mini|Wolfgang Gedeon bei einer AfD-Demonstration 2018 (links Stefan Räpple)

Wolfgang Michael Gedeon (* 23. April 1947 in Cham) Website des Landtags von Baden-Württemberg. Abgerufen am 22. Dezember 2018. ist ein deutscher ehemaliger Politiker (ehemals AfD). Von 2016 bis 2021 war er Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg. Seine antisemitischen Schriften führten zu seinem Austritt aus der Fraktion und deren zeitweiliger Spaltung. Im März 2020 wurde er aus der AfD ausgeschlossen.

Leben Jugend, Studium und Beruf Wolfgang Gedeon wuchs in Cham in einem katholischen Umfeld auf und besuchte bis 1966 das dortige Gymnasium. Nach dem Abitur nahm er im gleichen Jahr ein Studium der Medizin an der Universität Würzburg auf und setzte es 1969 an der Technischen Universität München fort, wo er 1972 sein Staatsexamen machte und im November 1972 mit einer Arbeit über ein Das Krankheitsbild der Stromaendometriose bei Arnulf Weidenbach zum Dr. med. promoviert wurde. Im Anschluss arbeitete er kurzzeitig gynäkologisch in Regensburg und später internistisch in Gelsenkirchen, wo er sich schließlich mit eigener Praxis als Arzt für Allgemeinmedizin niederließ. Die Praxis gab er im Jahr 2005 auf.

Politik Maoismus und Rechtsesoterik Nach eigenen Angaben löste Gedeon sich in seiner Studentenzeit von der katholischen Kirche, wendete sich marxistischen Schriften zu und wurde „praktizierender Kommunist“. Er war bis ca. 1976 in der 68er-Bewegung politisch aktiv. Um 1973 war er für zwei Jahre Mitglied bei den Jusos. In den 1970er Jahren war er zudem Mitglied der maoistischen KPD/ML. Nach dem Tode Mao Zedongs will er sich schrittweise vom Kommunismus gelöst, aber über Jahrzehnte keine politische Heimat gefunden haben. Schließlich wandte er sich über die Esoterik immer weiter nach rechts.

AfD-Beitritt und Landtagsmandat Im April 2013 trat er der AfD bei und wurde zum ersten Vorstandssprecher des Kreisverbands Konstanz gewählt. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 erhielt er auf Basis von 15,7 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Singen ein Zweitmandat der AfD für den Landtag.Gewählte Bewerberinnen und Bewerber, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, abgerufen am 14. März 2016. Gedeon wurde dem rechten Flügel der Partei zugeordnet.

Antisemitismus-Kontroverse Antisemitische Schriften Gedeons, insbesondere sein im Jahr 2012 erschienenes Buch Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten, führten 2016 zu seinem Austritt aus der Landtagsfraktion und zu einer vorübergehenden Spaltung der Fraktion. Gedeon hatte in diesem Buch die Erinnerung an den Holocaust als „Zivilreligion des Westens“ bezeichnet. Die „Massenmorde an den europäischen Juden“ seien zwar, so räumte er in einem bereits 2009 erschienenen Werk ein, „singulär“ gewesen, in Bezug auf die Holocaustleugnung meinte Gedeon jedoch in demselben Buch, der „Holocaust-Revisionismus und die Geschichtsdissidenten“ müssten ernst genommen und ihre Ausführungen kritisch geprüft werden, ansonsten könne man „gleich ein Wahrheitsministerium im Orwellschen Sinn ein[…]richten und es beim Zentralrat der Juden in Deutschland an[…]siedeln“. Zudem schrieb er, wie „der Islam der äußere Feind“, so seien „die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes“ gewesen, und sprach von „Ethnosuizid“ und „Zionismus durch die Hintertür“. Laut Gedeon arbeiteten Juden zudem an der „Versklavung der Menschheit im messianischen Reich der Juden“ mit dem Ziel einer „Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik“. Der „zionistische Einfluss“ in der Rechtsprechung äußere sich, so Gedeon, „in einer Einschränkung der Meinungsfreiheit“.Hajo Funke: Von Wutbürgern und Brandstiftern. AfD – Pegida – Gewaltnetze. Verlag für Berlin-Brandenburg 2016, S. 113Samuel Salzborn: „Antisemitismus in der ‚Alternative für Deutschland‘.“ In: ders. (Hrsg.): Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen. Nomos, Baden-Baden 2019, S. 208Roger de Weck: Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 186Bundesministerium des Innern/Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen (2018), S. 142 Gedeon zog zudem die auf Fälschungen basierenden Protokolle der Weisen von Zion als vermeintlichen Beweis zionistischen Machtstrebens heran und berief sich dabei auf Autoren wie den rechtsextremen sedisvakantistischen katholischen Theologen Johannes Rothkranz und Ulrich Fleischhauer, der seit 1933 Leiter des antisemitischen Nachrichtenbüros Welt-Dienst war und eine gleichnamige Zeitschrift herausgab.Wolfgang Benz: Die „Alternative für Deutschland“ und der Antisemitismus. www.bpb.de, 26. Juli 2016 Sich selbst ordnet Gedeon als „Katholik der alten (vorkonziliaren) Schule“ ein; er befürwortet eine „Überwindung des […] Laizismus“, der Trennung von Staat und Religion. Er persönlich, so schrieb er in seinem 2012 erschienenen Buch, halte an einer „vorkonziliaren Auffassung“ des Christentums fest, nach der das Christentum keinesfalls Juden als die „älteren Brüder“ betrachten könne. Der „nachchristliche Judaismus und der Islam“, so Gedeon, „repräsentieren […] eine frühere, vom Christentum überwundene Religionsstufe der Menschheitsgeschichte“. Er wirft dem Judentum „Ritualisierung des Religiösen bis hin zu ritualistischer Erstarrung“ vor. Für Gedeon stellt der Talmud einen „wesentlichen Faktor bei der Generierung von Antisemitismus“ dar. An anderer Stelle wirft er erneut die Frage auf, ob „vielleicht […] die Juden genügend Gründe für die ihnen entgegengebrachten Feindseligkeiten geliefert“ hätten. Diese beiden Sichtweisen gibt Gedeon als Ansichten von Juden selbst aus. Der Holocaust ist laut Gedeon zu „einem transzendentalen Begriff“ geworden; es gehe „um die Etablierung einer neuen Staatsreligion inklusive der Frage, ob Religionsfreiheit auch gegenüber dieser neuen Zivilreligion gilt oder nicht“.Paula Tuschling: Antisemitismus in der AfD. Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Falls Wolfgang Gedeon. (Mit einem Vorwort von Dr. Meron Mendel) Tectum, Baden-Baden 2021, S. 60, 66, 68–72, 82, 153 Bereits 2009 erschien von Gedeon unter dem Namen W. G. Meister (laut dem Historiker Vojin Saša Vukadinović der „Ausdruck eines realitätsabgekoppelten Selbstbildes“) ein dreibändiges Werk, in Dialogform verfasst, mit dem Titel Christlich-europäische Leitkultur. Diese Trilogie betrachtet er bis heute als sein „persönliches Meisterwerk“. Darin behauptet Gedeon, dass „die Zionisten […] den Islamismus als Massenwaffe zur Auflösung der christlichen (Rest)-Fundamente“ der westlichen Gesellschaften benutzen und die „politischen Islamisten die hochentwickelten Beziehungen und Verbindungen“ der Zionisten brauchen würden. Er bezichtigte Juden, in der Geschichte „Christen denunziert“ und „Terrorakte gegen kirchliche und andere christliche Würdenträger“ verübt zu haben, und schrieb: „[…] und schließlich: Wer hat wen ans Kreuz geschlagen?“ Zudem berief er sich in sinnentstellender Weise auf den Historiker Yuri Slezkine, um festzustellen, dass Juden sich „bei Massenmassakern an Kriegsgefangenen und Flüchtlingen […] in besonderer Weise hervorgetan“ hätten und die Tscheka, die Geheimpolizei Sowjetrusslands, eine jüdische Unterdrückungsorganisation gewesen sei.Michael Blume: „Welche Bildung hilft gegen Antisemitismus?“ In: Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): „Du Jude“ – Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020, S. 241Vojin Saša Vukadinović: „Monument des Degout. Wolfgang Gedeon als Heimphilosoph.“ In: ders. (Hrsg.): Randgänge der Neuen Rechten. Philosophie, Minderheiten, Transnationalität. Transcript, Bielefeld 2022, S. 129–142, hier S. 131, 140

Die Antisemitismus-Vorwürfe bezeichnete Gedeon als „inszenierte Kampagne“. Sich selbst sieht er als Antizionist, der gegen die vermeintliche Ausprägung eines „nationalistisch-imperialistischen Zionismus“ auftritt. Auf seiner Webseite schrieb er, er „hetze nicht gegen Juden, leugne nicht den Holocaust und bejahe das Existenzrecht Israels“.Paula Tuschling: Antisemitismus in der AfD. Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Falls Wolfgang Gedeon. Tectum, Baden-Baden 2021, S. 60 f.

In Interviews verteidigte Gedeon seine Werke und kritisierte die zentrale Lage des Mahnmals für die ermordeten Juden in Berlin. Armin Pfahl-Traughber sieht Gedeon als Anhänger von antisemitischen Verschwörungstheorien, welcher der Hetzschrift Protokolle der Weisen von Zion ihren Fälschungscharakter abspreche. Des Weiteren entferne er sich von der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Holocausts und charakterisiere sie als Produkt eines „Wahrheitsministeriums im Orwellschen Sinn“. Die Amadeu Antonio Stiftung äußerte sich ähnlich. Für Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung wird der Antisemitismus Gedeons schon allein durch dessen Rückgriff auf die Protokolle der Weisen von Zion als vorgeblich „seriöse Quelle“ deutlich, da diese Schrift „nur im rechtsextremistischen und nationalsozialistischen Milieu rezipiert“ werde. Gedeons Publikationen weisen laut Funck drei Ebenen des Antisemitismus auf: Ideologeme aus dem „Arsenal des historischen Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“, die Vorstellung der Existenz einer zionistischen Weltverschwörung, kombiniert mit Antiamerikanismus, und einen sekundären Antisemitismus in der Form der Holocaust-Relativierung.Rüdiger Soldt: Forscher: Schriften „eindeutig antisemitisch.“ www.faz.net, 22. Juni 2016