Die sogenannte Hattie-Studie bezeichnet eine vom neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie erstellte Studie zum Themenfeld „Schulunterricht“, die international Beachtung gefunden hat. Die besagte Studie beinhaltet eine Zusammenführung der Ergebnisse von über 800 Metaanalysen, welche in der Zeit vor ihrer Veröffentlichung aus schulischen Lernstandserhebungen gewonnen wurden, die Hattie im Jahre 2009 in seinem Buch Visible Learning der Fachwelt schließlich präsentierte. Er stellte Einflussfaktoren auf Schülerleistungen zusammen und legte dar, dass es weiterhin stark auf die Lehrperson ankomme, ob Schüler in der Schule erfolgreich sind.

Rezeption im deutschsprachigen Raum und Übersetzung ins Deutsche Die Erkenntnisse werden bundesweit in den Fortbildungseinrichtungen der Bildungsministerien rezipiert, so z. B. im hessischen Amt für Lehrerbildung.Amt für Lehrerbildung (Hrsg.): Bildung bewegt. Nr. 13, Juni 2011 ( PDF; 3,23 MB) Bildungsminister Mathias Brodkorb kündigte im Oktober 2014 an, allen Lehrern in Mecklenburg-Vorpommern eine von Klaus Zierer im Auftrag des Schweriner Bildungsministeriums verfasste Kurzfassung der Hattie-Studie zukommen zu lassen.welt.de Diese erschien unter dem Titel Hattie für gestresste Lehrer und ist mittlerweile auch als eigenständige Publikation erhältlich.Vergleiche den Nachweis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Intensiver haben sich mit der Hattie-Studie Inez De Florio-HansenInez De Florio-Hansen: Lernwirksamer Unterricht. Eine praxisorientierte Anleitung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (BG), Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-26379-0, S. 28–37. und Olaf KöllerVgl. Olaf Köller: „What works best in school? Hatties Befunde zu Effekten von Schul- und Unterrichtsvariablen auf Schulleistungen“. In: Ewald Terhart (Hrsg.): Die Hattie-Studie in der Diskussion. Klett/Kallmeyer, Seelze 2. Auflage 2014, ISBN 978-3-7800-4804-2, S. 24–37. auseinandergesetzt. Auch der Pädagoge Ewald Terhart hat sich damit befasst.Ewald Terhart: Der Heilige Gral der Schul- und Unterrichtsforschung – Gefunden? : Eine Auseinandersetzung mit ‚Visible Learning‘. In: ders. (Hrsg.): Die Hattie-Studie in der Diskussion: Probleme sichtbar machen. (= Bildung kontrovers) 2. Aufl., Klett/Kallmeyer, Seelze 2014, ISBN 978-3-7800-4804-2, S. 10–23. Die Studie wurde auch von führenden deutschen Pädagogen der empirischen Richtung wie Eckhard Klieme und Andreas Helmke zur Kenntnis genommen.Birgit Schütze, Katrin Rakoczy, Eckhard Klieme, Michael Besser, Dominik Leiss: Training effects on teachers' feedback practice: The mediating function of feedback knowledge and the moderating role of self-efficacy. In: ZDM – Zentralblatt für Didaktik der Mathematik: the international journal on mathematics education. () Bd. 49, H. 3 (2017), S. 475–489.Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität: Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. 6. aktualis. Aufl., Klett/Kallmeyer, Seelze-Verlber 2015, ISBN 978-3-7800-1009-4, S. 282 f.

Im April 2013 erschien die deutschsprachige Ausgabe von Visible Learning unter dem Titel Lernen sichtbar machen und im Januar 2014 erschien die deutschsprachige Ausgabe von Visible Learning for Teachers unter dem Titel Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Die Übersetzung besorgte Klaus Zierer zusammen mit Wolfgang Beywl.

In seinen jüngsten Arbeiten widmet Hattie sich verstärkt der Frage, wie das Denken von Lehrpersonen Einfluss auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern hat. So setzte sich die jährlich stattfindende Visible Learning Conference mit diesem Thema auseinander und 2017 erschien dazu in Zusammenarbeit mit Klaus Zierer Ten Mindframes for Visible Learning: Teaching for success, das bereits 2016 auf Deutsch unter dem Titel Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis erschienen ist.

Kritik Inez De Florio-Hansen kritisiert, dass Hattie sich bewusst auf messbare kognitive Faktoren beschränkt, d. h. nicht messbare affektive sowie soziale Aspekte unberücksichtigt lässt und keine Gewichtung der ermittelten 138 Faktoren vornimmt.Inez De Florio-Hansen: Lernwirksamer Unterricht. Eine praxisorientierte Anleitung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (BG), Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-26379-0, S. 28. So geht der Faktor „Geburtsgewicht“ in gleicher Weise in die Auflistung ein wie „herausfordernde Ziele“ oder „kooperatives Lernen“. Hattie weist darauf hin, dass affektive und soziale Aspekte sogar wichtiger sein können als die von ihm angeführten Faktoren, erstere jedoch nicht in seinem Blickfeld liegen (so in Visible learning. London, New York 2009).Inez De Florio-Hansen: Lernwirksamer Unterricht. Eine praxisorientierte Anleitung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (BG), Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-26379-0, S. 29–37. Andreas Helmke steht dem geäußerten Vorwurf ablehnend gegenüber und gibt zu bedenken, dass eine Hinzuziehung schwer messbarer weiterer Bildungsziele (bspw. „Hilfsbereitschaft, Empathie, Mitleid, Teamfähigkeit“ usf.) zwar für künftige Unterrichtsforschungen zu begrüßen wäre, dies allerdings mit einem beträchtlichen Mehraufwand einhergehe. Hattie selbst habe sich mit jener Problematik zudem wiederholt in seinem Werk auseinandergesetzt.Vgl. Andreas Helmke: Interview mit Prof. Dr. Andreas Helmke zur Hattie-Studie (16. Oktober 2017). In: Lehren und Lernen. Zeitschrift für Schule und Innovation aus Baden-Württemberg. Hattie-Studie. Vorabdruck der Ausgabe 7/2013, 39. Jahrgang. S. 13. Im Jahre 2014 machten Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach anhand von Stichproben auf sachliche, methodische und statistische Fehler in der Hattie-Studie aufmerksam.Rolf Schulmeister, Jörn Loviscach: Fehler in John Hatties „sichtbarem Lernen“, abgerufen am 23. März 2019.

Benedikt Wisniewski bemängelte bis zur 2. Auflage seines Buches „Psychologie für die Lehrerbildung“, dass die Rezeption der Hattie-Metaanalyse derzeit durch starke Vereinfachungen sowie unzureichende forschungsmethodische Kenntnisse konkurrierender Bildungsforscher geprägt sei.Vgl. Benedikt Wisniewski: Psychologie für die Lehrerbildung. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2. Auflage 2016, S. 256 In der 3. Auflage ist dieser Kritikpunkt jedoch nicht mehr enthalten. In einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2022 bezeichnet Wisniewski die Hattie-Studie als "Meilenstein der empirischen Bildungsforschung", kritisiert aber zugleich methodische Aspekte, in erster Linie den Vergleich von Effektstärken unterschiedlicher Faktoren, die keine gemeinsame Vergleichsbasis haben. Zudem bezeichnet er die Hattie-Studie als "Rorschachtest der Bildungsforschung". Damit bezieht er sich auf das Phänomen, dass die Studie in vielen Fällen verwendet wird, um bestehende Vorannahmen zu bestätigen, anstatt diese kritisch zu hinterfragen oder neue Perspektiven zu eröffnen. Wisniewski hebt hervor, dass die Hattie-Studie zwar eine enorme Wirkung auf bildungspolitische und schulpraktische Diskussionen entfaltet habe, ihre Ergebnisse jedoch häufig selektiv und verzerrt rezipiert würden. So werde sie weniger als Instrument zur Förderung wissenschaftlich fundierter Reflexion genutzt, sondern vielmehr als Legitimationsgrundlage für bereits vorhandene Überzeugungen und Reformideen.

Olaf Köller weist darauf hin, dass Hatties Buch „Visible Learning“ ein vielgestaltiges Echo hervorrief; so habe man es von Seiten der Bildungsforschung einerseits zur Bestätigung eigener Ansichten herangezogen, andererseits aber auch auf Grund vorgefundener Defizite als unbrauchbar abgelehnt. Demgegenüber gibt Köller zu bedenken, dass Hatties Aussagen zur Unterrichtswirksamkeit von unabhängigen „Primärstudien“ und „überblicksartigen Sammlungen von Forschungsergebnissen“ in der Regel geteilt werden.Vgl. Olaf Köller: „What works best in school? Hatties Befunde zu Effekten von Schul- und Unterrichtsvariablen auf Schulleistungen“. In: Die Hattie-Studie in der Diskussion. Klett/Kallmeyer, Seelze 2. Auflage 2014, ISBN 978-3-7800-4804-2. S. 24 f. Hattie merkt selbstkritisch an, dass im Falle von Meta-Analysen die Gefahr bestehe, Wirkungszusammenhänge abzuleiten und diese nicht ausreichend zu erklären, weshalb er in seinem Buch verstärkt die Entwicklung einer evidenzbasierten Erklärung beabsichtige: „Meine Aufgabe sehe ich darin, eine Folge von Thesen mit hohem Erklärungswert vorzustellen, die viele (anfechtbare) Vermutungen enthalten.“John Hattie: Lernen sichtbar machen. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2015, ISBN 978-3-8340-1450-4. S. 279 f.

Literatur Primärliteratur:

John Hattie, Klaus Zierer: Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1650-8.

Sekundärliteratur: Ewald Terhart (Hrsg.): Die Hattie-Studie in der Diskussion: Probleme sichtbar machen. (= Bildung kontrovers) 2. Aufl., Klett/Kallmeyer, Seelze 2014, ISBN 978-3-7800-4804-2.

Weblinks Visible Learning plus, privates Institut von John Hattie

Einzelnachweise

Kategorie:Forschungsprojekt Kategorie:Schul- und Hochschulleistungsstudien