mini|hochkant=1.3|Haupteingang zum Ghetto Wilna (1941) Die Pelzfabrik Kailis in Wilna (deutsch für Vilnius, Hauptstadt von Litauen) produzierte in der Zeit der deutschen Besetzung Kleidung für die deutsche Wehrmacht, angegliedert war unter anderem eine Schneiderei. In direkter Nachbarschaft befanden sich ein Konzentrationslager für Juden und ein Lager für Zwangsarbeiter, aus denen Arbeitskräfte zwangsrekrutiert wurden (Eröffnung des Lagers September 1943; Schließung 3. Juli 1944). Einige Zeit lang bewahrte die Beschäftigung dort jüdische Menschen vor der Ermordung oder dem Transport in die Vernichtungslager.

Geschichte mini|Gedenktafel (litauisch/jiddisch) und Lageplan des Ghettos

Ghetto Wilna

Wenige Tage nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war Litauen vollständig unter deutscher Besatzung. Im Gefolge der Wehrmacht kamen Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Deren Aufgabe bestand in der brutalen Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenideologie und Völkermordpolitik,Wolfgang Benz, Konrad Kwiet (Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin): Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bände 7–8, Campus, 1998, S. 71. unter anderem durch die Ermordung von Juden, Kommunisten, Roma und allen „feindlichen Elementen“. Teilweise noch vor den deutschen Einsatzgruppen machten litauische „Partisanen“ sofort nach Beginn des Einmarsches Jagd auf Bolschewiken und Juden, was sich in sehr kurzer Zeit zur systematischen Auslöschung der jüdischen Bevölkerung entwickelte. Im Dezember 1939 lebten in Litauen etwa 150.000 Juden.Skroblies/Jetter, S. 30. Bereits Ende 1941 meldete Karl Jäger: „Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien. Das sind in Schaulen ca. 4500, in Kauen 15.000 in Wilna ca. 15.000. Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen, was mir jedoch scharfe Kampfansage der Zivilverwaltung (dem Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste: Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden!“Skroblies/Jetter, S. 21. Sekundärquelle: Karl Jäger, Bericht 1. Dezember 1941, in: Bartusevicius u. a., S. 309.

Das bedeutende jüdische Viertel der Stadt Vilnius, von den Juden der Welt als „litauisches Jerusalem“ bezeichnet, wurde am 6. September 1941 auf Gestapobefehl zu einem jüdischen Ghetto umgewandelt. Dorthin wurden fast 40.000 Menschen (nach anderer Quelle 60.000)www.avivshoa.co.il: Ghettoliste ZRBG Lenkungsgruppe. 28. Januar 2011. Abgerufen am 27. Februar 2016. verbracht. Die jüdischen Anwohner waren zuvor aus ihren Häusern geholt und zum großen Teil umgebracht worden. Im Oktober wurde ein so genanntes „kleines Ghetto“ wieder aufgelöst, nachdem die „nicht produktiven“ Gefangenen ermordet und die arbeitsfähigen in das „große“ Ghetto umgesiedelt worden waren.Skroblies/Jetter, S. 27. Im Jahr 1943 wurden die Juden der umliegenden Ghettos nach Wilna gebracht, die „Überzähligen“ wurden in Ponary umgebracht.

Am 23. und 24. September 1943 wurde das Ghetto Wilna liquidiert. Etwa 3700 arbeitsfähige Männer wurden von den Deutschen in das KZ Vaivara und dessen KZ-Außenlager Klooga in Estland sowie in das KZ Riga-Kaiserwald in Lettland deportiert. Die Alten und Mütter mit Kindern, insgesamt über 4000 Menschen, kamen in das Vernichtungslager Sobibór oder wurden in Ponary bei Wilna ermordet. Von der Deportation ausgenommen waren etwa 2500 jüdische Arbeitskräfte, die im Heereskraftfahrpark (HKP) sowie in der Pelzfabrik Kailis arbeiteten.

Kurz vor der Liquidierung des Ghettos wurden zwischen 1000 und 1500 jüdische Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in zwei große, mehrstöckige, wenige hundert Meter voneinander entfernte Gebäude in der Mindaugienes-Straße (heute Taraso-Ševčenkos-Straße) einquartiert. Im Sprachgebrauch der Bewohner hießen sie der erste und der zweite Block. Die beiden, je von einem Holzzaun umgebenen Häuser, lagen gegenüber der Pelzfabrik Kailis. Auf das Lagergelände gelangte man durch ein bewachtes Tor. Die Ernährung der Häftlinge war sehr dürftig, sie bestand aus etwas Brot und manchmal Pferdefleisch. Zum Mittagessen mussten die Häftlinge in die Häuser zurückkehren.Benz/Distel. Primärquelle: Die Juden von Wilna. Die Aufzeichnungen des Grigorij Schur 1941–1944. München 1999, S. 204, 207ff., 211.

Pelzfabrik Kailis und Lager Kailis mini|Originalbeschreibung: Litauischer Soldat mit einem Trupp Juden abmarschbereit zur angewiesenen Arbeitsstelle. Alle Juden tragen auf Brust und Rücken ein „J“ auf weissem Grund als Kennzeichen ihrer Rassezugehörigkeit. mini|Arbeitsschein für das Ghetto Wilna (Oktober 1941) Im Rahmen der Besetzung Litauens durch die russische Armee im Jahr 1940 wurde die litauische Industrie enteignet, verstaatlicht und branchenmäßig in Trusts zusammengefasst. Die Lederindustrie und die Pelzindustrie spielten in dem Agrarstaat eine bedeutende Rolle, im Jahr 1937 Jahren fand die „3. Internationale Pelzmesse in Vilnius“ statt.In: Ost-Europa-Markt, Band 17 University of California, S. 109, 418. Abgerufen am 2. April 2021. Zu dem gebildeten Leder-Trust gehörten etwa 35 Betriebe der Leder- und Pelzindustrie. Die früheren Besitzer waren teils von den russischen Besatzern eingesperrt oder verschleppt worden, teils waren sie als Angestellte weiter in ihren ehemaligen Unternehmen tätig. Die deutsche Wehrmacht nahm nach ihrem Einmarsch diese Betriebe als Kriegsbeute in Besitz und übergab sie später einer deutschen Treuhandverwaltung, da sie inzwischen als russisches Staatseigentum galten. In den Betrieben wurden deutsche oder litauische Treuhänder als verantwortliche Betriebsführer eingesetzt. Zwei deutsche Fachleute, einer für Leder, der andere für Pelze, so genannte Sonderführer, hatten die Aufgabe, die Gerberei- und Lederbetriebe technisch zu überwachen, für die Einhaltung der Produktionspläne zu sorgen und sie fachmännisch zu unterstützen. Von Kaunas aus (100 km westlich von Wilna) waren sie für das Heranschaffen des Rohmaterials, die Bereitstellung der Arbeitskräfte und für den ordnungsgemäßen technischen Ablauf der Produktion verantwortlich. Außerdem hatten sie die Aufgabe, die deutschen Zivilisten in Kaunas mit Schuhwerk und Winterpelzen zu versorgen, wofür sie bestimmte Kontingente zur Verteilung zugeteilt bekamen, über die sie mit Freigabebescheinigungen verfügten.Richard Schweizer: Bericht über die Aktion der Gebrüder Winiks, z. Zt. Landsberg/Lech, DP – Lager gegen Richard Schweizer, Fabrikant und Richard Franke, Pelzhändler, beide in Murrhardt. Murrhardt, Schreiben vom März 1948, S. 1–2, Sammlung G. & C. Franke.Martin Löffler: Rechtsgutachten. Stuttgart, 19. Januar 1948. S. 1. Sammlung G. & C. Franke.Petra Bräutigam: Mittelständische Unternehmer im Nationalsozialismus: Wirtschaftliche Entwicklungen und soziale Verhaltensweisen in der Schuh- und Lederindustrie Badens und Württembergs. R. Ouldenburg Verlag München, 1997. ISBN 3-486-56256-8. Abgerufen am 12. April 2016.

In den ersten Monaten nach Einrichtung der litauischen Ghettos erstellte man spezielle Arbeitsbrigaden, die mit der Sichtung des geraubten jüdischen Besitzes beschäftigt waren. Im Rathaus von Kaunas war es die sogenannte Jordan-Brigade. Diese Brigaden dienten zugleich privaten Bedürfnissen der deutschen Besatzer, daher beschäftigten sie, neben Juwelieren und Uhrmachern, die fähigsten Schneider- und Kürschnermeister. Deren Erzeugnisse schickten Wehrmachts-, Polizei- und SS-Angehörige teilweise nach Hause zu ihren Ehefrauen. Angestellte der Arbeitsstätten (Gefreite, Feldwebel, manchmal auch Offiziere) stellten einzelnen Juden sogar Bescheinigungen aus, die es den Gefangenen gestatteten, sich zeitweilig frei in der Stadt zu bewegen.

Die verschiedenen Pelzwerkstätten in Wilna gehörten hauptsächlich Juden. Die drei Pelzfabriken „Pelze“, „Nutria“ und „Ursus“ (Bär) wurden nach der sowjetischen Besetzung im Rahmen der Verstaatlichung in einer Fabrik zusammengefasst.Bubnys, Arūnas (2011). Vilniaus žydų žudynės ir Vilniaus getas. Holokaustas Lietuvoje 1941–1944 m (in Lithuanian). Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimų centras. pp. 41–42. ISBN 978-609-8037-13-5. Vor dem Krieg war die Pelzfabrik in der Wilnaer Altstadt, Etmonu 1. Im Oktober 1941 zog die Fabrik zur M.-Mindaugienės-Straße 16 um, wo vor dem Krieg die Firma „Elektrit“, ein Hersteller von Radiogehäusen, ihren Sitz hatte. Gleich nach der Besetzung begann man mit der Ausführung von Wehrmachtsaufträgen. Die Verlagerung des Betriebes wurde von Oscar Glik initiiert, einem der Leiter des jüdischen Krankenhauses. Glik war ein Flüchtling aus Österreich. Er hatte in Wilna einen militärangehörigen Schulfreund getroffen, der ihm zu Papieren verhalf, die ihn zum „Volksdeutschen“ machten. Nach Verfolgung und wirtschaftlichem Verlust standen die Leiter der Pelzfabrik vor der Entscheidung, den Betrieb zu schließen. Um den Juden zu helfen, schlug Glik dem deutschen Major Hauzler vor, der für die Versorgung des Lagers die Oberaufsicht hatte, die Pelzfabrik von der Wehrmacht zu übernehmen und sie in die geräumigere Elektrit umziehen zu lassen. Oskar Glik wurde mit dem Umzug gleichzeitig der eigentliche Leiter des Betriebes. Dadurch, dass der Betrieb wegen der Produktion warmer Winterkleidung für die Ostfront für besonders wehrwichtig erklärt wurde, erhielten fast alle dort tätigen Kürschner und Pelzveredler als eine der ersten den wesentlichen „gelben Schein“, der ihnen das vorläufige Überleben sicherte und der sie gegenüber den übrigen Lagerinsassen „privilegierte“. Der Zeitzeuge Gidon Arye, der nach seiner Flucht in die Wälder auch eine Jacke, aus von jemand anderem in der Fabrik gestohlenen Fellen, genäht bekam, gibt die Gesamtzahl der jüdischen Kürschner mit etwa 50 an, die restlichen kamen aus der Umgebung.

Vladimir Porudominski berichtete 2010 in einer Videodokumentation (im Internet abrufbarwww.juedische-lebensgeschichten.de: Lebensgeschichten jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in Nordrhein-Westfalen. Video, Interview mit Vladimir Porudominski am 5. Mai 2010 durch Thomas Roth und Lew Walamas, NS-Dokumentationszentrum Köln. Ein Projekt der Synagogen-Gemeinde Köln und der Landesverbände der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und Westfalen-Lippe, durchgeführt vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Abgerufen am 26. Februar 2016.) von seinem in Wilna geborenen Vater, der zusammen mit zwei Brüdern, als gelernter Kürschner in der Pelzfabrik Kailis gearbeitet hatte. Er gehörte zur Leitung der Fabrik und hatte dort die Anfertigung von Pelzmosaiken eingeführt, das sind aus Fellresten hergestellte, teils gemäldeartige Bilder, die als Teppiche oder Wandbehänge genutzt werden. Neben anderen Arbeiten waren diese Erzeugnisse so sehr gefragt, dass eines im Jagdschloss von Hermann Göring und ein weiteres sich bei einem anderen Mitglied der Führung des Nazi-Deutschlands befand. Diese Beschäftigung verlängerte ihm und seiner Familie für zwei Jahre das Leben, bis alle wenige Tage vor der Befreiung umgebracht wurden, zusammen mit fast allen bis dahin dort noch überlebenden jüdischen Gefangenen.

Deutschen Soldaten und auch anderen Personen war in der ersten Zeit der Zugang in das der Pelzfabrik unmittelbar angrenzende Ghetto ungehindert möglich, vielleicht auch in die Fabrik direkt. Sie machten mit den Juden Geschäfte, auch waren Juden, unter denen sich zahlreiche gut ausgebildete Facharbeiter und Handwerker befanden, als Arbeitskräfte nicht nur in der Pelzfabrik besonders begehrt. Für Arbeiten tagsüber außerhalb des Lagers wurden sie anfangs in größerem Umfang „wild requiriert“.