mini|Die Speiche in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1996

Die Speiche (frühere Ausgaben als «Krock & Co.») ist der fünfte, kürzeste und letzte Wachtmeister-Studer-Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser. Der Krimi, geschrieben im Jahre 1937, war die erste Roman-Auftragsarbeit für Glauser und behandelt einen Mord im fiktiven Dorf Schwarzenstein im Appenzellerland.

Romanbeginn

Inhalt

Ausgangslage Jakob Studer und seine Frau sind in die Ostschweiz nach Arbon gereist, um die Hochzeit ihrer Tochter mit Albert Guhl, der ebenfalls Polizist ist, zu feiern. Nach der Zeremonie steht eine Kutschenfahrt an; Studer schlägt als Ziel das Dorf Schwarzenstein im nahen Appenzellerland vor, weil er sich daran erinnert, dass sein alter Schulschatz Anna Rechsteiner dort mit ihrem gelähmten und todkranken Mann den Gasthof «Hirschen» führt. Als die Hochzeitsgesellschaft am späten Abend von dort jedoch wieder zurück nach Arbon aufbrechen will, wird eine Leiche im Garten hinter der Wirtschaft entdeckt. Anna bittet Studer um kriminalistische Hilfe, in der Hoffnung auf schnelle Aufklärung des Todesfalles. Als der Wachtmeister die Leiche im Keller des Gasthofs untersucht, entdeckt er die Todesursache: Eine zugespitzte Fahrradspeiche ist durch mehrere lebenswichtige Organe des Toten gestossen worden. An der Speiche klebt zudem ein graues Hundehaar. Da der Velohändler Ernst Graf, welcher neben dem Hirschen sein Velogeschäft betreibt, einen Hund mit grauem Fell besitzt, scheinen die Indizien auf den Nachbarn hinzuweisen.

Ermittlung mini|Die Ermittlungen führen Wacht­meister Studer ins Appenzellerland

Da die Hochzeitsgesellschaft bis zum Eintreffen der örtlichen Polizei am folgenden Tag festsitzt, beginnt Studer mit den Ermittlungen. Der Tote hiess Jean Stieger und arbeitete in der Anwaltskanzlei «Krock & Co.», welche ihren Sitz in St. Gallen hat. Stieger ist am Vortag nach Schwarzenstein gekommen, um die Sekretärin Martha Loppacher zu besuchen, die ebenfalls für die Kanzlei «Krock» arbeitet und zur Kur im «Hirschen» wohnt. In der Hosentasche des Toten findet Studer zudem einen Stoss leerer Briefumschläge, welche die Bürolistin an Stieger geschickt hat. Am kommenden Morgen besucht der Wachtmeister zuerst den Velohändler und kommt dabei zum Schluss, dass dieser unschuldig ist. Im Laufe des Morgens wird Ernst Graf jedoch von der Kantonspolizei abgeholt. Obwohl Studer weder im Dienst noch für die Aufklärung des Mordes zuständig ist, entschliesst er sich, zusammen mit seinem Schwiegersohn den Fall weiter zu verfolgen. Die beiden quartieren sich im «Hirschen» ein, nachdem die Hochzeitsgesellschaft wieder abgereist ist. Im Laufe des Tages erscheint der zwielichtige Chef der Kanzlei «Krock & Co.», Joachim Crock. Nach dem Abendessen setzt sich dieser ans Klavier und fällt nach den ersten Takten tot vom Stuhl. Der herbeigerufene Arzt stellt eine Vergiftung fest. In den folgenden zwei Tagen macht sich Studer mit den für den Doppelmord in Frage kommenden Personen bekannt und deckt auch ein mögliches Motiv auf: Etliche Bauernfamilien des Dorfes und der Umgebung sind bei Annas Gatten Karl Rechsteiner hoch verschuldet; ihren Höfen droht die Betreibung. Rechsteiner wiederum scheint grosse Schulden bei der Firma «Krock & Co.» zu haben. Als ein Bankier aus Paris im Hotel auftaucht, telegrafiert Studer in die französische Hauptstadt und bittet seinen Freund Kommissar Madelin um eine Auskunft. Zusammen mit dessen Antwort und dem rekonstruierten Schriftbild eines verschwundenen Briefes, wird dem Wachtmeister klar, wer die Morde begangen hat.

Auflösung Für den kommenden Morgen hat der Wachtmeister den Verhörrichter und den Polizeichef aus Trogen herbestellt, um den beiden mittels eines raffinierten Tricks den Täter und dessen Motive zu liefern. Dabei gelingt es zusätzlich, auch eine international tätige Wucherbande zu entlarven. Nachdem Studer die örtliche Polizei durch die Auflösung des Falles verblüfft und gleichzeitig seinem ehemaligen Schulschatz aus einer ausweglosen Situation geholfen hat, kann er befriedigt nach Bern zurückreisen.

Entstehung Bevor Friedrich Glauser mit seiner damaligen Lebensgefährtin Berthe Bendel (die er als Pflegerin in der Psychiatrischen Anstalt in Münsingen 1933 kennen gelernt hatte) nach La Bernerie-en-Retz in der Bretagne zog, lebten die beiden in Angles bei Chartres. Allerdings wurde das Leben dort zunehmend zur Belastungsprobe: Das Wohnen im maroden Häuschen, Geldsorgen und das Klima zehrten an ihren Kräften. So folgte Anfang März 1937 der Umzug nach La Bernerie. Glauser und Berthe mieteten einen Ferienbungalow und blieben dort bis im Dezember desselben Jahres.

mini|La Bernerie. Entstehungsort von Die Speiche

Zu dieser Zeit vermittelte Glausers langjährige Brieffreundin und Gönnerin Martha Ringier den Kontakt zu Max Ras, Gründer und Redaktor des Schweizerischen Beobachters. Dies führte zu Glausers erstem Auftrag, einen Roman zu verfassen. Am 10. Mai schrieb er an Gotthard Schuh: «Die Sache ist die, dass Ras vom ‹Beobachter› einen kurzen Roman von mir bringen will und zugleich als Ankündigung eine Abhandlung über den Glauser. Er will mich machen. Mir kann’s recht sein. Der ‹Beobachter› zieht jetzt schon auf 450’000 und hofft nach der Streuung, an der mein Roman beitragen soll, noch um 50’000 zu steigern. Damit würde man Leute erreichen, die man sonst nie erreichen würde. Und darum habe ich zugegriffen, mögen meine Kollegen über mich schnöden oder nicht. Es ist mir lange genug schlecht gegangen, warum soll ich jetzt nicht ein wenig profitieren, wenn ‹just around the corner there is a little sunshine for me›? Und wenn es auch nur ein wenig ist, so hab ich ihn bezahlt, den ‹sunshine›.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 603. Endlich schien der der Erfolg da zu sein. Man kam auf Glauser zu, wollte ihn «machen». Allerdings war der Abgabetermin an den «Beobachter» auf Mitte Juni terminiert. Dies bedeute einmal mehr den Druck, in nur wenigen Wochen einen druckreifen Text zu schreiben. Daneben wartete Die Fieberkurve auf ihre mittlerweile siebte Überarbeitung für Friedrich Witz. Zudem wollte Josef Halperin Glausers Legionsroman Gourrama veröffentlichen. Und nicht zuletzt sollte Der Chinese für den Schriftstellerwettbewerb auf Ende Jahr fertig sein. Glauser griff erneut nach Opium, was zur Folge hatte, dass er sich nach Beendigung der Speiche vom 17. bis zum 25. Juli einer Entziehungskur in der Privatklinik «Les Rives de Prangins» am Genfersee unterziehen musste.

Für Die Speiche benötigte Glauser lediglich sechs Wochen: Von Mitte Mai bis Ende Juni 1937 hatte er alle 14 Kapitel niedergeschrieben. Am 31. Mai berichtete er an Martha Ringier von den Anfangsschwierigkeiten: «Aber ich hoffe, ich kann dir doch die Summe zurückgeben, wenn ich den Roman für Ras fertigbekomme. Er muss natürlich fertig werden, aber das wird noch einige böse Schweisstropfen kosten. Ich hab ihn nun schon viermal begonnen und muss den ganzen Anfang noch einmal umschmeissen. Immer die alte Geschichte. Man merkt plötzlich, dass man eigentlich noch gar nichts kann.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 614. Am 13. Juni meldete er weiter, dass er auf Seite 80 angekommen sei, und am 26. Juni war der neue Studer-Roman fertig. Damit der Krimi jedoch gedruckt werden konnte, musste Glauser nach Basel reisen und die Geschichte um einen Fünftel kürzen. Die Beobachter-Redaktion änderte dabei den Titel in «Krock & Co.» (erst im Jahr 1996 wurde der Roman wieder unter dem von Glauser vorgesehenen Titel im Limmat Verlag publiziert). Noch bevor Glauser das Typoskript abgegeben hatte, äusserte er sich abwertend zur Speiche. Am 9. Juli bezeichnete er den Roman in einem Brief an Berthe Bendel bereits als «Schmarren»: «Also hör, Kindlein, Ras hat heute prompt 2000.- gezahlt. […] Ich muss also kürzen, ziemlich viel, das Sentimentale herausschmeissen. […] Bis Sonntag sollte der Ras-Schmarren fertig sein. Gott gebe es.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 647. Und zwei Monate später schrieb er diesbezüglich an Otto Briner: «Daneben habe ich auch einigen Mist verbrochen – wenn Ihnen der Beobachter einmal in die Hände fällt, werden Sie diesen Mist ohne weiteres entdecken.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 740.

mini|Nervi bei Genua. Glausers letzte Station

Der erhoffte Erfolg sollte sich für Glauser zu Lebzeiten jedoch nicht mehr einstellen. Sein letztes Lebensjahr war überschattet vom Diebstahl des Chinesen-Manuskriptes, von Opium, einer erneuten Entziehungskur und einem Unfall mit Schädelbasisbruch. Es folgten eine lange Rekonvaleszenz und Geldsorgen, als er mit Berthe im Juni 1938 nach Nervi bei Genua zog, unter anderem an den Studer-Roman-Fragmenten zu arbeiten begann und wo die beiden heiraten wollten. Die Lebenssituation schien derart aussichtslos, dass Glauser Anfang Oktober Max Ras brieflich um Geld bat: «Wir haben keinen Rappen mehr, unsere Heirat steht vor der Tür, wir sollten leben, und ich geh vor Sorgen ziemlich in die Brüche. […] Ich hab ausser Ihnen keinen Menschen, an den ich mich wenden kann. […] Ich weiss nicht mehr, was tun. Mein Gott, ich glaub, Sie kennen mich genügend, um zu wissen, dass ich nicht der Mensch bin, der sich gerne bei anderen einschmeichelt und partout jammert, um etwas zu erhalten. Sie wissen, dass mein Leben nicht immer rosig gewesen ist. Nur bin ich müde jetzt und weiss nicht, ob es sich lohnt, weiterzumachen.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 874/875. Ras überwies daraufhin Geld nach Nervi. Allerdings hatte er in der Zwischenzeit das Interesse an Glausers literarischen Arbeiten verloren, und so schickte er am 4. November auch ein Manuskript an den Mann zurück, den er hatte «machen» wollen. Kurz vor der geplanten Hochzeit traf Ras’ Brief mit dem zurückgesandten Text ein. Wenige Tage später brach Glauser unerwartet zusammen und starb 42-jährig in den ersten Stunden des 8. Dezember 1938.

Biografischer Hintergrund

Schauplätze mini|Typisches Appenzeller Bauernhaus