mini|hochkant=1.7|Bodys aus Fuchsfell-Resten in einer griechischen Kürschnerei (2014) Pelzhalbfabrikate, auch Pelzhalbfertigprodukte oder Tafelware, sind für die Weiterverarbeitung zu Pelzbekleidung vorbereitete Flächen aus Fellen oder Fellresten. Entsprechend ihrer Größe oder Form werden sie als Streifen, Tafeln, Platten, Futter oder Bodys (fachsprachlich: „das“ Body), gehandelt, vormals auch als Säcke, sowie aus China als Kreuze und Robes. Unverarbeitete, nur gegerbte (zugerichtete) Felle werden in der Pelzbranche heute nicht mehr als Halbfabrikate bezeichnet (im Gegensatz zu früherer ZeitAlexander Kislatis: Studie über Geschichte, Entwicklung und Betrieb des Rauchwarenhandels unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands. Inaugural-Dissertation der Hohen Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Hamburgischen Universität, Hamburg 1926.).

Für eine ausführliche Beschreibung der regelmäßig zu Pelzhalbfabrikaten verarbeiteten Fellreste (Pelzstücken) siehe → Pelzreste.

Allgemein Das Warenangebot des Rauchwarenhandels umfasst Einzelfelle und Tafelware oder unter ähnlicher Bezeichnung gehandelte Fabrikate. Einzelfelle werden vom Großhandel vor dem Verkauf meist in Mantel- oder Jackensortimente gebündelt.

Für die Halbfabrikate werden Einzelfelle oder Fellreste zu größeren Flächen zusammengenäht; Fellreste sind der bei der Verarbeitung des Kernstücks eines Felles anfallende „Abfall“. Diese Halbfabrikate haben verschiedene Vorteile. Im Hinblick auf die Pelzveredlung sind sie wegen ihrer Größe rationeller und leichter zu scheren, zu rupfen und zu färben. Durch Bedrucken aufgebrachte großflächige Musterungen sind so überhaupt erst möglich. Die zur Verfügung stehenden Fell-, insbesondere die Fellstückenmengen, sind in der Regel erheblich größer, als sie dem Einzelhandel betreibenden Kürschner zur Verfügung stehen. Die Halbfabrikate ermöglichen nicht nur eine rationellere Arbeit für den Tafelhersteller und den endverarbeitenden Kürschner, sondern vor allem auch sauberere Sortimente in Bezug auf Farbe, Haarstruktur und Qualität. Es kommen diese vorgefertigten Erzeugnisse den Erfordernissen der endverarbeitenden Werkstätten auch insofern zugute, dass in Anbetracht der kurzen Verkaufssaison dort sehr viel mehr Aufträge ausgeführt werden können.Peter Melchers: Die Großhandelsbetriebe in der Rauchwarenwirtschaft. Westkulturverlag Anton Hain, Meisenheim/Wien 1953, S. 48.

Neben den Fellstücken werden vor allem kleine Felle zu Halbfabrikaten über- und nebeneinander zusammengesetzt. Es sind dies unter anderem Felle vom Maulwurf, von Hörnchenartigen, vom Wiesel, Bisam bis zu etwas größeren Fellen wie Kanin, Zickel, Nutria, Persianer oder Nerzen, letztere auch nur nebeneinandergenäht, zu schmalen Streifen in Jacken- oder Mantellänge ausgelassen.

Modelle mit einem größeren Fellverbrauch werden, wenn das Material auch in Sortimenten (Fellbunde) gehandelt wird, im Detailgeschäft in der Regel nicht aus Tafelware gearbeitet. Ebenso lassen sich Schnittmuster mit etwas ausgefallener Verteilung der Felle oder Führung der Fellbahnen schwieriger, im Einzelfall überhaupt nicht aus Tafeln herstellen.

Geschichte mini|Kirchenfenster von Chartres

Die Herstellung von Pelzhalbfabrikaten ist seit erheblicher Zeit in China, Griechenland, Russland und Deutschland beachtlich entwickelt. Gesichert ist die Herstellung in Europa ab dem 13. Jahrhundert.

Bereits im Mittelalter fertigte der Kürschner in Mittel- und Nordeuropa Pelzfutter auf Vorrat an. Futtertafeln aus Feh, das Fell des russischen Eichhörnchens, waren die wichtigsten Produkte der städtischen Kürschner im 13. und 14. Jahrhundert. Verarbeitet wurden die Feh als ganze Felle, Wammen oder Rücken, einfach rechteckig zugeschnitten, für billigere Futter außerdem die erst einmal abgefallenen Reste, Köpfe, Beine oder Pfoten und Schweife. Sie wurden in Streifen oder Reihen zusammengesetzt, in England „tiers“ oder „fessi“ genannt, und dann zu einem Rechteck zusammengenäht. Das in England „fur“ genannte Halbfertigprodukt hieß auch „furrura“, „penula“, „penne“, „pane“ oder „mantle“. Für die „hood“ („Kapuze“, ein kurzer Mantel oder Umhang) genannten Kleidungsstücke wurden drei- oder vier „tiers“ gebraucht, für „furs“ selten weniger als sechs, häufiger sieben- oder acht Reihen, manchmal aber auch zehn- oder elf. Bettüberwürfe bestanden aus zehn bis zwanzig „tiers“.

Das Futter wurde später dem Kunden vom Kürschner in einen vom Schneider anzufertigenden Überrock, der Schaube, eingepasst. Ein Glasfenster der Kathedrale von Chartres aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zeigt einen Kürschner mit einem Lehrling, der seiner Kundschaft eines seiner, in einer Truhe aufbewahrten Fehwammenfutter anbietet (siehe Abbildung). Für eine Fehtafel galten bestimmte Größenvorschriften. Jede Wamme wurde auf eine Länge von etwa 14 und eine Breite von vier bis fünf Zentimeter zugeschnitten. Für acht Reihen beziehungsweise Zeilen wurden etwa 120 Felle benötigt, so dass das fertige Futterteil beziehungsweise der Innenpelz eine Länge von 112 Zentimeter und eine Breite von 76 Zentimeter hatte. Ende des 19. Jahrhunderts nannte der Kürschner diese Tätigkeit, das Zusammensetzen von kleinen Fellen zu Futtertafeln, noch „das Zeilen“.Simon Greger: Die Kürschnerkunst. 4. Auflage. Bernhard Friedrich Voigt, Weimar 1883, S. 43–45. (130. Band der Reihe Neuer Schauplatz der Künste und Handwerke).

Im Jahr 1844 hieß es zu den besonderen Zählmaßen im Fellhandel:

Im 16. und 17. Jahrhundert bestand die Bezeichnung Tafelmacher bzw. Tafelmeister für die Kürschner, die sich mit dem Herstellen von Felltafeln und Fellfuttern beschäftigten. Sie traten ursprünglich nicht als selbständige Kürschner auf, sondern waren mit dieser Spezialarbeit bei einem Kürschner angestellt.Alexander Tuma: Pelz-Lexikon. Pelz- und Rauhwarenkunde. XXI. Band. Verlag Alexander Tuma, Wien 1951. Stichwort „Tafelmacher“ Im ausgehenden Mittelalter „bildeten sie ein Mittelglied zwischen Meister und Gesellen und rekrutierten sich wohl vielfach aus solchen, welche ihrer Mittellosigkeit halber oder aus anderen Gründen die Meisterprüfung nicht machen konnten und sich auf die Anfertigung von Halbfabrikaten im Lohnwerk beschränkt sahen. Sie waren die Vorläufer der späteren Zurichter und Sackreißer“.Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Heidelberg 1897, S. 187. Aufgerufen 20. März 2016.

Das Zusammennähen der Felle oder der Fellstücken erfolgt heute mit der Pelznähmaschine durch speziell dafür ausgebildete Arbeitskräfte. Diese Arbeit erfordert trotz der Maschine eine erhebliche Übung und Fingerfertigkeit. Die Pelznähmaschine wurde 1872 erfunden. Insbesondere aus den bedeutenden pelzproduzierenden Ländern China und Russland kamen noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch mit der Hand genähte Tafeln.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann man Tafeln herzustellen, die für einen ganzen Mantel oder eine Jacke ausreichen, so genannte Bodys. Die Weiterverarbeitung von Bodys ist für den Kürschner noch einmal einfacher als die von Tafeln und ähnlichen Produkten, der Mantel ist in seinen Hauptteilen bereits fertig vorbereitet. Der Anstoß kam aus New York, wo der deutschstämmige Kurt Seelig mit der Bodyfertigung begonnen hatte. Das Produkt wurde schnell ein wesentlicher Exportartikel des Pelzhandels nicht nur der USA und Griechenlands, sondern auch für Großbritannien.Francis Weiss: From Adam to Madam. Aus dem Originalmanuskript Teil 1 (von 2) (ca. 1980/1990er Jahre), im Manuskript S. 284. (englisch).

Die lohnintensive Stückenverarbeitung ist hauptsächlich in der griechischen Provinz Kastoria und in China verbreitet, auch Felltafeln kommen ganz überwiegend aus China. Beide Länder haben darin eine sehr lange Tradition. Ein Zentrum der Herstellung von Breitschwanzbodys ist Israel. Die Londoner Firma M. Bardiger war dagegen für ihre auf Nerz veredelten Bisam- und Murmelbodys bekannt, die sie in herausragender Qualität anbot. Ebenfalls in England ansässig war die Firma Barmole, die Tafeln aus den qualitativ besonders guten schottischen Maulwurffellen herstellte.Farbmusterkarte der Firma Barmole. In Deutschland und Österreich dürfte es, schon wegen des hohen Lohnniveaus, wohl keine Tafel- oder Bodyproduktion mehr geben.

Deutschland mini|Felltafel-Dekoration auf dem Leipziger Brühl beim Einzug von König Friedrich August III Die Straße „Brühl in Leipzig“ hatte bis zum Zweiten Weltkrieg den Ruf als „Weltstraße der Pelze“, war die bedeutendste Straße der Stadt und trug wesentlich zu Leipzigs Weltruf als Handelsmetropole bei. Etwa vor 1900 hatten sich in und um Leipzig Handwerksbetriebe angesiedelt, die den Leipziger Pelzmarkt bedienten. Dies waren neben anderen Pelzzurichtungs- und Pelzveredlungsbetrieben viele kleine Kürschnereien und Zwischenmeister, die im Auftrag und für Rechnung des Rauchwarengroßhandels vor allem Pelzfutter für die Weiterverarbeitung produzierten. Die Anfertigung von Pelzfuttern war in Leipzig zu höchster Leistungsfähigkeit entwickelt, besonders durch aus Griechenland eingewanderte Kürschner. Die Herstellung erfolgte im Lohnauftrag. Hamster- und Fehfutter wurden in den Fabriken um 1900 noch vorwiegend von Frauen gefertigt, „deren Hand für das Zusammennähen dieser kleinen und zarten Fellchen leicht und billig genug ist“.Albin König: Die Kürschnerei in Frankenberg in Sachsen. In: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland. Zweiter Band, Verlag Duncker & Humblot, Leipzig 1895, S. 321. Es gab auch einzelne Rauchwarengroßhandlungen, die sich mit der Fabrikation befassten. Daneben bestanden Fellstücken verarbeitende Betriebe, die auf eigene Rechnung arbeiteten und das erforderliche Material von Kürschnereien, der verarbeitenden Industrie oder von Pelzstückenhändlern kauften. Teilweise vergaben sie die Herstellung dann noch einmal weiter an Kürschnereien und Zwischenmeister. Der Niedergang des Leipziger Pelzhandels begann im Jahr 1933 mit der Vertreibung der jüdischen Unternehmer, die einen beträchtlichen Anteil der Firmen stellten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Bedeutung des Pelzhandelszentrums Leipziger Brühl für die Pelzbranche endgültig erloschen, die verbliebenen Großhandelsbetriebe zogen fast alle, oft mit einem Mitarbeiterstamm, aus dem sowjetisch besetzten Gebiet in die Bundesrepublik um, wo sich in Frankfurt am Main neu das Pelzhandelszentrum Niddastraße bildete. Ein Teil der zuarbeitenden Firmen und Kürschner folgte ebenfalls.

Schon im Mittelalter wurde das auffällige Hamsterfell gern zu Schmuck und Putz genutzt. Den Hamsterkürschner nannte man in dieser Zeit Grutschner.(Unger-Khull 310a). Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, 16 Bände [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854–1960. -- Quellenverzeichnis 1971. Gute Hamsterfelle fielen besonders im Harzgebirge an. Vor allem die dortigen Kürschner mit ihren schön gearbeiteten Maihamsterfuttern machten den Artikel auch in späterer Zeit wieder populär. Die Fertigung der Hamsterfutter war in Mitteldeutschland noch bis in DDR-Zeiten verbreitet. „Hamsterkürschner“, die auch noch die Felle selbst zurichteten (gerbten), gab es u. a. in Aschersleben, Quedlinburg und Weißenfels. Seitdem kommen die Felltafeln wohl nur noch aus den Balkanländern, zuletzt wahrscheinlich nur noch aus Ungarn. Dort werden die Felle auch heute noch vom Kürschner von der Pelzzurichtung bis zum Fellfutter in einer Hand verarbeitet.Nach Auskunft der Firma Csányi Szörme Kft., Sződ und Budapest; Hamsterkürschner 8. März 2008.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde Berlin ein führender Modeplatz. Rund um den Hausvogteiplatz hatte sich die Pelzkonfektion angesiedelt. Auch hier gab es Kürschnereien, die neben der direkten Zuarbeit für die Konfektion mit Pelzbesätzen und Pelzfuttern die sogenannte „stille Zeit“ des Jahres mit der Herstellung von Tafelware auffüllten.

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