Friedrich Wilhelm Johann Maria Illert (* 3. Juli 1892 in Worms; † 26. Juni 1966 ebenda; in der Literatur oft auch Friedrich M. IllertAusweislich der Geburtsurkunde lautete sein dritter Vorname „Johann“, nicht wie oft kolportiert „Josef“ (so etwa: ).) war ein deutscher Kulturwissenschaftler, Archivar, Bibliothekar und Historiker, dessen Arbeitsschwerpunkt in Worms und dessen Umgebung lag.

mini|Fanny Illert, Friedrich Maria Illert und Georg Illert, ca. 1930

Jugend und Ausbildung Friedrich Maria Illert besuchte das „Großherzogliche Gymnasium“ in Worms und studierte anschließend in Heidelberg und München. Im Oktober 1914 wurde er zum Infanterie-Regiment 117 eingezogen und im Ersten Weltkrieg an der Westfront eingesetzt. Im September 1916 – er war inzwischen Vizefeldwebel – geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. Erst im Januar 1920 wurde er entlassen. Er setzte das Studium fort, wurde wenige Monate später, im Juli 1920, promoviert und Assistent des Wormser Museumsleiters August Weckerling.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Wirken Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Anfang 1921 wurden Friedrich Maria Illert Stadtbibliothek und -archiv seitens der Stadt als Zuständigkeiten übertragen, allerdings ohne dafür in der wirtschaftlich schwierigen Zeit eine angemessene Ausstattung zu erhalten. Durch seine Verbindung zu den Lederwerken Doerr & Reinhart – sein Vater war dort Prokurist – gelangte er erstmals an Sponsorengelder, mit denen er die Einrichtungen fortentwickeln und ausbauen konnte – z. B. eine Fahrbücherei.Reuter: Dr. Friedrich Maria Illert, S. 22. Zugleich publizierte er in großem Umfang. Die von ihm betreuten Einrichtungen entwickelte er überwiegend mit Drittmitteln, während die Stadt sich da eher schwer tat.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Sein Wirken in der Zeit des NS-Regimes gilt rückblickend als zumindest fragwürdig. Aus der Herrschaft des NS-Regimes zog er Vorteile und erhielt 1934 die Stellung des Leiters der vereinigten „Städtischen Kulturinstitute“ (Stadtarchiv Worms, Stadtbibliothek Worms, Museum im Andreasstift und städtische Gemäldegalerie). Nach dem Krieg kam noch die Volkshochschule hinzu.Reuter: Dr. Friedrich Maria Illert, S. 23. Bei deren Vereinigung unter seiner Führung gab er ihnen eine klare ideologische Note und die Entlassung seines Amtsvorgängers Erich Grill aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, der als nationalkonservativ galt, erwähnte er anlässlich der Gründung dieser Vereinigung 1934 nicht. Er war allerdings auch nie Mitglied in der NSDAP.Reuter: Dr. Friedrich Maria Illert, S. 23.

Dem Nibelungenthema schenkte Illert besondere Beachtung. Er galt ab 1933 als eine der tragenden Säulen dieses ideologiegeschwängerten Themas. Dies nutzte er erfolgreich, um in der Wormser Kulturgeschichte eine tragende Rolle zu übernehmen. Er nutzte jede Gelegenheit, um Worms als „älteste Stadt Deutschlands“ und Mittelpunkt zahlreicher abendländischer Entwicklungen zu propagieren. Das tat er auch gerade im Bereich des Fremdenverkehrs. Zahlreiche dafür gedachte Broschüren über die Stadt Worms und einzelne ihrer Kulturdenkmäler stammen aus seiner Feder. Des Weiteren entwickelte Illert 1933 die Idee, in Worms ein vom Deutschen Reich gefördertes „Nibelungenjahr“ durchzuführen. Am 1. Mai 1934 erfolgte eine von Illert initiierte Eingabe der Stadt an die Regierung, 1936 eine „Nationalfeier des Reiches“ zu begehen. Illert verband damit die weitergehende Hoffnung, dass Worms auch Eröffnungsort der für 1936 geplanten Olympiade sein würde. Das „Nibelungenjahr“ wurde jedoch nie in der von Illert vorgesehenen Form umgesetzt. Die 1937 sich abzeichnende Umsetzung einer „Nibelungenwoche“ in Worms wurde unter anderen Vorzeichen in Planung gegeben. Illert verlor seine Rolle als tragende Säule der Idee.

Im Museum richtete er eine RestaurierungswerkstattGeorg Illert: Friedrich M. Illert, S. . und eine Fotowerkstätte ein, die die Grundlage für das spätere Fotoarchiv des Wormser Stadtarchivs bildete. Das Archiv umfasste bereits 1952 etwa 50.000 Negative und stellt heute eines der bedeutendsten Fotoarchive in Rheinland-Pfalz und über die Landesgrenzen hinweg dar.

War Illert bis dahin mit zweifelhaften Motiven tätig, so wandelte sich sein Wirken in der Zeit ab dem Novemberpogrom. In Worms wurde die älteste deutsche Synagoge niedergebrannt und dabei auch der Bestand des im Jahre 1924 eingerichteten jüdischen Museums zerstört. Illert gelang es, das von der Gestapo beschlagnahmte, bis in das 16. Jahrhundert zurückreichende Gemeindearchiv wieder nach Worms zu bringen und zusammen mit anderem Material aus dem Stadtarchiv in einem der Domtürme zu verstecken. In diesem Versteck überstand das Archiv auch die Luftangriffe auf Worms im Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Illert gelang es weiter, einen wichtigen Teil baulicher Reste aus der Ruine der Synagoge sicherzustellen und, wenn auch wenige, Reste der religiösen Gegenstände jüdischer Kultur daraus zu retten und in Sicherheit zu bringen. Am Erhalt des historischen jüdischen Friedhofs Worms soll er maßgeblich beteiligt gewesen sein.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. . Auch gelang es ihm, den größten Teil der Bestände der Kultureinrichtungen vor den Luftangriffen in etwa 40 Depots auszulagern.

„Nebenher“ war Friedrich Maria Illert auch Kustos der Stiftung Kunsthaus Heylshof und des kirchlichen Dombauarchivs.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Einmarsch der US-Amerikaner am 20. März 1945 nahm Friedrich Maria Illert sofort Kontakt mit dem amerikanischen Stadtkommandanten auf und stellte sicher, dass er seine Arbeit fortsetzen und die Kunstschätze (weiter) sichern konnte.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. . Außerdem veröffentlichte er sofort eine Broschüre in englischer Sprache, um auch den Angehörigen der Besatzungsmacht die große historische Bedeutung von Worms nahezubringen.Friedrich Maria Illert: Noteworthy and memorable facts about Worms. Norberg, Worms 1945.

In seiner Funktion als Leiter der Wormser Kulturinstitute veranlasste Illert im Juni und Juli 1945 unter anderem, dass die Schäden in der nahezu vollständig zerstörten Wormser Innenstadt dokumentiert wurden.. In: Wormser Zeitung vom 21. Februar 2015; abgerufen am 19. Januar 2025.

Illert überstand den Umbruch 1945 unbeschadet und blieb Leiter der städtischen Kultureinrichtungen. Illert war nach dem Kriegsende eine der treibenden Kräfte, um die historische jüdischer Kultur in Worms wieder sichtbar zu machen. Zusammen mit dem im New Yorker Exil lebenden Isidor Kiefer, der vor dem Krieg das jüdische Museum verwirklicht hatte, trieb er den Plan voran, die 1938 zerstörte Synagoge wieder aufzubauen. Der Wiederaufbau wurde seit 1947 geplant, begann 1956 und endete 1961. Allerdings gab es heftigen Streit zwischen ihm und der Jewish Trust Corporation u. a. um den Verbleib des Wormser Machsor.

Auf Antrag von Friedrich Maria Illert und des Industriellen Ludwig von Heyl genehmigte die französische Besatzungsmacht den Verein „Wiederaufbauwerk Worms“. Die Organisation bestand bis in die 1990er Jahre unter dem Namen „Aufbauverein“.

Aus seinen amtlichen Funktionen schied Friedrich Maria Illert zum 31. Dezember 1958 aus – anderthalb Jahre nach der offiziellen Grenze für den Ruhestand.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Wissenschaftliches Wirken Friedrich Maria Illert hat ein umfangreiches Werk an Veröffentlichungen hinterlassen. Er vertrat die These, dass Worms historisch den Mittelpunkt Europas darstelleWenn auch etwas apologetisch dazu Reuter: Dr. Friedrich Maria Illert, S. 22f.: „[…] mag die Begeisterung bisweilen auch mit ihm durchgegangen sein“., was sich in Buchtiteln wie Im Kreuzpunkt der Weltstraßen. Eine Führung durch die Stadtmitte von Worms […] spiegelte.

Ab 1937 betrieb Friedrich Maria Illert das Vorhaben, in Worms in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg ein Forschungsinstitut für Reichsgeschichte einzurichten. Unter den geänderten politischen Bedingungen sollte es nach dem Krieg ein Forschungsinstitut für abendländische Geschichte werden.Vgl.: Friedrich Maria Illert: Ein Forschungs-Institut für abendländische Geschichte in Worms. Ein Projekt. Verfasst im Auftrag der Stadt Worms. Norberg, Worms 1948; Projet de création d'un institut de recherches d'histoire européenne á Worms. Projet, présenté au nom de la ville de Worms. Worms 1948. Worms erhielt schließlich ein Institut für Geschichtliche Landeskunde als Ableger der Mainzer Akademie der Wissenschaften, das aber nur zwei Jahre Bestand hatte.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Friedrich Maria Illert war 1947 Gründungsmitglied der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Familie Friedrich Maria Illert war Sohn von Georg Josef Illert (* 1859 in Worms; † 1937, ebenda), Prokurist der Lederwerke Doerr & ReinhartReuter: Dr. Friedrich Maria Illert, S. 20., und seiner Frau, Anna Barbara, geborene Huff (* 1867 in Worms; † 1947, ebenda).Geburtsurkunde von Friedrich Maria Illert. Die Familie war römisch-katholisch. Friedrich Maria Illert war seit 1921 mit Franziska Rosina (Fanny), geborene Neumayer (* 23. Februar 1890 in München; † 4. März 1955 in Worms), verheiratet. Ihr Sohn, Georg Anton Maria Illert (1925–1991), war Archäologe und folgte seinem Vater im Amt des Leiters der städtischen Kulturinstitutionen von Worms.Fritz Reuter: In Memoriam Dr. Georg Illert. In: Der Wormsgau 15 (1987–1991), S. 5–7.

Ehrungen 1959 erhielt Friedrich Maria Illert das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.Georg Illert: Friedrich M. Illert, S. .

Die nach Friedrich Maria Illert benannte Dr.-Illert-Straße liegt im Wormser Stadtteil Leiselheim, in dem er in den Nachkriegsjahren Ortsvorsteher war.Jörg Koch: 111 Wormser Straßen von A bis Z. Worms Verlag, Worms, 2020. ISBN 978-3-947884-24-7, S. 39.

Veröffentlichungen

Neben den hier aufgeführten Veröffentlichungen hat Friedrich Maria Illert zahlreiche weitere Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, Rezensionen, Beiträge und Begleitworte für andere Werke veröffentlicht und ist als Herausgeber tätig gewesen. Die kleineren Veröffentlichungen können hier nicht einzeln aufgelistet werden und sind überwiegend in den nachstehenden Bibliografien erfasst.

Bibliografien Detlev Johannes: Bibliographie Friedrich M. Illert. In: Der Wormsgau 5 (1961–1962), S. 9–30. [Detlev Johannes]: Bibliographie Friedrich M. Illert. In: Der Wormsgau 8 (1967–1969), S. 107–108.

Monografien Denkschrift über den gegenwärtigen Stand der Stadtbibliothek Worms und ihr weiteres Ziel. Stadtbibliothek Worms, o. J. Die Geschichte der Wormser Presse mit kulturhistorischen Fragmenten. Carl Buerchl, Worms 1913. Alt-Worms. Ein Stadtbild. Kranzbühler Gebr. Cnyrim, Worms 1925. Die Lederwerke Doerr und Reinhart, Worms. Ein geschichtlicher Rückblick. Worms 1926. zusammen mit Erich Grill: Worms am Rhein = Rheinische Städtebilder 1. [Fotografien von Curt Füller]. Worms 1926. Die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Kleiner Führer des Verkehrs Vereins. Fischer, Worms [um 1927]. Neu illustrierter Führer von Worms und Umgebung. 7. Aufl. Worms 1928. Worms am Rhein. Deutschlands älteste Stadt. Füller, Worms 1929. Nibelungenstadt Worms am Rhein. Fischer, Worms [um 1930]. 2 Auflagen. Worms mit Stadtplan und Kunstbeilagen = Beckmann Führer. 6. Auflage. Weber, Heilbronn [um 1930]. Offizieller Führer des Verkehrsvereins. Worms am Rhein und Umgebung. 8. Auflage. Herbst, Worms 1931. Neuauflage: 1935. Worms am Rhein. Deutschlands älteste Stadt. Kleiner Führer des Verkehrs-Vereins. Fischer, Worms . Worms am Rhein. Fischer, Worms 1932. Der Lebensraum der Stadt Worms. Umrisse einer historischen Beurteilung der geopolitischen Lage der Stadt Worms. Rheinische Buchdruckerei Heinrich Fischer, Worms 1932. Worms am Rhein und der Wonnegau. 9. Auflage. Christian Herbst / Kranzbühler, Worms 1935. Worms, die alte Nibelungenstadt am Rhein. Verkehrsverein, Worms 1935.