mini|Augustusbogen in Susa, Südseite Der Augustusbogen in Susa, dem antiken Segusio, ist ein eintoriger Ehrenbogen, der im Jahr 9/8 v. Chr. zu Ehren von Kaiser Augustus errichtet wurde. Der überwiegend in Marmor ausgeführte Bogen ist das besterhaltene Monument dieser Art in Norditalien. Seine Inschrift nennt als Stifter den Ligurerkönig Marcus Iulius Cottius und zählt in diesem Zusammenhang die 14 zum Königreich gehörenden Völkerschaften auf.
Vertreter dieser 14 Völkerschaften wurden auch auf dem rund 33 Meter langen Fries, der das Gebälk des Bogens an vier Seiten schmückte, dargestellt. Hauptthema des Frieses waren aber die auf den Fassaden gezeigten Suovetaurilia, die Opfer von Eber, Widder und Stier. Während die Frieskomposition in der Tradition erzählerischer Reliefs der römischen Kunst steht, ist die schablonenhafte Ausführung ein Element des gallo-römischen Kunststils. Ziel seiner bildhaften Botschaft war ein lokales Publikum.
Lage Der Bogen erhob sich über der via Cottia, einer wichtigen Straße, die Augusta Taurinorum, das heutige Turin, mit Vapincum, dem heutigen Gap, verband. Sie führte durch das Susatal über den 1850 Meter hoch gelegenen Pass am Matrona Mons durch die Cottischen Alpen. Der Baugrund selbst lag auf einer Anhöhe im Westen der Stadt und war Teil eines als sakral anzusprechenden Areals. Abgesehen von einem Altar und von Ädikulä befand sich hier das sogenannte Heroon des Cottius. Die Achse des Bogens ist auf den Gipfel des etwa 3500 Meter hohen Rocciamelone ausgerichtet, was wie der sakrale Bauzusammenhang von einer nicht allein nach rationalen Gesichtspunkten gewählten Positionierung zeugt. Für ein derartiges Ehrenmonument ist beides ungewöhnlich. Der Bogen stand außerhalb der allerdings erst im 3. Jahrhundert errichteten Stadtmauer. In unmittelbarer Nähe wurden zudem die Reste eines größeren Komplexes gefunden, möglicherweise die Residenz des römischen Präfekten.Zur Lage Elisa Panero: Monumenti del potere nell’area alpina occidentale. Dalla tarda età repubblicana alla prima età imperiale. Associazione Culturale Antonella Salvatico, La Morra 2010, S. 136–141.
Architektur mini|Aufrisse und Plan Der eintorige, aus weißem Marmor der Brüche von Foresto errichtete Bogen hat eine Höhe von 13,30 Metern, eine Breite von 11,93 Metern und eine Tiefe von 7,30 Metern. Die lichte Weite seines Durchgangs misst 5,38 Meter bei einer Höhe von 8,80 Metern. Das Fundament des Bogens ist aus grauem Kalkstein gebildet.
Die Bogenpfeiler sind an den Ecken mit je einer kannelierten Dreiviertelsäule zuseiten des Durchgangs versehen. Sie stehen auf den Pfeileraußenseiten vorgeblendeten postamentartigen Sockeln von 1,81 Metern Höhe aus dem grauen Kalkstein des Fundaments. Sie wirken frontal betrachtet wie Einzelpostamente. Die 7,56 Meter hohen Säulen besitzen attische Basen und werden von Kapitellen korinthischer Ordnung bekrönt. Sie tragen ein 1,54 Meter hohes, ionisches Gebälk aus Drei-Faszien-Architrav und umlaufendem skulptierten Fries, dessen Ostseite allerdings zerstört ist. Entgegen der kanonischen Lösung, bei der die Höhe der drei Archivtravbänder nach oben zunimmt, wurde in Susa das Schema umgekehrt: Die untere Faszie ist die höchste, die obere die niedrigste. Über dem Gebälk folgt ein an der Unterseite mit Konsolen verziertes Horizontalgeison. Die Kassetten zwischen den Konsolen sind zumeist mit Rosetten gefüllt, doch gibt es an der Ostseite als Ausnahmen eine Kassette mit der Darstellung eines Adlers, eine weitere weist ein Blatt mit einer Eidechse als Dekor auf. Eine 2,16 Meter hohe Attika, die auf ihren Fassaden zwei annähernd identische Inschriften aus Metallbuchstaben trug, schließt den Bogen nach oben ab.
Der Bogen des Durchgangs ruht auf flachen, 5,63 Meter hohen Pilastern, die in korinthisierenden Pilasterkapitellen enden. Die Archivolte ist wie der Architrav des Gebälkes in drei Bänder gegliedert. Das Tonnengewölbe des Bogens weist keine Dekoration auf. Ebenso sind die Pfeilerwände und die Wände des Durchgangs undekoriert.Alle Maße nach Ermanno Ferrero: L’arc d’Auguste à Suse. Bocca, Turin 1901, Tafel 1.
Inschrift Die Fassaden der Attika trugen zwei weitgehend identische Inschriften,Elena Cimarosti: Le iscrizioni di età romana sul versante italiano delle „Alpes Cottiae“. Universitat de Barcelona, Barcelona 2012, S. 161, Nr. 31; Ermanno Ferrero: L’arc d’Auguste à Suse. Bocca, Turin 1901, S. 27–31. die in bronzenen Buchstaben eingelassen waren. Die Inschriften umfassten jeweils vier Zeilen, wobei die obere Zeile 23 Zentimeter, die folgenden 14 Zentimeter hohe Buchstaben besaßen. Anhand der Bettungen für die Metallbuchstaben und der Dübellöcher ihrer Fixierung lassen sie sich wie folgt rekonstruieren:: Imp(eratori) Caesari Augusto Divi f(ilio) pontifici maxumo tribunic(ia) potestate XV imp(eratori) XIII / M(arcus) Iulius regis Donni f(ilius) Cottius praefectus ceivitatium quae subscriptae sunt Segoviorum Segusinorum / Belacorum Caturigum Medullorum Tebaviorum Adanatium Savincatium Ecdiniorum Veaminiorum / Venisamorum Iemeriorum Vesubianiorum Quadiatium et ceivitates quae sub eo praefecto fuerunt. IMP · CAESARI · AVGVSTO · DIVI · F · PONTIFICI · MAXVMO · TRIBVNIC · POTESTATE · XV · IMP · XIII M · IVLIVS · REGIS · DONNI · F · COTTIVS · PRAEFECTVS · CEIVITATIVM · QVAE · SVBSCRIPTAE · SVNT · SEGOVIORVM · SEGVSINORVM BELACORVM · CATVRIGVM · MEDVLLORVM · TEBAVIORVM · ADANATIVM · SAVINCATIVM · ECDINIORVM · VEAMINIORVM VENISAMORVM · IEMERIORVM · VESVBIANIORVM · QVADIATIVM · ET · CEIVITATES · QVAE · SVB · EO · PRAEFECTO · FVERVNT
„Dem Imperator Caesar Augustus, Sohn des Divus, Pontifex Maximus, zum 15. Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, zum 13. Mal Imperator Marcus Iulius Cottius, Sohn des Rex Donnus, Präfekt der Civitates, die untenhin geschrieben sind: Segovier, Segusiner, Belacer, Caturiger, Meduller, Tebavier, Adanater, Savincater, Ecdinier, Veaminier, Venisamer, Iemerier, Vesubianier, Quadiater, und die Civitates, die unter seiner Präfektur waren.“
Die beiden Inschriften unterscheiden sich lediglich in einem abschließenden P der ersten Zeile auf der Nordseite, das möglicherweise zu P[ater (P)atriae], „Vater des Vaterlandes“, zu ergänzen ist. Da Augustus diesen Titel erst im Jahr 2 v. Chr. verliehen bekam, wurde die Inschrift vermutlich nachträglich erweitert.Christian Witschel: Die Wahrnehmung des Augustus in Gallien, im Illyricum und in den Nordprovinzen des römischen Reiches. In: Detlev Kreikenbom, Karl-Uwe Mahler, Patrick Schollmeyer, Thomas M. Weber (Hrsg.): Augustus – Der Blick von außen. Die Wahrnehmung des Kaisers in den Provinzen des Reiches und in den Nachbarstaaten. Akten der internationalen Tagung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vom 12. bis 14. Oktober 2006 (= Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen. Band 8). Harrassowitz, Wiesbaden 2008, S. 41–119, hier: S. 92. Die Titulatur des Augustus datiert die Inschrift in das Jahr 9/8 v. Chr.
Neben den aufgezählten 14 civitates umfasste das Kleinkönigreich des Stifters Cottius der Inschrift zufolge ursprünglich weitere Völkerschaften, die zum Zeitpunkt der Inschriftensetzung nicht mehr unter der Präfektur des Cottius standen, wenn man die Inschrift in einem literarischen Sinn liest („die unter seiner Präfektur waren“).Umberto Laffi: Studi di storia romana e di diritto. 2. Auflage. Storia e Letteratura, Rom 2007, S. 337–339. Fasst man das civitates quae sub eo praefecto fuerunt hingegen als Formel auf, wie sie auch auf Militärdiplomen auftaucht, dann sind die neben Cottius als Stifter auftretenden civitates in den zuvor aufgezählten und ebenfalls im Nominativ genannten Völkerschaften wiederzuerkennen. Damit wären sie weiterhin unter der Präfektur des Cottius gestanden.Hannah Cornwell: The King Who Would Be Prefect: Authority and Identity in the Cottian Alps. In: Journal of Roman Studies. Band 105, 2015, S. 41–72.
Fries mini|Detail des Nordfrieses mini|Westfries, „Tischgruppe“ Der Bogen weist als ältestes Monument seiner Art einen umlaufenden Relieffries auf. Dessen Gesamtlänge beläuft sich auf 33,20 Meter, von denen je 10,75 Meter auf die Fassaden und 5,85 Meter auf die Schmalseiten entfallen. Die Höhe des Frieses beträgt 0,52 Meter.
Die nicht in allen Details zu deutenden Darstellungen zeigen auf der Nord- und der Südseite Opferszenen, während die einzig erhaltene westliche Schmalseite „offizielle“ Handlungen zeigt.
Zentrales Thema der Nordseite sind Suovetaurilia, Opfer von Eber, Widder und Stier, die an einem in der Mitte befindlichen und mit Girlanden zwischen Bukranien geschmückten Altar vollführt werden sollen. Zuseiten des Altars stehen zwei Personen in der Toga capite velato, das heißt mit rituell bedecktem Haupt. Flankiert werden sie von weiteren Togati. Die Gruppe wird zumeist auf Cottius, dessen Söhne sowie Vertreter des Augustus – etwa Drusus, Tiberius oder Agrippa – bezogen, ohne dass eine Klärung oder konkrete Zuordnung möglich wäre. Sie sind im Begriff, ein Lustrum genanntes Reinigungsopfer durchzuführen. Entsprechend werden Trankopfer vorbereitet, für die ein Opferdiener eine Patera, eine für das Trankopfer benötigte Spendenschale, herbeibringt. Von den Seiten werden die Opfertiere von Opferdienern und dem für die Tötung zuständigen Victimarius herbeigeführt. Es folgen links und rechts je eine Gruppe von fünf Personen, die Axt, Krummstab, Tuba oder Lituus mit sich führen. Je zwei Reiter schließen sich seitlich an, gefolgt von je fünf keltischen Fußsoldaten.
Der Fries der Westseite bringt Vertreter der 14 von Cottius regierten Völkerschaften zur Darstellung. Sie nähern sich zunächst Tischen, die in den Seitenbereichen des Frieses aufgestellt sind und an denen Sekretäre oder Beamte sitzen. Nach der dort vorgenommenen Anmeldung werden sie zur Szene in der Mitte des Frieses vorgelassen. Hier sitzen um einen Altar oder einen Marmortisch drei Personen, wobei die hinter dem Tisch befindliche und in ihren Proportionen kleiner wirkende Figur auch stehend gedacht werden kann. Die Figuren zuseiten des Tischs sitzen auf einer sella curulis, einem Amtsstuhl, was ihren Rang unterstreicht. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Dreiergruppe um Augustus, Cottius und einen Vertreter der Stadt. Flankiert werden sie unter anderem von je drei Liktoren, was den privilegierten Status der zentralen Gruppe hervorhebt. Von den Seiten nähern sich Vertreter der civitates mit Volumina in Händen. Sie sind entweder auf dem Weg, einen zwischen Cottius und den Römern geschlossenen Vertrag, ein foedus, zu besiegelnVgl. Christian Witschel: Die Wahrnehmung des Augustus in Gallien, im Illyricum und in den Nordprovinzen des römischen Reiches. In: Detlev Kreikenbom, Karl-Uwe Mahler, Patrick Schollmeyer, Thomas M. Weber (Hrsg.): Augustus – Der Blick von außen. Die Wahrnehmung des Kaisers in den Provinzen des Reiches und in den Nachbarstaaten. Akten der internationalen Tagung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vom 12. bis 14. Oktober 2006 (= Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen. Band 8). Harrassowitz, Wiesbaden 2008, S. 41–119, hier: S. 92; Katja Moede: Der Augustusbogen von Susa. Römische Rituale außerhalb Roms. In: Fernande Hölscher, Tonio Hölscher (Hrsg.): Römische Bilderwelten. Von der Wirklichkeit zum Bild und zurück. Kolloquium der Gerda Henkel Stiftung am Deutschen Archäologischen Institut Rom, 15.–17. März 2004 (= Archäologie und Geschichte. Band 12). Verlag Archäologie und Geschichte, Heidelberg 2007, S. 133–144. oder sich einem Census zu stellen.Jean Prieur: Les arcs monumentaux dans les Alpes occidentales: Aoste, Suse, Aix-les-Bains. In: Hildegard Temporini (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Reihe II, Band 12, 1. Walter de Gruyter, Berlin 1982, S. 456.