mini|Wilhelm von Gottberg (2020) Wilhelm von Gottberg (* 30. März 1940 auf Gut Woopen/Groß Klitten, Ostpreußen) ist ein deutscher Kommunal- und ehemaliger Bundespolitiker (CDU, parteilos, AfD) und Vertriebenenfunktionär. Von 1991 bis 2016 war er Bürgermeister von Schnega. Von 1992 bis 2010 war er Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen. Von 2017 bis 2021 war er Abgeordneter der Partei Alternative für Deutschland im 19. Deutschen Bundestag. Er gilt unter anderem aufgrund von Aussagen zum Holocaust als rechtsextrem.
Leben Herkunft und Familie Wilhelm von Gottberg wurde 1940 als Sohn des Gutsbesitzers Hans Heinrich von Gottberg (1900–1973) und seiner Frau Gertrud, geb. Freiin von der Goltz (1908–1997), auf dem Gut Woopen/Groß Klitten (heute Tscherjomuchowo) im Regierungsbezirk Königsberg geboren. Die Eltern stammten aus den Adelsgeschlechtern Gottberg und Goltz.Stiftung Deutsches Adelsarchiv (Hrsg.): Genealogisches Handbuch des Adels. Starke, Limburg 2000, S. 113.
Die Familie flüchtete vor Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen. Nach Eigenaussage verlief ihre Flucht von Gdingen über Swinemünde und Schwerin nach Lüneburg.Jürgen Liminski: Gottberg: „Die Flucht“ ist in Teilen unrealistisch und klischeehaft. Deutschlandfunk, 7. März 2007 Der Vater war Mitglied der NSDAP, unterstützte aber zugleich die Bekennende Kirche und wurde später als unbelastet eingestuft.
Von Gottberg ist evangelischer Konfession. Seit 1972 ist er verheiratet. Er ist Vater von sechs Kindern.
2022 veröffentlichte Gottberg eine Biographie über seinen Großonkel, den Offizier und Beamten Friedrich von Berg, einen Berater von Kaiser Wilhelm II.
Ausbildung und berufliche Tätigkeit Von Gottberg absolvierte zunächst eine landwirtschaftliche und handwerkliche Ausbildung und wurde dann Polizist. In seiner neunjährigen Tätigkeit als Polizeibeamter erwarb er berufsbegleitend das Fachabitur. Während der folgenden sechsjährigen Leitungstätigkeit im Sicherheitsbereich eines Industriebetriebs absolvierte er ein Studium der Mathematik und Geschichtswissenschaft für das Lehramt, danach ein Zusatzstudium der Psychologie. Ab 1977 lehrte er Staats- und Verfassungsrecht sowie Psychologie an einer Polizeifachschule des Bundesgrenzschutzes (BGS).
Von Gottberg ist seit 1969 Mitglied des Johanniterordens, in den er als Ehrenritter aufgenommen wurde; 1988 wurde er Rechtsritter.
Politischer Werdegang Partei- und kommunalpolitisches Engagement mini|Wilhelm von Gottberg 2020 im Deutschen Bundestag Von Gottberg trat 1971 in die CDU ein, weil er die Ostpolitik der damaligen SPD-FDP-Koalition und deren Verzicht auf die ehemals deutschen Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Grenze ablehnte. 1986 wurde er erstmals in Kommunalparlamente gewählt. 1991 wurde er Kreistagsabgeordneter im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Von 1991 bis September 2016 war von Gottberg Bürgermeister von Schnega.Tilo Giesbers: Rechte Kandidaturen bei den niedersächsischen Kommunalwahlen am 11.09.2016. Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin, 8. September 2016 Die zu seinem Amtsantritt verschuldete Gemeinde wurde unter von Gottberg schuldenfrei.
2011 trat er aus der CDU aus, weil er die „Politik der Rettungsschirme“ für verschuldete EU-Staaten nicht mittragen wollte. Auslöser für den Entschluss war eine verlorene Wahl um einen zuvor angestrebten Listenplatz für die damalige Kreistagswahl. 2013 war er ein Gründungsmitglied des Landesverbands der AfD Niedersachsen und wurde dort zum Vorstandsmitglied gewählt.Querdenker setzt auf die „Alternative“. Allgemeine Zeitung, 8. Juni 2013 Im September 2016 wurde er bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen für die AfD in den Kreistag des Landkreises Lüchow-Dannenberg und dann zum Fraktionssprecher der AfD-Fraktion gewählt.Lüchow-Dannenberg, Kreistag, Mandatsträger Am 13. Februar 2017 beschloss die AfD die Wahlliste für die bevorstehende Bundestagswahl 2017, bei der er auf Listenplatz vier des Landesverbands gewählt wurde. 2017 wurde er über die Landesliste für die AfD in den 19. Bundestag gewählt.Bundeswahlleiter: Gewählte auf der Landesliste der AFD Im 19. Deutschen Bundestag war Gottberg ordentliches Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und gehörte als stellvertretendes Mitglied dem Vermittlungsausschuss an. Bei der Bundestagswahl 2021 trat er nicht mehr an.Johannes Korsche: Bye Bye, Bundestag. sueddeutsche.de, 26. September 2021 Aktuell (Stand 2025) ist er für die AfD Mitglied im Rat der Samtgemeinde Lüchow sowie Mitglied im Kreistag des Landkreises Lüchow-Dannenberg.https://ratsinfo.luechow-wendland.de/luechow/buergerinfo/kp0050.asp?__cwpall=1&__cjahr=2025&__cmonat=1&__canz=12&__omgadat=a&&__cselect=640&__ogrname=d&__kpenr=256&__opagel=a&__cselect=128&__opusort=https://ratsinfo.luechow-dannenberg.de/buergerinfo/pe0051.asp?__kpenr=71
Tätigkeit als Vertriebenenfunktionär Seit 1983 gehört von Gottberg dem Vorstand der Landesgruppe Niedersachsen der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) an. 1987 übernahm er deren Landesvorsitz. Ab Oktober 1990 wurde er zunächst zum stellvertretenden Sprecher kooptiert, 1991 in diese Position gewählt. Von November 1992 bis November 2010 war er Sprecher (Bundesvorsitzender) der LO.Bund Junges Ostpreußen: Das Königsberger Gebiet und seine Perspektiven. 23. Oktober 2002 Die Landsmannschaft Ostpreußen verlieh ihm 2005 ihre höchste Auszeichnung, den Preußenschild.Landsmannschaft Ostpreußen: Träger des Preußenschildes
Von 1994 bis 2013 war von Gottberg Vorsitzender des Stiftungsrats der Ostpreußischen Kulturstiftung.Deutscher Bundestag: Wilhelm von Gottberg, AfD (Biografien der Abgeordneten, 19. Wahlperiode)
Als LO-Sprecher hatte von Gottberg die Zuständigkeit für die Preußische Allgemeine Zeitung (PAZ), die früher „Ostpreußenblatt“ hieß. Er ließ es 2003 umbenennen, um es nicht als reines Verbandsblatt der LO erscheinen zu lassen und neue Leser zu gewinnen.Anton Maegerle: Autorengeflecht in der Grauzone. In: Stephan Braun, Daniel Hoersch (Hrsg.): Rechte Netzwerke — eine Gefahr. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-322-81009-0, S. 37 Im Frühjahr 2011 war er kommissarischer Chefredakteur des Blattes.Die große kress.de-Übersicht: Die Medienschaffenden im Deutschen Bundestag, kress.de, 14. Oktober 2017
Politische Positionen und Kontroversen Kommunalpolitik Im Mai 2016 bezog er aus finanziellen Gründen Position gegen die Erneuerung gelber Ortsschilder, die mit der Begründung, für mehr Verkehrssicherheit im Ortsteil Molden sorgen zu wollen, gefordert wurden. Der Gemeinderat lehnte diese schließlich ab.Menschen kämpfen für gelbe Ortsschilder gegen ihren Bürgermeister Wilhelm von Gottberg, Elbe-Jeetzel-Zeitung, 27. Mai 2016 Im selben Monat beschloss der Gemeinderat von Schnega, eine leerstehende gemeindeeigene Wohnung für insgesamt rund 100.000 Euro zu einer Arztpraxis für einen Sohn von Gottbergs ausbauen zu lassen, da es zu dieser Zeit keine hausärztliche Versorgung in Schnega gab, die der Gemeinderat jedoch aufrechterhalten wollte. Der Bund der Steuerzahler Deutschland kritisierte das in einem Brief an von Gottberg als Steuerverschwendung. Dieser warf dem Bund Beihilfe zu „Rufmord und zur üblen Nachrede“ vor.AfD im Wendland: Präsent für Bürgermeister-Sohn, taz, 1. Juni 2016
Parteipolitik Im Februar 2017 war er in eine Affäre, die sich gegen einen internen Kritiker des AfD-Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel richtete, involviert, die medial als „Operation Trappenjagd“ bezeichnet wurde. Am 19. Januar 2018 wurde der gesamte Landesvorstand durch den Bundesvorstand und nach einem Urteil des AfD-Bundesschiedsgerichtes seines Amtes enthoben, da er „schwerwiegend gegen die Grundsätze, beziehungsweise die Ordnung der Partei verstoßen“ habe.Quelle: Urteilsbegründung des AfD-Bundesschiedsgericht vom 7. Februar 2018 (Aktenzeichen 01_18_EA_Hampel-u.a._BuVo_BSG).
Haltung als Vertriebenenfunktionär Während Gottbergs Zeit als Sprecher ließ der Bundesvorstand der LO beim Jahrestreffen 1994 den aus dem ostpreußischen Ragnit stammenden parteilosen Rechtsanwalt Hans-Günter Schodruch als Redner auftreten. Dieser vertrat von 1989 bis zu seinem Austritt im Jahr 1991 die ab 1992 als rechtsextrem eingestufte Partei Die Republikaner im Europaparlament. Die rechtsextreme Zeitschrift Nation und Europa (7–8/1994) begrüßte den Auftritt: „Unter Wilhelm von Gottberg scheint sich die früher unionsfixierte Landsmannschaft Ostpreußen aus der parteipolitischen Umklammerung zu befreien und neue Verbündete zu suchen.“Deutscher Bundestag: Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS. Drucksache 13/1186
1995 kritisierte Bundesaußenminister Klaus Kinkel öffentlich die Aktivitäten des rechtsextremen Verlegers Dietmar Munier im russischen Teil des früheren Ostpreußens. Munier betrieb dort mit mehreren von ihm gegründeten Vereinen Haus- und Grundstückskäufe und die Ansiedlung von Russlanddeutschen, um den Anspruch auf frühere deutsche Ostgebiete zu demonstrieren. In einem Brief an Kinkel warnte von Gottberg davor, dass Kinkels zu pauschale Kritik den Interessen der heimatvertriebenen Ostpreußen schaden könnte. Dies berichtete dann auch das „Ostpreußenblatt“ (13/95). Kinkel wies die Vorwürfe am 4. April 1995 zurück und bekräftigte, dass rechtsextreme Aktivitäten Deutscher im Ausland das Ansehen Deutschlands beschädigten. Er sehe jedoch nicht, wie diese Kritik die Interessen der heimatvertriebenen Ostpreußen beeinträchtige. Die Bundesregierung bestätigte den Dialog in der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion und bekräftigte, dass Muniers Vereine „mit streng ausgerichteter nationalistischer und chauvinistischer Ideologie“ agierten und von den Vertriebenenverbänden erheblich unterstützt würden. Konkrete Kenntnisse über Hilfen durch von Gottberg und die LO an Muniers Vereine habe sie allerdings nicht.Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS. 16. Juli 1997
Bei der Fünfzigjahrfeier der LO (Juli 1998) im Rathaus Schöneberg beklagte von Gottberg nach Angaben des Sozialwissenschaftlers Samuel Salzborn: Die „Rückkehr in unsere Heimat Ostpreußen“ sei den Vertriebenen bis heute versagt geblieben. Eine Aufhebung der Visumspflicht für Reisen nach Kaliningrad sei wünschenswert, damit das „Menschenrecht auf die Heimat“ für die Deutschen und ihre Nachkommen realisiert werden könne. Er forderte „Eigentumserwerb und ungehinderte Ein- und Ausreise“ nach Russland, „zweisprachige Ortsschilder“ und eine „staatlich geförderte Volksgruppenautonomie für Deutsche“ in Polen und erklärte: „Wir warten schon lange auf eine offizielle Bitte um Vergebung durch Polen, Tschechien und Russland für die völkermordartigen Vertreibungsverbrechen.“Samuel Salzborn: Sattel die Elche, Wilhelm! Jungle World, 22. Juli 1998.
2001 schrieb Wilhelm von Gottberg: „Die nach der Flucht und Vertreibung der Deutschen neu in Ostpreußen angesiedelten Bewohner wussten nichts über den kulturellen Wert der vorgefundenen Bauten.“ Der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz nannte das Zitat als Beispiel dafür, wie das Wort „Vertreibung“ heute noch immer ideologisch benutzt und auf die Flucht und den Zwangstransfer von Deutschen nach 1945 begrenzt werde, obwohl viele Nichtdeutsche und deutsche Juden in der NS-Zeit und danach ebenfalls zur Flucht gezwungen und vertrieben worden waren.Krzysztof Ruchniewicz: Versöhnung - Normalisierung - Gute Nachbarschaft. In: Andreas Lawaty, Hubert Orlowski (Hrsg.): Deutsche und Polen. Geschichte, Kultur, Politik. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49436-6, S. 135.
Aussagen zum Holocaust