Studies of the Book of Mormon (englisch für „Studien über das Buch Mormon“) ist eine Sammlung von Aufsätzen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von B. H. Roberts (1857–1933), einer Generalautorität der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, verfasst (jedoch erst 1985 veröffentlicht) wurden. In diesen setzt sich Roberts kritisch mit den Buch Mormon auseinander, insbesondere hinterfragt er die Urheberschaft und Gültigkeit des Buches als eine Übersetzung altamerikanischer Aufzeichnungen.Paul M. Edwards, „Review of Studies of the Book of Mormon“, Christian Century 103 (6. August 1986), S. 684. Studies of the Book of Mormon enthält drei Aufsätze, Briefwechsel im Zusammenhang mit den Aufsätzen, eine Kurzbiografie von Sterling McMurrin sowie eine Einleitung von Brigham Madsen. Die Manuskripte tragen den Titel „Book of Mormon Difficulties: A Study“ (Probleme bezüglich des Buches Mormon: Eine Studie), „A Book of Mormon Study“ (Eine Studie über das Buch Mormon) und „A Parallel“ (Eine Parallele).

Roberts verkehrte „in den innersten Kreisen des Mormonentums“ und setzte sich jahrzehntelang „mit seinen rednerischen, schriftstellerischen und wissenschaftlichen Fertigkeiten und seinen Recherchekompetenzen für das Buch Mormon ein, um es zu verteidigen und dem Buch intellektuelle Seriosität zu verleihen“.Paul M. Edwards, „Review of Studies of the Book of Mormon“, Christian Century 103 (6. August 1986), S. 684. Professor Marvin S. Hill von der Brigham-Young-Universität zufolge lag der Brennpunkt der Kontroverse über das Buch „weniger in den historischen Problemen, die Roberts anspricht, sondern vielmehr darin, ob dieser seine Überzeugung vom Buch [Mormon] und von der Kirche verlor“.Marvin S. Hill, „Review“ Church History 55 (Dezember 1986), S. 547.

Kritiker des Mormonentums behaupten, Roberts habe nach Abschluss der Studie seinen Glauben an das Buch Mormon verloren – auch wenn dieser weiterhin den göttlichen Ursprung des Buches bekräftigte. Laut Autor Richard N. Ostling sah sich die Mormonenapologetik nach der Veröffentlichung des Buches mit „einer sehr heiklen Situation“ konfrontiert und arbeitete „auf Hochtouren“ an Antworten, da „Roberts nicht wie andere Außenstehende oder Anti-Mormonen missachtet werden“ konnte.Richard N. Ostling und Joan K. Ostling, Mormon America: The Power and the Promise (HarperSanFrancisco, 1999), S. 275–276.

Absicht und Schlussfolgerung In den frühen Zwanzigerjahren wurde Roberts von der Ersten Präsidentschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage damit beauftragt, sich apologetisch mit Schwierigkeiten hinsichtlich des Buches Mormon zu befassen; etwa damit, dass es den Sprachen der amerikanischen Ureinwohner an hebräischen oder ägyptischen Einfluss mangelt, oder dass sich darin Anachronismen (Pferde, Ochsen, Weizen und Schwerter aus Stahl im alten Amerika) befinden.Ostling, S. 275.

Darüber hinaus betrachtet Roberts Ähnlichkeiten zwischen dem Buch Mormon und View of the Hebrews von Ethan Smith, das 1823 veröffentlicht wurde, mehr als 5 Jahre vor dem Buch Mormon. Smith, ein Geistlicher aus Vermont, bediente sich seinerzeit weitverbreiteter Theorien über den Zusammenhang zwischen den Hebräern und den amerikanischen Indianern. Smiths Werk wurde nicht nur mehrfach überarbeitet, Oliver Cowdery – Joseph Smiths Schreiber und einer der Zeugen für die Goldplatten – wuchs in derselben Ortschaft in Vermont auf, in der auch Ethan Smith Pfarrer in einer Kirche war und in der Cowderys Mutter und Halbschwestern Mitglied waren. Autor Richard Ostling zufolge „ist davon auszugehen, dass Joseph Smith mit [Ethan Smiths Buch] vertraut war“.

Roberts fasste seinen Vergleich der Parallelen zwischen View of the Hebrews und dem Buch Mormon wie folgt zusammen:

Roberts war „von einem inneren Kampf zwischen seinem Glauben und seinem Wunsch, ehrlich zu sich selbst zu sein, zerrissen.“Robert Lindsey, A Gathering of Saints: A True Story of Money, Murder and Deceit (New York: Simon and Schuster, 1988), S. 187–188. Roberts glaubte, dass das Mormonentum am Wahrheitsgehalt der Behauptungen Joseph Smiths – nämlich, dass das Buch Mormon ein Bericht eines alten Volkes sei, auf Goldplatten graviert und Smith von einem Engel offenbart – „stehen oder fallen“ müsse. In seinen Studien jedoch führt Roberts Beispiele „von (seiner Meinung nach) Unstimmigkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche im Buch Mormon“ an. Marvin S. Hill zufolge vertrat Roberts die Auffassung, dass „die Behauptung des Buches Mormon, die amerikanischen Indianer stammen ausschließlich von drei hebräischen Völkern, die über einen Zeitraum von dreitausend Jahren in die neue Welt übersiedelten, unvertretbar“ sei. Roberts schlussfolgerte, dass die „Nachweise, die [er] betrübt“ vorlegte, darauf hindeuten, dass Joseph Smith der Verfasser des Buches Mormon sein könnte.

Roberts Manuskripte waren für die Führer der Kirche Jesu Christi bestimmt; diese jedoch zeigten wenig Interesse daran.B. H. Roberts, Brigham D. Madsen (Hrsg.): Studies of the Book of Mormon, University of Illinois Press, Urbana 1985. In einem Brief an Elizabeth Skolfield vom 14. März 1932 schrieb Roberts: „Diesem Schreiben füge ich dir das Einführungskapitel eines Werke bei. Es trägt den Titel ‚Book of Mormon Study‘ und umfasst 435 maschinegeschriebene Seiten. Es stammt aus einem Forschungsprojekt, mit dem ich mich befasste, bevor ich [im Mai 1922] die Leitung der Oststaaten-Mission übernahm. Ich verfasste es, um es den Zwölf und der Präsidentschaft zu präsentieren, nicht zur Veröffentlichung, doch ich schob es bis zu meiner Heimkehr auf, es vorzulegen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es vorzustellen, doch ein Schreiben zur Einreichung wurde vor meiner Abreise von der Oststaaten-Mission angefertigt. Ich unternahm seit meiner Rückkehr nur einen schwachen Versuch, es ihnen zu unterbreiten, doch sie scheinen sich nicht besonders lerneifrig zu sein.“ Roberts behauptet, dass seine Studie „von enormer Bedeutung ist, da sie aufführt, auf welche Weise ein Gegner das Buch Mormon kritisieren könnte.“B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 58. Außerdem warnt er davor, dass die genannten Probleme die Kirche „sowohl heute als auch in Zukunft“ verfolgen würden, und dass durch sie – sofern sie ungelöst bleiben – „der Glauben der Jugendlichen der Kirche“ geschwächt werden könnte.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 47.

Überblick Roberts nannte drei Bedingungen, um darauf zu schließen, dass ein Buch aus einem anderen entstammt: das abgeleitete Werk erschien zeitlich nach seiner Vorlage, der Verfasser des abgeleiteten Werkes hatte Zugang zur Vorlage und das abgeleitete Werk ist der Vorlage ähnlich. Roberts schloss, dass View of the Hebrews vor dem Buch Mormon veröffentlicht wurde, dass Joseph Smith mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ dazu Zugang hatte und dass es viele Ähnlichkeiten zwischen beiden Werken gab.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 235. Smith selbst deutete darauf hin, dass er von diesem Buch wusste. In einem Artikel aus der Zeitung Times and Seasons 3:15 (1 Juni 1842, S. 813–15) erwähnte er Ethan Smith und zitierte Auszüge aus View of the Hebrews. Der Großteil des Manuskriptes befasst sich mit den Ähnlichkeiten zwischen View of the Hebrews und dem Buch Mormon.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 235.

Ursprung der Völker der Neuen Welt Roberts legt dar, dass sowohl View of the Hebrews als auch das Buch Mormon behaupten, die Hebräer hätten „den ganzen amerikanischen Doppelkontinenten bewohnt“ und dass dieser Gedanke „allgemein in Neuengland vertreten“ war.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 241, 323. Die heute Apologetik beschränkt den Lebensraum der Völker im Buch Mormon auf einen kleinen Bereich („limited geography model“) – eine Annahme, die nach der Auffassung Roberts‘ nicht mit dem Buch Mormon vereinbar sei.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 93: „Konnten sich die Völker Muleks und Lehis, … die zeitweise zumindest das Gebiet von Yukatan bis Cumorah besetzten, … in Amerika aufhalten und sich fortbewegen, ohne mit anderen Rassen oder Volksstämmen in Kontakt gekommen zu sein, die sich möglicherweise zu Zeiten des Buches Mormon in der Neuen Welt aufhielten? Um das zu ermöglichen, hätte der Lebensraum der Nephiten und Lamaniten äußerst beschränkt sein müssen – weitaus mehr, fürchte ich, als uns das Buch Mormon glauben lässt.“

Migration Sowohl View of the Hebrews als auch das Buch Mormon beschreiben die Migrationen von Völkern nach Amerika. Roberts stellt mehrere Parallelen zwischen der Wanderungen der Jarediten und der verlorenen Stämme Israels der jüdischen Apokalypse des 4. Buches Esra (nach Ethan Smiths Interpretation) fest. Beide Wanderungen „haben religiösen Hintergrund, beide Gruppen betraten zu Beginn ihrer Reise Täler, beide reisten anscheinend nordwärts zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, beide überquerten Wasserhindernisse, beide Reisen dauerten mehrere Jahre und beide Gruppen betraten unbewohnte Länder.“Dan Vogel, Joseph Smith: The Making of a Prophet (Salt Lake City: Signature Books, 2004), S. 344; B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 183–187.

Zerstörung Jerusalems Roberts erklärt, dass das erste Kapitel von View of the Hebrews die Eroberung von Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. beschreibt. Er zieht einen Vergleich zwischen diesem Kapitel und dem ersten Kapitel des Buches Mormon, in dem Lehi vor seinem Auszug um 600 v. Chr. die Zerstörung Jerusalems vorhersagt.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 334. Apologeten sind der Meinung, View of the Hebrews beziehe sich nicht auf die frühere Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier um 586 v. Chr.John W. Welch: View of the Hebrews: An Unparallel, 1992, In: Reexploring the Book of Mormon, Deseret Book, Salt Lake City 1992, S. 83–87

Verlorene Bücher In View of the Hebrews erklärt „ein alter Indianer“, seine Vorfahren hätten „ein Buch, das lange bewahrt wurde“, sie seien jedoch „nicht mehr in der Lage gewesen, es zu lesen“ und „vergruben es zusammen mit einem Indianerhäuptling“.Ethan Smith: View of the Hebrews, Hayriver Press, Colfax, Wisconsin 2002, S. 167. View of the Hebrews beschreibt vergrabene jüdische Tefillin, mit „vier gefaltete Seiten“ von „dunkelgelbem Pergament“ darin.Ethan Smith: View of the Hebrews, S. 164–165. Roberts zieht einen Vergleichen zwischen dieser Geschichte und dem Hervorkommen der Goldplatten in einem kleinen Hügel in New York durch Joseph Smith; er fragt: „Könnte all dies die strukturelle Grundlage für das Buch Mormon gebildet haben?“B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 326.

Brustschild und der Urim und Thummim View of the Hebrews beschreibt einen Brustschild, „dem Urim und Thummim ähnlich“, aus einem weißen Muschelhorn mit zwei Löchern, an denen weiße Hirschhornknöpfe befestigt werden – „eine Art Nachahmung der wertvollen Steine des Urims.“Ethan Smith: View of the Hebrews, S. 108. Roberts sieht einen Zusammenhang mit dem Urim und Thummim, den Joseph Smith seinen Aussagen zufolge erhalten habe, um die Goldplatten übersetzen zu können.B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 327–328.

„Ägyptische“ Hieroglyphen View of the Hebrews erzählt von Malereien mit Hieroglyphen, die im Südwesten Amerikas gefunden wurden.Ethan Smith: View of the Hebrews, S. 135–136. Roberts schreibt: „Reicht dies aus, um die außergewöhnliche Art der Niederschrift im Buch Mormon … in einem veränderten Ägyptisch zu erklären?“B. H. Roberts: Studies of the Book of Mormon, S. 330. Im Buch Mormon erklärt der Autor, die Goldplatten seien in „reformiertem Ägyptisch“ geschrieben.

Wilde und zivilisierte Völker in der Neuen Welt