Alisa Fuss (geboren am 7. April 1919 in Berlin als Ilse Miodownik; gestorben am 20. November 1997 in Tel Aviv) war eine deutsch-israelische Pädagogin und Menschenrechtsaktivistin. Leben Kindheit und Jugend in Berlin und Breslau Alisa Fuss wurde in eine jüdische Familie in Berlin geboren. Ihr Vater, Jakob Miodownik, war der Sohn ostjüdischer Einwanderer; ihre Mutter Erna, geb. Levy, entstammte dem Berliner Bürgertum. Der strenggläubige Vater ließ das Erdgeschoss des Hauses in Berlin-Zehlendorf, in dem die Familie 1924/25 wohnte, zur Synagoge ausbauen. „In der Gegend gab es keine öffentliche Synagoge. So kamen Freitagabend und Samstag die Juden aus der Nachbarschaft immer zu uns zum Beten.“ Alisa Fuss besuchte ab 1925 die Familienschule Zehlendorf-West, eine überkonfessionelle Privatschule. Ab 1929 war sie Schülerin des VI. Städtischen Lyzeums in Berlin-Charlottenburg.Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 12. Im selben Jahr zog die Familie nach Breslau, wo Alisa ebenfalls das örtliche Lyzeum besuchte. In Breslau kam sie in Kontakt mit der jüdischen Jugendbewegung. Sie schloss sich dem Jung-Jüdischen Wanderbund an, einer pfadfinderähnlichen Organisation, die sich zunehmend sozialistisch orientierte.vgl. Suska Döpp: Jüdische Jugendbewegung in Köln 1906–1938. LIT Verlag, Münster 1997, ISBN 978-3-8258-3210-0. Das Lyzeum verließ Fuss, als sie aufgefordert wurde, den so genannten Hitlergruß („Heil Hitler“) zu verwenden. Sie verbrachte dann ein Jahr am Jüdischen Gymnasium, das sie 1934 im Alter von 15 Jahren verließ, um eine Malerlehre „bei einem ‚arischen‘ Malermeister“, so Alisa Fuss, zu beginnen. Sie wurde Zionistin „wegen Hitler natürlich, aber auch aus Überzeugung. Dazu muss man sagen, unsere Gruppe war keine nationalistische, chauvinistische so wie andere …“

Palästina und Israel Alisa Fuss lebte von April bis zu ihrem Aufbruch nach Palästina im September 1935 allein in Breslau, zunächst im Israelitischen Mädchenheim, später im Hechaluz-Haus. Ihre Eltern waren damit einverstanden, dass sie mit der Jugend-Aliya in das damals britische Mandatsgebiet Palästina auswandern wollte.Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 15. Sie selbst verließen Deutschland bereits im April 1935. Mit gefälschten Papieren, die sie als Landwirte auswiesen, hatten sie Visa für Uruguay erhalten; ihr eigentliches Ziel war jedoch Argentinien.Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 16 Sie starben 1940 bzw. 1942. „Die Strapazen (der Flucht und des Neubeginns in Südamerika) waren für sie zu groß“, erklärte Alisa Fuss später.Alisa Fuss, 73 Jahre und kein bisschen müde, in: die tageszeitung (taz), 13. Juli 1992 Für ihren Bruder versuchte sie vergeblich ein Einreisevisum nach Palästina zu bekommen. Nach jahrzehntelangem Briefkontakt fand das erste Wiedersehen 1980 in Buenos Aires statt.

Alisa Fuss lebte in Palästina zunächst im Kibbuz Raʿanana bei Tel Aviv. Sie arbeitete auf den Zitrusplantagen im Küstenstreifen zwischen Haifa und Tel Aviv. Zur Zeit des arabischen Aufstandes (1936–1939) verließ sie den Kibbuz. Sie war nicht damit einverstanden, dass die zionistische paramilitärische Untergrundorganisation Hagana gegen ihren bisherigen Grundsatz der reinen Selbstverteidigung verstieß, indem sie präventiv arabische Dörfer überfiel. Als die von ihr angemahnte Diskussion über diese Entwicklung im Kibbuz wieder und wieder verschoben wurde, zog sie nach Jerusalem. Sie hoffte dort studieren zu können. Tatsächlich arbeitete sie auf Baustellen und als Haushaltshilfe.

Abschied vom Zionismus Fuss sah ihre politischen Ideale verraten. Zentrales Element ihrer weiteren politischen Entwicklung war ihr Abschied vom Zionismus. „In unserem eigenen Verständnis vom Kibbuz mischten sich zionistische und sozialistische oder auch kommunistische Elemente. Das zionistische Element dabei bot immer mehr Angriffsflächen, wenn wir die Politik in Palästina betrachteten. Nicht zufällig wurde gerade im Kibbuz über die Frage Zionismus und/oder Sozialismus so viel diskutiert. In der Idee des Kibbuz sind ja beide Elemente enthalten, und viele von uns Jugendlichen sahen erstaunt bis schockiert, wie ihre Ideale in der Realität verwirklicht wurden. Gerade die Sensibilität, die uns als verfemte und verfolgte Juden in dieses Land getrieben hatte, war es, die uns hier gegen eine andere Unterdrückung aufstehen ließ, gegen die Zusammenarbeit mit der britischen Mandatsmacht, gegen die Vertreibung der arabischen durch die jüdischen Palästinenser. Wir konnten das Schicksal der Araber nicht unbeteiligt mit ansehen. Dasselbe Verlangen – mit sich im Reinen zu sein, ein schöneres Leben aufzubauen –, das uns im Rahmen der zionistischen Jugendbewegung ins Land gebracht hatte, war es auch, was uns dann zu Anklägern gegen den Zionismus machte. Unsere Radikalisierung zu überzeugten Sozialisten bzw. Kommunisten hatte weniger ideologische Gründe, sondern war eine Reaktion auf die Art und Weise, wie der Zionismus im Lande verwirklicht wurde: im Einverständnis mit dem britischen Kolonialismus und mit dubiosen Praktiken gegen die arabische Bevölkerung.“zitiert nach Barbara Heber-Schärer, Alisa Fuss. Ein tätiges Leben, Unveröffentlichtes Typoskript, 2007, S. 16 f.

„Kurzes Gastspiel“ bei den Kommunisten Durch ihren späteren Ehemann, Chaim Preschel, fand Fuss den Weg zur Kommunistischen Partei Palästinas (PKP, jüdische Sektion).Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 24 Während des arabischen Aufstandes setzten die Briten mit aller Härte ein PKP-Verbot durch. Bei einer illegalen Aktion wurde Fuss 1940 verhaftet. Es folgte ein Jahr Administrativhaft ohne Anklage, Prozess und Urteil.

Im Sommer 1956 wurde Alisa Fuss zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, Helmut Fuss, erneut verhaftet. Man hatte ihren Namen auf einer Liste von Informanten für den polnischen Geheimdienst gefunden. Über die genauen Hintergründe, wie es dazu kam, kann nur spekuliert werden. Es folgte eine Verurteilung zu sechs Jahren Haft. Tatsächlich musste die inzwischen dreifache Mutter für vier Jahre ins Gefängnis. Chaim Cohn, Staatsanwalt und späterer Richter am Obersten Gerichtshof, hatte sich für den Erlass des letzten Drittels der Strafe eingesetzt.Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 27. Ihr Ehemann wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.

Die Pädagogin Begonnen hat Alisa Fuss ihre pädagogische Arbeit im Jugenddorf Ben-Schemen. Bereits 1949 hatte sie die staatliche Prüfung als Grundschullehrerin abgelegt. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis nahm sie 1960 eine Tätigkeit an der staatlichen Sonderschule in Tel Aviv auf. Es folgten sechs Jahre, in denen sie sich berufsbegleitend an der al-Quds-Universität in Jerusalem und der Universität Tel Aviv fortbildete. Später arbeitete sie selbst in der Lehreraus- und -fortbildung.Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 29 Sie vertrat die israelische Gesellschaft für Sonderschulerziehung regelmäßig auf internationalen Konferenzen und berichtete auf Vortragsreisen, die sie immer wieder nach Europa führten, über ihre Arbeit an der Broschim-Schule in Tel Aviv. Ab 1968 publizierte sie in deutschsprachigen pädagogischen und psychologischen Fachzeitschriften. Durch diese Veröffentlichungen wurde der einflussreiche deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig auf Fuss aufmerksam. Er holte sie 1976 an die Laborschule in Bielefeld. Aus dem ursprünglich auf ein Jahr angesetzten Aufenthalt wurden vier Jahre.Nach den deutschen Gesetzen bekämen die Juden kein Asyl. Gespräch mit der Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, Alisa Fuss, über Flucht, alliierte Kenntnis von Judenvernichtung und über deutsche Ausländerpolitik. In: FREITAG, 20. Dezember 1996.

Zurück in Berlin und Rückkehr nach Israel Im Jahr 1980, im Alter von 61 Jahren, kehrte Alisa Fuss in ihre Geburtsstadt zurück. Dort schloss sie sich der Internationalen Liga für Menschenrechte an, deren Präsidentin sie 1990 wurde. Im Sommer 1982 war Alisa Fuss Initiatorin und Mitbegründerin der Jüdischen Gruppe Berlin, gemeinsam mit Fritz Teppich. Die Entstehung dieser Gruppe stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Libanonkrieg 1982. „Die Mitglieder der jüdischen Gruppe wollten sich primär abgrenzen gegen die offizielle, regierungsamtliche Sicht Israels auf diesen Konflikt, wie ihn, zumindest nach außen, auch die jüdische Gemeinde vertrat. Gruppen mit einer ähnlichen, vergleichbaren Ausrichtung bildeten sich auch in anderen deutschen Städten sowie in Österreich und der Schweiz.“Dirk Arntz: Ein Leben für die Menschenrechte. Denkschrift für Alisa Fuss. Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, , S. 53 „Sie war eine der ersten jüdischen Basis-Interessengruppen, die im Berlin der Nachkriegszeit aktiv wurde, und auch eine der ersten, die mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit ging und dabei den Widerspruch zur offiziellen Gemeinde nicht scheute.“Andrew Roth, Michael Frajman: Das jüdische Berlin heute. Quadriga Verlag, Berlin 1999, ISBN 978-3-88679-332-7, S. 207 „The group is by no means united in its stands, but needs the forum in which to consider the questions.“Soul-searchers, Jerusalem Post Magazine, Januar 1987 1982 referierte sie auf Einladung der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK) im Libertären Forum (Berlin) zum Thema: Jüdische Pazifist*innen zu Israel Palästine. Gemeinsam mit Ossip K. Flechtheim gab es persönliche Verbindungen zwischen der Internationalen Liga für Menschenrechte mit der IDK.Wolfram Beyer (Hrsg.): Internationale der Kriegsdienstgegner*innen - 1947-2017 Beiträge zur Geschichte, Verlag Edition AV Lich 2017, S. 19

Zudem war Fuss Mitbegründerin des Flüchtlingsrates Berlin, der im Jahre 1989 für seine Arbeit den Gustav-Heinemann-Preis erhielt.»Ich sehe schwarz für die Menschenwürde in Deutschland«. Interview. In: Gossner Mission Information 3, Juni/Juli 1996, S. 21–23 1982 kettete sie sich vor dem Gebäude des Berliner Senators für Justiz aus Protest gegen die drohende Abschiebung des türkischen Asylbewerbers Cemal Kemal Altun fest. Gemeinsam mit Fritz Teppich wandte sie sich mit der Bitte um Hilfe für Altun an den weltberühmten Musiker Yehudi Menuhin und Papst Johannes Paul II.Juden appellieren an Bundesregierung. Menuhin fordert Freiheit für Altun. In: die tageszeitung (taz), 19. August 1983; Radiosendung zur Ankettung, Echo am Mittag, 2. Mai 1983

Während des Zweiten Golfkrieges im Jahr 1991 rief Fuss die Aktion Atempause ins Leben, deren Ziel es war, israelischen und palästinensischen Müttern gemeinsam mit ihren Kindern einen Platz zur Erholung bei Berliner Familien zu bieten.»Die Friedensbewegung ist nicht anti-israelisch«. Die Internationale Liga für Menschenrechte will einen »Offenen Brief« in israelischen Tageszeitungen veröffentlichen. In: die tageszeitung (taz), 30. Januar 1991.Berliner Einladungen an Kinder aus Israel. In: die tageszeitung (taz), 14. Februar 1991.Die aktuelle Frage. In: Berliner Zeitung, 2. Februar 1991.»Wir können nichts tun und sind nur Opfer«. Israelis wollen nach Deutschland fliehen – Berliner Aufnahme-Aktion findet Anklang. In: Der Tagesspiegel, 17. Februar 1991

Im Jahr 1997 kehrte Alisa Fuss, inzwischen schwer erkrankt, nach Tel Aviv zurück, wo ihre Kinder lebten. Dort starb sie am 20. November 1997 im Alter von 78 Jahren.

Fuss’ Nachlass wird im Archiv des Fritz Bauer Institutshttps://www.fritz-bauer-institut.de/archiv/bestaende abgerufen am 6. Mai 2024 in Frankfurt am Main aufbewahrt.

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