Rusingoryx ist eine ausgestorbene Gattung aus der Gruppe Kuhantilopen innerhalb der Familie der Hornträger. Sie ist aus dem östlichen Afrika belegt, wo sie im ausgehenden Pleistozän die heutigen Inseln Rusinga und Mfangano im östlichen Victoriasee sowie das angrenzende Festland bewohnte. Die Region stellte zu jener Zeit eine sehr trockene Graslandschaft dar. Es handelt sich bei Rusingoryx um einen mittelgroßen Vertreter der Kuhantilopen, der etwa die Ausmaße der heutigen Gnus erreichte und mit denen die Gattung auch nahe verwandt ist. Auffallendstes Kennzeichen der Tiere war eine kammartige Knochenerhebung auf dem Schädel, die sich von der Nase bis zur Stirn zog und innerhalb der Säugetiere bisher ohne Vergleich ist. Aufgrund der inneren Struktur der Aufwölbung, die aus Hohlräumen und dem Atemtrakt besteht, kann darauf geschlossen werden, dass Rusingoryx Infraschalltöne erzeugte, die zur Kommunikation in den offenen Landschaften dienten. Der Aufbau des Gebisses zeigt wiederum, dass die Tiere stark spezialisierte Grasfresser waren. Die Erstbeschreibung der Gattung erfolgte im Jahr 1984 anhand von unvollständigen Schädelmaterial. Aufgrund dessen wurde die Eigenständigkeit von Rusingoryx in den 1990er Jahren angezweifelt. Erst umfangreiches Neufundmaterial bestätigte den unabhängigen Gattungscharakter von Rusingoryx.
Merkmale Rusingoryx war ein mittelgroßer Vertreter der Kuhantilopen, der in etwa die Größe der heutigen Eigentlichen Kuhantilopen (Alcelaphus) oder der Gnus (Connochaetes) erreichte. Sein Schädel besaß Längen von 35,9 bis 44,6 cm und zeichnete sich durch einige ungewöhnliche Merkmale aus. Eine bemerkenswerte Auffälligkeit befand sich am Rostrum. Entlang des oberen Schädels zog sich ein schmaler hoher knöcherner Kamm, der vom Zwischenkieferknochen über das Nasenbein bis zum Stirnbein reichte. Das Innere bestand aus einzelnen Hohlkammern, die einen größeren Teil des Schädelvolumens einnahmen. Diese erstreckten sich bis hinter das Ende der Zahnreihe, entlang der Mittellinie war eine dünne Scheidewand ausgebildet, die aus dem paarigen Aufbau der Schädelknochen resultierte, wobei der genaue Ursprung des Septums – ob vom Oberkiefer, Gaumenbein oder Flügelbein – unklar ist. Durch die deutliche Aufwölbung des Vorderschädels waren der Mittelkieferknochen und der Oberkiefer relativ hoch gezogen und beanspruchten so einen Teil des voluminösen Raumes. Der Nasenkanal als Teil des Atemtraktes befand sich im oberen Teil der Aufwölbung, seine Basis wiederum begrenzte den Hohlraum nach oben. Im Bereich des Stirnbeins, etwa auf Höhe der Orbita, erreichte der Nasenkanal den inneren Schädel, wo er in einer S-Kurve abwärts führte. Dadurch lag die Mündung in den Rachen im Vergleich zu anderen Säugetieren verhältnismäßig weit hinten und oben im Schädel. Das Gaumenbein wiederum formte einen Teil der unteren Begrenzung der Aufwölbung, zudem war es nach hinten verlängert sowie vollständig geschlossen und erlaubte somit nicht den Durchgang der inneren Nasenöffnungen (Choane). Allerdings waren Teile des Gaumenbeins wie des Keilbeins an der Umschließung des absteigenden Atemwegs beteiligt. Auf der Unterseite des Gaumenbeins zeigten tiefe Gruben die Ansatzstellen der Gaumen- und Zungenmuskulatur an.
Im übrigen Schädelbau folgte Rusingoryx weitgehend den anderen Kuhantilopen, besondere Merkmale stellten der relativ grazil ausgebildete Jochbogen, das zweilappige, nach vorn verlängerte Jochbein und das nach oben gestreckte Tränenbein dar. Die Orbita saß niedrig am Schädel, hervorzuheben ist das Foramen supraorbitale, das sich nicht am oberen, sondern am seitlichen Rand befand und eine außerordentlich große Öffnung bildete, der Augenrand war zudem sehr steil aufgerichtet. Die Weite des Schädels betrug hier etwa 7,4 cm. Weitere Auffälligkeiten finden sich vor allem an der Schädelbasis, etwa mit dem kleinen Flügel des unteren Keilbeins, dem robusten unteren Abschnitt des Hinterhauptsbeins und der nur wenig ausgebildeten Paukenblase. Die knöchernen Auswüchse der Hörner (Os cornu) setzten hinter den Augenfenstern an und wurden 12 bis 16 cm lang, sie besaßen einen ovalen bis runden Querschnitt von rund 4 cm Durchmesser und zeigten in ihrem Verlauf keine deutliche Torsion. In ihrem generellen Aufbau wiesen die Hörner so deutliche Unterschiede von den Hornzapfen des nahe verwandten Megalotragus auf, die mit bis zu 50 cm deutlich länger wurden, stärker abgeplattet und deutlich im Uhrzeigersinn (bezogen auf das rechte Horn) gedreht waren.
Der Unterkiefer war kräftig, der horizontale Körper tief, sein unterer Rand verlief eher gerade und nicht wie bei anderen Kuhantilopen nach unten gebogen. Der aufsteigende Gelenkast setzte in einem stumpfen Winkel an. Gelenk- und Kronenfortsatz waren nach hinten orientiert, letzterer stieg höher auf und endete hakenförmig. Das Gebiss wich vom generellen Aufbau der Hornträger ab und zeichnete sich durch eine zusätzliche Reduktion des zweiten Prämolaren im Unterkiefer aus, was unter den rezenten Kuhantilopen bei den Gnus und der Hunter-Antilope (Beatragus) ebenfalls belegt ist. Die Zahnformel lautete somit , was insgesamt 30 Zähne ergibt. Darüber hinaus war der dritte Prämolar in seiner Größe extrem verkleinert, wodurch die Reihe der Prämolaren stark verkürzt erschien. Insgesamt besaßen die Backenzähne sehr hohe (hypsodonte) Zahnkronen. Das Zahnschmelzmuster auf den Kauflächen der Molaren besaß eine weniger komplexe und gewundene Gestaltung als bei den heutigen Kuhantilopen und ähnelte eher dem von Megalotragus. Im Vergleich zu letzterem waren die Molaren bei Rusingoryx aber deutlich kleiner, der zweite erreichte eine Länge von 2,2 bis 2,7 cm.
Vom Körperskelett sind bisher Teile der Wirbelsäule und verschiedene Elemente der Vorder- und Hinterbeine aufgefunden worden. Auffallend ist hier der vergleichsweise kurze und breite Bau der Phalangen. Bei Rusingoryx wurde beispielsweise die mittlere Phalanx bei einer unteren Gelenkbreite von 1,7 cm zwischen 4,7 und 5,5 cm lang. Für das etwa ähnlich große Weißschwanzgnu (Connochaetes gnou) liegen die Längenmaße bei gleicher Breite bei rund 5,8 cm. Werte für die erste Phalanx belaufen sich bei Rusiongoryx bei 1,6 cm Breite auf 3,1 cm Länge, beim Weißschwanzgnu beträgt die Länge entsprechend 3,6 cm.
Fossilfunde Alle bekannten Fossilreste von Rusingoryx stammen aus Ostafrika, der überwiegende Teil kam auf den Inseln Rusinga und Mfangano im östlichen Teil des Viktoriasees zu Tage. Vor allem Rusinga ist als Fossillagerstätte bekannt, im Mittelpunkt des Interesses stehen aber zumeist die reichhaltigen Funde aus dem Miozän. Die weitaus jüngeren Funde von Rusingoryx lagern hier in den sogenannten Wasiriya Beds, Ablagerungen aus dem Pleistozän, die aus feinkörnigen Silt-, Mudde- und Sandsteinen sowie Konglomeraten mit dazwischen geschalteten Bildungen vulkanischen Ursprungs bestehen. Sie gehen teilweise auf fluviatile Vorgänge zurück, wobei einzelne schwache Bodenbildungen auch Phasen von temporär geringer Akkumulation anzeigen Die Wasiriya Beds bedecken die Randbereiche der Insel auf einer Fläche von weniger als 10 km² und sind bis zu 10 m mächtig. Ihr Alter wird radiometrisch auf rund 100.000 bis 33.000 Jahre datiert, wobei Werte, ermittelt mit Hilfe der optisch stimulierten Lumineszenz, dies auf rund 68.500 Jahre einschränken. In jedem Fall entspricht dies dem frühen Abschnitt des Jungpleistozäns. Insgesamt konnten auf Rusinga bisher mehr als 140 Individuen von Rusingoryx entdeckt werden. Von Bedeutung ist hier der Bovid Hill bei Wakondo, wo bei Untersuchungen allein des Jahres 2011 auf einer Fläche von 19 m² Skelettreste von fast einem Dutzend Individuen zum Vorschein kamen, die unmittelbare Umgebung barg Funde von 16 weiteren Tieren. Diese verteilen sich auf 8 Jungtiere, 13 ausgewachsene und 6 sehr alte Individuen. Von Mfangano sind bisher rund ein Dutzend Individuen belegt, sie entstammen den Waware Beds, die im östlichen Teil der Insel aufgeschlossen sind und ehemalige Flussablagerungen von durchschnittlich nur 1 m Mächtigkeit darstellen. Sie weisen ein Alter von wenigstens 35.000 Jahren auf. In Verbindung mit Rusingoryx wurden auf den beiden Inseln auch verschiedene andere Antilopenformen entdeckt, etwa das ebenfalls ausgestorbene und nahe verwandte Megalotragus, aber auch Gnus, Riedböcke und verschiedenste Gazellen wie Thomson-Gazellen, Grant-Gazellen Oribis oder Dikdiks. Die lokale Fauna wird darüber hinaus durch Zebras, Erdferkel, Warzenschweine und Flusspferde bereichert. Alles in allem stellt Rusingoryx in beiden Fundensembles aber die am häufigsten registrierte Säugetierform dar. Die Zusammensetzung der Fauna lässt auf deutlich offenere und trockenere Landschaften zur Zeit der Bildung der Ablagerungen schließen als es heute rund um den Viktoriasee der Fall ist. Ein weiterer Schädel von Rusingoryx ist zusätzlich von der östlich gelegenen Homa-Halbinsel überliefert, wo dieser zusammen mit anderen Paarhufer-Resten in den Luanda Beds geborgen wurde. Die Schichten der Luanda Beds haben einen vergleichbaren Ursprung wie die der Inseln Rusinga und Mfangano und dürften auch ein ähnliches Alter aufweisen.
Bedeutend im Zusammenhang mit den faunistischen Resten sind Steinartefakte des frühen Menschen, die mehrere hundert Stücke umfassen und aus Hornstein, Quarz oder verschiedensten Varietäten von vulkanischen Gesteinen lokaler Provenienz bestehen. Das Inventar wird durch Levallois-Kerne und -Abschläge sowie Klingen und vereinzelte bifaziale Geräte beziehungsweise einfach retuschierte, spitzenartige Stücke charakterisiert. Vor allem die levalloiden Formen und die Klingen implizieren eine Stellung im Middle Stone Age (dem europäischen Mittelpaläolithikum entsprechend). Die unterschiedlichen Rohmaterialien, die zur Verwendung kamen, resultieren in teilweise stark variierende Artefaktgrößen, was einerseits mit dem verfügbaren Ausgangsmaterial, andererseits auch mit der intensiven Nutzung qualitativ hochwertigerer Gesteine zusammenhängen kann. Neben den steinernen Artefakten sind des Weiteren einzelne, durch Schnittmarken manipulierte Knochen zu beobachten. Demnach kann zumindest ein Teil des Faunenmaterials als Schlachtabfall interpretiert werden, wogegen ein anderer starke Bissspuren aufweist, die auf Carnivorenfraß zurückgehen. Diese Mischung aus Indizien – Steinartefakte, Schnittspuren, Bissspuren – trifft auch auf die im Jahr 2011 am Bovid Hill ausgegrabene Fläche zu. Sie zeigt zudem zahlreiche spätere Überprägungen, was eine Deutung erschwert. Die Massenansammlung von nahezu ausschließlich Rusingoryx-Resten wird daher teilweise als katastrophales Ereignis gedeutet, etwa durch Ertrinken in einem ehemaligen Fluss. Allerdings ist auch eine aktive Jagd durch den Menschen an einem strategisch wichtigen Flusslauf denkbar.
Paläobiologie