Clawfinger ( für „Krallenfinger“) ist eine Band aus Schweden und Norwegen. Sie gelten als Pioniere der Genres Crossover und Rap-Metal und haben Bands wie Korn oder Rammstein maßgeblich beeinflusst.
Ihren größten kommerziellen Erfolg feierte die Band in Mittel- und Osteuropa zwischen 1992 und 2001, platzierte mehrere stark sozialkritische Songs in den relevanten Charts im Vereinigten Königreich, der D-A-CH-Region und in Skandinavien. 2014 erklärte die Band zwischenzeitlich die Bandauflösung, ist nach kurzer Unterbrechung aber seither weiter live aktiv und veröffentlicht Onlinesingles.
Geschichte 1989–1994: Deaf Dumb Blind Jocke Skog, Zak Tell, Erlend Ottem und Bård Torstensen lernten sich bei der Arbeit im Rosenlund Hospital in Stockholm über geteilte musikalische Interessen kennen. Sie entdeckten gemeinsam neue Alternative-Rock-, Metal- und Rapmusik und begannen selbst Demos aufzunehmen. In dieser Zeit entstanden die Songs Nigger, Profit Preacher und eine frühe Version von The Truth. Auch kollaborierten die vier mit Musikern wie dem schwedischen Rapper Just D. Im Studio entstand eine E.P., für welche sich die Musiker kurzerhand den Namen „Klåfinger“ gaben. Die Platte erschien unter dem Namen Just D. & Klåfinger und beinhaltete mit Epic ein Cover des Faith-No-More-Songs.
Ein Freund von Zak Tell reichte das Demo der Band 1992 für einen Radio-Wettbewerb ein. Es erhielt Airplay mit dem Song Nigger und wurde das „Demo der Woche“. Per Kviman, A&R-Manager bei dem in Stockholm ansässigen Label MVG Records, wurde darauf aufmerksam und nahm die Band unter Vertrag. Zusammen mit dem Produzenten Stefan Glaumann gingen Clawfinger in dessen Stockholmer Studio und nahmen mit ihm Songs für ein professionelles Album auf.
1993 erschien das Debüt-Album Deaf Dumb Blind. Europaweit überraschten sie damit das Publikum auf Supporttourneen mit Alice in Chains, Die Krupps und Anthrax. Die dazu veröffentlichte provokative Single-Auskopplung Nigger machte die Band somit in kürzester Zeit zum Gesprächsthema. Es entfachte eine Diskussion über Antirassismus, welche die Band in allen relevanten Musikmedien in die Diskussion brachte. Die noch im selben Jahr veröffentlichte Single The Truth brachte den Durchbruch und lief auf den Musikkanälen im Radio und Fernsehen europaweit rauf und runter. Die Band wurde fortan auf MTV und VIVA medial begleitet, ihre gefeierten Auftritte auf großen internationalen Festivals wie Rock am Ring oder dem Roskilde-Festival waren Gegenstand von Sonderberichten.
Das Album setzte in den ersten zwei Jahren 600.000 Einheiten ab, wurde alleine in Deutschland über 250.000 Mal verkauft. In Deutschland, Schweden und Norwegen erhielten Clawfinger Goldene Schallplatten.
Der Auftritt bei dem Monsters-of-Rock-Festival in Südamerika 1994 markierte einen Höhepunkt in der Bandkarriere. In diesem Zuge wurde das Debütalbum Deaf Dumb Blind auch in Nordamerika veröffentlicht. Der Song Nigger wurde hierbei durch den Song Get It ersetzt. Eine breitere kommerzielle Resonanz blieb in Nord- und Südamerika aus. Musikalisch ist der Einfluss von Clawfinger auf den Debütalben KoЯn (1994) von Korn und Herzeleid (1995) von Rammstein zu hören.
1994–1996: Use Your Brain Das zweite Album Use Your Brain erschien 1995 und knüpfte an den Erfolg des Vorgängers an, festigte den Ruf der Band als international gefeierte Liveband und verkaufte erneut 500.000 Stück. Die erste Single-Auskopplung Pin Me Down kam im Musikfernsehen in die Heavy Rotation. Die zweite Single Do What I Say mit einem markanten, von zwei Kindern wütend geschrienen Refrain, wurde zum Hit und festigte den Status der Band als politische Crossover-Instanz. Der Song setzt sich kritisch mit autoritärer Erziehung und der Reflexion des Erzogenen auseinander.
Die Band behielt ihr musikalisches Konzept bei, welches ein Alleinstellungsmerkmal aufwies in Bezug auf Aufnahmetechnik, Stil aus Drumcomputer, Samples, kurz gefassten Sägegitarren und sozialkritischen Inhalten.
Die Band spielte in den ersten drei Jahren weltweit 500 Livekonzerte. Auf Teilen ihrer Tournee 1995 waren Rammstein ihre Vorgruppe.
1997–2001: Clawfinger und die „Rammstein-Connection“ Den sägenden und dominierenden Gitarren wichen auf dem dritten Album Clawfinger (1997) langsam fortschreitende und zähflüssig fressende Rhythmen. Auch die Songtexte hatten nicht mehr die Note von Jugendrebellion, sondern bewegten sich weg von Texten mit erhobenen Zeigefingern und zeigten eine emotionalere und psychisch-dunklere Seite der Band auf. Die Band experimentierte somit am Sound und an den Lyrics und veränderte ihren Stil. Während Clawfinger weiter auf europäischen Festivals gefragt war, live von Fans gefeiert wurde und mit dem groovigen Biggest and the Best einen weiteren Hit landete, sanken die Verkaufszahlen ein. In Deutschland setzten Clawfinger 150.000 Alben ab. Die zweite Single Two Sides fand keine besondere Beachtung. Größeres Lob erfuhr die Band hingegen für ihre Remixe für die deutsche Band Rammstein, erstmals 1997 produziert.
2001–2003: A Whole Lot of Zeros? Clawfinger wechselten das Label und gingen zu GUN Records, bei dem zu dieser Zeit die bekannte Crossoverband Guano Apes unter Vertrag war. In dem neuen Umfeld erschien das Album A Whole Lot of Nothing (2001). Die Single-Auskopplung Out to Get Me (2001) stieg in die deutschen Musikcharts Top-100 ein und festigte den Ruf der Band als Hitlieferanten. Stilistisch festigten Clawfinger ihren eigenen und markanten Sound, die politisch-inhaltlichen Lyrics waren nicht so prägnant wie auf den Vorgängern. Eine weitere Single war Nothing Going On. Die Band kam damit auf die großen Bühnen zurück und tourte auch vermehrt in Osteuropa. Dort hatte die Band weiter große Erfolge und baute die Fangemeinschaft im Zuge des Rammstein-Hypes aus.
Für Rammstein erschienen weitere beachtete Remixe und man ging gemeinsam mit ihnen auf Tournee.
Das 2003 veröffentlichte Album Zeros & Heroes fand nahezu keine Beachtung und die Band tourte fernab der großen Festivals auf kleinen Rock- und Metal-Open-Airs. Dazu kam auch noch der Ausstieg des Gitarristen Erlend Ottem im Oktober 2003. Seit dem Ausstieg Erlends übernimmt Jocke neben dem Keyboard des Öfteren die Gitarre. Die einzige Singleauskopplung Recipe for Hate war der Soundtrack zum Matrix-Videospiel.
2005 bis 2013: Nuclear Blast mini|Clawfinger in der Saarbrücker Garage im Februar 2006
2005 unterschrieben Clawfinger einen neuen Plattenvertrag bei Nuclear Blast, einem Label mit Schwerpunkt auf Metal. Damit finden sich Clawfinger neben Manowar, In Flames oder Graveworm in einer bisher für sie unbekannten musikalischen Nachbarschaft.
Am 21. November 2005 erschien mit Hate Yourself with Style ein sechstes Studioalbum. Musikvideos gab es zum Titelsong des Albums sowie zu Dirty Lies und Without a Case.
Das Album fiel härter und metallischer aus, es wurde mit Tempowechseln gearbeitet, ohne den typischen Stil der Band zu verändern. Die Texte blieben auf einem gewohnt kritischen Niveau.
Am 27. Juli 2007 erschien das Album Life Will Kill You ebenfalls auf Nuclear Blast. Musikvideos gab es zu The Price We Pay und Prisoners.
Da die Bandmitglieder seit 2007 nach eigenen Angaben von Einnahmen aus der Musik nicht mehr leben konnten, arbeiten sie seitdem in regulären Berufen, außerdem haben einige von ihnen Familien gegründet. Ende August 2013 gab die Band via Facebook ihre Auflösung bekanntfacebook-Post, 23. August 2013, archiviert bei ghostarchive.org; abgerufen am 3. April 2023. und im Oktober wurde veröffentlicht, dass Jocke Skog als Bassist bei der Band Feared eingestiegen ist.facebook-Post, 5. Oktober 2013, archiviert bei ghostarchive.org; abgerufen am 3. April 2023.
Ab 2014 Im Mai 2014 kündigte die Facebook-Seite der Band eine einmalige Show auf dem ZAKHID-Festival in der Ukraine am 8. August 2014 an. Seitdem hat die Band gelegentlich Reunion-Shows gespielt, so etwa im Jahr 2016 für das dänische CopenHell Festival, das bulgarische Summer Chaos Festival, das Irreversible Festival 2017 in Monthey in der Schweiz und beim Wacken Open Air. Am 16. August 2017 veröffentlichte die Band eine neue Single mit dem Titel Save Our Souls.Save our Souls von Clawfinger auf discogs.com; abgerufen am 3. April 2023. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Deaf Dumb Blind absolvierte die Band 2018 weitere Auftritte und es erschienen mit Tear you Down (2019) und Environmental Patients (2022) zwei weitere Singles, bis dahin hatte die Band nach eigenen Angaben bereits „sechs oder sieben“ neue Stücke geschrieben. Ihr Manager äußerte daraufhin, dass die Band ein neues Studioalbum veröffentlichen sollte, bevor alle Bandmitglieder gestorben sind. Aus dieser Phrase leitet sich der Titel des Anfang 2026 veröffentlichten Albums Before We All Die ab.
Besetzung
Stil Clawfinger wurden lange Zeit als europäische Antwort auf Rage Against the Machine (USA) gehandelt, da sie sowohl soundtechnisch als auch inhaltlich stark an diese Band angelehnt schienen. „Durch ihre klinischen Gitarren und die stampfenden Beats waren sie die elektronischste Variante des damals grassierenden Zappelbudenvirus“ (Quelle: Plattentests.de). Dieser Sound gilt als ein Markenzeichen der Band. Er ist gekennzeichnet durch scharf-sägende Gitarrensounds, welche oftmals weniger als zwei Riffs lang den Rap-Gesang rhythmisch unterstützen. Clawfinger verwenden keine Gitarren-Soli. Der Stil ist geprägt durch einfache und sehr kurz gehaltene Gitarren-Riffs und greifbare Hooklines sowie leicht zu merkende Refrains. Die Gitarren sind meist ohne Gitarrenamps und zusätzliche Tonabnehmer direkt über das Mischpult aufgenommen.
Ein Verweis im Booklet des Debütalbums 1993 beschreibt den Sound der Band noch heute sehr gut:
„This record is loaded with samples, loops and no guitar amps“.
Diese Anspielung zielte direkt auf Rage Against the Machine ab, welche sich ganz besonders darauf beriefen, alle Sounds mit den Gitarren selbst zu erzeugen und in ihrem eigenen Booklet des selbstbetitelten Debütalbums 1992 schrieben:
„No Samples, Keyboards or Synthesizers used in the making of this recording“
Kontroverse um den Song Nigger Der Eröffnungssong des ersten Albums der Band kritisiert Schwarze (vor allem aus dem Bereich der US-amerikanischen Hip-Hop-Kultur) dafür, das Wort „Nigger“ in positiver Konnotation für sich selbst zu verwenden. Im Songtext erklärt Zak Tell die historische Verwendung dieses ursprünglich von den Weißen als äußerst abwertende Bezeichnung für schwarze Menschen verwendeten Wortes.
Der Song wurde vielfach missverstanden und kritisiert. TV-Beiträge auf der Best-Of-Compilation Deafer Dumber Blinder (2014) belegen, dass nach einem Konzert in England weiße Jugendliche aufgeheizt das N*-Wort auf der Straße vor der Konzerthalle skandierten. In Interviews betont Sänger Zak Tell, man könne den Song nicht auf seinen Refrain reduzieren. Als Antwort auf die Debatte veröffentlichten Clawfinger den Song Braindead auf einem Solisampler der Stockholmer Antifa. Tell kündigte das Lied Nigger auf späteren Konzerten explizit als „anti-rassistisches Stück“ an. 2019 entschied die Band, den Track nicht mehr live zu singen.
Remixe Schon mit der ersten Single Nigger und speziellen Remix-EPs lebte sich die Band mit Remixen kreativ aus. Nur selten gab es jedoch in der eigenen musikalischen Entwicklung wirklich elementare Veränderungen. Dem schon sehr früh geäußerten Statement des Sängers „Remixe sind Rip-Offs“ stehen zahlreiche eigene Remixarbeiten entgegen. So gab es unzählige Interpretationen eigener Songs zwischen Techno bis harten Industrial-Experimenten. Internationales Lob heimste sich die Band mit einem Remix für Die Krupps ein, für welche sie deren Hit To the Hilt neu interpretierten.
Bandnetzwerk