Das Tonbergwerk Klingenberg liegt am östlichen Ortsrand von Klingenberg am Main am Rand des bayerischen Spessarts. Dort wurde seit Mitte des 16. Jahrhunderts Ton sehr hoher Qualität bergmännisch abgebaut. Es zählt zu den ältesten Tonbergwerken in Deutschland. Der Tonabbau verhalf der Stadt zu großem Reichtum. Das Tonbergwerk wurde im Jahr 2011 nach 270 Jahren bergmännischen Abbaus aus Rentabilitätsgründen geschlossen.
Lage und Entstehung der Tonlagerstätte mini|links|hochkant=1.2|Reliefentwicklung im Großwallstadt-Obernburger Graben im Bereich der Klingenberger Tonlagerstätte (Querprofil mit mehreren Profilknicks) Die Klingenberger Tone sind ein isoliertes Vorkommen tertiärzeitlicher Sedimente inmitten des Buntsandsteins des südwestlichen Spessarts. Es liegt östlich der Stadt Klingenberg nahe der Straßengabelung Mechenhard/Schmachtenberg. In Ost-West-Richtung hat es eine Ausdehnung von etwa 150 Metern, in Nord-Süd-Richtung erstreckt es sich längstens auf etwa einen Kilometer. Die Mächtigkeit des Tonlagers, das nicht oder nur in einigen Hanglagen oberflächlich ausbeißt, wird mit 45 bis 60 Metern angegeben. Seine maximale Basisteufe liegt Bohrungen zufolge bei 100 Meter. Geologie und Bildung der Klingenberger Tone sind eng mit denen der nur wenige Kilometer nördlich lagernden Schippacher Tone verknüpft. Regionalgeologisch befinden sich beide Vorkommen im zentralen Bereich des sogenannten Großwallstadt-Obernburger Grabens, einer Senkungszone im Südwesten des Spessarts, deren Entstehung vermutlich mit der Tektonik des Oberrheingrabens in Zusammenhang steht, und in der, im Gegensatz zum übrigen Spessart, großflächig Schichten des Mittleren und Oberen Buntsandsteins sowie zumindest punktuell känozoische Sedimente erhalten geblieben sind.Jürgen Jung: GIS-gestützte Rekonstruktion der neogenen Reliefentwicklung tektonisch beeinflusster Mittelgebirgslandschaften am Beispiel des Spessarts (NW-Bayern, SE-Hessen). Dissertation, Universität Würzburg, 2006,
Die Klingenberger Tone blieben hierbei in einem vergleichsweise kurzen Abschnitt eines schmalen, mehr oder weniger Nord-Süd (rheinisch) streichenden Grabens oder Halbgrabens innerhalb des Großwallstadt-Obernburger Grabens erhalten. Nach einer neueren (2006) Hypothese, beginnt die geologische Entwicklung mit der allmählichen Einsenkung dieses Grabens in eine tiefgründig tropische Verwitterung erfahrende Buntsandstein-Rumpffläche mit anstehenden Röt-Tonen. In der resultierenden, anfangs relativ flachen Senke, die von Klingenberg bis Schippach reichte, bildete sich ein See. Das Oberflächenwasser der Umgebung wusch Tonpartikel aus der Röt-Verwitterungsdecke aus und trug sie in das Stillgewässer ein, wo sie sich in Form von Tonschlamm am Grund wieder absetzten. Ebendieser Schlamm ist das Ausgangsmaterial der bevorzugt abgebauten Tone der Klingenberger Lagerstätte. Da das Relief zu dieser Zeit nur schwach ausgeprägt war und in der Umgebung der Senke offenbar außer den Röt-Tonen keine grobkörnigeren Gesteine der Abtragung ausgesetzt waren, konnte keine „Verunreinigung“ der Seesedimente durch groberes Material erfolgen. Eine pollenanalytische Untersuchung aus dem Jahr 2004 zeigt für die älteren Schichten der Klingenberger Tone ein spätoligozänes Alter (frühes Chattium, rund 30 Millionen Jahre vor heute). Ab dem Miozän verstärkte sich die Landschaftsdifferenzierung: Die Grabenstruktur mit den oligozänen (und möglicherweise auch noch miozänen) Ablagerungen senkte sich zumindest abschnittsweise zunehmend ein bzw. wurde benachbartes Gelände zunehmend angehoben. Die Verwitterung konnte die tektonischen Bewegungen der Schollen in der Region nun nicht mehr kompensieren, sodass das Relief sich versteilte. Dadurch kam es vermutlich zu Rutschungen von bereits abgesetzten Tonschlämmen aus den flacheren randlicheren Bereichen der Senke in den eigentlichen Graben. Diese Umlagerungen könnten die fehlende Feinschichtung der Tone in der Lagerstätte erklären. Datierungen kohleführender Schichten im höheren Teil der Schippacher Lagerstätte legen nahe, dass die Verlandung des Sees im späten Miozän vor etwa zehn Millionen Jahren stattgefunden haben könnte. Wegen Hebung bzw. nicht ausreichender Absenkung wurden anschließend Teile der Grabenfüllung wieder abgetragen. So fehlt sie zwischen Klingenberg und Schippach vollständig, und das Fehlen von Äquivalenten der „Schippacher Sande“ zwischen den oligozänen Tonen und den groberen, überwiegend quartären Deckschichten (Hangschutt aus Sandsteingeröllen sowie fluviatiler Löss und Lösslehm) in der Klingenberger Lagerstätte gibt dort Hinweise auf eine beträchtliche Schichtlücke.
Geschichte Nach mündlichen und schriftlichen Überlieferungen legte ein heftiger Gewitterregen in einem Seitental des Seltenbaches Ton im westlichen Bereich der Lagerstätte frei. Dieser einfach abzugrabende Ton diente den Töpfern der Umgebung als Rohstoff. Die erste urkundliche Erwähnung des Tonabbaus erfolgte 1567 im Jurisdiktionalbuch als „Lettongrube“, wobei die Stadt Klingenberg als deren Besitzer ausgewiesen wird. Im Jahr 1685 stellten die für die Abgrabungen gezahlten Pachtgebühren einen Hauptbestandteil des Stadtvermögens dar.
Abgrabungen 1740–1786 Der Abbau des Tons begann zuerst mit einfachen Abgrabungen oberflächennaher Vorkommen. Aus dem Jahr 1740 sind etwa 21 Gruben bekannt, wo im Tagebau Ton gefördert wurde. Die Gruben hatten eine Breite und Länge von etwa drei bis fünf Metern und waren bis zu 16 Meter tief. Regen und Schmelzwasser liefen in die Gruben und die geringe Wasserdurchlässigkeit des Tons verhinderte ein Abfließen. Zusammen mit dem Gebirgsdruck kam es zu Einbrüchen, die aufwändig wiederhergestellt werden mussten. Die Förderung des Tons aus den Gruben erfolgte wahrscheinlich mit Handhaspeln. Um das ständige Zugehen der Gruben zu verhindern, wurde die Grube 16 mit Holz ausgekleidet und im unteren Bereich mit den anderen Gruben verbunden. So entstand der erste Schacht (auch Lichtloch genannt). Der Großteil des bis 1786 geförderten Tons wurde von Töpfern verarbeitet.
Untertägiger Abbau ab 1786 Professor Pfeiffer, Hofrat von Mainz, schlug 1785 vor, auch die tiefer liegenden, feineren Schichten abzubauen und in der Porzellan- und Glasindustrie zu verwenden. 1786 wurde daraufhin am südwestlichen Rand der Lagerstätte ein Hauptstollen zur Entwässerung angelegt, der bis zum Ende des Abbaus zum Einfahren und zur Bewetterung genutzt wurde.
Die Besitzverhältnisse wechselten zu dieser Zeit ständig. Stellenweise beschränkte sich der Abbau auf die Förderung der besten Tonqualitäten, während häufig technische Regeln des Bergbaus für einen geregelten und nachhaltigen Abbau unbeachtet blieben. 1798 entzog die Stadt Klingenberg zwei Pächtern die Pacht und übernahm das Bergwerk in eigener Regie. Durch die Auswirkungen der Napoleonischen Kriege ging der Gewinn jedoch deutlich zurück und die Stadt sah sich gezwungen, die Bergbaurechte erneut zu verpachten.
Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung wurde auch der Ton wieder begehrter. Am 26. Juni 1855 verlangte die Stadt in einem Brief an die Königlich Bayerische Regierung die Übernahme des Bergwerkes in eigene Regie. In einem 30-seitigen Bericht warf sie den Pächtern „Raubbau und Verloderung der Grube vor“ und stützte sich dabei hauptsächlich auf Gutachten des Bergamtes Orb. Diesem Gesuch entsprach die Regierung und erteilte am 29. November 1855 die Genehmigung zur Übernahme. Trotzdem dauerte es noch bis 1859, bis nach zahlreichen Rechtsstreitigkeiten mit den Pächtern die Stadt den Betrieb des Tonbergwerks wieder übernehmen konnte.
Schon ein Jahr später begannen für die Stadt die „goldenen Jahre“ des Tonabbaus. Das Bergwerk erwirtschaftete 1860 einen Überschuss von 8.221 Gulden. Dies war mehr als das Doppelte der vorherigen Pachtsumme. Der Reingewinn konnte immer weiter gesteigert werden. 1907 betrug er 220.000 und 1912 sogar 325.000 Mark. Die Einnahmen erlaubten der Stadt, auf die Erhebung von Steuern und Umlagen zu verzichten und den Ort zu modernisieren. So errichtete sie 1866 ein Mainbad, 1874/75 kamen ein Friedhof und ein Leichenhaus hinzu. 1880 reichten die Einnahmen sogar für den Bau einer eigenen Mainbrücke (210.294 Mark). 1882 kam eine neue Schule (27.257 Mark) und 1885/86 ein neues Rathaus (40.205 Mark) hinzu. Der Umbau der Kirche zwischen 1889 und 1892 kostete 162.199 Mark. Außerdem wurden zwischen 1893 und 1899 Wasserleitung und Kanalisation (188.689 Mark), ein eigenes Elektrizitätswerk und ein Schlachthaus (340.436 Mark) gebaut. Kleinere Projekte, wie der Beamtenbau (52.861 Mark), eine Kinderschule (17.111 Mark) und der Umbau des alten Rathauses in ein Postamt (22.137 Mark) folgten zwischen 1901 und 1906. Trotz der immensen Ausgaben wurde zusätzlich jedem Bürger der Stadt ein Bürgergeld zwischen 200 und 400 Mark pro Jahr ausgezahlt.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Bergbau in Klingenberg zunächst unter den Folgen des verlorenen Krieges zu leiden. Gleiches galt auch für die Zeit der anschließenden Weltwirtschaftskrise. Ab 1938 gelang dem Tonbergwerk durch konsequente Planungen der Aufschwung. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden viele Arbeitskräfte eingezogen und nur durch den Einsatz von Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion war es möglich, die Tonförderung zu steigern. In den letzten Kriegstagen bot der Bergwerksstollen vielen Klingenbergern Schutz vor Panzergranaten und Tieffliegern.
Nach 1960 ging der Absatz des geförderten Tons merklich zurück. Die Stadt entschloss sich zur Rationalisierung bei gleichzeitiger Reduzierung der Anzahl der Mitarbeiter. Zuletzt zählte die Belegschaft noch neun Personen, von denen sechs unter Tage arbeiteten. Nachdem weitere Rationalisierungen nicht mehr möglich waren, stiegen die Verluste deutlich an, zumal renommierte Kunden wie der Bleistifthersteller Faber-Castell absprangen. Im Krisenjahr 2009 reduzierte sich die Jahresförderung von früher 3000 auf nur noch 960 Tonnen. Der Stadtrat beschloss die Schließung des Bergwerks. Dadurch verdoppelte sich der Absatz kurzfristig, da die verbleibenden Kunden ihre Lager füllten. Im Dezember 2011 wurde der letzte Ton im Bergwerk gefördert. 2012 wurden Sicherungs- und Verwahrungsarbeiten auf dem Betriebsgelände durchgeführt.
Abbautechnik
Fördertechnik bis 1939 alt=Beil und Haue|mini|Gezähe des Hauers alt=Türstock|mini|Türstock Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte die Tongewinnung im reinen Handbetrieb. Die Lagerstätte wurde ausgehend vom westlichen Rand erschlossen, wo der Ton am dichtesten unter der Oberfläche lag, und folgte dem Fallen des Tonlagers in die Teufe. Die Schächte wurden direkt im Tonvorkommen geteuft, verliefen also vollständig in der Tonschicht. Dies hatte den Vorteil, dass bereits bei der Erstellung des Schachtes der wertvolle Ton gefördert wurde. Andererseits erfolgte der Abbau, ohne notwendige Schachtsicherheitspfeiler einzuhalten. Obwohl der Schacht mit Holz ausgebaut war, machten sich bereits nach etwa sechs bis acht Wochen die seitlichen Druckerscheinungen bemerkbar und der Schacht musste nachgearbeitet werden. Wurde die Unterhaltung zu aufwändig, wurde der Schacht stillgelegt und ein neuer errichtet. Die ersten vier Schächte hatten eine Tiefe von etwa 40 m. Bis 1938 waren 20 Schächte niedergebracht, von denen einige bis zu 66 m tief reichten.
Der Bergmann (Hauer) brachte am Ende einer Abbaustrecke mit seinem Beil vertikale und horizontale Schlitze von etwa 20 cm Tiefe an. Anschließend brach er die etwa 5 kg schweren Tonschollen mit einer Haue aus der Wand. Um ein Anhaften des Tons am Gezähe zu verhindern, wurde das Werkzeug regelmäßig in einen mit Wasser gefüllten Holzeimer getaucht.