Ernst August Robert Max Gerstenhauer (geb. 30. September 1873 in Barchfeld an der Ilm; gest. 18. August 1940 in Weimar) war ein deutscher Gutsbesitzer, völkischer Politiker, Kirchenpolitiker im Vorfeld der DC, Parteivorsitzender der Wirtschaftspartei und als Rassentheoretiker ein Vorkämpfer für die Nationalsozialistische Rassenhygiene; beruflich war er Beamter, von 1936 bis 1938 Ministerialdirektor beim Innenministerium im Land Thüringen. Er war Mitglied der NSDAP seit 1931.
Beruflicher Werdegang Gerstenhauer war Sohn eines Gutsbesitzers. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Heidelberg, Berlin, Halle und Jena. Während seines Studiums in Jena wurde er 1895/96 Mitglied der Turnerschaft Salia Jena.Rud. Apfelstedt: Geschichte der Turnerschaft Salia zu Jena. 1912, S. 145. Er gehörte auch den Turnerschaften Ghibellinia Heidelberg und Rhenania Berlin an.Max Robert Gerstenhauer: Der völkische Gedanke in Vergangenheit und Zukunft. Aus der Geschichte der völkischen Bewegung. Armanen, Leipzig 1933.
1902 wurde er stellvertretender Landrat in Meiningen und im Juli 1903 zum Kreisassistenten des Regierungsrates im Staatsministerium befördert. 1912 folgte die Ernennung zum Geheimen Regierungsrat und im Ersten Weltkrieg der Einsatz an der Westfront, im Rang eines Hauptmanns, anfangs als Brigadeadjutant und danach in der Zivilverwaltung des Generalgouvernements Belgien. 1916 wurde Gerstenhauer als Geheimrat zum Oberverwaltungsgericht in Jena versetzt. Ab November 1924 war er in Weimar als Ministerialrat im Thüringischen Ministerium für Inneres und Wirtschaft tätig. 1934 wurde er Ministerialdirigent im Innenministerium und später Ministerialdirektor und Abteilungsleiter im Justizministerium. 1938 trat Gerstenhauer in den Ruhestand. Im November 1938 übernahm er jedoch die Leitung der deutschen Schriftgutkommission in Prag.Gregor Hufenreuter: Gerstenhauer, Max Robert. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 2: Personen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 280 f.
Leben und Werk Gerstenhauer lehnte die kleindeutsche Lösung, die Bismarck herbeigeführt hatte, heftig ab; im Zuge dieser Orientierung kam er Paul de Lagarde näher, er betrachtete ihn als seinen „geistigen Führer“Gerstenhauer, Der völkische Gedanke in Vergangenheit und Zukunft. Aus der Geschichte der völkischen Bewegung. Armanen-Verlag, Leipzig 1933, S. 11.. Danach wurden der Alldeutsche Verband, ein Deutschvölkischer Kolonialverein des Curt von FrançoisVereinsname bis 1907, danach: Deutschnationaler Kolonialverein, die Deutsche Kolonialgesellschaft und der Deutschbund ihm zur politischen Heimat. Den Antisemitismus Friedrich Langes radikalisierte er mittels der Rassentheorien von Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain.
Im Deutschbund trafen sich vor 1914 die entschiedensten Kämpfer der Völkischen überhaupt, mit weitreichendem Einfluss auf ähnliche Gruppierungenvgl. Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse, Religion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG, Darmstadt 2001, S. 14..
Gerstenhauer versuchte, auf die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg im alldeutschen Sinn Einfluss zu nehmen, insbesondere setzte er sich für die dauerhafte Einverleibung flämischsprachiger Gebiete Belgiens ins Reich einHerbert van Uffelen: Moderne niederländische Literatur im deutschen Sprachraum 1830–1990. Lit, Münster 1993, ISBN 3-89473-741-7, S. 218 mit Anm. 26.. Im Generalgouvernement Belgien, welches die Einverleibung vorbereitete, war er seit 1915 als „Flamensachverständiger“ in der Zivilverwaltung in Brüssel tätig.
Nach 1918 wurde Gerstenhauer zum Anhänger des völkischen Antisemiten Adolf Bartels. Gemeinsam machten sie den Deutschbund
Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund sah Gerstenhauer nach 1918 als Mitglied. Im Deutschbund schob Gerstenhauer den Vorsitzenden Paul Langhans als „Bundeswart“ auf einen unbedeutenden Ehrenposten ab und schuf für sich selbst 1921 den Machtposten des „Bundesgroßmeisters“,seit 1929 „auf Lebenszeit“. den er bis zu seinem Tod besetzte. Er wollte den Bund unter den zahllosen völkischen Verbänden der Nachkriegszeit zur führenden Kraft machen. In ideologischer Hinsicht beanspruchte Gerstenhauer die „geistige Führung“Gerstenhauer: Bericht des Bruders Großmeister Gerstenhauer, in Deutschbund-Blätter 6/7, 1925, S. 38.. Die zersplitterten Völkischen sollten durch ihn zu einer kraftvollen, zielstrebigen „Zweckgemeinschaft“ zusammengefasst werden.vgl. Stefan Breuer, Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik. WBG, Darmstadt 2008, S. 164ff.
Sein Ziel war es, einen „germanischen Bauernadel“ als neue Elite heranzuziehen. Diese Leute sollten kein „Wissensallerlei“ beherrschen und nicht der Zivilisation verfallen. Im Gegenteil waren die Jungen und Männer wehrhaft zu machen durch Reiten, Schwimmen, Geländespiele und Schießsport.Gerstenhauer, Die völkisch-religiöse Bewegung, in Zeitschrift „Deutsche Bauernhochschule“, 5, 1925. Gerstenhauer nannte sich ab 1925 „Reichsherr“ einer „Bauernhochschulbewegung“ mit ebendiesen Zielen; auch die Bezeichnung „Schirmherr“ von Bauernhochschulen ist über ihn in diesem Kontext überliefert.
Weiterhin war Gerstenhauer tätig in einem sog. „Kulturausschuss“ des Stahlhelms und im Reichslandbund, Beirat in einem „Bund für germanische Siedlung“ und Mitgründer eines „Germanischen Tages“.
Aber mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten (NS) mussten die Völkischen allmählich zurückstecken. Deshalb orientiert Gerstenhauer sich ab 1928 zunehmend am Nationalsozialismus, besonders in seiner regionalen thüringischen Ausprägung. Das Vehikel, welches ihm dazu diente, war die evangelische Kirche. Er betrieb ihre Neuausrichtung in Richtung Deutschchristentumdie spätere organisatorische Form bildeten die „Deutsche Christen“.. Damit verschärfte er zugleich seinen völkischen Antisemitismus zum NS-Rassismus. Den schleichenden Übergang vom Deutschbund zur „Deutschchristlichen Arbeitsgemeinschaft“ markiert die Wahl Gerstenhauers zum Leiter der letzteren 1925Eduard Petri: Deutschchristliche Tagung in Weißenfels. Deutschbund-Blätter 10/11, 1925, S. 67.; im Jahr 1929 wurde die Deutschchristliche Arbeitsgemeinschaft auch organisatorisch dem Deutschbund angeschlossen, was intern umstritten war.
Wie Adolf Bartels wollte Gerstenhauer, als „praktisches Beispiel völkischen Kampfes“, die evangelischen Landeskirchen, zuerst die Thüringer Evangelische Kirche, zu Bastionen der „Deutschen Christen“ machen. Hier sollte das Volk „artgerecht“ erzogen werden, ebenso wie in den verschiedenen Jugendbünden, in Hoch- und Volkshochschulen.
Zum Ende seiner Beamtenlaufbahn war Gerstenhauer ab 1939 noch mit dem Raub von Archivalien in Prag befasst, nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei. Eine deutsche „Verwaltungsschriftgutkommission und Urkundenbeschaffungsstelle Prag“ sah ihn als Leiter, zwecks Überführung wichtiger Dokumente ins NS-ReichsarchivLfd. Nr. 826, 827; zum korrekten Titel der Räuberbande Bundesarchiv R 2 / 12355.. An der von den Besatzern geführten „Deutschen Karls-Universität in Prag“ hielt er 1940 Vorträge über NS-Rassentheorien sowie über die deutsche Kolonialpolitik, deren Wiedererrichtung er erhoffte.
Als Kirchenpolitiker Der Thüringische Landeskirchentag war das „Parlament“ der Landeskirche. Innerhalb des Landeskirchentags bildete Gerstenhauer eine DC-Fraktion „Bund für deutsche Kirche“ mit nur 3 Mitgliedern, die 1929 und 1930 immer stärker die Themen des Gremiums bestimmte und ihre Auffassung in seinen öffentlichen Erklärungen unterbrachte, womit sich die Kirche deutlich gegen die meist SPD-geführte Landesregierung profilierte.
Durch seinen Lobbyismus in der Kirche wurde Gerstenhauer als Landespolitiker wahrgenommen. In der nationalsozialistisch dominiertendie NSDAP hatte die zentralen Ministerien für Inneres, damit die gesamte Verwaltung des Landes und die Polizei, und für Volksbildung besetzt. Baum-Frick-Regierung. Gerstenhauer, als Landtags-Mitglied seit 1924, war für die Bildung der Koalitionsregierung an entscheidender Stelle verantwortlich. Er sorgte als Landesvorsitzender der Wirtschaftspartei, WP, dafür, dass die WP mit ihren 6 Abgeordneten in die Koalition eintrat und ihr damit zur Mehrheit im Landtag verhalf. Gerstenhauer war in der Landesregierung ein „eifriger Parteigänger Wilhelm Fricks“O. N.: Krise bei der Wirtschaftspartei. In: Kölnische Zeitung, 18. Oktober 1930.. Dieser Linie entsprechend erließ Frick eine „Gebetsvorlage“ für alle Schulen, durch die deutsch-christliche Gebete verpflichtend wurden; Gerstenhauer als Staatsrechtler verteidigte dieses Bündnis Staat-DC vor dem Staatsgerichtshof des Landes, als es zur Klage kam. Zwar verlor er den Prozess, aber die pro-faschistischen Kräfte hatten dadurch im Bürgertum an Bekanntheit und Ansehen gewonnen, indem Gerstenhauers Leute sich „als die eigentlichen Hüter der christlichen Religion und der kirchlichen Sitte“ darstellen konntennach Georg Witzmann (Deutsche Volkspartei): Thüringen von 1918–1933. Erinnerungen eines Politikers. Hain, Meisenheim 1956.. Der Einfluss der DC in der Landeskirche stieg an, sie war seitdem eine der am stärksten DC-orientierten Landeskirchen. Im März 1933 wurde die relativ demokratische Verfassung des Landeskirchentags ganz außer Kraft gesetzt; den Antrag dazu stellte Gerstenhauer als Präsident des GremiumsBeate Schreier, Untersuchungen zur Kirchengeschichte Thüringens 1918–1933. Diss. theol. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1985, Bd. 2, S. 157f. Nicht im Handel.. Einen Monat später verschärfte er seine Kirchenpolitik:
Rassistische Radikalisierung Zunächst befasste Gerstenhauer sich mit den Buren Südafrikas. Sie seien „Deutsche im Blute“d. h. von der Abstammung her. Das zusätzliche End-e, wie durchgängig in NS-affiner Literatur, im Original. Quelle: Der Kampf der Buren gegen England. Ein Kampf ums Deutschtum. Alldeutsche Blätter, 6, 1896, S. 151f., es gäbe eine deutsch-burische Volksgemeinschaft.Vgl. Der Kampf der Buren gegen England. Ein Kampf ums Deutschtum. Alldeutsche Blätter, 6, 1896, S. 166. Noch am Lebensende lobte Gerstenhauer den weißen Rassismus am Kap, siehe sein letztes Werk von 1940. Später, bis 1901, nannte er die Burenstaaten gerne „Niederdeutsch-Afrika“.
Bezogen auf Europa, entwickelte Gerstenhauer 1913 für den Deutschbund einen „Arbeitsplan“ zur Rassenhygiene im völkischen Sinn verfasstEin Zitat daraus (Auszug) sowie Literatur, die zum vollständigen Dokument führt, im Lemma Deutschbund.. Gerstenhauer schrieb: