mini|Erzählungen, Band 4 in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1993. Beinhaltend alle drei Studer-Roman-Fragmente Die Studer-Roman-Fragmente beinhalten die drei letzten Wachtmeister-Studer-Geschichten des Schweizer Autors Friedrich Glauser. Sie wurden alle 1938 in Nervi bei Genua verfasst und blieben bis 1993 unveröffentlicht. Glauser wählte für alle Krimis Schauplätze mit autobiografischem Hintergrund: So hatte er in Ascona intensive Kontakte zu Künstlerkreisen, im belgischen Charleroi arbeitete er in einer Kohlengrube und in Angles bei Chartres bewirtschaftete er als Selbstversorger ein kleines Gut.

Glauser in Nervi Das letzte Jahr mini|Nervi bei Genua Als Glauser zu Beginn des Jahres 1938 unter dem Druck stand, seinen vierten Wachtmeister Studer-Roman Der Chinese zu beenden, griff er erneut zu Rauschgift. Es kam zum Zusammenbruch und er wurde vom 4. Februar bis zum 17. März in die Psychiatrische Klinik Friedmatt in Basel eingewiesen. Am 15. Februar erlitt er während einer Insulinschocktherapie eine Ohnmacht und stürzte im Baderaum mit dem Hinterkopf auf die nackten Fliesen. Die Folgen waren ein Schädelbasisbruch und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Die Nachwirkungen dieses Unfalls sollten Glauser bis zu seinem Tod zehn Monate später beeinträchtigen. Am 17. Juli schrieb er dazu an seinen Vormund Robert Schneider: «Knapp vor dem Beschluss der Jury [der Schweizerische Schriftstellerverein verlieh dem Chinesen den ersten Preis] fiel ich auf den Kopf, und daran konnte ich dann fast ein halbes Jahr herumlaborieren. Wirklich, ein paar Mal habe ich es mit der Angst zu tun bekommen – ich dachte, ich würde überhaupt nicht mehr schreiben können.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 851.

Im Juni zog er mit seiner Lebensgefährtin Berthe Bendel nach Nervi bei Genua. In diesem halben Jahr arbeitete er an verschiedenen Projekten und schrieb mehrere Seiten pro Tag. Auch ein grosser Schweizer Roman schwebte ihm vor (mit dessen Niederschrift er allerdings nicht mehr begann); so meldete er am 28. August an Robert Schneider: «Dann plagt mich ständig der Plan eines Schweizer Romans, den ich sehr gross will (gross im Sinne der Länge), und es ist zum ersten Mal, dass ich versuche, zuerst einen Plan zusammenzuleimen, bevor ich mit der Arbeit beginne.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 865. Auch am 18. November nahm er nochmals Bezug auf dieses Projekt, als er Heinrich Gretler brieflich mitteilte: «Ich habe eine grosse Sache im ‹Gring› (excusez!)»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 885..

Die Studer-Roman-Fragmente mini|Die letzten unvollendeten Szenen mit Studer entstehen. Glauser beim Schreiben in Nervi, Sommer 1938 Zwischen diesen zahlreichen Arbeiten und der Rekonvaleszenz nach seinem Unfall vom Februar nahm Glauser drei neue Studer-Fälle in Angriff (ein viertes Studer-Roman-Projekt sollte auch in Basel spielen, davon haben sich jedoch lediglich einige Notizen erhalten). Dabei investierte er viel Zeit in verschiedene Varianten der Romananfänge, beendete jedoch keine einzige Geschichte. Seine Ideen und Notizen hatte er dazu in italienische Schulhefte notiert und konstruierte ausgehend davon die Krimis an der Schreibmaschine. Allerdings hatte Glauser stets Probleme, die Handlung eines Romans in Gang zu bringen, da er grundsätzlich ohne Plan arbeitete und so wiederholt in dramaturgische Sackgassen geriet. 1937 berichtete er beispielsweise bezüglich der Speiche an seine langjährige Brieffreundin und Gönnerin Martha Ringier: «Er [der Roman] muss natürlich fertig werden, aber das wird noch einige böse Schweisstropfen kosten. Ich hab ihn nun schon viermal begonnen und muss den ganzen Anfang noch einmal umschmeissen. Immer die alte Geschichte. Man merkt plötzlich, dass man eigentlich noch gar nichts kann.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 614.

Zu den Handlungsschauplätzen der Fragmente heisst es im Ascona-Roman-Fragment (Version II): «Unter Echtheit verstehe ich jenes Unfassbare, Unbestimmte, das zwischen den Zeilen, zwischen den Worten haust und mit Zaubergewalt eine vergangene Zeit wiedererstehen lässt, mit den Menschen dieser Zeit und mit den Worten, die sie sprachen, den Gedanken, die sie dachten. Ob dies gelungen ist, weiss ich nicht. Der Leser muss den Richter spielen.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 4: Gesprungenes Glas. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-206-5, S. 265. In diesem Roman-Fragment hat sich Glauser auch mit den meisten Variationen des Anfangs versucht (insgesamt 39 Typoskriptseiten). Das Charleroi-Roman-Fragment erfuhr dagegen die längste Ausführung (101 Typoskriptseiten), das Angles-Roman-Fragment ist mit 14 Typoskriptseiten das kürzeste.

Als Glauser gegen Ende des Jahres immer mehr in wirtschaftliche Not geriet, versuchte er mit verzweifelten Bittbriefen seine unvollendeten Studer-Romane an verschiedene Publizisten und Verleger zu verkaufen. Anfang Oktober schickte er Max Ras (dieser wollte Glauser 1937 durch die Publikation der Speiche im Schweizerischen Beobachter gross herausbringen) das Charleroi-Roman-Fragment und bat dabei gleichzeitig um Geld: «Wir haben keinen Rappen mehr, unsere Heirat steht vor der Tür, wir sollten leben, und ich geh vor Sorgen ziemlich in die Brüche. […] Ich hab ausser Ihnen keinen Menschen, an den ich mich wenden kann. […] Ich weiss nicht mehr, was tun. Mein Gott, ich glaub, Sie kennen mich genügend, um zu wissen, dass ich nicht der Mensch bin, der sich gerne bei anderen einschmeichelt und partout jammert, um etwas zu erhalten. Sie wissen, dass mein Leben nicht immer rosig gewesen ist. Nur bin ich müde jetzt und weiss nicht, ob es sich lohnt, weiterzumachen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 874/875. Ras überwies daraufhin Geld nach Nervi. Allerdings hatte er in der Zwischenzeit das Interesse an Glausers literarischen Arbeiten verloren und sandte das Charleroi-Roman-Fragment kurze Zeit später wieder zurück. Am 1. Dezember schrieb Glauser auch an den Redaktor Friedrich Witz: «Überhaupt, wie steht es mit Ihrem Vertrauen zu mir? Ich kann Ihnen wirklich versprechen, – sogar ein paar Sachen, die besser sein werden als das, was vorhergegangen ist – bis zum Frühling 39 fertig zu bekommen. […] Nur haben wir, ich übertreibe nicht, keine Lire mehr in der Tasche. […] Wollen Sie etwas vom Glauser? Viel? Wenig? Eine grosse Sache? Vier Studer-Romane oder nur zwei oder nur einen? Wenn ich einmal in Ruhe arbeiten kann, brauchen Sie nicht auf mich zu warten. […] Und sagen Sie mir, welchen Roman Sie lieber wollen: den belgischen oder den Asconeser – den unbekannten ‹Angles›-Roman […]. Bitte antworten Sie mir bald und tun Sie etwas für den Glauser, der nicht mehr weiterweiss. Und so bald als möglich.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 925–927.

Das Ende miniatur|Friedrich Glausers Grab auf dem Friedhof Manegg in Zürich Ab Herbst 1938 häuften sich die Probleme in Nervi: Die geplante Heirat mit Berthe Bendel verzögerte sich wegen fehlender Dokumente und wurde zur Belastungsprobe; es fehlten Schreibaufträge und die Geldsorgen wurden immer grösser. Die Lebenssituation schien zunehmend aussichtslos. Am 29. November schrieb Glauser an seine Stiefmutter Luisa Glauser: «Ich hoffe nur noch eines: noch zwei, drei Bücher schreiben zu können, die etwas wert sind (mein Gott, Kriminalromane sind dazu da, damit man den Spinat bezahlen kann und die Butter, deren dieses Gemüse dringend bedarf, um geniessbar zu sein), und danach – so still wie Papa aus einer Welt verschwinden zu können [Glausers Vater starb am 1. November 1937], die weder sehr schön noch sehr freundlich ist. Vorausgesetzt, dass ich dann nicht das Pech habe, im Paradies oder auf einem anderen Stern interniert zu werden – man möchte ja nur seinen Frieden, nichts anderes, und wünscht sich gar nicht, Flügel zu bekommen und Choräle zu singen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 874/895.

Das letzte schriftliche Zeugnis von Glauser ist ein Brief vom 1. Dezember an Karl Naef, Präsident des Schweizerischen Schriftstellervereins, in dem er noch einmal versucht, eines seiner Studer-Roman-Fragmente zu bewerben: «Auf alle Fälle erlaube ich mir, Ihnen unkorrigierte Manuskripte zukommen zu lassen. Denken Sie bitte, dass diese Anfänge sich ändern werden. Und verstehen Sie bitte ein wenig die scheussliche Zeit, welche über den Glauser hereingebrochen ist. […] Ärgern Sie sich nicht allzu arg darüber, dass ich in ‹Kriminalromanen› mache. Derartige Bücher werden wenigstens gelesen – und mir scheint das wichtiger als andere Bücher, deren ‹Wert› sicher dem der meinen bedeutend überlegen ist, deren Autoren sich jedoch nicht die Mühe geben, einfach zu sein, Verständnis des Volkes zu erlangen. […] Meinetwegen gehe ich wieder als Gärtner arbeiten. Einzig traurig würde es mich nur machen, weil ich jetzt aufwache, Dinge zu sagen habe, die auch andre interessieren könnten, vielleicht ihnen einen Weg weisen könnten. […] Vielleicht sind wir am Ende – wir sogenannten Künstler – aber dennoch müssen wir unser Wort sagen, wenn es auch im Chaos, das die Welt wie Spinnweben überzieht, wie tote Fliegen zappeln mag. Aber was wollen Sie: Mit Kriminalromanen fangen wir an, um uns zu üben. Das Wichtige erscheint erst später. Herzliche Grüsse, auch an Frau Naef, von ihrem ergebenen Glauser.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 931/932.

Am Vorabend der geplanten Hochzeit brach Glauser unerwartet zusammen und starb 42-jährig in den ersten Stunden des 8. Dezember 1938. Friedrich Witz schrieb nach Glausers Tod: «Müssig ist es, sich auszumalen, was wir alles noch von Friedrich Glauser hätten erwarten dürfen, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen. Einen grossen Schweizer Roman wollte er schreiben, keinen Kriminalroman, eine Leistung wollte er vollbringen als Beweisstück dafür, dass er ein Meister war. Sein Wunsch blieb unerfüllt; wir aber sind bereit, gestützt auf all das, was er uns hinterlassen hat, ihm die Meisterschaft zuzuerkennen.»Friedrich Witz: Vorwort. In: Friedrich Glauser: Beichte in der Nacht und andere Erzählungen. Gute Schriften, Basel 1967, S. 5.

Ascona-Roman Inhalt mini|Studer ermittelt in Ascona: Wachtmeister Studers Ferien in der Ausgabe des Atlantis Verlages, 2022 Vom Ascona-Roman-Fragment haben sich acht Versionen im Nachlass erhalten, welche die ersten beiden Kapitel detailliert und druckreif beschreiben. Glauser variiert darin die Szenen der Kontaktaufnahme eines jungen Mannes mit Studer und dem Eintreffen bei einer alten Mühle, bei der eine Frauenleiche liegt. In der Werkausgabe des Limmat Verlages sind fünf Versionen abgedruckt, welche nachfolgend zusammengefasst werden. Die ausführlichste Inhaltsangabe bezieht sich auf Version III,Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 4: Gesprungenes Glas. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-206-5, S. 267–279. da diese in sich am schlüssigsten erscheint.

Version I Diese spielt im Jahre 1920 und Jakob Studer weilt mit seiner Frau im Tessin in den Ferien. Im 1. Kapitel, «Erste Begegnung», kommt der Ich-Erzähler (hier noch mit dem Namen Niklaus Schlatter) in die Pension «Mimosa» zu Studer und erzählt von einem Mord, bei dessen Aufklärung er um die Hilfe des Kommissärs bittet (da die Geschichte vor der Bankaffäre spielt, ist Studer noch nicht zum Wachtmeister degradiert worden). Im 2. Kapitel, «Erinnerung», springt die Geschichte vorwärts in das Jahr 1934 und Niklaus Schlatter erinnert sich an die Begegnung mit dem Kommissär. Er sinniert über alle Personen, welche damals in diesen Fall involviert waren. [Typoskript bricht mitten auf der Seite ab]