Die Cimade – Service œcuménique d’entraide (deutsch „Ökumenischer Dienst zur Unterstützung“), auch Comité inter-mouvements auprès des évacués („Überparteiliches Komitee für Flüchtlinge“), ist eine Nichtregierungsorganisation in Frankreich, die sich für Ausländer einsetzt. Sie ist Mitglied der Fédération protestante de France.
Aufgabenbereiche Die Cimade engagiert sich in den Bereichen Juristische Unterstützung: rechtliche Hilfe für Ausländer in Verwaltungshaft (Aufnahmelagern), Unterhalt von sanitären und sozialen Einrichtungen, Hilfen zur Integration. Diese Aktivitäten werden durch Finanzmittel der öffentlichen Hand finanziert. Aufnahme von Ausländern und Integration: Begleitung von Ausländern mit dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung, internationale Solidaritätsaktionen, Intervention in Gefängnissen und Lagern, Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Politik für die Aufgaben der Organisation. Diese Aktionen werden vor allem aus Eigenmitteln der Organisation finanziert.
Gemäß ihren Statuten ist die Cimade „mit denen solidarisch, die leiden, die unterdrückt und ausgebeutet werden, und wird sie verteidigen, unabhängig von ihrer Nationalität, Herkunft, politischen oder religiösen Standpunkten“.„Cimade a pour but de manifester une solidarité active avec ceux qui souffrent, qui sont opprimés et exploités et d’assurer leur défense, quelles que soient leur nationalité, leur origine, ou leur position politique ou religieuse.“ Im Besonderen kämpft die Organisation gegen Rassismus und achtet genau darauf, dass die Persönlichkeitsrechte und die Würde ihrer Schützlinge respektiert werden, gleich wie ihre Situation auch sein mag. Die Cimade vereinigt in diesem Bestreben Menschen aus verschiedensten nationalen, konfessionellen, philosophischen und politischen Herkünften.Auszug aus dem 1. Artikel der Statuten der Cimade, .
Wenngleich die Cimade ursprünglich eine religiöse Vereinigung war, ist ihre Ausrichtung heute von Grund auf säkular. Sie respektiert die religiöse Orientierung und die Weltanschauungen ihrer Schützlinge und definiert sich nicht durch die religiöse Motivation oder bestimmte Theologien, sondern durch die Aktivitäten ihrer Mitarbeiter, die ganz unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören.
Im Juni 2013 wurde Geneviève Jacques, eine langjährige Mitarbeiterin und ehemalige Generalsekretärin der Organisation, Präsidentin. Ihr folgte 2018 Christophe Deltombe im Amt. Am 4. Juli 2020 wurde der bisherige Leiter des Cimade-Regionalverbands Île-de-France, Henry Masson, zum neuen Präsidenten gewählt. Mit Stand vom September 2024 bekleidet er das Amt immer noch.
Geschichte Anfänge: Flüchtlinge aus Elsass-Lothringen Im September 1939, im Zuge des Kriegseintritts gegen Deutschland, erfolgten die Evakuierungen aus dem Elsass und Lothringen in den Südwesten Frankreichs (Haute-Vienne, Dordogne, Landes, Lot-et-Garonne, Gers). Dadurch begann für diese etwa 200.000 Personen eine lange Zeit des Exils unter schwierigen Umständen. Die – oft deutschsprachigen – Alsaciens et Lorrains, wurden als Fremde wahrgenommen und mit Abwehrreaktionen der Einheimischen konfrontiert. Hinzu kam, dass die Bevölkerung in Elsass und Lothringen überwiegend protestantisch war, während die aufnehmenden Departements überwiegend katholisch geprägt waren.
Eine protestantische Theologin aus dem Elsass, Suzanne de Dietrich, Mitglied des Weltkomitees der Unions de jeunes filles, unternahm eine Reise in die Gebiete im Südwesten. Ende September 1939 bildeten sich Gruppen mit Freiwilligen die als „Comité inter-mouvements (CIM)“ in den Südwesten Frankreichs (Périgueux, Haute-Vienne …) gingen. Im März 1940 entstand daraus „der“ CimadeAssociation sous le régime de la loi de 1901, déclarée auprès de la Préfecture de police de Paris le 8 mars 1940., unter dem Vorsitz von Jane Pannier. Auf Wunsch von Marc Boegner wurde Madeleine Barot zur Generalsekretärin ernannt.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 11 (siehe Literatur).
Internierungslager für Ausländer Ab August 1940 betätigte sich La Cimade im Camp de Gurs,Geneviève Dreyfus-Armand , S. 68–69. in dem damals viele verschiedene Ausländer festgehalten wurden: Zigeuner, Kommunisten, politische Flüchtlinge, deutsche Intellektuelle, die vor dem Nazi-Regime geflohen waren, Osteuropäer, die von der Wehrmacht geschickt worden waren und andere.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 13–15. La Cimade unterstützte auch Juden die vor Verfolgungen auf der Flucht waren und kümmerte sich ab 1940 vor allem um deren Aufnahme in Le Chambon-sur-LignonLes Clandestins de Dieu. Cimade 1939–1945, S. 112. mit Unterstützung der protestantischen Gemeinden und dem „Comité de Nîmes“. Zusammen mit anderen Hilfsorganisationen kümmerte sich Cimade auch um die Internierten im Frauen-Internierungslager Brens und unterstützten dort unter anderem die Einrichtung einer Kultur- und Freizeitbaracke.Mechthild Gilzmer: Fraueninternierungslager in Südfrankreich. Rieucros und Brens 1939-1944, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1994, ISBN 3-929823-10-1, S. 191.
Ab 1943, nach der Einnahme der „Zone Sud“, erweiterte die Vereinigung ihre Arbeit um die Herstellung von gefälschten Papieren und die Verschickung von bedrohten Juden in die Schweiz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg In Deutschland engagierten sich verschiedene Freiwilligentrupps der Cimade ab 1946 in Mainz und Berlin, in Flüchtlingslagern für Flüchtlinge aus Osteuropa. 1951 startete Madeleine Barot eine Mission in den Flüchtlingslagern der Palästinenser im Libanon, in Syrien und in Jordanien. 1955 begannen zwei Krankenschwestern einen medizinischen Dienst in Dakar.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 38. Ab 1967 engagierte sich die Cimade in den Bemühungen um einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 42–43.
1956 wurde auch der erste „poste“ in Frankreich, in der Rue d’Aix in Marseille, später in den Camps Grand Arenas, Colgate und Grande Bastide eingerichtet. 1959 wurde ein Posten in Paris eröffnet und 1962 in Lyon.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 22. In diesen Büros werden vor allem Alphabetisierungskurse, Französischkurse, schulische Nachhilfekurse, aber auch Nähkurse angeboten.
Seit 1957 engagierten sich Mitarbeiter der Cimade in den „Centres d’Assignation“, in denen vor allem Algerier festgehalten wurden. 1958 wurde ein erster Posten der Cimade in Algier (Clos Salembier) eingerichtet.Parce qu’il n’y a pas d’étrangers sur cette terre …, S. 26–27.
In den 1960ern Am Beginn der 1960er wurden die Dienstleistungen neu eingeteilt und Prioritäten gebildet. Marie-Claude Blanc-Chaléard 2013, S. 227. Zu den zentralen „Diensten“ (services centraux) wurden Direction, Services généraux, Éducation œcuménique (Ökumenische Bildung) und Cours interconfessionnels (interkonfessionelle Programme) gezählt. Die einzelnen Sektoren waren damals: „le secteur des réfugiés“ Flüchtlingsarbeit: aufgeteilt in sieben „Missions“ (Immigration, Émigration, Réfugiés Viêt Nam (Flüchtlinge aus Vietnam), Vestiaire (Kleiderkammer), Centres d’hébergement (Unterkünfte), Distribution de vivres (Verteilung von Lebensmitteln), Cours (Kurse), Ciné-club (Film-Club)); „le secteur nord-africain“ – Nordafrikanischer Sektor: Der Nordafrikanische Sektor organisierte Hilfsprogramme sowohl in Frankreich (camps d’assignation à résidence; Marseille, Paris 14e, 15e, Lyon) als auch in Algerien (centres de regroupement; Algier, Medea, Sidi Nahmane, Belkitane); Coudekerque (Nord): Fortsetzung der Aufklärungs- und Bildungsarbeit, die in der Kriegszeit begonnen wurde; Dakar: Eröffnung einer Klinik; la Maison internationale des étudiants de Sèvres: Ein Wohnheim für internationale Studenten; le service des prisons et libérés: Resozialisierung von Häftlingen und Freigelassenen nach einer Reform des Strafrechts; le service des sinistrés d’urgence: Notfalldienste.
Außerdem führte die Organisation ein Aufnahmezentrum in Sucy-en-Brie, sowie Altenheime für russische Flüchtlinge in Cannes, Saint-Raphaël und Perreux-sur-Marne. 1970 wurde der Poste de Strasbourg eröffnet. Roby Bois, der spätere Generalsekretär der Cimade (1973–1984), der den Algerienkrieg miterlebt hatte, war in dieser Zeit besonders aktiv.
Nach der Unabhängigkeit Algeriens blieben die Mitarbeiter im Land und arbeiteten im Comité chrétien de service en Algérie (CCSA – Christlichen Komitee für Dienste in Algerien), gegründet vom Ökumenischen Rat der Kirchen. 1966 eröffnete die Cimade ein Büro im Lager von Sainte-Livrade-sur-Lot, in dem Harkis und Rückkehrer aus Indochina untergebracht waren. Zusätzlich besuchten Mitarbeiter die Lager in Saint-Laurent-des-Arbres und Saint-Maurice-l’Ardoise.
Ende Juni 1961 konnte die Cimade in einer geheimen Aktion um die 60 Studentinnen und Studenten aus Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, Kap Verde und São Tomé aus dem vom Diktator Salazar beherrschten Portugal herausschmuggeln und über Spanien nach Frankreich bringen. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten sich alle schon in Portugal für die Unabhängigkeit ihrer Herkunftsländer engagiert, standen unter Beobachtung der Geheimpolizei PIDE und fürchteten zum Teil, vom portugiesischen Militär zum Kampf gegen die Unabhängigkeitskämpfer in ihren Heimatländern eingezogen zu werden.Adefunmi Olanigan: Sie tarnten sich als fromme Touristen, taz.de, 27. Juni 2026. In dem Artikel ist allerdings nur von 41 aus Portugal heraus geschmuggelten Studentinnen und Studenten die Rede. und nicht von 60 wie bei Harper und Nottingham (siehe Literatur), die zu den Unterstützern der Aktion gehörten. Cimade wurde bei dieser Aktion, bei der etwa zwanzig spätere politische Führungskräfte in ihren Heimatländern vor dem Zugriff des Salazar-Regimes gerettet wurden, vom Ökumenischen Rat der Kirchen und der amerikanischen Methodistenkirche unterstützt. Zu den von der Cimade Geretteten gehörten zum Beispiel Pedro Pires, der spätere Präsident von Kap Verde, und Henrique „Iko“ Carreira, der in Angola gegen die portugiesische Kolonialmacht kämpfte.Zu Henrique „Iko“ Carreira sie den Artikel in der portugiesischsprachigen Wikipedia: :pt:Iko Carreira
In den 1970ern Anfang der 1970er wurde die Vereinigung erneut reorganisiert.Marie-Claude Blanc-Chaléard 2013, S. 230. Es wurde eine Direction geschaffen, die aus Rat, Leitungskomité und einem Generalsekretär bestand, sowie den nationalen Diensten und den Teams.
Die Nationalen Dienste (services nationaux) unterteilten sich in „Technische Dienste“ (services techniques – émigration, immigration, régularisation, étudiants, alphabétisation, artisanat, assistance et urgences, prisons) und „Verwaltungsdienste“ (services administratifs – comptabilité (Buchhaltung), secrétariat, reprographie (Vervielfältigung), standard, Grenelle (Konsultation)), sowie „Spezielle Dienste“ (services spécialisés – information, documentation, fichier (Archiv), personnel et bénévoles (Mitarbeiter und Ehrenamtliche), développement).
Die Équipes (Teams) wurden gruppiert in die Sektoren Tiers-Monde (Dritte Welt – Dakar, CCSA Algérie, Proche-Orient), Réfugiés (Paris, Massy), Migrants (Saint-Denis, Nanterre, Sucy, Paris, Lyon, Strasbourg, Korsika, Marseille Dames, Marseille Arenc) und Entraide (Eingliederungshilfen – Harkis, Sainte-Livrade, service orthodoxe, reference ages, Cannes).
Ab 1964 und seit dem ersten Eintreffen politischer Flüchtlinge aus Brasilien verfolgte la Cimade die Situation in Lateinamerika. Seit 1973 engagierte sie sich in der Aufnahme von Flüchtlingen aus Chile, sowie unter der Leitung von André Jacques, auch für Flüchtlinge aus Mosambik, Griechenland, Angola u. a. Ab 1975 lag der Schwerpunkt dabei auf Flüchtlingen aus Indochina. Vorrangig war dabei ein Sprachprogramm (FAS), welches vom Staat finanziert wurde.Marie-Claude Blanc-Chaléard 2013, S. 233.
In den 1980ern