Der hethitische Totenglaube und die hethitischen Jenseitsvorstellungen bilden einen bedeutenden Bestandteil der hethitischen Mythologie, der sich mit dem menschlichen Tod und dem Leben nach dem Tod befasst.
Seelenkonzepte bei den Hethitern
Für die Hethiter hatten sowohl Menschen als auch Götter und Tiere einen Körper (heth. tuekka-, sumerographisch NÍ.TE)Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 158. und eine Seele oder Lebenssubstanz (heth. ištanza(n(a))-Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 205., sumerographisch ZIPiotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 158.). Die Seele war der Sitz des Denkens, des Willens und der Persönlichkeit. Sitz der Emotionen waren sowohl die Seele als auch die Eingeweide (heth. karat-, sumerographisch ŠÀ). Anders als die Seelen der Tiere waren die Seelen der Menschen und Götter unsterblich und starben nicht mit dem Körper.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 158. Die vervollkommnete Menschenseele des Verstorbenen wird in einem hethitischen Ritualtext als „reine Angelegenheit der Sonnengottheit“ und als gottgleich (wörtlich: Gott) bezeichnet.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 207.
Der Tod bei den Hethitern
Die Hethiter kannten zahlreiche euphemistische Bezeichnungen für den Tod, den Todestag oder die Todesstunde. So war die Todesstunde die „abgeschnittene Zeit“ (heth. lammar kartan).Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 201. Ein weiterer Euphemismus für das Sterben war „vom Wege abtreten“. Eine ganze Reihe Bezeichnungen scheint dem Ahnenglauben zu entspringen. Stirbt der hethitische König oder die hethitische Königin, so „wird er bzw. sie Gott“ (heth. šiu(n))Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 201 f. und „erreicht den Berg“, in dem seine Ahnen wohnen. Zudem hieß der Todestag bei den Hethitern der „Tag der Mutter“ oder der „Tag seines Vaters und seiner Mutter“, ein Ausdruck, der sich klar vom Ahnenglaube ableitete.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 202. Der „Tag der Mutter“ drückt die hethitische Überzeugung aus, dass der durch die Mutter geborene Mensch aus der Unterwelt kommt und am Tag seines Todes von selbiger abgeholt wird, um der Gewalt der unterweltlichen Sonnengöttin der Erde entrissen zu werden und auf die Weide der Seligen gebracht zu werden, sodass der Tod als eine Art Geburt verstanden wurde. Der Todestag wurde zudem „Tag seines/ihres Schicksals“ genannt. Der „günstige Tag“ (sumerographisch UD.SIG5) war ein weiterer Euphemismus des Todestages, der als Personifizierung desselben als Gott verehrt wurde und Opfergaben empfing.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 159.
Die Hethiter unterschieden zwischen einem „guten“ und einem „bösen“, einem unzeitigen Tod. Wenn ein Mensch jung starb, so konnten die Schicksalsgöttinnen Gulšeš oder die ihnen entsprechenden hurritischen Schicksalsgöttinnen Ḫudena Ḫudellura dafür verantwortlich gemacht werden. In den meisten Fällen jedoch wurde ein vorzeitiger Tod als Reaktion der Götter auf ein vorangegangenes menschliches Fehlverhalten betrachtet, welches die Götter erzürnt hatte. Daher wurde versucht die Gründe des Götterzorns mittels eines Orakels herauszufinden oder die zuständige Gottheit durch Gebete und Opfergaben zu befrieden. Auch gab es magische Rituale, die helfen sollten das drohende Geschick abzuwenden.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 158 f.
Totenkult
Bestattungsriten
Da unbestattete Tote nach hethitischem Glauben zwischen Diesseits und Jenseits umherwandeln mussten und solche Totengeister von den Menschen gefürchtet wurden, war die Bestattung der Toten und das damit einhergehende korrekte Totenritual eine Notwendigkeit.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 202.
Die Hethiter kannten sowohl Körperbestattungen als auch Brandbestattungen.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 159. Auf Körperbestattungen weisen die taknaz dā-Rituale hin, bei denen sich ein vom Tode Bedrohter wie ein Toter in die Erde legen musste, um nach abgewendeter Bedrohung aus der Erde „wiederaufzuerstehen“.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 203. Brandbestattungen waren hingegen in der hethitischen Königsfamilie der Großreichszeit die Regel.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 159. Im 2. Jahrtausend v. Chr. wurde den archäologischen Nachweisen zufolge die Einäscherung zunehmend gebräuchlich, auch wenn es Friedhöfe mit sowohl Urnen- als auch Erdbestattungen geben konnte. Verschiedene Objekte konnten als Urnen verwendet werden. So sind Pithoi bekannt, die mit Steinen oder Bechern bedeckt wurden. Auch Krüge mit Vogelschnabelausguss wurden als Urnen verwendet. Erdbestattungen fanden in Gestalt von Grubengräbern, Pithosgräbern oder Steinkistengräbern statt. Auf dem Friedhof von İlica wurden die Gräber durch Reihen von Steinmonolithen markiert.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 167.
Die Art der Bestattung oder des Totenrituals war bei den Hethitern unter Umständen von der Art der Todesursache abhängig. Beispielsweise musste ein Toter, der vom Blitz erschlagen worden war, vor seiner Bestattung von einem Priester des Wettergottes rituell gereinigt werden.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 203. Es besteht die Möglichkeit, dass die Hethiter Leichenwaschungen durchführten. Darauf weist ein Abschnitt im Testament Ḫattušilis I. hin, in welchem der kranke König die Frau Ḫaštayar bittet ihn zu waschen, ihn an ihrer Brust zu halten und ihn an ihrer Brust in/mit der Erde zu schützen.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 203.
Bei der Bestattung wurden dem Verstorbenen zerbrochene Gegenstände als Grabbeigaben mit ins Grab gegeben, wohl in dem Glauben, dass die „Seelen“ der Gegenstände ihre gleich dem Körper des Verstorbenen zerstörte materielle Hülle verlassen konnten, um gleich ihrem Besitzer im Jenseits wiederbelebt zu werden.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 202. Zu möglichen Grabbeigaben zählten – neben Kleidung – verschiedenes Vieh wie Rinder, Pferde, Maultiere und Schafe, dazu zerbrochene bäuerliche Gerätschaften und ein Rasenstück. Diese Grabbeigaben hingen mit der hethitischen Vorstellung des Jenseits als Viehweide zusammen.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 205. Tiere wurden in der Regel im ganzen geopfert, im Falle von Pferdeartigen teilweise auch nur ihre Schädel. Die zuvor genannten Herden- und Lasttiere wurden auch noch durch Schweine ergänzt. Auch zerbrochene Töpferware und Libationsgefäße dienten als Grabbeigaben.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 167. Eine Frau erhielt in einem hethitischen Ritualtext unter anderem eine Spindel und ein kureššar-Tuch als Grabbeigaben.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 206.
Das königliche Bestattungsritual
Bestattungsrituale sind nur für königliche Begräbnisse überliefert. Die Totenriten für Mitglieder der Königsfamilie wurden in der Hauptstadt Ḫattuša oder auch in der alten Königsstadt Zalpa durchgeführt.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 204. Der Tod eines Mitglieds der königlichen Familie galt als großes Unglück (heth. šalliš waštaiš), weil der Tod jener Person, die für die Verbindung der Menschen mit den Göttern verantwortlich war, das ganze Land großer Gefahr aussetzte, da die Verbindung zu den Göttern abgebrochen war. Die Leiche des oder der Verstorbenen wurde verbrannt.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 161. Das Begräbnisritual diente dazu, den Toten in die Gemeinschaft der Familienahnen einzuführen und seinen/ihren Ahnenkult zu beginnen.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 161 f. Während der Leichenverbrennung wurde auch ein Strick verbrannt und dem Verstorbenen zugerufen: „Wenn du zur Weide gehen wirst, ziehe nicht am Strick!“, um die Verbindung zum Leben zu kappen. Zeitgleich wurde die Seele des verstorbenen Mitglieds des Königshauses gemeinsam mit Gottheiten und Ahnengeistern beopfert.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 161.
Zunächst wurde der Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Währenddessen residierte die Seele des Toten in einem geschlachteten Pflugochsen. Am nächsten Tag kamen Frauen, um die übriggebliebenen Knochen einzusammeln. Das Feuer wurde mit Bier und Wein gelöscht. Dann wurden die Knochen in einem ölgefüllten Silberkessel gewaschen und in Leinenstoffe eingeschlagen. Danach wurden sie auf einem Stuhl (im Falle eines Mannes) oder einem Schemel (im Falle einer Frau) platziert. Der Stuhl bzw. Schemel diente möglicherweise als Aufenthaltsort der Seele während dieser Begräbnisphase. Im Beisein der Reste des Toten fand ein Leichenschmaus statt, bei welchem ein dreimaliger ritueller Trinkspruch auf die Seele des Toten ausgeführt wurde. Zeitgleich wurde ein Abbild des Toten aus Früchten in der Mitte des Scheiterhaufens errichtet. Vielleicht diente dieses Abbild als Symbol der Wiedergeburt des Toten im Jenseits und der Fruchtbarkeit. Das eigentliche Begräbnis endete mit der Überführung der Totenreste in ein als „Steinhaus“ (sumerographisch É.NA4)Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 162. (auch „Steinhaus der Gottheit“Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 203 f. (sumerographisch É.NA4 DINGIRLIM), „Steinhaus des göttlichen Ahnen“ (heth. É.NA4 DINGIRLIM addaš)Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 164., „Haus der Gebeine“ (heth. É ḫaštiyašVolkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 216. oder ḫaštiyaš pirPiotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 164., sumerographisch É GIDIM), Haus der Toten (sumerographisch É ŠA GIDIM)Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 165.) bezeichnetes Mausoleum, wo die Knochen des Toten auf einem Bett platziert wurden.Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia. Wiesbaden 2009, S. 162. Die Existenz jener „Steinhäuser“ konnte bisher noch nicht archäologisch nachgewiesen werden.Volkert Haas, Heidemarie Koch: Religionen des alten Orients: Hethiter und Iran. Göttingen 2011, S. 204. Zur Ahnenverehrung im „Steinhaus“ siehe den folgenden Abschnitt.