mini|Vierköpfiger Brahma mit muslimischem Schifferbart und mit vier Armen. Palmblattmanuskript und vermutlich Donnerkeil (vajra) in den oberen Händen. Chamadyache bahulya (Marathi „Haut-Puppe“) ist eine Form des Schattenspiels, die nur in einem kleinen Gebiet nördlich der Stadt Sawantwadi im westindischen Bundesstaat Maharashtra praktiziert wird. Mitglieder der im 17. Jahrhundert aus Rajasthan eingewanderten Kastengruppe Thakar führen in der näheren Umgebung ihres Heimatdorfes Pinguli mindestens zwölf Mal pro Jahr in einem Hindutempel ein Programm mit mittelgroßen, halbdurchsichtigen Figuren auf. Die Szenen basieren auf einer volkstümlichen Adaption des altindischen Epos Ramayana. Das Schattenspiel ist auf einzigartige Weise mit dem Tempeldienst, der Ahnenverehrung und der höfischen Tradition der Bhonsle-Dynastie verbunden, die von 1627 bis 1947 den Fürstenstaat Sawantwadi regierte. Neben dem Schattenspiel treten die Thakur noch mit einem Kalasutri bahuliya genannten Marionettentheater auf und zeigen Citrakathi, Farbbilder, zu denen sie Geschichten erzählen. Die Tradition ist kurz vor dem Verschwinden.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Rama mit blauem Gesicht. Figur des Tholu bammalata von Andhra Pradesh. mini|hochkant|Rama und Maruti (Hanuman) umgeben den durch die Wunderwaffe Ravanas zu Boden gestürzten Lakshmana. Im Chamadyache bahulya ist Ramas Gesicht hautfarben. Schattenspiele und Puppenspiele waren gemäß der Interpretation einiger Textstellen des altindischen Epos Mahabharata und anderer, auf Sanskrit verfasster religiöser Schriften vermutlich bereits seit der Zeitenwende bekannt. Chaya-nataka, „Schatten-Spiel“, ist die Textbezeichnung für mehrere mittelalterliche Sanskrit-Dramen, die jedoch von manchen Autoren nicht wörtlich, sondern als „Schatten“ oder „Umriss“ eines Dramas gedeutet wird, womit die Adaption eines älteren Schauspiels gemeint gewesen wäre. Ein als chayanataka bezeichnetes Stück ist Dutangada, verfasst von Subhata im 13. Jahrhundert, dessen Hauptszene eine magische Verwandlung darstellt, was als typisches Kennzeichen eines Schattenspiels gewertet wird.Georg Jacob Hans Jensen, Hans Losch: Das indische Schattentheater. (Georg Jacob, Paul Kahle (Hrsg.): Das orientalische Schattentheater, Bd. 2) W. Kohlhammer, Stuttgart 1931, S. 5f Das Dutangada enthält einen Ausschnitt der großen und vielfach variierten Erzählung Ramayana, derer älteste und bekannteste Fassung des Valmiki in die zweite Hälfte des 1. Jahrtausend v. Chr. datiert wird. Valmikis Ramayana besteht aus rund 24.000 vierzeiligen Versen (shlokas); noch länger ist das Mahanataka, die Ramayana-Fassung eines unbekannten Verfassers. Weil ihre Urheberschaft dem mythischen Affenkönig Hanuman zugeschrieben wird, heißt sie auch Hanumanataka. Die Textgrundlage vieler indischer Theaterstücke, auch der meisten Schattenspiele, bilden Episoden aus dem Ramayana. Auf der im 12. Jahrhundert verfassten tamilischen Version Kambaramayana basiert in Kerala das Schattenspiel Tholpavakuthu (dort Näheres zur allgemeinen Geschichte des indischen Schattenspiels).

Früher war das Schattenspiel auch in Nord- und Zentralindien verbreitet, heute beschränkt es sich auf Südindien, wo es in mehreren Regionen in unterschiedlichen Formen vorkommt. Die nördliche Verbreitungsgrenze bildet eine ungefähre Linie vom Chamadyache bahulya im Süden von Maharashtra quer über den Subkontinent bis nach Kolkata im Osten. Die Unterscheidung der einzelnen Schattenspielformen erfolgt nach der Gestaltung der Figuren in zwei Hauptgruppen: In der einen Gruppe werden Figuren aus einer dicken, dunkel bemalten Tierhaut verwendet, deren Wirkung auf dem Schwarz-Weiß-Kontrast des Umrisses und der eingeritzten Perforation beruht. Sie besitzen nur selten beweglichen Teile. Hierzu gehören das Tholpavakuthu von Kerala und das Ravanacharya von Odisha. Die zweite Gruppe beinhaltet Figuren aus dünnem, durchscheinendem Pergament, das mehrfarbig bemalt und zusätzlich mit Lochmustern versehen ist. Die Figuren dieser Gruppe können sehr groß sein und mehrere bewegliche Arme, Beine und Köpfe besitzen wie beim Tholu bommalata von Andhra Pradesh und beim Togalu gombeyaata von Karnataka. Neben den kleinen Figuren (cikka, „klein“) kommen in Andhra Pradesh und Karnataka auch Einzelfiguren und Szenenplatten vom dodda-Typ („groß“) vor, die Lebensgröße erreichen. Eine Mischform aus beiden Formen bildet die dritte Gruppe, in der bewegliche und unbewegliche Figuren sowie große szenische Darstellungen vorkommen. Hierzu gehören das Tolpavaikuthu im Süden Tamil Nadus und Figuren, die im Grenzbereich zwischen Karnataka und Andhra Pradesh verwendet werden. Ausschließlich große szenische Platten zeigt ferner das thailändische Nang yai. Die Figuren des Chamadyache bahulya sind mittelgroß und entsprechen in ihrer Transparenz dem Typus von Karnataka.Friedrich Seltmann: Schattenspiel in Kerala. Sakrales Theater in Süd-Indien. Franz Steiner Verlag Wiesbaden, Stuttgart 1986, S. 9

Der Ortsteil (wadi) Gudivadi (Gudhi Wadi) im Dorf Pinguli, der das heutige Zentrum des Chamadyache bahulya bildet, liegt 16 Kilometer nördlich der Stadt Sawantwadi im Kudal-Bezirk (taluka) des Sindhudurg-Distrikts, wenige Kilometer südlich der Kleinstadt Kudal. Bis in die 1930er Jahre war die Existenz von Schattentheatern in Indien überhaupt unter europäischen Fachleuten kaum bekannt und wurde von einigen gänzlich negiert. In den jeweiligen Fachdisziplinen beschäftigte man sich mit dem türkischen Karagöz, dem arabischen und chinesischen Schattenspiel sowie dem javanischen wayang kulit. Es existierten jedoch auch in Indien in vielen Regionen Schattenspiele. Anfang des 20. Jahrhunderts soll es in Maharashtra noch an mehreren Orten Schattenspiel-Truppen gegeben haben. Dass im Süden von Maharashtra bis heute Schattenspieler aktiv sind, blieb dem zuständigen Kulturinstitut in Mumbai und der Forschung verborgen, bis diese von Friedrich Seltmann und Valentina Stache-Rosen in den 1970er Jahren erwähnt wurden.

Die Frage, seit wann es Schattenspiele in Sawantwadi gibt, hängt mit der Einwanderung der Thakar zusammen. In Berichten der britischen Kolonialbehörden im 19. Jahrhundert (Gazetteer of the Bombay Presidency) werden die Thakar teilweise den Dalits oder unteren Berufskasten, die als Hindus angesehen werden, zugeordnet. Sie werden in den vier Distrikten Pune, Nashik, Ahmednagar und Kolaba (heute Raigad) erwähnt, die ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet bilden. Thakar lebten demnach auch in einigen Gebieten weiter nördlich und weiter südlich in Maharashtra, einige Gruppen gab es ferner im Punjab, in Kaschmir und vermutlich in Gujarat. Manche Thakar gehörten zum Hofstaat und zur Armee der Rajputenfürsten, die im 17. Jahrhundert von Rajasthan (Rajputana) nach Süden in das Reich der Marathen vordrangen. Dort gründete Khem Savant I. (Bhonsle) 1627 den Fürstenstaat Sawantwadi. Die Bhonsle-Dynastie beherrschte unter ihrem Anführer Shivaji (um 1630–1680) ein mächtiges Reich und regierte Sawantwadi, bis mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 die Entmachtung der Fürstentümer begann. Da die Thakar mit den Bhonsle im 17. Jahrhundert aus Rajputana kamen, ist es möglich, dass es auch dort mindestens bis zu dieser Zeit ein Schattenspiel gab. Diese Annahme wird bestärkt, weil Schattenspieler unmittelbar zur religiösen Kultpraxis und zur Ahnenverehrung der Bhonsle-Dynastie gehörten. Gemäß einer sieben Generationen zurückreichenden Abstammungslinie wurden sicher seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Sawantwadi Schattenspiele aufgeführt. Friedrich Seltmann hält es für möglich, dass etliche andere Gruppen von Schaustellern und Puppenspielern in Nordindien ursprünglich aus Rajasthan stammen. Er verweist ferner auf zahlreiche Türken, die an der Etablierung des Bahmani-Sultanats und der Verfolgung von Hindus in Zentralindien im 14. und 15. Jahrhundert beteiligt waren, weshalb er eine Beeinflussung des türkischen Karagöz und des Schattenspiels in Rajasthan in beiden Richtungen in Betracht zieht.Friedrich Seltmann, 1985, S. 27, 79

Eine länger zurückreichende Tradition von Schattenspielen in Sawantwadi ist überdies wahrscheinlich, weil die eingewanderten Bhonsle über ein Gebiet mit einer fremden Bevölkerung herrschten und daher durch eine Art von Geheimdienst Kenntnisse über die Vorgänge im Land erlangen mussten. Für diese Rolle boten sich die Thakar an, die als Schattenspieler und Puppenspieler herumreisten und überall beliebt waren. Schattenspieler als Botschafter und Spione haben in Indien eine lange Tradition, die in der Literatur mehrfach belegt ist. Seit Patanjalis Werk Mahabhashya (um 250–120 v. Chr.) ist eine Bezeichnung für Darsteller in einem Drama shaubhika, ungeachtet unterschiedlicher Ansichten, ob das Wort mit Schattenspieler oder Puppenspieler zu übersetzen ist. Im altindischen Lehrbuch zum Staatsrecht, Arthashastra, das etwa um diese Zeit entstand, wird gefordert, shaubikas sollten sich auf dienende Weise beim Feind einschleichen. Das von Somadeva, einem Jain-Dichter des 10. Jahrhunderts in Anlehnung an das Arthashastra verfasste Staatsrechtslehrbuch Nitivakyamrita listet eine Reihe von Spionen, darunter auch shaubikas. Über sie wird ausgeführt, sie zeigten nachts verschiedenartige Figuren durch einen Vorhang. In der auf Pali verfassten Chronik Culavamsa, die bis 1815 die Geschichte Sri Lankas abdeckt, heißt es, König Gajabahu II. (reg. 1137–1153) habe Leute, die singen, tanzen und Schattenfiguren vorführen konnten, als Spione eingesetzt.Valentina Stache-Rosen, 1976, Anm. 35 auf S. 145 Zwei Spione fanden Eingang in das Schattenspiel von Kerala, wo sie im Auftrag des Dämonenkönigs Ravana die Armee Ramas ausspähen sollen, einer der Spione agiert als Musiker.

Da für Sawantwadi eine entsprechende Geschichtsquelle fehlt, gewinnt eine Feststellung in der Gazetteer of the Bombay Presidency von 1884 aus dem östlich gelegenen Distrikt Bijapur (Vijayapura) in Karnataka vergleichshalber an Bedeutung.James M. Campbell: Bijápur. Stichwort: Kilikets. In: Gazetteer of the Bombay Presidency, Bd. 23, 1884, S. 196–201 (online) Die dortigen Kilikets oder Katbus, deren Zahl für 1880 mit 374 angegeben wird, waren eine herumziehende ethnische Gruppe, die schon lange in dem Gebiet lebte und Schattenspiele aufführte. Ihr Status gründet, so heißt es in der detaillierten Beschreibung, auf einer in das Jahr 1520 datierten Urkunde (sanad), in der ihnen gewisse Rechte zugestanden werden. Die Kilikets besaßen also im damaligen Sultanat Bijapur eine angesehene soziale Stellung. Dasselbe könnte in dieser Zeit auch für die Thakur zugetroffen haben.Friedrich Seltmann, 1985, S. 14, 16

Kulturelles Umfeld Thakar mini|hochkant|Indrajit, Sohn des Dämonenkönigs Ravana und als unbesiegbar geltender Kämpfer, hält den Bogen gespannt. Ein kleiner Kugelbauch hängt über seinen Gürtel. Später wird er von Lakshmana getötet. mini|hochkant|Sulochana, Frau des Indrajit, in einen gemusterten Sari gekleidet, trägt den abgeschlagenen Kopf ihres Gatten auf einer Hand. Sie hat ihn von Rama erhalten.