Orientteppiche wurden ab dem 13. bis in das 17. Jahrhundert hinein immer wieder als dekoratives Element in westeuropäischen Gemälden der Renaissancezeit abgebildet. Es sind sogar mehr Orientteppiche in der Renaissancemalerei abgebildet als erhaltene Teppiche bekannt sind. Die vergleichende islamische Kunstwissenschaft hat sich daher seit Beginn der Forschung zur islamischen Teppichkunst im späten 19. Jahrhundert auf Teppichdarstellungen in europäischen Gemälden verlassen, deren Entstehungszeit dokumentiert ist. Die Untersuchung der Gemälde leistete somit einen wichtigen Beitrag zur islamischen Kunstgeschichte, insbesondere zur Chronologie der Knüpfteppiche als Medium der islamischen Kunst.

Kunstgeschichtlicher Hintergrund mini|Petrus Christus, Jungfrau mit Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus (Detail), 1457, mit einer realistischen Abbildung eines geknüpften Teppichs. Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt mini|Jan van Eyck, Lucca-Madonna, ca. 1430 (Detail). Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt

Im späten 19. Jahrhundert begannen Kunsthistoriker und Sammler, sich für islamische Teppiche zu interessieren. Das hat die Anzahl bekannter noch erhaltener Stücke deutlich vergrößert. Es war jetzt möglich, die vorliegenden Teppiche im Detail mit ihren gemalten Gegenstücken zu vergleichen und zeitlich einzuordnen. Daraus ergab sich eine zunehmend detaillierte Vorstellung der Kulturgeschichte der islamischen Teppichknüpferei. Auch das wissenschaftliche Interesse in den Ursprungsländern erwachte, was zur Identifikation weiterer antiker Teppiche in den dortigen Museen und Sammlungen führte und das kulturhistorische Wissen noch erweiterte.

Die westliche künstlerische Tradition der präzisen, realistischen Wiedergabe, wie sie besonders im späten 15. und 16. Jahrhundert in den Niederlanden gepflegt wurde, stellt der Forschung Bildmaterial zur Verfügung, das es erlaubt, selbst feinste Details der abgebildeten Teppiche auszuwerten. Die Teppiche wurden mit außerordentlicher Sorgfalt sowohl hinsichtlich der Farbgebung als auch der Details ihrer Form und Muster wiedergegeben: Die gemalte Struktur des Teppichs in Jungfrau mit Kind von Petrus Christus, die Zeichnung der einzelnen Ornamente und Muster sowie die Art, wie sich der Flor an den Kanten der Stufen öffnet, lassen keinen Zweifel zu, dass der dargestellte Teppich ein islamischer Knüpfteppich ist.

Die Aufgabe der gemalten Teppiche ist, entweder die Aufmerksamkeit der Betrachter auf eine wichtige abgebildete Person zu lenken, oder einen Ort hervorzuheben, an dem eine wichtige Handlung stattfindet. Parallel zur Entwicklung der Renaissancekunst im Allgemeinen wurden anfänglich überwiegend christliche Heilige und religiöse Szenen dargestellt. Später wurden Teppiche auch in säkularem Kontext abgebildet, dienten aber in jedem Fall dazu, eine Vorstellung von Opulenz, Exotismus, Luxus, Wohlstand oder Status zu vermitteln. Anfänglich war es den Mächtigsten und Wohlhabendsten, dem Herrscherhaus und Adel, vorbehalten, sich auf Teppichen porträtieren zu lassen. Später dann, als mehr Menschen ausreichend Vermögen hatten, um sich Luxusgüter leisten zu können, erschienen Orientteppiche auch auf den Bildern reicher Kaufleute und wohlhabender Bürger. Während des 17. und 18. Jahrhunderts ließ das Interesse an der Abbildung auf Teppichen nach. Parallel dazu zeigen auch die Gemälde weniger Aufmerksamkeit für das Detail.

Die reich gestalteten islamischen Teppiche übten auf europäische Maler großen Einfluss aus. Ihre vielfältigen, üppigen Farben könnten nach einer Hypothese von Erdmann die großen venezianischen Maler des Quattrocento beeinflusst haben. Es wird sogar vermutet, dass die malerische Abbildung von Teppichmustern mit der Entwicklung der Linearperspektive in Verbindung steht, die erstmals 1435 von Leon Battista Alberti beschrieben wurde.

Die Abbildung orientalischer Teppiche auf Gemälden der Renaissance wird als wichtiger Beitrag zu einer „Weltgeschichte der Kunst“ angesehen, die die Interaktion verschiedener kultureller Traditionen untersucht. Teppiche aus der islamischen Welt wurden ab dem 15. Jahrhundert in großer Zahl nach Westeuropa exportiert. Das 15. Jahrhundert wird zunehmend als entscheidender Knotenpunkt in den kulturellen Begegnungen angesehen, die zur Entwicklung der Ideen, Kunst und Wissenschaft des Renaissancezeitalters führten. Intensivere Kontakte, insbesondere der zunehmende Handel zwischen der islamischen Welt und Westeuropa, stellten den westlichen Künstlern während der nächsten Jahrhunderte materielle Quellen und Kultureinflüsse zur Verfügung. Umgekehrt hatten auch die Bedürfnisse des europäischen Marktes entscheidenden Einfluss auf das islamische Kunsthandwerk.

Vergleichende Forschung Im Jahr 1871 veröffentlichte Julius Lessing sein Buch Altorientalische Teppichmuster. Er bezog sich darin überwiegend auf europäische Gemälde, weniger auf erhaltene Teppiche, weil diese zu seiner Zeit noch nicht gezielt gesammelt wurden und er davon ausging, dass kaum Exemplare erhalten geblieben seien. Lessings Forschungsansatz erwies sich als äußerst fruchtbar, um eine wissenschaftliche Chronologie des Kunsthandwerks des Teppichknüpfens zu erstellen. Er wurde durch die Kunstwissenschaftler der „Berliner Schule“ weiterverfolgt. Wilhelm von Bode und seine Nachfolger Friedrich Sarre, Ernst Kühnel, vor allem Kurt Erdmann, entwickelten die Terminus ante quem-Methode zur Datierung islamischer Teppiche anhand ihrer Abbildung auf Gemälden der Renaissancezeit. Eine zweite wichtige Quelle bildete die Darstellung von Teppichen auf türkischen und persischen Miniaturen und Illuminationen. Das größere Format der europäischen Bilder, verglichen mit den Miniaturmalereien, erlaubt eine detailliertere und exaktere Wiedergabe der Teppiche und somit zuverlässigere vergleichende Untersuchungen.

Es war den Kunsthistorikern dabei bewusst, dass ihr Forschungsansatz einseitig war: Während der Renaissancezeit waren nur Teppiche nach Europa gelangt, die in den großen Manufakturen Anatoliens zur Zeit des Osmanischen Reichs, später auch anderer Länder, hergestellt worden waren. Oft wurden die Teppiche eigens für den Export produziert. Daher stand den Renaissancekünstlern im Grunde nur eine beschränkte Auswahl an Modellen zur Verfügung.Kurt R. Pinner: Vorwort zu Die Geschichte des frühen türkischen Teppichs von K. Erdmann, London 1977, ISBN 978-0-905820-02-6 (Neuauflage der dt./türk. Ausgabe 1957). Die kulturgeschichtlich bedeutenden Teppiche aus dörflicher oder Nomadenproduktion waren zur Zeit der Renaissance in Europa unbekannt und wurden deshalb nie in Gemälden abgebildet. Sie wurden erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts von Sammlern wie Joseph V. McMullan oder James F. Ballard in ihrem künstlerischen und kulturgeschichtlichen Wert erkannt.

Überblick

Knüpfteppiche in geometrischen Mustern wurden mindestens seit der Zeit der Rum-Seldschuken im 13. Jahrhundert in Ostanatolien hergestellt. Seit etwa 1220 hatte Venedig Handelsbeziehungen mit dem Sultanat.Mack 2002, S. 74 Der venezianische Händler und Reisende Marco Polo erwähnt Teppiche aus Konya, der Hauptstadt des Seldschukenreichs, als die schönsten der Welt:

Die Mehrzahl der Teppiche in Gemälden des 15. und 16. Jahrhunderts stammen entweder aus dem Osmanischen Reich, oder sind vielleicht europäische Nachahmungen aus der Balkanregion, Spanien, oder anderen Ländern, in denen zu dieser Zeit nachweislich Teppiche geknüpft wurden. Tatsächlich gelangten nicht die feinsten islamischen Teppiche aus dieser Zeit nach Europa, und nur wenige Teppiche höchster Qualität aus den Hofmanufakturen sind auf Gemälden zu sehen. Perserteppiche erscheinen nicht vor dem Ende des 16. Jahrhunderts auf Gemälden, werden im 17. Jahrhundert bei den sehr Wohlhabenden aber zunehmend beliebter. Mamlukenteppiche werden gelegentlich, vor allem auf venezianischen und nur selten auf nordeuropäischen Gemälden dargestellt.King & Sylvester, S. 17

Eine der frühesten Darstellungen eines islamischen Teppichs auf einem europäischen Bild ist Simone Martinis Sankt Ludwig von Toulouse krönt Robert von Anjou zum König von Neapel, gemalt 1316 bis 1319.Mack 2002, S. 74–75. Im direkten Vergleich mit den wenigen erhaltenen Teppichen aus dieser Zeit geben die meisten europäischen Bilder die Teppiche recht naturgetreu wieder.

Die meisten Teppiche sind zu dieser Zeit in islamischer geometrischer Mustergestalt entworfen. Die frühesten Teppichdarstellungen geben die Tiermuster früher anatolischer Teppiche wieder. Der „Phönix und Drache“-Teppich, heute im Museum für Islamische Kunst, Berlin, findet ein Gegenstück in Domenico di Bartolos Hochzeit der Findlinge (1440). Mit der Übernahme in das Musterrepertoire der islamischen Kunst sind die dargestellten Tiere stark geometrisch stilisiert worden.Mack, S. 75; King & Sylvester, S. 13 und 49–50 Die Gruppe der anatolischen Tierteppiche verschwand gegen Ende des 15. Jahrhunderts von den Gemälden. Nur wenige Originale dieser Teppichgruppe sind erhalten, zwei davon befanden sich in europäischen Kirchen.King und Sylvester, S. 49–50. Der Marby-Teppich, eines der besterhaltenen Exemplare, überdauerte die Zeit in einer Kirche in Schweden, der „Phönix und Drache“-Teppich wurde von Wilhelm von Bode von einer italienischen Kirche erworben.King und Sylvester, S. 49–50. Der „Phönix und Drache“- und der „Marby“-Teppich waren bis 1988 die einzigen erhaltenen Teppiche dieser Gruppe. Seitdem sind sieben weitere Tierteppiche aufgetaucht. Sie stammen aus tibetischen Klöstern und wurden von den Mönchen mitgenommen, als diese vor der chinesischen Kulturrevolution nach Nepal flohen. Einer der Teppiche wurde vom Metropolitan Museum of Art, New York, erworben. Er hat ein Gegenstück in einem Bild des Sieneser Künstlers Gregorio di Cecco: Die Hochzeit der Jungfrau, 1423. Er zeigt große gegenüberstehende Tiere, jedes ist mit einem kleineren Tier darinnen abgebildet.

Die meisten Teppiche auf den Gemälden sind den abgebildeten Hauptpersonen, oft Maria oder Heiligen vorbehalten, die beispielsweise auf einem Podest, vor einem Altar oder auf einem Thron um die Hauptperson stehend gemalt sind. Ein typisches Beispiel hierfür ist der türkische Teppich zu Füßen der Jungfrau Maria auf Andrea Mantegnas San-Zeno-Altar von 1456 bis 1459 in San Zeno Maggiore.Mack, S. 67

Als Nebenpersonen treten manchmal auch die Stifter der Gemälde auf, die entweder in der Tradition der Bedeutungsperspektive klein und am Rand des Bilds dargestellt sind, später auch selbstbewusster direkt auf dem Teppich und so groß wie die Hauptperson.Mack, S. 76 Die religiöse Ikonografie wurde auch von den Herrschern übernommen, die sich auf Orientteppichen abbilden ließen. Ein safavidischer Teppich des 16. Jahrhunderts dient noch heute in Dänemark als „Krönungsteppich“ im Ritual der Krönung der dänischen Könige. Orientteppiche werden ferner abgebildet als Häuserschmuck zu besonderen Gelegenheiten, beispielsweise anlässlich von Prozessionen wie auf den Bildern der venezianischen Maler Vittore Carpaccio und Gentile Bellini.King und Sylvester, S. 14 Auf Carpaccios Einschiffung der Hl. Ursula schmücken die Teppiche die Wände des Schiffs und die Laufplanke.

Orientteppiche waren im Italien der Renaissancezeit nach Handelsnamen bekannt: Mamlukenteppiche aus Kairo hießen cagiarini, die aus Damaskus damaschini, barbareschi kamen aus Nordafrika, rhodioti und turcheschi aus dem Osmanischen Reich, und Teppiche aus dem Kaukasus waren als simiscasa bekannt.Mack, S. 77