Iminodiacetonitril (IDAN) ist ein wasserlösliches Dinitril mit einer sekundären Aminogruppe, das auch als Disubstitutionsprodukt durch Ersatz von zwei Wasserstoffatomen am Ammoniakmolekül durch –CH2CN-Gruppen aufgefasst werden kann.

IDAN findet unter anderem als Zwischenprodukt für den Chelatliganden Diethylentriamin (DETA) und das Totalherbizid Glyphosat Verwendung.

Herstellung Hexamethylentetramin als Reaktand Die Synthese von Iminoacetonitril aus Hexamethylentetramin (als Quelle für die eigentlichen Reaktanden Formaldehyd und Ammoniak) und Cyanwasserstoff wurde bereits 1894 beschrieben.

Die Reaktion erfordert unter den gewählten Bedingungen mehrtägige Reaktionszeiten und nutzt nur drei der vier Stickstoffatome des Hexamethylentetramins. Die Variante nach Dubsky mit der Zugabe von Salzsäure, um entstehenden Ammoniak zu binden, mit Reaktionszeiten über 24 Stunden und einer Ausbeute von ca. 63 %, stellt keine wesentliche Verfahrensverbesserung dar.

Die mangelnde Atomökonomie beim stöchiometrischen Einsatz von Hexamethylentetramin geht eine Prozessvariante an, bei dem der Reaktion Glycolnitril (HOCH2CN) zugesetzt wird.

In diesem als Kontiprozess ausgelegten Verfahren wird eine wässrige Lösung der Reaktanden in einem Rohrreaktor bei 120–140 °C und einer Verweilzeit von etwa 2–3 Minuten zu praktisch quantitativem Umsatz gebracht.

Eine neuere Variante des Batch-Prozesses mit Hexamethylentetramin, 50%iger Formalin-Lösung und Cyanwasserstoff bei einem pH von 5,5 und 75 °C für zwei Stunden fällt beim Abkühlen IDAN in einer Ausbeute von 79 % aus. Nach Erhöhung des pH-Werts auf 7 wird das Filtrat für weitere zwei Stunden bei 75 °C gehalten, wobei Nebenprodukte, wie Glycolnitril, Aminoacetonitril und Ammoniumsalze in IDAN überführt werden. Insgesamt wird so eine Gesamtausbeute an Iminodiacetonitril von 97 % erzielt.

Formaldehyd, Cyanwasserstoff und Ammoniak als Reaktanden Bei der Umsetzung von Kaliumcyanid mit wässriger Formaldehyd-Lösung wurde neben Glycolnitril die Bildung geringer Mengen von Iminodiacetonitril und Nitrilotriacetonitril gefunden. Der für die Bildung von IDAN erforderliche Ammoniak stammt aus der Hydrolyse des Glycolnitrils zu Glycolsäure. Die Gesamtreaktion

400px|zentriert|IDAN-Synthese aus Formaldehyd+Ammoniak+HCN

verläuft jedoch nicht einheitlich. Wegen der komplexen Zusammensetzung der bei der Reaktion von Formaldehyd, Cyanwasserstoff und Ammoniak erhaltenen Produkte wurde der Einfluss der Prozessparameter Einsatzverhältnis der Reaktanden, Reaktionstemperatur, pH-Wert, Reaktionsdauer, sowie Batch-Prozess gegenüber Konti-Prozess intensiv untersucht und in vielen Verfahrenspatenten dokumentiert.

400px|zentriert|Reaktionsgemisch bei IDAN-Synthese

Bei einem Einsatzverhältnis von NH3:HCHO:HCN = 2:3:3, 0 bis 25 °C Reaktionstemperatur und einem pH-Wert von 5,5 bis 6,5 wird eine IDAN-Ausbeute von maximal 65 % bei einer Reaktionsdauer von ca. 20 Stunden erhalten.

Auch bei einer Prozessvariante mit stöchiometrischen Mengen der Reaktanden, pH zwischen 3,5 und 5,5, einer Temperatur von 30 bis 65 °C und dem Ersatz von Ammoniak durch Ammoniumsalze, wie z. B. Ammoniumnitrat oder Ammoniumacetat werden nicht mehr als 74 % IDAN-Ausbeute erzielt.

Statt wässriger Lösungen der (aufwendig) gereinigten Reaktanden können auch der ungereinigte Gasstrom aus dem HCN-Reaktor mit dem ebenfalls ungereinigten Gasstrom aus dem Formaldehyd-Reaktor zusammen mit Ammoniak und angesäuertem Wasser in einen reaktiven Gaswäscher bei 65 bis 70 °C zur Reaktion gebracht werden, wobei IDAN-Ausbeuten bis 85 %, allerdings bei Reaktionszeiten von über 10 Stunden erzielt werden können.

IDAN-Synthesen aus Zwischenprodukten der Reaktion von HCHO, HCN und NH3 Aminoacetonitril und Glycolnitril reagieren innerhalb 15 Minuten bei 140 °C zu Iminodiacetonitril in einer Ausbeute von 78 %.

In Abwesenheit von Glycolnitril kann Aminoacetonitril (AAN) durch Variation der Prozessparameter Temperatur, Reaktionszeit und Ammoniakmenge zu einem Aminonitrilgemisch aus AAN und IDAN in weiten Grenzen von 5 bis 70 Gewichtsprozent IDAN umgesetzt werden.

Die Umsetzung von Glycolnitril mit Ammoniak bei einem pH-Wert von 5,5 bis 6 und 70 °C liefert in einem Batch-Prozess IDAN in einer Ausbeute von bis 81 %, im Konti-Prozess werden Glycolnitril-Umsätze von über 90 % erzielt. Neben dem Disubstitutionsprodukt IDAN werden als Nebenprodukte außer dem Monosubstitutionsprodukt Aminoacetonitril das Trisubstitutionsprodukt Nitrilotriacetonitril (NTAN) und das Kondensationsprodukt Methylen-bis-[iminodiacetonitril] (MBIDAN) gebildet.

Eigenschaften Iminodiacetonitril ist ein kristalliner Feststoff, der als weißes Pulver oder in langen, farblosen Nadeln anfällt. Die Verbindung ist gesundheitsschädlich und kann schwere Haut- und Augenreizungen verursachen.

Anwendungen Die Hydrolyse der beiden Nitrilgruppen des Iminodiacetonitrils mit z. B. 20%iger Natronlauge bei 50 °C und anschließendes Ansäuern erzeugt den Komplexbildner Iminodiessigsäure (IDA).

500px|zentriert|Iminodiessigsäure aus Iminoacetonitril

Hydrierung einer Lösung von IDAN in Tetrahydrofuran in Gegenwart Raney-Cobalt bei 180 bar und 120 °C liefert Diethylentriamin (DETA).

350px|zentriert|Diethylentriamin (DETA) aus IDAN

Der Zusatz stark anionischer Ionenaustauscher vermindert die Hydrolyse von IDAN bei höheren Temperaturen, wobei DETA-Selektivitäten von bis zu 95 % erzielt werden können.

Langkettige Glycin-N,N-diessigsäurederivate auf der Basis von IDAN weisen drei Carboxygruppen auf und eignen sich als bioabbaubare Komplexbildner für Erdalkalimetall- und Schwermetall-Ionen.

600px|zentriert|Langkettige Glycin-N,N-diessigsäuren aus IDAN

Iminodiacetonitril kann bei ca. 100 °C und ca. 300 atm Druck innerhalb von 4 Stunden in Gegenwart von Ammoniak und einem Nickel-Katalysator mit einer Ausbeute von 85 % in Piperazin überführt werden.

300px|zentriert|Piperazin-Bildung aus IDAN+Ammoniak

Die Reaktion von IDAN mit Formaldehyd bei stark saurem pH-Wert (ca. 1) und 50 °C erzeugt gezielt das als Nebenprodukt bei der IDAN-Synthese anfallende Methylen-bis-[iminodiacetonitril] (MBIDAN) in Ausbeuten bis 81 %.

450px|zentriert|MBIDAN aus IDAN

IDAN reagiert mit Hydroxylamin in 88%iger Ausbeute zum Di-Amidoxim, das als effektiver Komplexbildner zur Entfernung von Metallverunreinigungen bei Reinigungsprozessen in der Halbleiterfertigung eingesetzt werden kann.

450px|zentriert|Amidoxime aus IDAN+Hydroxylamin

Ein alternativer Syntheseweg zum Anthelmintikum Praziquantel

500px|zentriert|Synthese des Anthelmintikums Praziquantel, ausgehend von IDAN

geht aus von IDAN und führt über sechs Stufen in 35 % Gesamtausbeute zum Zielprodukt.

Die quantitativ wichtigste Anwendung von Iminodiacetonitril liegt in der so genannten IDAN-Route – auch als HCN-Prozess bezeichnet – zu einem Schlüsselintermediat N-Phosphonomethyliminodiessigsäure (PMIDA) des Totalherbizids Glyphosat (Roundup®).

600px|zentriert|Dinatrium-Iminodiacetat zu Glyphosat

Bei Verfügbarkeit von preisgünstigem Cyanwasserstoff nach dem Andrussow-Verfahren und dem Einsatz der katalytischen Luftoxidation des PMIDA zu Glyphosat ist die IDAN-Route gegenüber den Alternativrouten DEA-Prozess (ausgehend von Ethylenoxid) und insbesondere gegenüber dem älteren Glycin-Prozess (ausgehend von Monochloressigsäure bzw. Paraformaldehyd) wirtschaftlich interessant.

Einzelnachweise

Kategorie:Dinitril Kategorie:Alpha-Aminonitril