Das Alpine Schulheim am Vigiljoch (ital. Scuola alpina di Monte San Vigilio) war eine Exilschule für jüdische Kinder aus Deutschland am Vigiljoch oberhalb von Lana in Südtirol. Gegründet wurde sie im November 1933 von den früheren Studienräten Marie Günther-Hendel (* 12. Mai 1893; † 11. August 1986), Ehefrau von Gotthard Günther, aus Berlin und Hellmut Schneider (1900–1985). Sie musste im Dezember 1938 aufgrund der italienischen Rassengesetze geschlossen werden.
mini|Übersichtskarte Südtirol
Die Gründer der Schule Über die beiden Gründer der Schule gibt es in der Literatur kaum Informationen. Hellmut Schneider (häufig auch Helmut Schneider) wird kurz von Michael Trede erwähnt.Michael Trede: Der Rückkehrer. S. 50. Wolfgang Wasow berichtet über ihn, er sei Mathematiklehrer und ein guter Pianospieler gewesen, zudem ein Cousin von Hanna Bergas (* 11. März 1900; † im Januar 1987).Wolfgang R. Wasow: Memories of seventy years. S. 189 ff. Der Historiker Klaus Voigt behauptet, Schneider stamme aus Quedlinburg.Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf. S. 211–213. Weitere vage Hinweise zu den beiden Schulgründern macht Hermann Schnorbach in einem von ihm aktualisierten Aufsatz von Hildegard Feidel-Mertz:
Insgesamt ist es jedoch eher so, dass über Marie Günther-Hendel (von Hanna Bergas Mieke genannt) mehr in Erfahrung zu bringen ist, als über Helmut Schneider. Doch bevor den verfügbaren Details über deren Leben nachgegangen wird, zunächst eine kurze Passage, die die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen betont:
Marie Günther-Hendel Mehr über Marie Günther-Hendel findet man meist im Zusammenhang mit ihrem berühmten Ehemann.
Bevor darauf näher eingegangen wird, zuvor der Blick auf die wichtigsten Lebensdaten von ihr, die sich aus einem Personalbogen in der Archivdatenbank der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin rekonstruieren lassen.Alle nachfolgenden Lebens- und Ausbildungsdaten stammen aus dieser online zugänglichen Quelle.
Herkunft und Ausbildung Marie Günther (* 12. Mai 1893 in Eberswalde; † 11. August 1986) war die Tochter des jüdischen Kaufmanns Wolf Hendel. Sie legte am 20. Februar 1911 die Reifeprüfung ab.
Zwischen 1911 und 1917 studierte sie in Berlin, Freiburg, und Göttingen. Die wissenschaftliche Abschlussprüfung (das erste Staatsexamen) in Geschichte, Erdkunde, Englisch und einem weiteren Fach erfolgte am 3. Oktober 1919 in Göttingen. Bereits am 5. Februar 1919 war sie hier promoviert worden. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek wird ihre philosophische Dissertation aus dem Jahre 1920 – vermutlich das Jahr der Drucklegung – aufgeführt: Beiträge zur Würdigung des preußischen Finanzministers C. A. v. Struensee.Dissertation Marie Hendel im Katalog der DNB. Der Titel wird auch im Personalbogen erwähnt. Ein weiterer Hinweis auf eine Arbeit von ihr stammt ebenfalls aus dem Jahr 1920: Die platonische Anamesis und Goethes Antizipation. Hierbei handelt es sich vermutlich um eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Kant-Studien, die von der Kant-Gesellschaft herausgegeben worden ist.Marie Hendel: Die platonische Anamesis und Goethes Antizipation. In: Hans Vaihinger (Hrsg.), Max Frischeisen-Köhler (Hrsg.), Arthur Liebert (Hrsg.): Kant–Studien. Philosophischen Zeitschrift. (= Kant–Studien. Band XXV). Verlag von Reuther & Reichard, Berlin, 1920, S. 186–195 (online).
Von 1920 an absolvierte Marie Hendel ihren Vorbereitungsdienst für das Lehramt an der „Staatlichen Augustaschule“ (Berlin) und ab 1921 an der Victoria-Luisen-Schule. Die pädagogische Prüfung, das 2. Staatsexamen, legte sie am 29. März 1922 in Wilmersdorf mit der Note „gut“ ab.
In den Folgejahren war sie an mehreren Schulen, darunter auch jenen, an denen sie schon ihr Referendariat abgeleistet hatte, als Studienassessorin tätig, bevor sie am 1. Oktober 1927 ihre erste feste Anstellung im höheren Schuldienst erhielt, womit zugleich die Ernennung zum Studienrat verbunden war.
Als letzten Eintrag vermerkt der Personalbogen den 1. Oktober 1929, den Tag ihrer Heirat.
Marie und Gotthard Günther Mit ihrer Heirat findet Marie Günther fast nur noch Erwähnung im Zusammenhang mit den Publikationen von und über Gotthard Günther: „Seine Frau Marie Günther (geb. Hendel), die er 1929 geheiratet hatte, wird 1933 Opfer der Rassengesetze, d. h. als Jüdin erhält sie Berufsverbot. Sie emigriert nach Italien und bereitet von dort die Emigration der beiden nach Südafrika vor. Beide verlassen Europa 1938 und Günther bekommt eine Anstellung an der Universität Stellenbosch (Südafrika). 1940 verlassen die Günthers Südafrika und finden Zuflucht in den USA.“Eberhard von Goldammer & Joachim Paul: Gotthard Günther und das Dritte Reich, S. 2. In der dazugehörigen Anmerkung erweitern die Autoren den Blick auf Marie Günther-Hendel, widersprechen aber zugleich ihrer zuvor zitierten Aussage über die weitere Emigration: „Marie Günther hatte Germanistik und Philosophie studiert und ihr Studium mit einer Dissertation abgeschlossen. Sie beherrschte neben Alt-Griechisch und Latein auch eine Reihe sogenannter lebender Sprachen, d. h. neben Englisch und Französisch u.a, auch Italienisch. Das war die Voraussetzung für Marie Günther in Italien beruflich Fuß fassen zu können. Gotthard Günther selbst beherrschte zwar mehrere alte Sprachen wie Alt-Griechisch und Latein jedoch keine lebende Sprache, also weder Englisch, Französisch oder gar Italienisch. Daher musste Marie Günther seine in Deutsch verfasste (Philosophie) Vorlesung, die Günther in Stellenbosch (Südafrika) gehalten hat, für ihn erst ins Englische übersetzen. Da er seine Lehrveranstaltungen in Südafrika auch in Afrikaans hätte halten müssen, und er für seine philosophischen Arbeiten dort kaum eine Entwicklungsmöglichkeit sah, ist er 1940 in die USA gereist. Seine Frau, Marie Günther, konnte ihm erst einige Jahre später folgen, da es aufgrund des 2. Weltkrieges nach 1940 für sie keine Schiffspassage von Südafrika in die USA mehr gab. Günther selbst hatte wohl eine der letzten Möglichkeiten erwischt, noch 1940 in die USA zu reisen.“ Auf eine wichtige Komponente macht Joachim Castella aufmerksam, wenn er auf die Nähe der Günthers zur Jugendbewegung verweist, dann aber feststellt: „Der Jugendbewegung wesentlich näher steht Marie Günther, die dem 'Ruf zur Tat' Folge leistet und im italienischen Exil ihre Privatschule in diesem Geiste aufbaut.“Joachim Castella: Gotthard Günther – Leben und Werk, S. 165. Wolfgang Wasow schreibt, dass auch Gotthard Günther unter anderem Sport („Geräteturnen“) an der Schule unterrichtet habe und dort auch die über achtzigjährige Mutter von Marie Günther-Hendel, „Mutter Hendel“, gelebt habe.Wolfgang R. Wasow: Memories of seventy years. S. 189 ff. Das war 1937, nachdem auch Gotthard Günther Deutschland verlassen hatte. Er hatte aber seine Frau auch schon vorher regelmäßig besucht, worauf Helmut Schelsky aufmerksam machte: „Frau Günther war, nachdem sie Deutschland verlassen mußte, in einem kleinen Ort in Italien (Südtirol) als Volksschullehrerin für jüdische Kinder tätig, die ebenfalls emigrieren mußten. Der Ort heißt VIGILJOCH. Gotthard Günther hat sie dort per Motorrad regelmäßig besucht.“Helmut Schelsky: Die Ontologie der Mehrwertigkeit, Natürliche Zahlen in einem transklassischen System, S. 2, Anmerkung 2 Warum 1937 für die Günthers ausgerechnet Südafrika als nächstes Etappenziel für ihre Emigration in Frage kam, ist wiederum bei Hanna Bergas nachzulesen: „Mieke und ihre Mutter, die Mitte der achtziger Jahre alt war, schlossen sich Miekes Schwester und ihrer Familie in Südafrika an.“Hanna Bergas: Fifteen Years. S. 37. Das Originalzitat lautet: „Mieke und her mother, who was in her mid-eighties, joined Mieke's sister and her family in South Africa.“ Nach Goldammer & Paul (siehe oben) war es Marie Günther-Hendel, die diese Emigration vorangetrieben hat. Obwohl immer wieder darauf verwiesen wird, dass beide Günthers 1940 von Südafrika aus in die USA weitergereist seien, spricht vieles für die schon erwähnte Einschätzung von Goldammer & Paul, dass Marie Günther-Hendel erst Jahre später ihrem Mann folgen konnte. Einstimmigkeit herrscht aber darüber, dass beide 1948 amerikanische Staatsbürger geworden sind. Hermann Schnorbach oben zitierte Aussage, dass beide nach 1945 in Hamburg zusammengelebt hätten, kann als widerlegt betrachtet gelten.Es gab aber offenbar doch Überlegungen, wieder nach Deutschland zurückzukehren, zumindest in der Zeit vor der Einbürgerung. Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz befindet sich ein Brief Marie Günther-Hendels an Adolf Grimme aus dem Jahre 1946, in dem diese um die Berufung ihres Ehemannes Gotthard Günther an eine deutsche Universität bittet. Dem Brief beigefügt sind amerikanische Referenzen aus dem Jahr 1944. Laut Archiv kam der Brief noch aus Kapstadt (Südafrika), was ein weiteres Mal belegt, dass die Günthers 1940 nicht gemeinsam in die USA einreisen konnten.Brief von Marie Günther-Hendel, Cape Town (Südafrika), an Adolf Grimme (. In: www.deutsche-digitale-bibliothek.de). Dass die von Schelsky (siehe oben) zur „Volksschullehrerin für jüdische Kinder“ degradierte Studienrätin und promovierte Philosophin Marie Günther-Hendel eine ihrem Mann intellektuell ebenbürtige Weggefährtin gewesen ist, macht dieser 1978 in einem Vorwort zu einer Veröffentlichung selber deutlich: „Und last, by no means least, muß trotz ihrer Proteste gegen eine Zitierung die Frau des Autors Dr. Marie Günther-Hendel erwähnt werden. Auf Grund eigener fachlicher Ausbildung war sie in der Lage, durch sachgemäße Kritik die Arbeiten des Autors zu fördern und ihn mehr als einmal dazu zu bewegen, Textabschnitte, in die er verliebt war, die aber einer strengen Beurteilung nicht standhielten, wieder zu streichen.“Gotthard Günther: Vorwort zu: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik. Band 2, S. 10 (vordenker.de PDF). Joachim Castella knüpft an dieses Zitat an: „Wer Anekdoten liebt, dem sei nicht vorenthalten, daß Marie Günther und Karola Bloch mit gemeinsamen Wäschereiarbeiten zunächst die ökonomische Basis aufrechterhalten, auf der die Ehemänner ihre grundverschiedenen Philosopheme errichten können. Neben der ökonomischen gilt für die textuelle Aufbauarbeit Günthers in modifizierter Form die Einsicht Kittlers, daß ‚Textverarbeitung heute […] das Geschäft von Paaren [ist], die miteinander schreiben, statt miteinander zu schlafen.‘ (Kittler: Grammophon – Film – Typewriter. S. 310) Modifiziert, wenn Marie Günther mehr ist, als das spracherkennende Schreib-Programm ‚Rosenfinger‘, mit dem etwa Gottfried Benn arbeitet (Vgl. Theweleit: Buch der Könige, S. 73–96. Die Rosenfinger gehören Herta Benn, geb. v. Wedemeier, und bringen 200 Silben/Min. zu Papier), und das unter wechselnden Namen die Dualität männlich-gleichgeschlechtlicher Textproduktion (paradigmatisch: Eckermann/Goethe) in die heterosexuelle Triade Mann-Frau-Typewriter überführt. (Kittler: Grammophon – Film – Typewriter. S. 312–320, ders.: Aufschreibesysteme. S. 203–210, 355–377) Dr. phil. Marie Günther funktioniert besser als Korrekturprograınm und Korrektiv, das vor spekulativen Höhenflügen warnt, und den Textproduzenten ‚mehr als einmal‘ dazu bringt, ‚Textabschnitte, in die er verliebt war, die aber einer strengen Beurteilung nicht standhielten, wieder zu streichen.‘“Joachim Castella: Gotthard Günther – Leben und Werk. S. 208 (vordenker.de PDF). Dazu passt die Aussage von Rudolf Kaehr: „Günther was never a name in the singular, they had always been called The Günthers: Gotthard and Marie.“Rudolf Kaehr: Computation and Metaphysics. In: Gotthard Günther: Cypberphilosophy. S. 3 (thinkartlab.com PDF).