mini|hochkant|Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler Urworte. Orphisch ist der Titel einer Sammlung von fünf Stanzen Johann Wolfgang von Goethes, die er zwischen dem 7. und 8. Oktober 1817 schrieb. Er veröffentlichte sie 1820 in den Heften Zur Morphologie und versah sie in seiner Zeitschrift Über Kunst und Altertum noch im selben Jahr mit eigenen Erläuterungen.
Der kurze Zyklus gehört zu den weltanschaulichen Gedichten der frühen Altersjahre Goethes, umkreist metaphysische, mythologische und hermeneutische Fragen und erwächst aus seinen jahrelangen Versuchen, die Gesetzlichkeit des Lebens in den Formen der Urpflanze und der Urphänomene zu erkennen.
Der mythisch-literarische Bezug der Sammlung wird schon durch den Titel deutlich, mit dem Goethe auf den sagenumwobenen Sänger Orpheus und die orphische Dichtung anspielte.
Inhalt Das Werk versammelt die „Grundmächte“ Daimon (Dämon), Tyche (Das Zufällige), Eros (Liebe), Ananke (Nötigung) und Elpis (Hoffnung), die für Goethe das menschliche Leben bestimmen. Diesen Kräften ordnete er ebenso viele Lebensphasen des Menschen zu. Während der „Dämon“ die Geburt, Tyche hingegen die Jugend bestimmt, führt Eros zu einer Lebenswende, in der Zwang und Wollen versöhnt werden.So Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, Düsseldorf 2006, S. 915 Ananke wiederum prägt die Jahre des mittleren Alters und der Arbeit, während die Hoffnung Elpis das Alter zu bewältigen hilft. Die einzelnen Stanzen sind durch das abschließend gereimte Verspaar voneinander getrennt, bilden aber ein Beziehungsgeflecht, das vor allem im Übergang von der zweiten zur dritten Strophe deutlich wird.So Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, Düsseldorf 2006, S. 911–912
Die fünf Stanzen lauten:Johann Wolfgang von Goethe, Urworte. Orphisch. In: Goethes Werke, Gedichte und Epen I, Hamburger Ausgabe, Band I, C.H. Beck, München 1998, S. 359–360 ΔΑΙΜΩΝ, Dämon
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
ΤΥΧΗ, Das Zufällige
Die strenge Grenze doch umgeht gefällig Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt; Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt: Im Leben ist’s bald hin-, bald widerfällig, Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt. Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet, Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.
ΕΡΩΣ, Liebe
Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder, Wohin er sich aus alter Öde schwang, Er schwebt heran auf luftigem Gefieder Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang, Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder, Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang. Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen, Doch widmet sich das edelste dem Einen.
ΑΝΑΓΚΗ, Nötigung
Da ist’s denn wieder, wie die Sterne wollten: Bedingung und Gesetz; und aller Wille Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten, Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille; Das Liebste wird vom Herzen weggescholten, Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille. So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren Nur enger dran, als wir am Anfang waren.
ΕΛΠΙΣ, Hoffnung
Doch solcher Grenze, solcher eh’rnen Mauer Höchst widerwärt’ge Pforte wird entriegelt, Sie stehe nur mit alter Felsendauer! Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt: Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt; Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen; Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen.
Entstehung mini|hochkant|Georg Zoëga Ölgemälde eines unbekannten Malers um 1786 Vermittelt durch Herder und den Schweizer Theologen Georg Christoph Tobler kam Goethe bereits in jungen Jahren mit der Orphik in Berührung. In seiner autobiographischen Schrift Dichtung und Wahrheit beschrieb er, wie bestimmend jene frühe Begegnung war und seinen Glauben prägte, „daß Poesie, Religion und Philosophie ganz in Eins zusammenfielen“.Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit. Zweites Buch. In: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 9, C.H. Beck, München 1998, S. 221 Wegen der Verbindung lyrischer und religiöser Erkenntnisse in den orphischen Zeugnissen sprach Goethe in diesem Zusammenhang begeistert von „heiligen Worten“.Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 355
Für Goethe war die Mythologie ein Schatz „göttlicher und menschliche Symbole“. Die metaphysische Verbindung von Individuum und Kosmos war bei ihm von „tiefer Seinsbejahung erfüllt“.So Herbert Anton: Orakel der Existenz. In: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Hrsg. Bernd Witte, Reclam, Stuttgart 2005, S. 171 So schrieb er in seiner Winckelmann-Abhandlung vom „glücklichen Los der Alten, besonders der Griechen in ihrer besten Zeit“, auf die man nun angewiesen sei. Wäre das Weltall empfindungsfähig, würde es „aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen […], wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut?“Johann Wolfgang von Goethe, Schriften zur Kunst, Schriften zur Literatur, Maximen und Reflexionen, Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 12, C.H. Beck, München 1998, S. 98
Hier entwarf er ein Idealbild der Antike und rief Winckelmann als Zeugen dafür auf. Die Schrift trägt stellenweise gegenchristliche Züge und grenzt sich von den Romantikern ab, welche die antike gegenüber der christlichen Kunst abwerteten.Erich Trunz. In: Johann Wolfgang von Goethe, Schriften zur Kunst, Schriften zur Literatur, Maximen und Reflexionen, Goethes Werke, Anmerkungen, Hamburger Ausgabe, Band 12, C.H. Beck, München 1998, S. 610–611 Allerdings war Goethe noch nicht so weit, „orphische Lehren“ in Stanzen zu gießen oder sich tiefer mit Orpheus zu befassen, den er erst später als den Kitharöden erkannte, der ein Mysterium begründet hatte.Herbert Anton: Orakel der Existenz. In: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Hrsg. Bernd Witte, Reclam, Stuttgart 2005, S. 171
Die eigentliche Anregung zur lyrischen „Rekapitulation dieser uralten concentrirten Darstellung menschlichen Geschickes“Zit. nach: Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 356 geht schließlich auf zwei Bücher zurück: Zunächst las Goethe die „Briefe über Homer und Hesiodus“, in denen Gottfried Hermann und Friedrich Creuzer eine Kontroverse über antike Urmythologie austrugen. In den Abhandlungen des dänischen Archäologen Georg Zoëga, die von Friedrich Gottlieb Welcker ins Deutsche übertragen worden waren, stieß er auf die „hieroi logoi“, die heiligen Worte der orphischen Literatur, die er als „Urworte“ übersetzte und neben „Dämon“ und „Tyche“, „Eros“ und „Ananke“ noch „Elpis“ setzte.Gero von Wilpert: Urworte. Orphisch. In: ders.: Goethe-Lexikon (= Kröners Taschenausgabe. Band 407). Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 1102. Während er in drei überlieferten handschriftlichen Fassungen und dem Erstdruck lediglich griechische Überschriften in Großbuchstaben wählte, fügte er im zweiten und dritten Druck deutsche, kleingeschriebene Ausdrücke hinzu.
Hintergrund mini|hochkant|Orpheus von Tieren umgeben. Römisches Mosaik des dritten Jahrhunderts (Palermo) Urworte waren für Goethe „urbildlich-typische, sinngebende Leitbegriffe“, die ihm aus der Antike überliefert schienen und mit denen er göttliche Offenbarungen von Lebensgesetzen und damit einhergehende Wandlungen verband.Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 355 Dabei waren die von ihm aufgegriffenen fünf allegorischen Bezeichnungen nicht fest umrissen und konnten so mit eigenem Gehalt ergänzt werden.Gero von Wilpert: Urworte. Orphisch. In: ders.: Goethe-Lexikon (= Kröners Taschenausgabe. Band 407). Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 1102. Goethe bereicherte hierbei die Kosmogonie nicht um weitere Einsichten, sondern legte die Worte vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen und Überzeugungen individuell aus.Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, Düsseldorf 2006, S. 914
Seine lyrische Ausgestaltung der Prinzipien steht deutlich unter dem Einfluss Zoëgas, der in seinen Abhandlungen auf die Saturnalia des römischen Neuplatonikers Macrobius Ambrosius Theodosius eingegangen war, nach denen Dämon und Tyche, Eros und Ananke die Geburt eines Menschen begleiten. Zoëga hatte den vier Mächten noch Elpis hinzugefügt, eine fünfte Kraft, die für Goethe wegen ihres ausgleichenden Charakters äußerst wichtig war.Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 362 Das Präfix „Ur-“ deutet bei Goethe auf die „Quintessenz“ eigener Überzeugungen wie auf seinen Glauben an einen ewigen Wesensgrund.Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 356
In seinen weltanschaulichen Gedichten formulierte Goethe meist bündig-belehrend religiöse und philosophische Ansichten wie einprägsame LebensmaximenKarl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, Düsseldorf 2006, S. 908 und nutzte Motive und Begrifflichkeiten, die auch in anderen Alterswerken zu finden sind, in denen das Irdische als Symbol einer höheren Wirklichkeit erscheint. Das Auge etwa vermag nur die Farbe und nicht das Urlicht zu sehen und kann sich lediglich am Abglanz aus einer fernen Sphäre erfreuen. Zu Beginn des zweiten Dramenteils blickt der eben erwachte Faust in die Sonne und muss sich geblendet abwenden, erkennt aber den im Sonnenlicht glitzernden Wasserfall und bekennt: „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.“Johann Wolfgang von Goethe, Der Tragödie zweiter Teil. In: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 3, C.H. Beck, München 1998, S. 149 Für Dinge, die über sich hinausweisen, verwendete er die Bezeichnung „Gleichnis“; so am Ende der Tragödie mit den Worten des Chorus Mysticus: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“.Johann Wolfgang von Goethe, Der Tragödie zweiter Teil. In: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 3, C.H. Beck, München 1998, S. 364 In dieser Bedeutung findet sich das Wort in der zweiten Strophe des Gedichts Prooemion.
Besonderheiten und Deutung mini|hochkant|Tyche von Antiochia, ein Werk des Eutychides, im Vatikan Mit dem ersten Gedicht umkreist Goethe die zentrale Frage der Individualität. Mit dem dämonischen Wesen befasste er sich auch in Dichtung und Wahrheit und in Gesprächen mit Eckermann. Der lässt Goethe sagen, das Dämonische sei „durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen“. Es liege nicht in seiner Natur, „aber ich bin ihm unterworfen“.Zit. nach: Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 358
Innerhalb orphischer Vorstellungen war der Dämon ein halbgöttliches Wesen, das einen Menschen besetzt und ihn so im weiteren Verlauf seines Lebens beeinflusst.Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 357 Wie Goethe in seinem Selbstkommentar schrieb, fasste er den Dämon als „das Charakteristische“ und „die notwendige, bey der Geburt unmittelbar ausgesprochene, begränzte Individualität der Person“.Zit. nach Theo Buck, Urworte. Orphisch. In: Goethe-Handbuch (Hrsg.) Bernd Witte…, Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 357