mini|Javanischer gunungan

Gunungan (indonesisch „Berg“, „bergartig“), auch kayon, kayonan, kakayonan (von kayu, „Holz“), ist eine Figur in den erzählenden Theaterformen wayang in Indonesien, die vor allem im wayang kulit genannten Schattenspiel in Java, Bali und Lombok gebraucht wird. Die in Java lanzettförmige und in Bali oben gerundete, symmetrische Figur aus durchscheinendem Pergament erscheint als erste am Beginn der Aufführung auf dem Bildschirm, verschwindet als letzte an deren Ende, markiert zwischendurch Szenenwechsel und kann als Requisit dienen. Sie symbolisiert den Weltenberg (im indischen Kulturraum Meru), den Weltenbaum und die Einheit des Weltganzen und ermöglicht auf magische Weise den Göttern und Ahnen, im Verlauf des Spiels in den wayang-Figuren anwesend zu sein. Im nahezu verschwundenen Bildrollendrama wayang bèbèr ist der gunungan zwischen die Bilderzählung gemalt.

Herkunft des Wayang Kulit mini|hochkant|Malerei eines ostjavanischen gunungan mit breiten Garuda-Flügeln.

Wayang bedeutet in der allgemeinen javanischen Sprache eine Puppenfigur oder eine andere Figur in einer Theateraufführung. Das Spiel selbst wird wayangan genannt, entsprechend heißt die Figur in krama, der javanischen Hochsprache ringgit (eigentlich „Kopf“, „Bildnis“) und ringgitan das Spiel. Ein Suffix dient zur Unterscheidung der Theaterformen: Wayang kulit (kulit, „Haut“, „Hülle“, „Schale“) bezeichnet das Schattenspiel, das nach Herkunft der Themen weiter eingeteilt wird in wayang kulit purwa, das Episoden aus den altindischen Sanskrit-Epen Ramayana und Mahabharata enthält, und wayang kulit gedog mit Erzählungen aus der späteren hindu-javanischen Zeit ab dem 13. Jahrhundert bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts. Im wayang gedog ist der Held Prinz Panji, der zusammen mit Damarwulan und einer Reihe weiterer Helden in historischen Dramen (lakon) auftritt, die hauptsächlich in der Zeit des hinduistischen Reiches Majapahit (14. bis Anfang 16. Jahrhundert) spielen. Panji ist auch die Hauptfigur einiger Tanzstile, besonders des Maskentanzes topeng, und des bereits im 19. Jahrhundert selten gewordenen und heute nahezu verschwundenen Bildrollendramas wayang bèbèr. Zu den Puppenspielen mit demselben Repertoire gehören ferner wayang klitik (flache farbige Holzpuppen) und wayang golèk (dreidimensionale größere Holzpuppen).

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten kamen Händler und Kolonisten aus Südindien auf dem Seeweg nach Südostasien. Die ganz im Westen gelegene Insel Sumatra, Java und die Malaiische Halbinsel waren vermutlich das in altindischen Texten mit Suvarnadvipa („Goldene Insel“) gemeinte Land, in dem buddhistische und hinduistische Lehren und das indische Kastensystem Fuß fassten. Der Prozess der Indisierung fand von seinen Anfängen im 4. Jahrhundert v. Chr. bis zur vollen Entfaltung der indischen Kultur im 6. Jahrhundert n. Chr. statt.Fiorella Rispoli: To the West and India. In: East and West, Band 55, Nr. 1/4, Dezember 2005, S. 243–264, hier S. 258 Als wahrscheinlich gilt, dass nicht die Händler ihre Religion auf den Inseln in solch großem Umfang verbreiteten, sondern die einheimischen Herrscher von sich aus indische Missionare anforderten, um neben der Kultur Kenntnisse über die in Indien höher entwickelten staatlichen Strukturen zur Stärkung ihrer Macht zu erlangen.Urs Ramseyer: Kultur und Volkskunst in Bali. Atlantis, Zürich 1977, S. 35

Das Schattenspiel wayang kulit kommt in Indonesien nur in Gebieten vor, in denen im Lauf der Geschichte der Hinduismus verbreitet war oder wie in Bali bis heute verbreitet ist. Die wesentlichen Inhalte des wayang kulit sind Adaptionen aus den großen indischen Epen. In Indien lässt sich die Tradition des Schattenspiels nach der Interpretation literarischer Quellen bis in altindische Zeit zurückführen. Bis heute werden in Indien zahlreiche Schattenspielformen gepflegt, deren Figuren sich stark voneinander unterscheiden. Das Spektrum reicht von mittelgroßen, unbeweglichen Figuren aus dicker, undurchsichtiger Tierhaut wie im Tholpavakuthu von Kerala und Ravanacharya von Odisha über kleine halbdurchscheinende Figuren im Chamadyache bahulya von Maharashtra bis zu durchscheinenden lebensgroßen und beweglichen Figuren im Tholu bommalata von Andhra Pradesh. Die Transparenz, Farbgebung, die feinen Durchbrüche der wayang kulit-Figuren, deren Anordnung auf dem Bildschirm sowie gewisse vorbereitende Rituale haben Entsprechungen in den indischen Traditionen. Insgesamt spricht dies für (süd)indische Wurzeln des indonesischen Schattenspiels. Neben dieser verbreiteten Ansicht betonten einige niederländische und indonesische Forscher den autochthonen Ursprung des wayang kulit im indonesischen Ahnenkult und hielten sogar eine Ausbreitung von hier nach Indien für möglich. Dies stieß ebenso wenig auf allgemeine Zustimmung wie die Theorie, Einwanderer aus China hätten im 14. Jahrhundert das chinesische Schattenspiel mitgebracht, weil schriftliche Belege zum wayang kulit (im altjavanischen epischen Gedicht Arjunawiwaha, entstanden 1019–1042) bereits ab Anfang des 11. Jahrhunderts, also zur Zeit eines hinduistischen Königreichs unter Airlangga auf Java vorliegen.Fan Pen Chen: In: Asian Folklore Studies, Band 62, Nr. 1, 2003, S. 25–64, hier S. 34 Die Inszenierungen der indischen Epen im Schattenspiel halfen im Mittelalter maßgeblich bei der Verbreitung der indischen Glaubensvorstellungen ebenso wie später die Panaji-Erzählungen bei der Bekehrung zum Islam.

Plastische Steinreliefs mit im Profil dargestellten Figuren im „Wayang-Stil“ – so benannt, weil sie als Vorläufer von wayang kulit-Figuren aufgefasst werden – erscheinen Ende des 13. Jahrhunderts am ostjavanischen Tempel (candi) Jago (nahe Malang), Mitte des 14. Jahrhunderts am Penataran (bei Bitlar) und Mitte 15. Jahrhundert an einem Tempel am Hang des Penanggungan. Um diese Zeit gewann der Islam in Java an Bedeutung. Die heute vogelkopfartig abstrahierten und formelhaft erstarrten Köpfe der javanischen wayang kulit-Figuren sind ein Zugeständnis an ein entsprechend interpretiertes islamisches Bilderverbot. Die balinesischen Figuren unterlagen hingegen nie islamischem Einfluss und haben am getreuesten das lebensechte Aussehen der mittelalterlichen Tempelskulpturen in Ostjava bewahrt.Friedrich Seltmann: Java und Bali – Nachwirkungen autochthoner und indojavanischer Elemente im muslimischen Java. In: Linden-Museum Stuttgart (Hrsg.): Java und Bali. Buddhas – Götter – Helden – Dämonen. Philipp von Zabern, Mainz 1980, S. 138

Neben den indisch-hinduistischen haben sich im Schattenspiel noch ältere Vorstellungen von animistischen Religionen und Ahnenkulten erhalten. Das indonesische Schattenspiel entstand nach allgemeiner Ansicht wesentlich früher als im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Ahnenverehrung und diente vermutlich seit Anbeginn der Abwehr böser Geister. Die Javaner selbst sehen die Wurzeln des wayang weit in vorchristlicher Zeit. Zum indonesischen Ahnenkult gehört die magische Bedeutung des Büffels, die nach außen besonders deutlich in den Ritualen der Toraja sichtbar ist. Der gunungan und die anderen Schattenspielfiguren sollten in Java aus narbenloser Büffelhaut, in Bali aus Kuhhaut hergestellt werden. Die heute aus Holz bestehenden Haltestäbe der Figuren wurden früher aus Büffelhorn gefertigt und Schattenspielvorführer (dalang), die ihre rituellen Vorschriften streng befolgen, essen kein Rindfleisch.

Mit der Islamisierung ging das Schattenspiel in die islamische Kultpraxis über. Im Monat Safar (auf Java sapar), der im Islam als unheilbringend gilt, wird in Java (und anderswo in der Region) ein religiöses Badefest (mandi safar) veranstaltet, bei dem alles Schadenbringende abgespült werden soll. In Zentraljava wird das Dorf symbolisch gereinigt, abends ein Festmahl eingenommen und anschließend ein Schattenspiel aufgeführt. Ein solches kann auch zu Maulid an-Nabī, dem Geburtstag des Propheten, und anderen islamischen Festtagen veranstaltet werden.Norbert Hofmann: Der islamische Festkalender in Java und Sumatra unter besonderer Berücksichtigung des Fastenmonats und Fastenbruchfests in Jakarta und Medan. Bock + Herchen, Bad Honnef 1978, S. 65, 67 Der islamische Mystiker Hamza Fansuri (Ende 16. Jahrhundert) aus Sumatra wiederholte die von spätmittelalterlichen Sufi-Dichtern häufig gebrauchte und auf das arabische Schattenspiel (arabisch chayāl az-zill, „Phantasie der Schatten“) bezugnehmende Metapher vom Menschen als dem wayang (Puppen-Abbildung, Spiegel oder Schatten) des Göttlichen.Günter Spitzing, 1981, S. 141

Drei unterschiedliche große Kulturbereiche haben das wayang kulit geprägt und im Lauf der Zeit verändert, dennoch blieb es stets ein Bestandteil der religiösen Glaubenspraxis und der auf einem mythischen Hintergrund basierenden Festtradition. Ursprünglich waren es die persönlichen Ahnen, die im mythischen Denken während der Vorstellung von den Schattenspielfiguren Besitz ergreifen, später verwandelten sie sich in die als Ahnen gewürdigten Herrscherfamilien des historischen Majapahit, das zu einem mythischen Reich wurde. Mit dem gunungan zu Beginn der Vorstellung werden seitdem die Adligen von Majapahit angelockt, damit sie sich mit den Helden der indischen Epen vereinen und für die Dauer der Aufführung in den Spielfiguren verkörpern.Günter Spitzing, 1981, S. 36f

Gunungan im Wayang Kulit mini|hochkant|Javanischer gunungan mit geschlossenem Portal und zwei großen Yakshas seitlich. Die Wurzeln des Baums ragen ins Wasser. Es tummeln sich einige Tiere in der Baumkrone, aber der Dämonenkopf (kala) fehlt.

Der gunungan, wie er in Java heißt, oder der kayon/kayonan in Bali ist im wayang kulit eine große blattförmige Figur aus getrockneter, fester Rindshaut, deren Umriss in Java spitz und in Bali mehr gerundet ist. Die Basis des Blattes ist ungefähr gerade oder leicht schalenförmig gewölbt. Die dem Namen nach als Weltenberg oder Lebensbaum verstandene Figur kommt außer im Schattenspiel im Spiel mit flachen Holzpuppen wayang klitik, im Spiel mit rundplastischen Puppen wayang golek und auf den Bildrollen wayang bèbèr vor. Als motivische Übernahme taucht der gunungan auch an kunsthandwerklichen Objekten und als Architekturelement auf. Die wesentlichen äußeren Merkmale des gunungan sind bei allen wayang-Formen ähnlich, unterscheiden sich aber nach Region.

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