hochkant=1.5|mini|G. F. Händel: Melodie Alla Hornpipe aus der Wassermusik Die Hornpipe ist ein traditionelles englisches Tanzstück in lebhaftem Tempo, das ursprünglich im 3/2-Takt notiert wurde. Um 1760 ging der Name über auf Musikstücke im 2/4- oder 4/4-Takt. Sie ist benannt nach dem gleichnamigen alten, besonders in Wales und Schottland verbreiteten Blasinstrument.
Geschichte Als Tanz war die Hornpipe in England bereits im 16. Jahrhundert gut bekannt. Barnabe Rich erwähnt 1581 ihre Popularität. Besonders bei der Landbevölkerung von Lancashire und Derbyshire war die Hornpipe sehr beliebt, und noch lange nachdem sie in anderen Gegenden bereits verschwunden war, waren diese Grafschaften berühmt für die Hornpipe. Die älteste Sammlung von volkstümlichen Hornpipes ist Thomas Marsdens Collection of original Lancashire Hornpipes, Old and New, die wahrscheinlich bereits 1697 veröffentlicht wurde.
Historisch lassen sich drei verschiedene Grundtypen, die Hornpipe zu tanzen, unterscheiden: Rundtanz, Country Dance und Solotanz.Hornpipe. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 1957, Band 6, 755-763.
Rundtanz (Hornpipe Rounds) Im 15. und 16. Jahrhundert verstand man unter Hornpipe einen ländlichen Rundtanz, der von Paaren getanzt wurde. Eine erste Erwähnung findet sich in der Morality of Wisdom (ca. 1480/90):Morality of Wisdom. In: F. J. Furnivall (Hrsg.): The Digby Mysteries (Bodleian Mss.). London 1882. Sechs Frauen, drei als „gallants“, drei als „matrons“ verkleidet, tanzen zu einer Hornpipe. „The minstrels play a hornepype, and they all dance until they quarrel.“'Nach dem 17. Jahrhundert ist die Rundtanz-Form praktisch bedeutungslos.
Genauere Beschreibungen dieser Tänze sind nicht überliefert; insbesondere ist unbekannt, ob es damals spezielle Hornpipe-Schritte gab. Schriftliche Belege aus der Zeit um 1600 können lediglich eine grobe Vorstellung vermitteln:
Henry Spelman vergleicht in seiner Relation of Virginia (1609) die Tänze der Ureinwohner Virginias mit „our Darbysher [Derbyshire] Hornpipe, a man first and then a woman, all hanging in a round.“Henry Spelmann: A Relation of Virginia. Zitiert von William Carew Hazlitt: Notes on our Antiquities. Sport and Games. In: The Antiquary. Band 12, 1885, S. 248–254, hier S. 252; ; .
Die ältesten überlieferten Hornpipe-Melodien finden sich in Manuskripten des 16. Jahrhunderts. Sie sind in dreizähligen Takten (meist 3/2, seltener auch 9/4) notiert.
mini|zentriert|500px|Hugh Aston’s Hornpipe, Mitte 16. Jahrhundert (Mss. Reg. App. 58) mini|zentriert|Hugh Aston’s Hornpipe (Cembalo)
Hornpipe in der Barockmusik Charakteristisch für Hornpipe-Stücke in der Musik des Hochbarock ist eine gewisse Vorliebe für Synkopen und Akzentverschiebungen: Passagenweise spielt eine Stimme oder eine Gruppe von Stimmen gegen den Rhythmus der anderen Stimme an. Vor allem die Bassstimme hält in der Regel ein durchgängiges Metrum fest, nicht selten in Form von 'stur' durchgehaltenen, beinahe 'stampfenden' Halben (in 3/2) oder Vierteln (in 3/4). Neben den synkopischen Verschiebungen und/oder Akzenten ist die Melodik oft ausgesprochen lebhaft und fröhlich, und von charakteristischem Laufwerk durchbrochen. Typisch sind auch Sprünge und/oder Akkordbrechungen. Viele Melodien haben einen ziemlich großen Umfang (bis zu 2 Oktaven), wie schon Mattheson beobachtete.„… Daselbst kan sich ein jeder von der Gestalt solcher Melodien gute Nachricht holen, und erfahren, daß sie nicht eben aus rückenden Noten bestehen, sondern viel weiter um sich greifen, …“; zitiert aus: Johann Mattheson: Die Angloise, … dahin gehören die Country-Dances, Ballads, Hornpipes &c. (§ 109) In: Der vollkommene Capellmeister. Bärenreiter, Kassel usw., S. 229.In seltenen Einzelfällen kann es durch eine besondere Anordnung der Synkopen zum Phänomen von (scheinbaren) Taktwechseln kommen: Innerhalb der einzelnen Stimmen wechselt der Rhythmus, z. B. zwischen 3/4- und 6/8-Takt (siehe Purcells Hornpipe aus dem 3. Akt von The Fairy Queen in der Abb.). Beim Zuhören kann der Eindruck entstehen, dass einzelne Stimmen holpern und stolpern; die Ordnung scheint sich aufzulösen, aber am Ende finden die Stimmen wieder zusammen. Im Deutschen nennt man solch ein Tanzstück mit wechselndem Rhythmus bildhaft einen Rüpeltanz.
Es gibt auch etwas 'glattere', aber lebhafte Hornpipe-Melodien ohne Synkopen, z. B. Purcells berühmte Hornpipe aus der „First Musick“ von The Fairy Queen (1692), oder „Mr. Eaglefield’s New Hornpipe“ in Playfords Dancing Master von 1696 (Band I, S. 17).
Zu den frühesten bekannten Musiken zählt eine kleine Hornpipe in John Banisters "The Musick at the Bath" (1663)Dies ist eine Suite von 12 Tänzen, von der nur die Außenstimmen erhalten sind. Eine Rekonstruktion der Mittelstimmen stammt von Peter Holman. Siehe die CD (+ Booklet-Text, S. 5): Four and Twenty Fiddlers – Music for the Restoration Band (Instrumentalsuiten von Matthew Locke, John Banister, Louis Grabu, Henry Purcell), The Parley of Instruments Renaissance Violin Band, dir. Peter Holman, erschienen bei Hyperion (CDA66667), 1993. und einige Stücke in der Cembalo-Sammlung Melothesia von 1673: Eine relativ einfache, vornehme Hornpipe (3/2) von Matthew Locke, und zwei lebhafte, urtümliche Hornpipes (in 3/4) von Christopher Preston, welche alle oben aufgezählten Merkmale tragen.MELOTHESIA or, Certain Rules for Playing upon a Continued – Bass. With A choice Collection of Lessons for the Harpsichord and Organ of all Sorts. The First Part. (1673) (Cembalosuiten und Einzelstücke von Matthew Locke, Christopher Preston, John Roberts, William Gregorie, William Hall, Robert Smith, John Banister, J. Moss, G. Diesner, William Thatcher), New York: Performer’s Facsimiles (01234), o. J., S. 42 (Locke) und S. 71 f. (Preston).
mini|300x300px|Henry Purcell: Hornpipe („Third act tune“) aus „The Fairy Queen“ (2. Teil) Die barocke Hornpipe fand u. a. durch Henry Purcell und Georg Friedrich Händel ihren Eingang in die englische Hochmusik. Purcell verwendete sie häufig in seinen Theater- und Bühnenmusiken, z. B. in King Arthur (1691), The Married Beau (1694), Abdelazer, Distressed Innocence, Bonduca u. a.Henry Purcell, King Arthur (2 CDs), Deller Consort & Choir, The King’s Musick, Alfred Deller, erschienen bei: harmonia mundi France, 1978 / 2011.
Henry Purcell, Musik für das Theater (Musik aus „Abdelazer“, „Distressed Innocence“, „The Married Beau“, „The Gordian Knot Untied“) (LP), Academy of Ancient Music, dir. by Christopher Hogwood, erschienen bei: Decca-Telefunken, 1976.
Henry Purcell, Theatre Music – Vol. II (Musik aus „Bonduca“, „Sir Anthony Love“, „Circe“) (LP), Academy of Ancient Music, dir. by Christopher Hogwood, erschienen bei: Decca-Editions de l’Oiseau-Lyre, 1977. Besonders berühmte Beispiele finden sich in seiner Semi-Opera The Fairy Queen.Henry Purcell, The Fairy Queen (2 CDs), Les Arts Florissants, William Christie, erschienen bei: harmonia mundi France, 1989. Einige dieser Stücke gibt es auch in originalen Versionen für Cembalo oder Spinett.u. a. ist die berühmte Hornpipe aus der „First Musick“ zu The Fairy Queen im Autograph erhalten; siehe: Henry Purcell, Piano Solo Complete Edition (Urtext), ed. by István Máriássy, Budapest: Könemann (o. J.), S. 32 und „Notes“ (nach S. 138).
Berühmt sind auch die Hornpipes in Händels Wassermusik-Suite in F-Dur und in seinem Concerto grosso op. 6, Nr. 7 – letztere ist allerdings wesentlich länger als ein normaler Tanz. Händel benutzte gelegentlich alla hornpipe als Charakter- und Tempoangabe, solche Musikstücke sind kein eigentlicher Tanz, sondern nur im Stil der Hornpipe geschrieben. Ein berühmtes Beispiel dafür ist in der Wassermusik-Suite in D-Dur: Ein Stück mit konzertierenden Trompeten und Hörnern, das im Gegensatz zu einer 'echten' Hornpipe nicht zweiteilig ist (mit Reprisen), sondern in der Dacapo-Form (A-B-A). Händel schrieb sogar Arien im Stil der Hornpipe, z. B. die (Dacapo-)Arie des Ariodante „Dopo notte, atra e funesta“ im 3. Akt der Oper Ariodante (1735).Diese Arie komponierte Händel für den Kastraten Giovanni Carestini. Die Uraufführung von Ariodante fand statt am: 8. Januar 1735.
Die Hornpipe war zwar ein typisch englisches Phänomen, trotzdem findet man einige seltene Beispiele bei deutschen Komponisten wie Telemann und Gottlieb Muffat, vielleicht angeregt durch Händel.In Telemann Orchestersuite TWV 55: d3 für 3 Oboen, Streicher und b.c.; und in Muffats Componimenti Musicali (1739), Suite Nr. 4 (für Cembalo).
Country Dance Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde es Mode, die damals aktuellen englischen Kontratänze zu Hornpipe-Melodien im 3/2-Takt zu tanzen. Auch die Tänze selbst wurden dann Hornpipe genannt. Auch für die Country Dance Hornpipe gibt es keine Hinweise auf die verwendeten Schritte; die Beschreibungen der Kontratänze geben aber immerhin die Figuren an. Die frühesten Beispiele sind in der dritten Auflage von Playfords Dancing Master (1657): „A Hornpipe“ und „Lady Banbury’s Hornpipe“. Von der ersten teilt Playford jedoch nur die Melodie (in 3/4) mit, und „Lady Banbury’s Hornpipe“ ist ein Tanz im Allabreve-Takt, der mit der typisch barocken Hornpipe nichts zu tun hat.
Richtig gebräuchlich wurden die Country Dance Hornpipes im 3/2-Takt anscheinend erst im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts. Die erste Beschreibung eines solchen Tanzes ist „Mr. Eaglefield’s New Hornpipe“ in Playfords Dancing Master von 1696 (Band I, S. 17); die dazugehörige Melodie in A-Dur ist typisch, aber ohne Synkopen (siehe u.).John Playford, (PLAY.1-9,1695) The Dancing-Master: or, Directions for Dancing Country Dances, with the Tunes to each Dance for the Treble-Violin. The Ninth Edition Corrected; …, 1695. [Includes 2 Appendixes: The Second Part of the Dancing-Master...,. 1696. 24 p., 24 dances; An Additional Sheet of New Dances for the Second Part of the Country-Dancing-Master . 12 p. 11 dances.], London: H. Playford, 1695 / 1696 / 1697. (Vaughan Williams Memorial Library.; British Library).
siehe die folgende Website zu John Playford :
The Dancing Master, 1651–1728: An Illustrated Compendium. By Robert M. Keller, abgerufen am 30. April 2017. Bis 1726 folgen: „The Cobler’s Hornpipe“ in der Edition von 1701 (S. 271),John Playford, (PLAY.1-11,1701) The Dancing-Master: or, Directions for Dancing Country Dances, with the Tunes to each Dance for the Treble-Violin. The Eleventh Edition Corrected..., 1701. [Includes: New Country-Dances...., London, 1701. 24 p., 24 dances.], London: Henry Playford, 1702, pp. 10; I, 312; II, 24. (Dundee Public Library).
Website zu John Playford :
The Dancing Master, 1651–1728: An Illustrated Compendium. By Robert M. Keller, abgerufen am 30. April 2017. „Old Noll’s Hornpipe“ (1710, S. 6), „The Butcher’s Hornpipe“ und „Chalk’s Hornpipe“ (1718, S. 189 + S. 208), „The King’s Head Hornpipe“, „Raven’s Hornpipe“ und „Ravenscroft Hornpipe“ (1726, S. 4, S. 17 und S. 68f).Website zu John Playford: The Dancing Master, 1651–1728: An Illustrated Compendium. By Robert M. Keller, abgerufen am 30. April 2017. Die überlieferten Melodien zu diesen Tänzen entsprechen der obigen Beschreibung der barocken Hornpipe. Die Melodie von „The Scrag’s Hornpipe“ von 1721 (S. 148) ist eigentlich eine Jig in 6/8.
Viele derartige Stücke wurden auch von Henry Purcell und Georg Friedrich Händel komponiert. John Playfords Sammlung Apollo’s Banquet II enthält 35 Hornpipes von Purcell. Damit fand die 3/2-Hornpipe Eingang in die Kunstmusik der Barockzeit (s. u.)