Ein Vollgeld-System ist ein theoretisches Modell eines Währungssystems, welches umfassend Geld als gesetzliches Zahlungsmittel eines Währungsraums vorsieht.

Vollgeld würde neben Bargeld (Münzen und Banknoten) auch das Buchgeld umfassen, welches in einem Vollgeld-System ebenfalls von der Zentralbank in Umlauf gebracht würde. Im Gegensatz dazu ist gegenwärtig das Buchgeld auf Konten von Bankkunden, das sog. Giralgeld, kein vollwertiges und gesetzliches Zahlungsmittel, sondern nur ein Anspruch auf solches.Michael McLeay, Amar Radia, Ryland Thomas: Money creation in the modern economy. In: Bank of England Quarterly Bulletin. London 2014 Q1, S. 14–27. Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Geld und Geldpolitik. Frankfurt, Stand Frühjahr 2015, S. 57–83.

Geldschöpfung jeder Art wäre in einer reinen Vollgeld-Ordnung der entsprechenden Zentralbank vorbehalten, insbesondere auch in Form von Vollgeld-Konten für den allgemeinen Zahlungsverkehr. Buchgeldschöpfung durch Kreditinstitute wie Geschäftsbanken wäre ausgeschlossen. Zur schrittweisen Einführung von unbarem Vollgeld wurden Ansätze vorgestellt, die das Weiterbestehen von Giralgeld parallel vorsehen.John Barrdear, Michael Kumhof: The macroeconomics of central bank issued digital currencies. Bank of England Staff Working Paper, No. 605, Juli 2016, London. - Bank for International Settlements: CPMI report on digital currencies. Basel, 23. November 2015. Mehrere Zentralbanken überlegen sich die Einführung von digitalem Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency CBDC) vorerst als Zahlungsmittel für Geschäftsbanken und Nichtbank-Finanzinstitutionen (NBFI wie beispielsweise Versicherungen) und eventuell später allgemein für Bankkunden (Retail CBDC). Zu diesem Zweck lässt eine Gruppe von Zentralbanken unter Koordination der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich die Vor- und Nachteile von CBDC prüfen.Jürgen Stark: Die Zukunft des Geldes. In: NZZ, 8. Februar 2020, S. 12 CBDC wäre nach Definition neben Bargeld ebenfalls Vollgeld.Deutsche Bundesbank: Digitaler Euro: Eurosystem startet die nächste Phase. 19. Oktober 2023. Abgerufen am 21. Oktober 2023.

Geschichte US-Ökonomen wie Irving Fisher analysierten die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Die zu hohe Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken während des vorgängigen Wirtschaftsaufschwungs wurde als auslösende Hauptursache erkannt. Fisher veröffentlichte daraufhin seine Vorstellungen zum sogenannten 100-%-Geld. Nach diesem Ansatz sollte die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ausschließlich mit hinterlegtem Zentralbankgeld erfolgen dürfen.Thomas Fuster: Vollgeldinitiative: Ein heikles Vorbild. In: NZZ. 28. Juni 2017. Abgerufen am 28. Juni 2017. Auch Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman war von der Idee überzeugt, dass der Staat den Geschäftsbanken verbieten sollte, im Zuge ihrer Kreditvergabe einfach neues Geld in Umlauf zu bringen. Ein Geldinstitut dürfe nur dann ein neues Darlehen vergeben, wenn es im gleichen Ausmaß über Bargeldreserven verfüge.Olaf Storbeck: IWF-Forscher spielen radikale Bankreform durch. In: Handelsblatt online. 16. August 2012.Jaromir Benes, Michael Kumhof: The Chicago Plan Revisited. IMF-Working Paper, WP 12/202, International Monetary Fund, Washington 2012 (englisch). Der deutsche Wirtschaftswissenschafter und Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank Rolf Gocht schlug 1975 eine neue Geldordnung vor, welche die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken verhindern würde.Rolf Gocht: Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung. 2. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 2011, ISBN 978-3-428-13651-3. Im Gegensatz zu Fisher und Friedman handelte es sich bei den Vorschlägen von Gocht um ein System, bei welchem alles Geld nur von der Zentralbank ausgegeben werden soll. Dieses System wurde durch Professor Joseph Huber auf dem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität in Halle weiterentwickelt und in der Folge als Vollgeld-System bezeichnet.Joseph Huber, James Robertson: Geldschöpfung in öffentlicher Hand. Weg zu einer gerechten Geldordnung im Informationszeitalter. Gauke, Kiel 2008, ISBN 978-3-87998-454-1 (überarbeitete deutsche Ausgabe von Creating New Money. A monetary reform for the information age).Das Ende der monetären Fata Morgana. Interview mit Joseph Huber. auf: n-tv, 14. Juni 2010, abgerufen am 4. März 2017.

Richard A. Werner, Professor für internationales Bankwesen an der Universität Southampton in England, entwickelte verwandte Vorschläge für ein weniger krisenanfälliges Geldsystem. Er stellte ebenfalls fest, dass die Kreditvergabe durch Geschäftsbanken für spekulative Zwecke jeweils vor Ausbruch von Krisen stark anstieg. Ob die Kreditgewährung übertrieben und spekulativ ist oder nicht, verrät nach seinen Untersuchungen die Mittelverwendung. Falls die Kredite hauptsächlich unproduktiven Zielen dienten, liegt eine Fehlentwicklung vor. Deshalb wünscht Werner, dass die zuständige Zentralbank entscheidet, wie groß das Kreditvolumen insgesamt sein darf und wem die neugeschaffenen Mittel überlassen werden sollen.Richard A. Werner: Neue Wirtschaftspolitik. Vahlen Verlag, München 2007, ISBN 978-3-8006-3247-3.

Allen genannten Vorschlägen ist gemeinsam, dass die Kompetenz zur Geldschöpfung der Geschäftsbanken zugunsten der Zentralbank entweder eingeschränkt oder ganz abgeschafft werden soll.

Funktionsweise Nachdem die zuständige Zentralbank Vollgeld im für die Wirtschaft des Währungsraumes notwendigen Umfang ausgegeben hätte, würden Geschäftsbanken mit zirkulierendem Geld wirtschaftliche Aktivitäten finanzieren, etwa durch das Vergeben von Krediten nach eigenem Ermessen, durch das Platzieren von Wertpapieren oder durch das Vermitteln von Kapitalbeteiligungen. Die Banken erbrächten auch wie bisher Dienstleistungen wie Geldwechseln, Abwicklung des Zahlungsverkehrs und Vermögensverwaltung. Jedoch würde Vollgeld auf Girokonten außerhalb der Bankbilanzen zirkulieren. Es entstände und existierte nicht nur als Kundenforderung an die Bank beziehungsweise als Bankverbindlichkeit gegenüber dem Kunden. Die entsprechende Bank müsste im Umfang der Kundenforderung Zentralbankgeld (Reservegeld, Vollgeld) als Sicherheit halten. Der Zahlungsverkehr würde nicht mehr nur in Verrechnungen von Bankverbindlichkeiten bestehen, sondern in einem tatsächlichen Fluss von liquiden Aktiva. Die Banken würden zu reinen Intermediären (Kreditvermittlern).Verein Monetäre Modernisierung (Hrsg.): Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. 3. Auflage. Edition Zeitpunkt, 2013, ISBN 978-3-9523955-0-9, S. 27–53.

Einlagen bei Banken Gesicherte zinslose Kundeneinlagen auf Girokonten bei Geschäftsbanken würden durch diese treuhänderisch verwaltet. Bei Ausfall einer Bank wären diese Kundengelder nicht gefährdet, weil ein entsprechendes Guthaben bei der Zentralbank bestehen müsste. Dazu wäre nicht erforderlich, dass die Zentralbank selbst individuelle Kundenkonten führen würde. Sie könnte diese Aufgabe an die Geschäftsbanken delegieren. Alternativ könnten Kunden wie bisher der Geschäftsbank Geld zu einem durch diese definierten Zins auf einem Sparkonto überlassen. Die Bank könnte diese Gelder für Ausleihungen nutzen. In diesem Fall bestände jedoch wie bisher das Gegenparteirisiko bei der entsprechenden Geschäftsbank.Helge Peukert: Neues Geldsystem für Europa. In: Deutschlandradio Kultur. 21. November 2011.

Kreditvergabe Kredite könnten von Geschäftsbanken nur mit Geld vergeben werden, welches sie sich bei der Zentralbank ausgeliehen hätten, ihnen auf verzinsten Kundenkonten überlassen würde oder ihnen durch Aufnahme am Kapitalmarkt zugeflossen wäre. Jede Bank würde unabhängig entscheiden, an wen sie zu welchen Bedingungen Kredite erteilen würde. Dafür trüge die Bank das alleinige Risiko. Falls ein Kreditinstitut durch ungeeignete Kreditvergabe in Schwierigkeiten geriete, wäre eine Abwicklung einfacher. Die Girokonten außerhalb der Bankbilanz und die Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs ließen den Ausfall eines Instituts verkraften.

Kontrolle der Geldmenge Die Zentralbank hätte in diesem System die Kontrolle über die gesamte zur Verfügung gestellte Geldmenge. Antizyklische Steuerung wäre möglich, um konjunkturelle Schwankungen auszugleichen. Damit ein Wirtschaftswachstum möglich bliebe, würde nach Bedarf zusätzliches Geld in die Wirtschaft eingespeist, entweder durch Abgabe an staatliche Organe,Vollgeldinitiative Schweiz: Initiativtext, Verein MoMo Monetäre Modernisierung, auf Web der Initianten (vollgeld-initiative.ch) Verteilen an alle Einwohner (z. B. als „Helikoptergeld“ oder Grundeinkommen)Michael Malquarti: Bares für Bürger. In: Neue Zürcher Zeitung. 16. Februar 2015.Michael Malquarti: Mit Geldrationen gegen die Krise. (Ausschütten von neuem Zentralbankgeld an die Bevölkerung). In: Handelszeitung. 3. März 2016, S. 23. oder durch zusätzliche verzinsliche Darlehen der Zentralbank an die Geschäftsbanken.

Systemwechsel Die Umstellung von einem Mindestreserve-System auf ein Vollgeld-System könnte durch einmaliges Ersetzen des vorhandenen Buchgeldes mit Vollgeld geschehen, welches die Zentralbank schuldet. Dabei würden die bisherigen Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken gegenüber ihren Kunden in eine Verbindlichkeit der Zentralbank gegenüber den Bankkunden umgewandelt und würden nicht mehr in der Bilanz der Geschäftsbanken erscheinen – sie würden beispielsweise von den Geschäftsbanken auf Treuhandkonten im Auftrag der Zentralbank geführt. Bei der Rückzahlung ausstehender Bankkredite nach dem Systemwechsel würden Tilgungszahlungen ihrer Kunden von den Banken an die Zentralbank weitergeleitet, was zunächst zu einer Reduktion der Geldmenge führen würde. Dadurch könnte eine bisher aufgeblähte Geldmenge verringert oder alternativ durch die Zentralbank Vollgeld neu geschöpft werden. Diese Umtauschgeldschöpfung könnte zur Schuldenverringerung des Staates genutzt werden.Paul Schreyer: In: Telepolis. 1. Februar 2012.

Unterschied zu Mindestreserve- und Vollreserve-System Ein vollständig implementiertes Vollgeld-System würde sich von Reserve-Systemen dadurch unterscheiden, dass real- und finanzwirtschaftlich nur noch Vollgeld zirkuliert anstatt virtuelles Giralgeld, welches beim Mindestreserve-System lediglich durch eine kleine Reserve an Zentralbankgeld unterlegt ist. Die Unterscheidung zwischen Giralgeld (Bankengeld) und Reserven (Zentralbankgeld) würde damit entfallen. Es gäbe nur noch Vollgeld von der Zentralbank, das unter allen Wirtschaftsteilnehmern in prinzipiell gleicher Weise umlaufen würde, obschon mittels unterschiedlicher Medien (Bargeld, Bankkonto, Zentralbankkonto, elektronisches Geld).Joseph Huber: Vollgeld und 100%-Reserve (Chicago Plan). Abgerufen am 23. Februar 2016.

Abgelehnte Vollgeld-Initiative Schweiz In der Schweiz wollte der Verein Monetäre Modernisierung mittels der Vollgeld-InitiativeEidgenössische Volksinitiative ‘Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)’. auf: admin.ch eine Verfassungsänderung erreichen, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank für die Versorgung der Gesellschaft mit Bargeld und Buchgeld zuständig wäre.3-Minuten-Info – Pro-Argumente der Initianten, Kurzinformation zur Vollgeldinitiative auf Web der Initianten (vollgeld-initiative.ch) Die Vollgeld-Initiative wurde am 10. Juni 2018 abgelehnt.

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