Unter dem Freiheitsbaum ist ein 1922 erschienener Roman der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig. Hauptfiguren der Geschichte, die sich um 1800 im Rheinland zuträgt, sind die Räuber Johannes Bückler, genannt „Schinderhannes“ und Hans Sebastian Nikolai, ein Schmied aus Krinkhof in der Eifel. Neben den Taten der beiden Räuber und ihrer Banden zeichnet Viebig die Verworrenheit der nachrevolutionären Verhältnisse nach, unter der die Bevölkerung leidet, die den Kriminellen hingegen gute Gelegenheit gibt, die Situation zu ihrem Vorteil auszunutzen.

Handlung Im französisch besetzten Trier wird im Jahr 1796 das vierte ‚Fest der Gründung der Französischen Republik‘ gefeiert: „Auf dem Hauptmarkt, auch auf den Domfreihof, vor dem Justizgebäude ragt ein Freiheitsbaum – junge, schlanke Eichen von Eifelhöhen.“Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, Stuttgart: DVA 1922, S. 7. Das Volk profitiert freilich nicht immer von den Segnungen des politischen Umbruches, sondern es leidet unter den politischen, ökonomischen und sozialen Verwerfungen einer Zeit, die voll ist von „Blut […] in der Mosel und Seuche und Hunger an beiden Ufern und wenig Barmherzigkeit.“Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, Stuttgart: DVA 1922, S. 11. Während sich die älteren Trierer kaum mit dieser Situation abfinden können, halten die Jüngeren sie für völlig normal:

Die folgende Erzählung besteht aus drei Hauptsträngen mit einigen Nebenhandlungen. Zahlreiche Nebenfiguren präzisieren das dargestellte Bild oder beobachten es aus einer Randperspektive, so die Soldaten, jüdische Händler, Bauern oder die Stadt- und Landbevölkerung.

Der erste Hauptstrang handelt von Johann Bückler, dem Schinderhannes, der sich selbst auch als „Johannes Durchdenwald“ bezeichnet, und von dessen Braut, der Bänkelsängerin Julchen Bläsius. In der Geschichte Julchens spiegelt sich beispielhaft das Schicksal von Familien in dieser Zeit:

Hannes, der zwar als ein berüchtigter Räuber bekannt ist, kann insbesondere gegenüber seinem Julchen sehr „großmütig sein.“Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, Stuttgart: DVA 1922, S. 184. Er weiß rauschende Feste zu feiern, wie auf dem Hof Kallenfels bei Kirn im Hunsrück, wobei er allerdings von den Juden der Umgebung Schutzgelder erpresst. Diese verwendet er zur Finanzierung seiner Feiern und vor allem dazu, Julchens Wünschen nachzukommen. Dennoch ist die Beziehung der beiden durch zahlreiche Eifersüchteleien gekennzeichnet, denn Hannes ist aus früherer Zeit auch mit Amie, der Tochter der Butzliese, die an der Rückwand des Trierer Doms ein Huren- und Hehlergewerbe betreibt, verbunden. Letztlich nimmt aber Julchen als Mutter seines Kindes eine wichtige Rolle im Leben des Bückler ein. Sie ist auch ein Gegenpol zu seiner Mutter, die die Taten des Sohnes abscheulich findet und ihm mehrfach ins Gewissen redet:

Im zweiten Erzählstrang ist Hans Bast Nikolai die wichtigste Figur, der Schmied und Räuber aus Krinkhof bei Bad Bertrich, der überdies einen Ruf als Wunderdoktor erworben hat. Der ehemalige Flügelmann der Kurtrierer Garde hasst die Welt, seit man ihn wegen einer Liebelei mit der Frau seines Vorgesetzten verurteilt hat. Während die Frau keine Strafe erhielt, da sie vorgab, Hans Bast habe ihr Gewalt angetan, musste er Spießruten laufen und wurde anschließend in Unehren entlassen. Dies macht ihn zu einem Zweifler:

Mit seiner Tochter Maria ist Hans Bast in einer problematischen Beziehung verbunden. Er hat ihre Mutter wenig geliebt; außerdem dient die einsame Krinkhofer Schmiede als Unterschlupf und Ausgangspunkt von Raubzügen der sogenannten Moselbande. Seine Tochter gibt Hans Bast deshalb als Magd zur Butzliese, einer alten Freundin, bei der auch Bückler und seine Männer verkehren. Eines Nachts erschlägt der Iltis-Jakob, ein Räuber der Bande, im Haus der Butzliese einen Verehrer seiner freizügigen Frau Anne. Bei einer Polizeikontrolle wird Bückler von Maria durch einen verborgenen Gang im Dom in Sicherheit gebracht, nicht ohne dass dieser versucht, sich das Mädchen zu Willen zu machen. Sie wehrt aber erfolgreich ab.

Maria gibt ihren Dienst in dem zweifelhaften Haus auf und kehrt zu ihrem Vater zurück. Auf dem Weg in die Eifel wird sie von dem in französischen Diensten stehenden General d’Aubray vergewaltigt. Die gedemütigte Maria findet letztlich in Martin, dem Sohn des Müllers am Üßbach, einen verständnisvollen Freund. Zunächst als Magd auf der Mühle und von der Mutter trotz ihres ‚Makels‘ anerkannt, es entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung, und Maria wird nach einigem Zögern die Ehefrau von Martin.

Ein dritter Erzählstrang dreht sich um die Figur des Friedensrichters Friedrich Adami, der in Lutzerath sein Amt ausübt. Der Beamte, der in besonderer Weise von dem Unwesen der Räuberbanden betroffen ist, reflektiert über die mangelnde Rechtssicherheit:

Adami ist mit der Trierer Bürgermeisterstochter Susette Gontard verlobt, aber seine Absichten werden durch die Leichtsinnigkeit der Verlobten zunichtegemacht. Ihr wird eine Beziehung mit d’Aubray zum Verhängnis. Während Suschen sich für ein Leben im Kloster entschließt, fordert Adami in seiner Enttäuschung d’Aubry zum Duell. Dieser flüchtet, getarnt als ‚Marquis de la Ferrière‘, und lässt dabei zusätzlich die Regimentskasse mitgehen. Der um seine Satisfaktion betrogene Adami widmet sich verstärkt der Erfassung des Schinderhannes. Sein Motiv:„Oh, es war weit gekommen mit den Leuten, sie wussten nicht mehr, was gut und böse war! Die Bauern leisteten dem Bückler Vorschub, die Damen erzählten sich pikante Anekdoten von ihm.“Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, Stuttgart: DVA 1922, S. 185.

Adami versucht, über Hans Bast den Aufenthaltsort Bücklers zu erfahren, wobei er die Involvierung des Krinkhofers in das Bandenwesen nur ahnen kann. Sein Glaube an die Freiheit ist erschüttert; er hofft auf eine Besserung durch Bonaparte:

Die einzelnen Handlungsstränge werden zusammengeführt, als der flüchtige d’Aubry sein fußlahmes Pferd bei Hans Bast behandeln lassen muss. Maria erkennt den Übeltäter und offenbart ihrem Vater dessen Schandtat. Hans Bast sinnt auf Vergeltung und lockt den falschen Marquis in eine Falle der Schinderhannes-Bande am Reiler Hals; anschließend ersticht er den Peiniger seiner Tochter. Bückler, bekleidet mit der erbeuteten Uniform d’Aubrys, lässt sich indessen in Cochem, als Marquis feiern und bewirten. Er ahnt nicht, dass Hans Bast zur gleichen Zeit Adami über den Mord an d’Aubry informiert, als Mörder aber ihn, Bückler, angibt.

Im Zusammenhang mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Napoleon werden Bürgerwehren gebildet, welche die Räuber ergreifen sollen. Hannes legt sich vorsichtshalber eine Identität als fahrender Krämer unter dem Namen Jakob Ofenloch zu. Die Geburt seines und Julchens Sohnes, des Hanneschen, hält ihn nicht davon ab, die französische Tänzerin Cecile Vestris zu entführen. Eine gemeinsam verbrachte Nacht wird von dem eifersüchtigen Julchen gewaltsam beendet.

Ein Überfall der Moselbande auf die Üßmühle führt dazu, dass Maria sich Adami anvertraut. Dies führt letztlich zur Ergreifung von Hans Bast und Bückler. Die beiden Räuber werden nach Koblenz und nach Mainz verbracht.

Auch in Koblenz steht ein Freiheitsbaum, der viel gelitten hat:

Johannes Bückler und Hans Bast Nikolai enden letztlich in Mainz und in Koblenz unter der Gouillotine.

Zum Stoff Clara Viebig erklärt, sie habe die Inspiration zu ihrem historischen Roman bei einer Wanderung zum Reiler Hals und den Erzählungen ihres Führers zum dortigen Bandenwesen erhalten. Wegen ihres Interesses an der Psychologie von Kriminalfällen habe sie ihre Aufmerksamkeit allerdings eher vom Schinderhannes auf Hans Bast gelenkt:

Viebig hat das vorhandene Quellenmaterial mit großer Sorgfalt durchgearbeitet, sich jedoch die Freiheit genommen, Figuren und Handlung in künstlerischer Absicht umzuarbeiten.Vgl. Josef Odenthal: Clara Viebig und der Schinderhannes, in: Düsseldorfer Heimatblätter „Das Tor“, 25. Jg., H. 10 1959, S. 190. Interpretationsansätze

Über die Räubergeschichte hinaus widmet sich Viebig dem Problem der Schuld und der Frage: „Wo fängt das Verbrechen an?“Gottlieb Scheuffler: Clara Viebig, Erfurt, Beute 1927, S. 147. in einer verworrenen, kriminellen Zeit, in der insbesondere sozialen Randfiguren nur die Möglichkeiten einer ‚Karriere‘ außerhalb der gesellschaftlichen Norm offenstanden. Wie das Schicksal Bücklers zeigt, gab es für den Sohn eines Abdeckers keine großen Perspektiven.Vgl. Helmut Kreuzer: Schinderhannes – ein Räuber um 1800 bei Clara Viebig, Carl Zuckmayer und Gerd Fuchs, in: Suevica. Beiträge zur schwäbischen literatur- und Geistesgeschichte, Stuttgart: Heinz 2004, S. 181. Das Thema der Schuld gerät insbesondere bei der Beurteilung der Hinrichtung von Hans Bast in den Fokus der Betrachtung, dessen Untat als Rächer am Ungemach seiner Tochter durchaus motiviert und nachvollziehbar ist.

Dieses Thema wird entfaltet vor dem historischen Panorama der Revolutionskriege und der vornapoleonischen Zeit, in der es sich räubert und plündert, „gemütlich unter dem Freiheitsbaum, unter der freiesten Verfassung der Welt.“Paul Friedrich: Clara Viebigs ‚Unter dem Freiheitsbaum‘, in: Das literarische Echo, 25. Jg. H. 7/8 vom 1. Januar 1923 (Sp. 407–410), hier Sp. 410. Die Enttäuschung über die fehlgeleiteten Werte der Französischen Revolution wird durch Adami zusammengefasst in dem Ausspruch: „Die Göttin der Vernunft hatte nicht Vernunft gelehrt, nur Unvernunft.“Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, Stuttgart: DVA 1922, S. 368. Franz Carl Endres meint in diesem Zusammenhang, Viebig werfe bürgerliche Freiheit und Willkür in einen Topf, wobei „bürgerliche Freiheit und Willkür mordender Raubgesellen nicht ein und dasselbe“ seien. Franz Carl Endres: Viebig, Clara: Unter dem Freiheitsbaum, in: Die schöne Literatur, 25. Jg., H. 4, 1924, S. 137.

Gestaltung der historischen Figuren Viebigs Abweichung von historischen Gegebenheiten bzw. ihre Umgestaltung der Figuren weg von den entstandenen Klischees der Kolportageromane ist nicht immer auf Zustimmung gestoßen. Offenbar enttäuschte sie dadurch bei ihrem Lesepublikum dessen Erwartungen über das gewohnte Bild der romantisch-grausamen Räuber.