wie Hemingway mit Fiesta hat auch Romanfigur David Bourne zuvor einen erfolgreichen Roman veröffentlicht und dann geheiratet.Carlos Baker: Hemingway, the Writer as Artist. Princeton University Press 1972, Fußnote 15, S. 386. (Bei Google Books.) Hemingway-Biograph Carlos Baker beschreibt The Garden of Eden als eine experimentelle Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, mit erstaunlichen Anstößigkeiten, beruhend auf Hemingways Erinnerungen an seine erste und zweite Ehe. Hemingway hatte im Sommer 1926 mit beiden Frauen gelebt, die – anders als im Roman – beide älter waren als er. Über diese Zeit schrieb er in Paris – Ein Fest fürs Leben:
Hemingway war 27 Jahre alt zu dieser Zeit. John Updike bezeichnet sie als traumatisch und schreibt, über seine Untreue würde Hemingway eine Reue und Trauer spüren wie niemals wieder über etwas Privates. Für ihn sei es der Herbst des Idylls gewesen, das Hadley und er sich in Österreich, Spanien und Paris geschaffen hatten. Hemingways Unschuld, die er sich bis in seine vierte Ehe bewahrt habe, habe es ihm schließlich ermöglicht, „von seinem Arbeitszimmer in Kuba durch all die Schlachten und Schlucke und die Presse und die Pannen hindurch in seine Jugend auf einem anderen Kontinent zu reichen und einen mythischen Stoff aus der Erkenntnis zu erschaffen, dass Sex kompliziert sein kann“.John Updike: A Review – ursprünglich für den New Yorker – auf tomjenks.com (englisch). Abgerufen am 19. März 2016. In Der Garten Eden und dem ebenfalls posthum erschienenen Paris – Ein Fest fürs Leben, zu dem Der Garten Eden als eine Art Fortsetzung gelesen werden kann, behandelt Hemingway zum ersten Mal in seiner schriftstellerischen Arbeit die Trauer, die der Verlust einer Liebe bedeutetPamela A. Boker, Paul Robinson: Grief Taboo in American Literature. New York University Press 1997, S. 214., was als Ausdruck seiner persönlichen Suche nach einem Weg der versöhnlichen Bewältigung verstanden wird.Pamela A. Boker, Paul Robinson: Grief Taboo in American Literature. New York University Press 1997, S. 266. Nach dem Tod Pauline Pfeiffers 1951 schrieb Hemingway an seinen Verleger:
Rezeption
In der Anthologie Hemingways the Garden of Eden: Twenty-Five Years of Criticism, einer Sammlung verschiedener Essays und Rezensionen zum Buch, wird Der Garten Eden als das kontroverseste literarische Werk Hemingways bezeichnet.Suzanne Del Gizzo, Frederic J. Svoboda: Hemingway’s The Garden of Eden (Abstract) auf ResearchGate.net (englisch). Abgerufen am 19. März 2016. John Updike zum Beispiel schreibt, es gäbe viele Gründe, dem Roman zu misstrauen: seinen banalen Titel, die Abwertung durch Hemingways Biographen Carlos Baker und das vierzig Jahre dauernde Fischen im Trüben seit der ersten Idee. Dennoch sei das Buch, so wie es jetzt vorliege, ein Wunder, ein neuer Blick auf die alte Magie, das nur wenig hinter der Befriedigung zurückbleibe, die ein zum Druck bestimmtes und vollendetes Buch beschert.