Die Historische Exodus-Forschung beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern der Auszug aus Ägypten, wie er insbesondere im Buch Exodus (Kapitel 1–15) der hebräischen Bibel geschildert wird, auf historische Gegebenheiten zurückzuführen ist.

Die Exoduserzählung schildert mythische Ereignisse und ist mit vielen rein erzählerischen Elementen angereichert, weshalb es sich auf keinen Fall um reine Geschichtsschreibung handelt. Auch hat es einen Auszug aus Ägypten im geschilderten Ausmaß sicher nicht gegeben. Die Erzählung gibt auch keinen klaren Hinweis auf eine spezifische Zeit in der ägyptischen Geschichte. Sie ist damit für Historiker ein kaum fassbares Ereignis.

Inwiefern das „biblische“ Israel mit einem historischen Israel der vorexilischen Zeit (vor 597 v. Chr.) übereinstimmt, lässt sich in Anbetracht der problematischen Quellenlage somit nur schwer beantworten und wird in der Forschung äußerst kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Forscher, welche die Historizität der Auszüge Israels aus Ägypten zumindest in ihren Grundzügen verteidigen, auf der anderen Seite solche, welche die Historizität des Exodus mehr oder minder radikal abstreiten und die geschilderten Ereignisse in den Bereich der Mythenbildung späterer Epochen verweisen.

Verschiedene Forscher gehen davon aus, dass die Exoduserzählung nicht auf eine bestimmte historische Situation zugeschnitten ist, sondern aus einer langen Erfahrungsgeschichte Israels erwachsen ist. Die hieraus resultierende Offenheit der Erzählung soll den israelitischen Nachfahren ermöglichen, „den Pharao“ in wechselnden politischen Situationen immer wieder neu mit den aktuell bedrohenden Potentaten gleichsetzen zu können, seien es nun die ägyptischen Pharaonen, wie Ramses II., Merenptah oder Ramses III., die eigenen Könige wie Salomo und Ahab, oder die assyrischen und babylonischen Fremdherrscher wie Sanherib und Nebukadnezzar II.

Jan Assmann prägte den gedächtnisgeschichtlichen Ansatz, der nicht mehr danach fragt, „wie es eigentlich gewesen“ ist, sondern danach, wie es erinnert wurde. So dürften sich mit der Exoduserzählung verschiedene historische Erinnerungen verknüpft haben, beispielsweise an die Hyksos, an die ägyptische Kolonialherrschaft in Kanaan während der späten Bronzezeit, an die Gruppe der Apiru und an Wanderbewegungen während der Seevölker-Zeit.

Die Frage der Historizität Beim Buch Exodus handelt es sich nicht um schlichte Geschichtsschreibung. So thematisiert der Auszug aus Ägypten ungeheuerliche und mythologische Ereignisse, wie die Teilung eines Meeres, die zehn biblischen Plagen und gewaltige Offenbarungen in der Wüste der Sinai-Halbinsel.Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. Beck, München 2015, S. 53. Die Exoduserzählung gibt keinen klaren Hinweis auf eine spezifische Zeit in der ägyptischen Geschichte. So trägt zur historischen Verschwommenheit bei, dass kein ägyptischer König namentlich genannt wird.Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. Beck, München 2002, S. 110. Auch die ägyptischen Quellen liefern keinen direkten Hinweis auf ein solches Ereignis. Laut biblischen Angaben befanden sich rund 600.000 Männer in der Gefolgschaft, was (mit Frauen und Kindern) eine Bevölkerung von rund 2 Millionen Menschen ergäbe. Da die Bevölkerung in Ägypten im Neuen Reich schätzungsweise 3 bis 4,5 Millionen Menschen betrug, wäre ein Exodus in diesem Ausmaß ein katastrophales Ereignis gewesen. Es gibt aber für das Neue Reich keinen Hinweis für ein solch traumatisches Ereignis.Donald B. Redford: Egypt, Canaan, and Israel in Ancient Times. Princeton University Press, Princeton (NJ) 1992, S. 408. Andererseits bestand für die spätere Geschichte Israels kein Anlass, den Typ des brutalen Fremdherrschers ausgerechnet in Ägypten zu suchen.Rainer Albertz: Exodus 1–18. In: R. Albertz: Exodus. (= Zürcher Bibelkommentare, AT. 2,1). Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 30. Dadurch verbleibt für Donald B. Redford der Exodus für Historiker eines der am schwersten fassbaren Ereignisse von allen herausragenden Ereignissen der Geschichte des Volkes Israel.

Inwiefern das biblische Israel mit einem historischen Israel der vorexilischen Zeit übereinstimmt, lässt sich in Anbetracht der problematischen Quellenlage somit nur schwer beantworten und wird in der Forschung äußerst kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Forscher, welche die Historizität zumindest der Grundzüge der Herauszüge Israels aus Ägypten verteidigen, auf der anderen Seite solche, welche die Historizität des Exodus mehr oder minder radikal abstreiten und die geschilderten Ereignisse in die Mythenbildung späterer Epochen verweisen. Dazwischen existieren zahlreiche Ansichten, die irgendeinen Kern von Historizität vorschlagen, auch wenn sich diese stark unterscheiden.Rainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2012, S. 27.Lawrence T. Geraty: Exodus Dates and Theories. In: Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H. C. Propp (Hrsg.): Israel’s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Springer, Cham u. a. 2015, S. 55.

mini|Künstlerische Darstellung des Auszugs aus Ägypten von David Roberts (1828) So geht James K. Hoffmeier davon aus, dass „Israel“ für eine gewisse Zeit in Ägypten wohnhaft war und „von außen“ nach Kanaan eindrang.James K. Hoffmeier: Ancient Israel in Sinai. The Evidence for the Authenticity of the Wilderness Tradition. Oxford University Press, Oxford 2005, S. XI und 235. Ähnlich sieht es Werner H. Schmidt: „Aller historischer Einsicht nach weilte aber nur eine Gruppe in Ägypten, die später im Volk Israel – vermutlich genauer im Nordreich – aufging. So eingeschränkt, enthält die Überlieferung jedoch einen zuverlässigen Kern.“Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. 5. Auflage, de Gruyter, Berlin u. a. 1995, S. 10. Dagegen schreibt Christian Frevel: „Der Exodus – so wie die Bibel ihn schildert – ist nicht historisch. [...] Da auch keiner der biblischen Belege zeitgenössisch ist und deren Quellenwert zudem begrenzt bleibt, ist der historische Nachweis eines Exodus aussichtslos.“Christian Frevel: Grundriss der Geschichte Israels. In: Erich Zenger, u. a.: Einleitung in das Alte Testament. 7. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 600–601. Donald B. Redford verweist darauf, dass die Gestalt des Moses und die Ereignisse um diese herum nicht einer historischen Prüfung standhalten. Deshalb sei Moses für die Hebräer eine mythologische Gründerfigur, vergleichbar mit Artus für Britannien oder Aeneas für Rom.Donald B. Redford: An Egyptological Perspective on the Exodus Narrative. In: Anson F. Rainey (Hrsg.): Egypt, Israel, Sinai. Archaeological and Historical Relationships in the Biblical Period. Tel Aviv University, Tel Aviv 1987, S. 137.

Die Wissenschaftler, die einen historischen Kern vermuten, gehen größtenteils davon aus, dass das biblische Material die Situation in der Spätbronzezeit widerspiegelt (13. Jahrhundert v. Chr.). Dies ist der Zeitraum, der nach der Logik der biblischen Chronologie berechnet wurde.Israel Finkelstein: The Wilderness Narrative and Itineraries and the Evolution of the Exodus Tradition. In: Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H. C. Propp (Hrsg.): Israel’s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Springer, Cham u. a. 2015, S. 39 verweist auf Kenneth A. Kitchen: Egyptians and Hebrews, from Ramses to Jericho. In: The Origin of Early Israel – Current Debate (= Beer-Sheva. XII). Ben Gurion University, Jerusalem 1995, S. 65–131; Baruch Halpern: The Exodus and the Israelite Historians. In: Eretz Israel. Archaeological, Historical and Geographical Studies, Band 24, 1993, S. 89*–96*; James K. Hoffmeier: Ancient Israel in Sinai. The Evidence for the Authenticity of the Wilderness Tradition. Oxford University Press, Oxford 2005; James K. Hoffmeier: Ancient Israal in Sinai. The Evidence for the Authenticity of the Exodus Tradition. Oxford University Press, New York 1997. Diese Sichtweise ist mit zwei Haupt-Problemen konfrontiert: Bis etwa 800 v. Chr. gab es in Israel keine signifikante schriftliche Aktivität. Für einen Zeitraum von über vier Jahrhunderten müssen sie deshalb von einer mündlichen Überlieferung der Erzählung ausgehen, ohne dass diese von Wirklichkeiten aus dem Zeitraum dazwischen infiltriert worden wäre. Es gibt keinen Beleg, der einen Ursprung der Tradition in der späten Bronzezeit unterstützt, der nicht auch vor dem Hintergrund einer anderen, späteren Epoche verstanden werden kann.

Die Wissenschaftler, die einen historischen Ursprung der Erzählung in der Spätbronzezeit abstreiten, gehen davon aus, dass der Text die Realität beschreibt, die zur Zeit der Textentstehung vorherrschte. Dies entspräche der spät-monarchischen bis nach-exilischen Zeit.Israel Finkelstein: The Wilderness Narrative and Itineraries and the Evolution of the Exodus Tradition. In: Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H. C. Propp (Hrsg.): Israel’s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Springer, Cham u. a. 2015, S. 39 verweist auf Donald B. Redford: Egypt, Canaan, and Israel in Ancient Times. Princeton University Press, Princeton 1992, S. 408–422; John Van Seters: The Geography of the Exodus. In: J. A. Dearman, M. P. Graham (Hrsg.): The Land that I Will Show You: Essays on the History and Archaeology of the Ancient Near East in Honor of J. Maxwell Miller. Academic, Sheffield 2001, S. 255–276; Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of its Sacred Texts. The Free Press, New York 2001, S. 48–71; Mario Liverani: Israel’s History and the History of Israel. Equinox, London 2005, S. 277–282. Die Hauptschwierigkeiten dieser Sichtweise bestehen in der starken Tradition sowohl des Exodus als auch der Wüstenwanderung in den Schriften der nördlichen Propheten des 8. Jahrhunderts v. Chr. Israel Finkelstein macht auf die folgenden Punkte aufmerksam:Israel Finkelstein: The Wilderness Narrative and Itineraries and the Evolution of the Exodus Tradition. In: Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H. C. Propp (Hrsg.): Israel’s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Springer, Cham u. a. 2015, S. 40. Diese Tradition hatte in Nordisrael schon im 8. Jahrhundert v. Chr. einen wichtigen Status. Sie enthält bereits eine „innere“ Literaturgeschichte. Ursprünglich war sie unabhängig von – und früher als – die Geschichten der Patriarchen. Die beiden Blöcke – Patriarchen und Exodus – wurden zu einem relativ späten Zeitpunkt verbunden. In seiner heutigen Form repräsentiert die Erzählung priesterliche (oder sogar spät-priesterliche und/oder nach-priesterliche) Zusammenstellungen.

Israel Finkelstein untersuchte 2015 Toponyme der Wüstenwanderungs-Tradition aus archäologischer Sicht und kam zu folgendem Schluss: Die Exodus-Wander-Tradition ist das finale Produkt von vielen Jahrhunderten von Akkumulation und Wachstum, zuerst mündlich und dann schriftlich, mit einer komplexen Geschichte von Redaktionen im Licht von sich verändernden politischen und historischen Realitäten.Israel Finkelstein: The Wilderness Narrative and Itineraries and the Evolution of the Exodus Tradition. In: Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H. C. Propp (Hrsg.): Israel’s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Springer, Cham u. a. 2015, S. 50.