mini|Einzig verbliebenes Haus an der Skalitzer Straße Der Block 104 bezeichnet ein städtisches Gebäude-Ensemble in Berlin, in Kreuzberg (SO 36), das ursprünglich aus Altbauten zu Wohn- und Gewerbezwecken bestand. Der Block 104 wurde ab 1977 bis Mai 1981 im Rahmen der Flächensanierung zu zwei Dritteln abgerissen und sollte vollständig mit Neubauten versehen werden. Diese Planung wurde letztlich durch die Anwohner der umliegenden Blöcke im Zusammenhang mit dem taktischen Geschick der „IBA-Altbau“ 1983 verhindert und war ab 1980 schon durch das besetzte Haus Oranienstraße 198 am Heinrichplatz blockiert.

Der Block 104 stand danach mit dem benachbarten Block 103 im Brennpunkt der Behutsamen Stadterneuerung in Berlin und markiert das Ende der Flächensanierung.

Das alternative Konzept einer Begrünung der durch den Abriss entstandenen Freiflächen wurde ab 1990 realisiert. Der Park befindet sich in der Skalitzer Straße in der Nähe der U-Hochbahnstation Görlitzer Bahnhof.

Lage Der Block 104 wird begrenzt von der Kreuzung Skalitzer Straße mit der Mariannenstraße nach Norden zur Kreuzung mit der Oranienstraße am Rio-Reiser-Platz (früher Heinrichplatz). Oranienstraße und Skalitzer Straße bilden nach Osten zur U-Hochbahnstation Görlitzer Bahnhof einen spitzen Winkel, der als „Blockspitze“ bezeichnet wird.

Die alten Stadtteile Berlins sind in ihren Grundrissen traditionell in Blöcke geteilt. In der Zeit der Gründerjahre wurden die neu entstehenden oder erweiterten Stadtviertel in diesen Blockstrukturen geplant, nummeriert und errichtet. Die Nummerierung erfolgte nicht planmäßig in der Fläche, sondern nach der Reihenfolge der Bebauung. Da sie fast gleichzeitig erstellt wurden, schließt nördlich der Oranienstraße zwischen Mariannenstraße, Manteuffelstraße und Naunynstraße der Block 103 an.

Geschichte des Block 104 mini|Plan 1789. Der Südwesten wird zur Luisenstadt / Kreuzberg

Ursprüngliche Lage Das Gelände im Südosten Berlins, direkt außerhalb der Stadtmauern, war um 1750 unregelmäßig bis auf die Höhe des heutigen Moritzplatz bebaut und wurde „Cöpenicker Vorstadt“ genannt. Das sich daran anschließende „Cöpenicker Feld“ zog sich ab dem noch mauerbewehrten Stadtkern nördlich entlang der Spree (der Köpenicker Straße) zum Schlesischen Tor hin und wurde südlich umrandet von der Akzisemauer („Zollmauer“), die sich von dort entlang der Trasse der heutigen Hochbahn U1 zum Halleschen Tor zog. Das Gebiet wurde später Luisenstadt benannt und war kleiner als das heutige Kreuzberg SO 36, doch zählte noch ein Teil des östlichen, heutigen Kreuzberg 61 dazu. Nachdem die Planung für das Cöpenicker Feld lange nicht vorankam, wurden auf dem „Schmid-Plan“ von 1825 erstmals auch Straßenzüge festgelegt und hier ist das Dreieck des späteren Block 104 zu erkennen.

Stadterweiterung im Süden Berlins Bereits „1812 erging durch den Innenminister Sack eine Verfügung an den Polizeipräsidenten LeCoq, einen Bebauungsentwurf für das Köpenicker Feld aufzustellen.“ Offenkundig geschah vorerst jedoch nichts.

„Die Beschäftigung mit dieser Stadterweiterung nach Süden bis zur Akzise und zum Landwehrgraben reicht bis ins Jahr 1820 zurück, als man begann, Stadterweiterung für die rapide wachsende Bevölkerung vorzusehen.“Florian von Buttlar, Stefanie Endlich: Lenné im Hinterhof. Die Geschichte eines Berliner Häuserblocks. Hrsg.: Deutscher Werkbund Berlin e. V. in Zusammenarbeit mit der S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH, Transit Buchverlag, Berlin 1989, S. 14. Die Beschreibungen stützen sich zum größten Teil auf diesen Band. Vergleichbare Literatur zum Thema ist nicht bekannt. Eine Vielfalt von Berichten ab den 1970er Jahren findet sich in Lokalzeitungen, zum Beispiel dem monatlichen Südost-Express.

„Der Widerstand gegen die Bebauung war beträchtlich, denn dieses Gebiet […] stellte die größte, zur Stadt gehörige Agrarfläche dar.“Butlar/Endlich, S. 12.

Eine erste Planung von August Ferdinand Mandel wurde im Auftrag des (preußischen) Handelsministers von Bülow zwei Jahre später von Johann Carl Schmid (1825) überarbeitet und 1826 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. verabschiedet. Der Plan orientierte sich aus Kostengründen (Entschädigungen) an bestehenden Feldgrenzen, doch entscheidende Voraussetzung blieb das „Herauslösen der Felder aus der alten Agrarordnung. Dieser Prozeß dauerte von 1820 bis nach 1845, da die Landbesitzer das ökonomische Potential ihres Bodens als Bauland noch nicht einzuschätzen wußten und daher Widerstand anmeldeten.“Butlar/Endlich, S. 15.

Der König als Planer Währenddessen schaltete sich der Kronprinz Friedrich Wilhelm mit einem völlig anderen Ansatz ein, „indem er eine großzügige Gartenstadt mit Villenbebauung und Schmuckvierteln, Boulevards, Wasserläufen, Erholungsgebieten für die Bevölkerung und großen intakten Agrarflächen vorsah.“Butlar/Endlich, S. 15.

Nach seinem Regierungsantritt 1840 als Friedrich Wilhelm IV. beauftragte der königliche Neuplaner den Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné mit der weiteren Bearbeitung seiner Vorstellungen für die hier zu begründende „Luisenstadt“. Der neue König hatte auch die Öffentlichkeit überraschend Lenné als „Chef-Stadtplaner“ Berlins in der Nachfolge von Karl Friedrich Schinkel berufen.

Nun entstand durch Lenné 1843 ein differenzierter Grundriss zur Bebauung – als „villenartiger Vorortbereich mit Naherholungscharakter“.Butlar/Endlich, S. 16.

Der Polizeipräsident als Bauherr Die beiden großzügigen Visionäre – der König und sein Planer – hatten jedoch zum einen nicht die Erfordernisse der Zeit bedacht, die sich aus der Massenzuwanderung der (Land-)Bevölkerung im Zuge der beginnenden Industrialisierung ergaben, zum andern nicht den Umstand, dass „die Preußische Städteordnung des Freiherrn von Stein […] an Berlin spurlos vorübergegangen war. Berlin kam nicht in den Genuß der Selbstverwaltung, weil es Hohenzollernresidenz war; und die Residenzen waren von der Selbstverwaltung ausgeschlossen. In allen anderen Städten unterstand die Polizei dem Magistrat. In Berlin gab es eine Staatspolizei, die dem Magistrat übergeordnet war […] und somit (war) der Polizeipräsident der oberste Bauherr. Das vornehme Wesen [der Neuplaner] trieb der Berliner Polizeipräsident […] sehr schnell aus, indem er grundsätzlich Hinterhäuser und Seitenflügel befahl. […] Fünfeinhalb Meter im Quadrat mußte der Hof groß sein,Das Maß ergab sich aus dem Wendekreis einer damaligen Feuerwehrspritze, entsprechend breit mussten auch die Tore zu den Höfen sein. aber die Häuser durften sich über zwanzig Meter hoch erheben.“Walter Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. Biederstein Verlag, München / Berlin 1958, S. 84 ff.

mini|Tempo der Gründerjahre, Bauarbeiten in der Grenadierstraße (heute: Almstadtstraße), um 1875 So kam es zur Eigenart eines hochherrschaftlichen Grundrisses in der Luisenstadt mit der Bebauungsausführung einer „Polizeiarchitektur“. Kommentar Walter Kiaulehn: „Für das Volk der neuen Weltstadt bauten nur noch die Maurermeister. Sie vollzogen den Befehl des Polizeipräsidenten, die größte Mietskasernenstadt der Welt zu errichten.“Walter Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. Biederstein Verlag, München / Berlin 1958, S. 87.

Nach der Polizeiordnung von 1853 „setzte dann auch die Bautätigkeit rasant ein.“ Es folgte eine weitere, „viel restriktivere Bauordnung“ (1887), nochmals verschärft 1897 – mit der Absicht und Wirkung, immer mehr Menschen auf derselben Bodenfläche unterbringen zu können. Und „die spekulativen Möglichkeiten hinsichtlich Dichte, Grundstücksausnutzung und Stockwerkszahl“Butlar/Endlich, S. 18. wurden dabei intensiv genutzt.Ein Irrtum ist es, wenn Butlar/Endlich die „profitablen Bedingungen“ als Folge des „Einfluß der Bauunternehmer auf den Magistrat“ (S. 20) deuten – alle Bedingungen bis ins Detail diktierte der Polizeipräsident. Der Magistrat hatte sich vergeblich gegen diese Planungsweise gewandt. Auch die in späteren Zeiten doch großzügig erscheinende Raumhöhe in den Altbau-Etagen war Folge der Vorschriften aufgrund der Emissionen der mit Petroleum betriebenen Innenbeleuchtung.

1861 (berichtigt 1865) brachte schließlich der Hobrecht-Plan die neuen Realitäten aufs Papier. 1867 wurde die Akzise-Mauer abgerissen und das Gelände bis zum „Landwehrgraben“ mit einbezogen – dort stand bereits der 1866 auf freiem Feld errichtete Görlitzer Bahnhof.

„In den späten achtziger Jahren ist der Blockrand [des Blocks 104] geschlossen bebaut. […] Erst der Straube-Plan von 1902-1910 zeigt die maximale Verdichtung des Blocks: mit Seitenflügeln, Quergebäuden, Remisen, Stockwerksfabriken.“Florian von Buttlar, Stefanie Endlich: Lenné im Hinterhof, S. 21.

Block 104 im 20. Jahrhundert Vermutlich durch die Bauintensivierung durch die Polizeiordnungen ab 1877 und die dadurch doch allmählich erstickte Großzügigkeit der ursprünglichen Grundriss-Planung mit Boulevards und Freiflächen …

Bis 1890 wurde das Gebiet an die Wasser- und Gasversorgung angeschlossen, 1894 fuhren durch die Oranienstraße zwei Linien der Pferdebahn, später mehrere Linien der Straßenbahn. Ab 1896 wird die Hochbahntrasse zwischen Warschauer Brücke und dem Bahnhof Berlin Zoologischer Garten gebaut – 1902 der östliche Teil in Betrieb genommen.

Lebenswelten In den Erinnerungen der Bewohner – wie von Butlar/Endlich aufgezeichnet – stehen neben den beengten Umständen auch „soziale Überschaubarkeit und intensive Nachbarschaftsbeziehungen […] des Blockinnenlebens, während hektischer Verkehr, eine Vielfalt von Läden, Restaurants und Lokalen, »feinere« Vorderhauswohnungen und -fassaden Stadtbild und Atmosphäre am Heinrichplatz und entlang der sich dort kreuzenden traditionsreichen Straßen bestimmen.“Butlar/Endlich, S. 24. Die Oranienstraße gilt als der „Kudamm der Luisenstadt“. 1928/29 setzte die Elektrifizierung ein.

Die Erinnerungen sind belebt durch die Kinder-Zeit: „Wilde Cliquen“ (zumeist Jungs, aber auch ein paar Mädels), spielten, tobten und prügelten sich nach Blockzugehörigkeit, später prügelten sich KPD, SPD und NSDAP, bis schließlich die Nazis ab 1933 den Widerstand ihrer Gegner erstickten und die Gewalt sich auf die jüdischen Mitbewohner konzentrierte.

Das jüdische Leben war im und um den Block 104 entwickelt wie überall in Berlin, die Schicksale und Ereignisse waren ähnlich – „die jüdischen Bürger aus dem Block und dem Quartier erlebten die Nachkriegs-Jahre nicht. Sie emigrierten früh oder wurden deportiert und umgebracht. […] Die Entfernung von Bauakten-Vorgängen aus diesem Zeitabschnitt […] legt die Vermutung nahe, daß […] interessierte Kreise nach dem Krieg versuchten, belastende Vorgänge komplett zu beseitigen.“Florian Butlar, /Stefanie Endlich: Lenné im Hinterhof, S. 42 ff.

In vielen Aspekten „ein typischer Block“: er „hat genau die soziale und bauliche Mischung aus Wohnen und Gewerbe herausgebildet, wie sie unter dem Namen »Kreuzberger Mischung« bis heute bekannt ist.“Butlar/Endlich, S. 21.

Im Fazit lässt sich ebenfalls feststellen, dass die Ausgangsposition mit der Grundriss-Planung als ‚Villenviertel‘ und der Realisierung als Mietskasernenstadt zu einer eigenartigen Mischung von ‚herrschaftlicher Weitläufigkeit‘ und Enge führte, die trotz aller Umstände von damals bis heute zu einer hohen Identifikation der Bewohner mit ihren ‚Kiezen‘ oder Blöcken führte.

mini|Oranienstraße 1945

Zweiter Weltkrieg Die Gebäudeschäden durch die Bombardierungen Berlins blieben westlich des Kottbusser Tor relativ gering – auch da sich die von hohem Artillerie-Einsatz begleiteten Kämpfe in der Schlacht um Berlin auf den Görlitzer Bahnhof konzentriert hatten und dabei die umliegenden Stadtbereiche weitgehend verschont blieben. Die Sowjettruppen hatten das Viertel auf ihrem Weg ins Zentrum Berlins rasch durchquert.