miniatur|150px|Der 20-jährige Ordonnanzoffizier Otto Braun mit Eisernem Kreuz, 1917/18 Otto Braun (* 27. JuniIm Vorwort „An meinen Sohn“ der 1908 erschienenen Autobiographie seiner Mutter Lily Braun, Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre, Kampfjahre, wird der 24. Juni als Otto Brauns Geburtstag genannt: „In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in der Sonnwendnacht, in der ringsum auf den Höhen die Feuer glühen, in der Sonnwendnacht, wo aufersteht, was ewigen Lebens würdig war, seien die Geister der Vergangenheit zuerst heraufbeschworen. Obergrainau, den 24. Juni 1908“. In der publizierten Verlustliste des Reserve-Jäger-Bataillons Nr. 21 hingegen ist der 27. Juni als Geburtstag verzeichnet. 1897 in Berlin; † 29. AprilIn der publizierten Verlustliste des Reserve-Jäger-Bataillons Nr. 21 ist der 27. April 1918 als Todestag von Leutnant Otto Braun (1. Kompanie) verzeichnet. 1918 bei Marcelcave, Département Somme, Frankreich) war ein deutscher Lyriker. Zu seinen Lebzeiten wurde, ohne sein Wissen und Einverständnis, nur ein Gedicht in einer Zeitschrift veröffentlicht.Das unautorisiert veröffentlichte Gedicht Otto Brauns, Nachmittag an der Bzura, erschien 1915 in der patriotischen Zeitschrift Wieland, 1. Jg., Nr. 24, 10. September 1915. Nach dem Ersten Weltkrieg hingegen wurden seine Werke posthum in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten publiziert und waren recht populär, in Deutschland sogar ein Bestseller. Er wurde beispielsweise von Autoren wie Rudolf Borchardt, Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder lobend wahrgenommen.

Leben mini|150px|Die Villa der Familie Heinrich Braun und Lily Braun in Kleinmachnow bei Berlin, Baujahr 1909 mini|150px|Otto Braun im Alter von 11 oder 12 Jahren, 1909 mini|150px|Königliches Gymnasium zu Spandau, um 1910 mini|150px|Otto Braun als 14- oder 15-Jähriger, 1912 mini|150px|Otto Braun als 16- oder 17-Jähriger, 1914 mini|150px|Otto Braun im Alter von 17 Jahren, 1914 mini|150px|Der 17- oder 18-jährige Otto Braun als Fahnenjunker und Meldereiter in Polen, Sommer 1915 – Hier verfasste er sein Gedicht Nachmittag an der Bzura mini|150px|Dieses Foto soll eine Woche vor seinem Tod entstanden sein: Otto Braun als 20-jähriger Leutnant und Ordonnanzoffizier an der Somme, 3. von links, April 1918 Der einzige Sohn der Journalistin, Schriftstellerin und sozialdemokratischen Frauenrechtlerin Lily Braun und des sozialdemokratischen Politikers und Publizisten Heinrich Braun galt als „Wunderkind“ und verehrte den Dichter Stefan George.Arno Orzessek: Er durfte im Feuermeer sterben. In: Deutschlandfunk Kultur, 13. Februar 2014, auf: deutschlandfunkkultur.de Er war sehr introvertiert und fiel schon als kleiner Junge durch seine außerordentliche Belesenheit auf. Dadurch erhielten erwachsene Zeitgenossen den Eindruck einer „anmaßenden Altklugheit“.Ein altkluger Jüngling an der Front. In: Die Welt, auf: welt.deDorothee Wierling: Eine Familie im Krieg. Leben, Sterben und Schreiben 1914–1918. Wallstein-Verlag, Göttingen 2013. ISBN 978-3-8353-1301-9, S. 17. Er litt an Gemütsschwankungen, isolierte sich von seinen Mitschülern und flüchtete sich in die Einsamkeit, wo er neben Phantasien auch Gedichte entwickelte.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1864) – Eine Biographie. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017. ISBN 978-3781521766, S. 120–122.

Nach initialem Schulbesuch in Berlin besuchte er von April 1907 bis Ende September 1908 das reformpädagogische Landerziehungsheim Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald,Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen. wo er sich mit seinem dreieinhalb Jahre älteren Mitschüler Otto Gründler anfreundete. Während dieses Internatsaufenthalts geriet er in den schwelenden Konflikt zwischen Schulleiter Paul Geheeb und dem Spiritus rector des Landschulheims, Gustav Wyneken. Die deshalb entstehenden alltäglichen Spannungen machten dem Elfjährigen zu schaffen. Als er sich der Position Geheebs anschloss, wurde er von Wyneken als Gegner betrachtet und entsprechend behandelt. Am 6. Februar 1908 charakterisierte er Wyneken in einem Brief an seine Mutter als „Verkörperung aller Intrigen“.Julie Braun-Vogelstein: Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten. Insel Verlag, Leipzig 1921, S. 21. Außerdem berichtete er darüber, dass Wyneken sich bestimmte Favoriten unter den männlichen Schülern auswähle, die er bevorzuge.Bernd-Ulrich Hergemöller: Wyneken, Gustav. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-5933-9049-9, S. 788–792 (Zitatstelle: S. 790).

Im Nachlass von Gustav Wyneken im Archiv der deutschen Jugendbewegung fand sich später ein Exemplar der 1919 veröffentlichten nachgelassenen lyrischen Werke und Tagebücher Otto Brauns. Darin kommentierte Wyneken handschriftlich: „Es ist bezeichnend, dass von diesem Buch soviel Aufhebens gemacht wird, es eignet sich vorzüglich zu einem Exemplum der Mittelmäßigkeit… Man schlage beliebige Seite auf! G. W.“

Unerträglich erschien Braun während der Internatszeit der Mangel an Zeit und Ruhe für sein Selbststudium.Julie Braun-Vogelstein (Hrsg.): Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten. Insel Verlag, Leipzig 1921, S. 297. Am 2. September 1908 schrieb er seiner Mutter: „Ich komme eben in keine gute Stimmung, denn nur durch Versenken in mich oder Dich kann sie herbeigeführt werden. Dazu ist aber keine Zeit. […] Jetzt habe ich ein ganz sonderbares Gefühl, das ich noch nie hatte. Ich fühle mich in Wickersdorf nicht zuhause. Das schwöre ich Dir, bei allem, was uns heilig ist, bei allem Schönen und Gutem, bei allem Wahren in der Welt, daß dies Gefühl nicht gemacht ist, weil ich etwa gerne nach Berlin wollte. Ich habe es, da ist nun nicht zu helfen. Es ist natürlich hauptsächlich ein Gefühl, aber auch ein Vernunftgrund ist dabei: W. [Wyneken] hat vorgestern am Stiftungsfest eine Rede über die Wickersdorfer Weltanschauung gehalten. Etwas hat sich verändert, entweder habe ich mich verändert oder die anderen; ich glaube, ich habe mich verändert. […] Und noch das: meinen Willen und meinen Charakter kann ich hier nicht stärken“.Julie Braun-Vogelstein: Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten. Insel Verlag, Leipzig 1921, S. 27f.

Noch im selben Monat unternahm er einen Fluchtversuch aus dem Internat, der jedoch bereits am Bahnhof in Saalfeld endete.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1964). Eine Biographie. Julius Klinkhardt, 2017, ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 119ff. Dieses Alarmsignal erreichte seine Eltern, die ihn daraufhin erlösten und von der Freien Schulgemeinde abmeldeten. Lily Braun holte ihren Sohn persönlich von dort ab. In Spandau bei Berlin besuchte er zunächst das Königliche Gymnasium, bevor er schließlich von Hauslehrern unterrichtet wurde.Bernd-Ulrich Hergemöller, Nicolai Clarus: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, Teil 1 (= Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität, hrsg. v. Rüdiger Lautmann). LIT Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-6431-0693-3, S. 193, 1134, 1233, 1302.

Seine Eltern und Lehrer hielten ihn für hochbegabt. Deshalb beantragte der promovierte und habilitierte Joseph Petzoldt, Oberlehrer am Königlichen Gymnasium zu Spandau und Privatdozent an der Technischen Hochschule Charlottenburg, Verfasser der Schrift Sonderschulen für hervorragend Befähigte,Joseph Petzoldt: Sonderschulen für hervorragend Befähigte. Teubner, Leipzig und Berlin 1905. (Reprint 2018: ISBN 978-0-3643-2257-4) am 8. Dezember 1909 beim Königlichen Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten vom Unterrichtsdienst teilweise befreit und mit dem Privatunterricht des damals zwölfjährigen Schülers betraut zu werden. Petzoldt habe sich durch mehrstündige Gespräche und genaues Lesen mehrerer Arbeiten Brauns persönlich davon überzeugt, „[…] daß seine Begabung in keiner Hinsicht überschätzt wurde, ja daß sie ganz erstaunlich und wunderbar ist.“ Er berichtete, dass Otto Braun bereits Mittelhochdeutsch gelernt habe, um die germanischen Heldenlieder im Original lesen zu können, und um der Vorsokratiker willen Griechisch. Der Antrag Petzoldts traf auf behördliches Unverständnis und wurde am 17. März 1910 abgelehnt.Julie Braun-Vogelstein: Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1920.

Schon als Kind verkehrte Otto Braun im Hause der Kunstmalerin und Salonnière Sabine Lepsius und deren Ehemanns, des impressionistischen Porträtmalers Reinhold Lepsius, wodurch er Zugang zum Berliner George-Kreis erhielt. Beide waren ebenso wie seine Mutter Lily mit Käthe Kollwitz befreundet.Yury Winterberg, Sonya Winterberg: Kollwitz. Die Biografie. C. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10202-2, S. 90. Lily Braun tauschte sich mit Käthe Kollwitz über den eigenen und deren zwei Söhne Hans und Peter aus.Sven Felix Kellerhoff: Heimatfront. Der Untergang der heilen Welt – Deutschland im Ersten Weltkrieg. Bastei Lübbe, 2014, ISBN 978-3-8387-5621-9. Zusammen mit dem gleichaltrigen Stefan Lepsius (1897–1917), der seinen Vornamen der Verehrung Stefan Georges verdankte, wurde er durch Herman Schmalenbach privat unterrichtet. Im Juli 1914 erhielt er in Heidelberg Kontakt mit dem Soziologen und Nationalökonomen Alfred Weber und dessen Schülern, außerdem zu der Nationalökonomin und Schriftstellerin Elisabeth Salomon, der späteren Ehefrau von Friedrich Gundolf.George-Jahrbuch, Band 11, 2016/17. Walter de Gruyter, Berlin 2016, ISBN 978-3-1104-7833-4, S. 199–208.

Nachdem am 1. August 1914 die Kriegserklärung des Deutschen Kaiserreiches erfolgt war, meldete er sich als 17-Jähriger im September 1914 als Kriegsfreiwilliger. Als Meldereiter bei der Ersatz-Eskadron des Jäger-Regiments zu Pferde Nr. 4, das dem XVII. Armeekorps der 8. Armee unterstellt war, wurde der Fahnenjunker zunächst an der Ostfront in Polen eingesetzt. Dort schrieb er 1915 im Schützengraben in sein Tagebuch: „Es ist eben so wunderbar schön, schön, schön, trotz des Grauenhaften, was ich gerade hier sah“. Das drei Mal wiederholte Adjektiv „schön“ unterstrich er jeweils. Am 5. August 1915 schrieb er seinen Eltern in einem Feldpostbrief: „Um acht Uhr sind wir mit der Division in Warschau eingerückt. Es war ein Rausch, der nicht zu sagen ist“. Am 13. August 1915 berichtete er seinen Eltern: „Was ich in dieser kurzen Zeit wirklichen Krieges alles hinzugewonnen habe an Erfahrung in jeder Hinsicht! Ich bemerke, daß man gewisse wichtige Seiten des Menschen jedenfalls augenfällig nur im Feuer erkennt, da fällt vieles ab, und Sonderbares steigt auf“.Julie Braun-Vogelstein: Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1920, S. 144, 145. Später war er auch an der Front in Italien und im Elsass eingesetzt.