Der 1343 ausgerufene Kreuzzug von Smyrna war ein Kriegszug einer katholischen Liga unter der Führung des Papsttums gegen das türkische Emirat Aydın unter Umur Bey. Der „Kreuzzug“ war primär eine Maßnahme gegen türkische Piraten, nachdem diese in den Jahren zuvor zahlreiche katholische Gebiete in Griechenland geplündert hatten. Der Großteil der Kämpfe fand um die von Aydın beherrschte kleinasiatische Hafenstadt Smyrna (das heutige Izmir) statt.

Hintergrund Smyrna war im byzantinischen Reich einer der bedeutendsten Häfen in der östlichen Ägäis. Durch das Abkommen von Nymphaion 1261 erhielt die Republik Genua das Recht, dort eine Handelskolonie einzurichten. Im Jahr 1317 gelang es dem türkischen Kleinfürsten Aydınoğlu Mehmed Bey, den landeinwärts gelegenen Burghügel von Smyrna (Pagos, die hellenistische Akropolis, heute Kadifekale genannt) einzunehmen. Die untere Stadt mit dem Hafen und der dortigen neuen Festung blieb zunächst in genuesischer Hand, wurde aber 1329 von Mehmeds Sohn Umur erobert.Mike Carr, Nikolaos G. Chrissis (Hrsg.): Contact and Conflict in Frankish Greece and the Aegean, 1204–1453: Crusade, Religion and Trade between Latins, Greeks and Turks, Ashgate Publishing, 2014, S. 131

Unter Umurs Herrschaft stieg das Emirat Aydın schnell zur Seemacht auf; Smyrna und Ephesos-Panormos wurden die beiden Hauptstützpunkte der türkischen Flotte. Schiffe unter der Flagge Aydıns betrieben Piraterie im gesamten östlichen Mittelmeer und führten Plünderungszüge auf der Morea und Negroponte durch. Die Türken griffen lediglich lateinische (d. h. katholische) Besitzungen an, da Umur 1335 mit dem byzantinischen Regenten Johannes Kantakuzenos ein Bündnis geschlossen hatte.Donald M. Nicol: The Reluctant Emperor: A Biography of John Cantacuzene, Byzantine Emperor and Monk, Cambridge University Press, 2002, S. 35Kenneth Meyer Setton: The Papacy and the Levant, 1204–1571: The thirteenth and fourteenth centuries, American Philosophical Society, 1976, S. 182

Aufruf zum Kreuzzug 1342 wurde in Avignon Pierre Roger, der Bischof von Sens, als Clemens VI. zum neuen Papst gewählt. Clemens war ein großer Anhänger der Kreuzzugsidee und hoffte – 50 Jahre nach dem Fall von Akkon und 70 Jahre seit dem letzten Kreuzzug – auf ein Wiederaufflammen der Kreuzzugsbegeisterung. Ein Vorstoß ins Heilige Land war zu diesem Zeitpunkt völlig utopisch, aber das Zurückdrängen der Türken von der kleinasiatischen Küste erschien als machbares und sinnvolles Unterfangen. Clemens fand Unterstützung bei den Venezianern, deren Kolonie Negroponte am schlimmsten unter den türkischen Plünderungen zu leiden hatte. Von allen türkischen Fürstentümern war Aydın die mit Abstand stärkste Seemacht und wurde somit als Angriffsziel ausgewählt.

Am 30. September 1343 rief Papst Clemens mit der Bulle Insurgentibus contra fidem, in der ausführlich die Gräueltaten der türkischen Piraten geschildert wurden, zum Kreuzzug gegen die „Türken in Romanien“ auf und erhob für drei Jahre einen europaweiten Kreuzzugszehnten.Dieter Mertens: „Claromontani passagii exemplum“: Papst Urban II. und der erste Kreuzzug in der Türkenkriegspropaganda des Renaissance-Humanismus. In: Bodo Guthmüller, Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Europa und die Türken in der Renaissance, De Gruyter, 2000, S. 66fSetton: The Papacy and the Levant, S. 189f Zum ersten Mal war das geplante Ziel eines Kreuzzuges der griechische Raum, und zum ersten Mal war dieser ausdrücklich gegen Türken gerichtet. Auch spielten erstmals Wirtschaftsinteressen, nämlich die Sicherheit der Handelsschifffahrt im östlichen Mittelmeer, die entscheidende Rolle. Daneben sollte der Kreuzzug als Prestigeprojekt Clemens’ auch das gesunkene Ansehen des Avignonesischen Papsttums wieder verbessern.

Zum geistlichen Anführer (Legaten) des Kreuzzugs wurde Heinrich von Asti, lateinischer Exil-Patriarch von Konstantinopel und Bischof von Negroponte, ernannt. Neben dem Kirchenstaat und der Republik Venedig (unter Doge Andrea Dandolo) schlossen sich der Johanniterorden zu Rhodos (unter Großmeister Helion de Villeneuve) und König Hugo IV. von Zypern der Unternehmung an. Die Republik Genua lag mit dem König von Zypern in Konflikt und beteiligte sich daher nicht direkt, aber der Genuese Martino Zaccaria, der gestürzte Herrscher von Chios und Erzfeind der Türken von Aydın, erklärte sich bereit die päpstliche Flotte zu führen. Zaccaria wollte offensichtlich den Kreuzzug nutzen, um seine Insel von den Byzantinern zurückzuerobern, obwohl der Papst dies ausdrücklich verboten hatte.Setton: The Papacy and the Levant, S. 190/191 Die beiden wichtigsten Verbündeten des Papstes fehlten jedoch: Frankreich lag im Krieg mit England und das Königreich Neapel befand sich seit der Thronbesteigung der jungen Königin Johanna in einem instabilen Zustand. Von den fränkischen Fürsten in Griechenland, wo französische, katalanische und italienische Abenteurer um die Macht kämpften, konnte auch keine Hilfe erwartet werden.

Im Byzantinischen Reich war währenddessen ein Bürgerkrieg zwischen der Kaiserwitwe Anna von Savoyen und Johannes Kantakuzenos (dem Verbündeten des Umur Bey) ausgebrochen, so dass absehbar war, dass sich die Byzantiner nicht in den Kreuzzug – der ja ehemals byzantinisches Gebiet zum Ziel hatte – einmischen würden können.

Angriff auf Smyrna mini|Ansicht von Smyrna aus dem Jahr 1801. Auch 450 Jahre nach dem Kreuzzug lassen sich immer noch gut die befestigte Stadt mit dem Hafen und im Hintergrund die alte Burg auf dem Hügel erkennen. mini|Mauern der Burg von Smyrna (Kadifekale). Die Burg auf dem Hügel konnte von den Kreuzfahrern nicht erobert werden. Im Frühjahr 1344 brach die christliche Flotte auf. Venedig hatte etwa 20 Galeeren beigesteuert (die von Piero Zeno befehligt wurdenHeinrich Kretschmayr: Geschichte Von Venedig, Zweiter Band, 1920, S. 204;sowie Setton: The Papacy and the Levant, S. 192), die Johanniter sechs und der Papst und der König von Zypern je vier.Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge, C.H.Beck, 1995, S. 1230

An Christi Himmelfahrt, dem 13. Mai 1344, schlug die Flotte bei Pallene (Chalkidiki) einen großen türkischen Schiffsverband und verbrannte über fünfzig feindliche Schiffe. Während der Sommermonate scheint die Flotte weiterhin türkische Piraten in der Ägäis gejagt zu haben, denn erst am 28. Oktober gelangten die Kreuzfahrer nach Smyrna. Umur Bey hatte mit keinem Angriff von der Seeseite her gerechnet und war völlig unvorbereitet. Seine Truppen standen zu diesem Zeitpunkt entweder in byzantinischen Diensten oder bewachten das Hinterland gegen die benachbarten türkischen Fürstentümer. Die Kreuzfahrer vernichteten zunächst die im Hafen eingeschlossenen feindlichen Schiffe und eroberten dann die Hafenfestung im Handstreich. Die Türken zogen sich auf den Burghügel zurück.

Es kam nun zur Pattsituation, da weder die Christen noch die Türken die gegnerische Position erobern konnten. Die Venezianer ummauerten das Hafenviertel und legten einen Wassergraben an. Umur Bey zog Verstärkungen zusammen und belagerte damit den Hafen, unterstützt durch den Beschuss von Mangoneln. Nach einem erfolgreichen Ausfall der Kreuzfahrer musste er jedoch die Belagerung abbrechen.

Etwas außerhalb der Stadt und damit auch außerhalb des Verteidigungsrings befand sich die Ruine einer Kirche, die von den Christen als die spätantike Metropolitankirche angesehen wurde. Zur Feier des Sieges über die Türken beschloss Patriarch Heinrich von Asti nun, dort eine Messe abzuhalten. Zaccaria hatte zwar Einwände, musste sich aber dem ranghöheren Patriarchen fügen, so dass sich die christliche Führung am 17. Januar 1345 zur Kirche begab. Die Türken bemerkten dies, erkannten die Gelegenheit und griffen an, während die Kreuzfahrer den Gottesdienst abhielten. Den meisten christlichen Soldaten gelang die Flucht zum sicheren Hafen, doch die Führer des Kreuzzugs einschließlich Zaccaria, Zeno und dem Patriarchen wurden in der Kirche umzingelt und niedergemacht (Der Wahrheitsgehalt dieser Todesumstände ist allerdings umstritten).Setton: The Papacy and the Levant, S. 190–193. In A History of the Crusades: The fourteenth and fifteenth centuries (herausgegeben von Setton), S. 294, schreibt Anthony Luttrell, dass die Anführer bei einem Angriff auf den Burgberg getötet wurden. Runciman berichtet hingegen, die Kreuzfahrerführung wurde bei einem Vorstoß ins Landesinnere getötet.

Trotz des Verlusts ihrer Führung konnten die verbliebenen christlichen Truppen den befestigten Hafen halten und die Pattsituation setzte sich fort. Nachdem die Nachricht vom Tod der Anführer Europa erreicht und dort Bestürzung ausgelöst hatte, ernannte Papst Clemens den Johanniter-Großmeister Hélion de Villeneuve interimsweise zum Anführer der verbliebenen Truppen. Bischof Raymond Saquet von Thérouanne wurde zum neuen päpstlichen Legaten des Kreuzzuges ernannt, während Bertrand des Baux, Seigneur de Courthézon, die päpstlichen Galeeren kommandieren sollte. Beide zeigten sich aber wenig begeistert und blieben in Frankreich.Setton: The Papacy and the Levant, S. 193 Im Mai 1345 ernannte der Papst dann den Johanniter-Prior der Lombardei, Giovanni de Biandrate, zum Hauptmann der Truppen in Smyrna.Kenneth Meyer Setton (Hrsg.), Anthony Luttrell: A History of the Crusades: The fourteenth and fifteenth centuries, University of Wisconsin Press, 1969, S. 295 Neuer venezianischer Flottenführer wurde Niccolò Pisani, der einige Zeit später wiederum von Giustiniano Giustinian abgelöst wurde.Setton: The Papacy and the Levant, S. 206, 209, 216

Kreuzzug des Dauphins von Viennois mini|links|Großes Siegel Humberts II. von Viennois. Es zeigt, wie dieser selbst gesehen werden wollte: als Ritter. Unterstützung kam nun in Person des Dauphins von Viennois, Humbert II. Dieser plante schon länger an einen Kreuzzug teilzunehmen und bot daher dem Papst bereitwillig seine Hilfe an. Humbert, der letzte seiner Dynastie, war äußerst fromm und sah sich selbst als „edlen christlichen Ritter“. Er war aber kein kompetenter Militärführer und allgemein wenig zielstrebig.Runciman: History of the Crusades, Band 3, Cambridge University Press, 1987, S. 452;Setton: The Papacy and the Levant, S. 211

Im Mai 1345 wurde er vom Papst zum neuen Führer des Kreuzzuges ernannt, im Sommer stach er in Marseille in See. Über Genua gelangte er auf dem Landweg Ende Oktober nach Venedig, wo über den weiteren venezianischen Beitrag zum Kreuzzug verhandelt wurde. Das Kreuzzugsinteresse der Venezianer hatte inzwischen stark nachgelassen; im Vordergrund standen nun ein neuer Konflikt mit Ungarn über die Stadt Zara, eine Handelsexpedition nach Alexandria sowie die Ermordung des neapolitanischen Prinzgemahls Andreas, die einen großen Krieg in Italien auszulösen drohte. Schließlich erhielt Humbert zwei Galeeren, die ihn und seine wenigen Truppen nach Negroponte brachten, wo man an Weihnachten 1345 eintraf.Setton: The Papacy and the Levant, S. 195–202

In Negroponte versuchte Humbert auf Wunsch der Venezianer vergeblich, den Konflikt um die Markgrafschaft Boudonitza (zwischen Guglielma Pallavicini und ihrem Mann Niccolò Zorzi) zu schlichten. Auch nahm er Kontakt mit der Venedig-freundlichen byzantinischen Regentin Anna von Savoyen auf und bat darum die Insel Chios temporär als Stützpunkt nutzen zu dürfen. Die Genuesen unter Admiral Simone Vignoso durchkreuzten allerdings diese Pläne, indem sie im Sommer 1346 die Byzantiner auf Chios angriffen und die Insel eroberten. Dies stellte einen schweren Rückschlag für Humbert und Papst Clemens dar und führte zu Konflikten im Kreuzfahrerlager, da man nicht einig war, wie man auf das genuesische Vorgehen reagieren sollte.Setton: The Papacy and the Levant, S. 202–207