mini|Abb. 1: Tatsuzo Shimaoka (JAP), Gefäß mit Seilstruktur, 1979 Moderne Keramik (auch Studiokeramik) ist eine seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts übliche Bezeichnung für Keramikkunst als Teil der Bildenden Kunst, abgeleitet vom Begriff Moderne Kunst. Sie umfasst Objekte aus dem Werkstoff Keramik, die sich von der kunsthandwerklichen Tradition der Gebrauchsgegenstände und dekorativen figürlichen Darstellungen emanzipieren. Sie unterscheidet sich von historischer Keramikkunst und unterliegt ähnlichen Entwicklungen wie andere Sparten der modernen und zeitgenössischen Bildenden Kunst.
Vorgeschichte mini|Abb. 2: Bernard Leach (UK), Tasse, 1958 Die Herstellung von Gefäßen, Skulpturen und anderen Werkstücken aus keramischen Werkstoffen hat eine lange kulturgeschichtliche Entwicklung, die sich in einer bis ca. 6000 Jahre v. Chr. zurückreichenden Geschichte der Keramik in Vorderasien und Europa, sowie in einer sogar seit 11000 v. Chr. belegten Tradition in Japan widerspiegelt. Seit diesen Anfängen entwickelte sich die Erzeugung von Keramik zu einem spezialisierten Handwerk der Produktion von Gebrauchsgegenständen (etwa Aufbewahrungs-, Koch- und Essgeschirr), aber auch für die ästhetische Gestaltung des menschlichen Ambiente (etwa durch Dekoration von Wänden und Böden durch Keramikfliesen, die schon im Alten Orient nachweisbar ist). Die Töpferscheibe war eine schon früh entwickelte Technik der Modellierung. Auf dieser handwerklichen Basis ergaben sich seit der Antike kunsthandwerkliche Gestaltungen und stilistische Verfeinerungen. Hier seien nur beispielhaft die chinesischen Terrakotta-Armeen oder Chinesisches Porzellan, die griechische Vasenmalerei, das römische Keramik-Mosaik, die koreanische Seladon-Keramik, die Majolika- und Fayence-Techniken der europäischen Renaissance, die Delfter Keramiken und andere von chinesischem Porzellan inspirierte Techniken genannt.
Hier hat sich in der Gestaltung von keramischen Objekten eine vielfältige ästhetische Vertiefung und spezialisierte Formensprache entwickelt, die solchen Erzeugnissen – obwohl als Gebrauchskeramik und Zierkeramik geschaffen – im kunst- und kulturgeschichtlichen Rückblick den Charakter von Keramikkunst zuweist.
Geschichte „Moderner Keramik“ Die Entwicklung der Keramik in Europa ging dann von der kunsthandwerklichen Herstellung zunächst in Richtung industrieller Massenfertigung, um den wachsenden Bedarf an dekorativem Geschirr durch das Bürgertum zu decken. Nicht umsonst waren die ersten Vorläufer der Industrialisierung die im 18. Jahrhundert gegründeten Porzellanmanufakturen und Steinzeug-Fabriken. Stilistisch waren die dort gefertigten Produkte aber eher Kopien von traditionellen Formen und Dekorationen denn eigenständige Weiterentwicklungen und künstlerische Innovation.
Die als Einzelstücke in einem Atelier entstandene Keramik, im englischsprachigen Bereich hierfür auch zusammenfassend studio pottery (Studio-Töpferei),Vgl. den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia Studio pottery kommt erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den Einfluss vor allem ostasiatischer (chinesischer und japanischer) Keramik und in der Aufbruchsstimmung des Jugendstils zur Geltung. Vor allem die japanische Gefäßkeramik in ihrer freieren und abstrahierenden Formgebung, ihrem unkonventionellen Umgang mit dem Material Ton und den experimentellen Möglichkeiten der Glasurgestaltung (vgl. Abb. 1) inspirierten die Pioniere der modernen Kunstkeramik. Die Keramikerdynastie Massier im französischen Vallauris, wo heute noch eine Biennale für zeitgenössische Keramikkunst stattfindet, hatte daran erheblichen Anteil. Auch Pablo Picasso verbrachte einige Jahre seines Künstlerlebens (1948–1955) in Vallauris und schuf dort bedeutende Keramikskulpturen. In England war Bernard Leach – auch unter dem Einfluss japanischer Volkskunstkeramik – stilbildender Vorreiter (s. Abb. 2).
Im deutschen Sprachgebiet konnte sich nach der Jahrhundertwende die Moderne Keramik in Künstlergemeinschaften und Kunstschulen wie dem Werkbund oder dem Bauhaus weiterentwickeln. Hier bestand jedoch stets eine Spannung und Auseinandersetzung um die Frage, wie künstlerische Gestaltung und industrielle Techniken zu verbinden sind. So vertraten Walter Gropius (Bauhaus) und Hermann Muthesius (Werkbund) den Standpunkt, dass Künstler als Gestalter und Designer auftreten sollten, ihre Produkte dann aber in Serie gefertigt werden sollen, ähnlich wie bei der Gestaltung von Druckgraphik.
Aktuelle Situation mini|Abb. 4: Lucie Rie (UK), Thrown Jar (Krug) 1971 mini|Abb. 5: Maria Baumgartner (AUT), Houses 2010 mini|Abb. 6: Hans Josef Linnartz (BRD), Das Ding aus einer anderen Welt 2010 mini|Abb. 7: Antoine de Vinck (BEL): Atlas 1987
Grundlagen moderner Keramikkunst Während vorher moderne Keramikkunst in Werkstatt- und Meisterschulen wie dem Deutschen Werkbund oder dem Österreichischen Werkbund vermittelt wurde, wurde nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs Keramik als künstlerische Ausbildung in vielen Ländern Europas an den Akademien und Kunsthochschulen verankert, was dazu beitrug, dass eine wachsende Zahl von Keramikkünstler tätig wurden. So entstand in ganz Europa und auch weltweit eine bis heute zunehmende Zahl von Keramik-Ateliers, die das keramische Einzelstück in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellen. In Deutschland war dabei jene Künstlergruppe federführend, die die wichtige Biennale Form und Glasur (1969–2000) bestritt und gestaltete (darunter Volker Ellwanger,Infos Volker Ellwanger, abgefragt am 17. März 2016. Brigitte Schuller, Görge Hohlt,Infos Görge Hohlt, abgefragt am 17. März 2016. Beate Kuhn, KarlInfos Karl Scheid, abgefragt am 17. März 2016. und Ursula Scheid,Infos Ursula Scheid, abgefragt am 17. März 2016. sowie GeraldInfos Gerald Weigel, abgefragt am 17. März 2016. und Gotlind WeigelInfos Gotlind Weigel, abgefragt am 17. März 2016.). In Österreich trugen Künstler wie Robert Obsieger, Kurt Ohnsorg, Günter Praschak oder Franz Josef Altenburg wesentlich zur Etablierung der Modernen Keramik bei.
Die Formgebung der keramischen Objekte wurde und wird dabei immer freier. Als prototypisch für Moderne Keramik ist daher die Unikat-Keramik zu sehen, sei es als keramische Plastik (s. z. B. Abb. 3, 7), als Weiterentwicklung der Gefäßform (s. z. B. Abb. 4, 5, 8) oder als abstraktes Objekt (s. z. B. Abb. 6).
Moderne Keramik in Deutschland in der Nachkriegszeit bis 1990 Moderne Keramik ist keine von Gleichgesinnten getragene neue Stilrichtung, sondern entstand aus der Wertschätzung des Materials Ton als künstlerisches Gestaltungs- und Ausdrucksmittel. Im Feld der Moderne ist sie ein Gegenpol zum Grundsatz des Bauhauses „form follows function“ und die beachtliche Emanzipation vom Begriff der „angewandten Kunst“.Ingrid Vetter: Keramik in Deutschland – 1955–1990. Arnoldsche, Stuttgart, 1997, ISBN 3-925369-77-5.
Es ist das gleichzeitige Aufeinandertreffen einiger weniger auf der Suche nach einem neuen Weg neben dem traditionellen keramischen Handwerk. Walter Popp beginnt in den 1950er Jahren seine Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule Kassel im Fachbereich Keramik. Durch seine als interdisziplinär zu bezeichnende Lehre vermittelte er seinen Schülern, der später sogenannten Kasseler Schule für Keramik, die für die eigene Kreativität erforderliche geistige Haltung. Studierende aus den Bereichen der freien Kunst – z. B. Robert Sturm, Konrad Quillmann (Bildhauerei), Dieter Crumbiegel (Malerei), Antje Brüggemann-Breckwoldt und Reinhold Rieckmann (Grafik) – machen von Popp inspiriert das Material Ton zu einem spezifisch künstlerischen Ausdrucksmittel. Durch seine keramischen Montagen setzt Walter Popp die Gebrauchsfunktion des Gefäßes zugunsten des künstlerischen Ausdrucks außer Kraft.
Zur gleichen Zeit, 1961, hatte Jakob Wilhelm Hinder sich in Deidesheim niedergelassen und eröffnete dort eine Galerie für keramische Gebrauchsgegenstände und Objekte. Mit Lotte Reimers, seiner Mitarbeiterin seit 1952, baute er seine ständige Sammlung aus und gründete 1972 das „Museum für Moderne Keramik“. Hinder erkannte das außerordentlich Neue, unterstützte Popp und die Kasseler Studenten durch Ankäufe und Aufnahme dieser Arbeiten in seine Schau- und Vorbildsammlung, empfahl diese seinen Kunden, den neuen Sammlern Gottfried Cremer (Frechen), Ilse und Hermann T. Wolff (Hinang), um einige zu nennen. Damit schuf er eine – bescheidene – wirtschaftliche Existenz für die Künstler und gewann weitere Freunde für die „Moderne Keramik“.
Es entstanden neue Galerien: Hagenah (Bremen), Köster (Mönchengladbach), Böwig (Hannover), Vehring (Syke), Deisenroth (Fulda) u. a. Hinder publiziert in unregelmäßigen Abständen in der „Keramischen Zeitschrift“ über die von ihm vertretenen Keramiker und begründet so erste Versuche einer literarischen Aufarbeitung. 1971 veröffentlichten Hinder und Reimers das erste Kompendium „Moderne Keramik aus Deutschland“. Neben der Kasseler Schule für Keramik erweitert sich der Kreis um keramische Künstler, die über die handwerkliche Tradition hinaus ihr Werk in den künstlerischen Bereich einbringen: Ingeborg und Bruno Asshoff, Ursula und Karl Scheid, Signe Pistorius-Lehmann, Klaus Lehmann und Beate Kuhn, die ein spezifisch keramisch-skulpturales Werk schafft.
1969 verleiht die Gesellschaft der Keramikfreunde das erste Mal den Richard-Bampi-Preis. 1972 wurde der Preis der Frechener KulturstiftungKeramikpreis der Frechener Kulturstiftung etabliert, 1973 in Höhr-Grenzhausen erstmals der Westerwaldpreis für KeramikKeramikmuseum Höhr-Grenzhausen startet den Westerwaldpreis 2019, Pressemitteilung auf radio westerwald vom 28. September 2018. ausgelobt. 1976 gründet der Westerwaldkreis das Keramikmuseum Westerwald,Homepage Keramikmuseum Westerwald das neben historischer Keramik auch eine Sammlung Moderner Keramik enthält. In den 1980er-Jahren machen einige Künstler der Modernen Keramik nun selbst als Lehrer an Hochschulen die Tendenzen der modernen Keramik zu ihrer Lehrmeinung: Dieter Crumbiegel in Höhr-Grenzhausen und Krefeld, Johannes Gebhardt in Kiel, Fritz Vehring in Bremen.
Keramiksammlungen und Keramikmuseen Wichtig zur Etablierung Moderner Keramik im Kunstbetrieb war auch die Entwicklung privater und öffentlicher Sammlungen seit dem Zweiten Weltkrieg, und zwar insofern, als damals vermehrt durch private Mäzene und bestehende Keramikmuseen Werke der zeitgenössischen Keramikkunst angekauft und damit öffentlich sichtbar gemacht wurden. Inzwischen sind aber die meisten privaten Sammlungen in öffentlichen Besitz übergegangen. Zu nennen sind hier folgende Sammlungen und Museen: Die Sammlung des dt. Steinzeugproduzenten Gottfried Cremer, die seit 2002 im Keramikmuseum Keramion beheimatet ist. Die Sammlung der Paderborner Glas- und Keramikerzeuger Ingrid und Rudolf Welle,Ekkart Klinge: Keramik des 20. Jahrhunderts. Sammlung Welle. Dumont, Köln 1996, ISBN 3-7701-3859-7. die seit 2007 im Museum für Angewandte Kunst (Gera) zu sehen ist. Die Porzellan- und Keramiksammlung Rudolf Strasser,Niehoff, Franz (Hrsg.): Die Welt der Gefäße – Zeitgenössische Keramik – Sammlung Rudolf Strasser. Museen der Stadt. Landshut 2000, ISBN 3-924943-17-6. die 2003 von den Museen der Stadt Landshut erworben wurde. Die Keramiker Jakob Wilhelm Hinder und Lotte Reimers, die in Deidesheim eine Sammlung aufbauten und dort ein „Museum für moderne Keramik“ führten; diese Sammlung wurde 1993 vom Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz übernommen und wird seit 2005 als „Moderne Keramik des 20. Jahrhunderts“ in der Villa LudwigshöheInfos zur Sammlung Reimers, abgefragt am 23. März 2016. gezeigt. Der niederländische Japanologe Cornelis Ouwehand, dessen Sammlung Moderner Keramik tw. dem Museum Bellerive der Zürcher Hochschule der Künste gestiftet wurde. Das Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen (BRD) beherbergt eine Sammlung historischer und zeitgenössischer Keramik.