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Cilurnum war ein römisches Hilfstruppenkastell in Chesters, nördlich des Hamlet Walwick, einem Ortsteil des Parish Humshaugh, County Northumbria im Nordosten von England.
Es gehörte zu der aus insgesamt 16 Kastellen bestehenden Festungskette des Hadrianswalls (per lineam valli) und sicherte dessen östlichen Abschnitt. Das Militärlager wurde etwa 300 Jahre, vermutlich von 123 bis 400 n. Chr. genutzt. Seine Besatzung sollte eine Brücke über den Tyne und die Militärstraße entlang des Walls überwachen. Es zählt zu den am besten erhaltenen Kastellen des Hadrianswalls. In der Provinzialrömischen Archäologie ist die Ausgrabungsstätte vor allem durch das außerhalb des Lagers gelegene Badehaus bekannt geworden.English Heritage Members' and Visitors' handbook 2008/2009. S. 241
Name Der Ortsname Cilurnum stammt aus dem Keltischen und könnte so etwas ähnliches wie „großes Becken“ bedeuten, vermutlich eine Anspielung auf den Fluss Tyne. Er wird nur in der Notitia dignitatum erwähnt. In der Cosmographie des Geographen von Ravenna wurde der Ort als Celunnum bezeichnet. Möglicherweise dienten in der Ala II Asturum auch Angehörige der gens Cilurnigorum, ein bei der Stadt Gigia (Gijón) siedelnder Stamm der Asturer.A. L. F. Rivet, Colin Smith 1979, S. 431–433, Guy de la Bedoyere, 1998, S. 57, R & C Nr. 147, Margot Klee 2006, S. 20.
Lage Das Kastell von Chesters ist das sechste Glied in der Festungskette des Hadrianswalls (vallum aelium). Es liegt auf einer Uferterrasse an der Westseite des dicht bewaldeten Flusstals des North Tyne. Chesters befindet sich rund 32 km von Newcastle und 44 km vom östlichen Endpunkt der Mauer bei Wallsend. Dort beginnt das Hochland, der landschaftlich schönste und topographisch abwechslungsreiche Mittelteil des Hadrianswalls. Im späten 2. Jahrhundert gehörte die Region um Cilurnum zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.Guy de la Bedoyere, 1997, S. 58–59.
Forschungsgeschichte Sein Standort ist seit 1796 bekannt, da von Durchreisenden Beschreibungen der Kastellruine aus dieser Zeit überliefert sind. Als die Ruine der römischen Festung im frühen 19. Jahrhundert planiert wurde, ließ Nathaniel Clayton, Grundherr von Chesters House, einige römische Artefakte bergen, die in seiner Sammlung aufbewahrt wurden. Die Reste des Kastells, die heute noch zu sehen sind, gehen größtenteils auf die umfangreichen Grabungen von John Clayton (1792–1890), der in Chesters House geboren und aufgewachsen war, zwischen 1843 und 1890 zurück. Er war u. a erfolgreicher Anwalt in Newcastle und als begeisterter Antiquar bzw. Antikensammler auch einer der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie am Hadrianswall. Besonders machte er sich um die Erhaltung der römischen Baudenkmäler im Mittelteil des Walls verdient. Dieser am besten erhaltene Abschnitt des Walls wird heute noch als „Clayton wall“ bezeichnet. Die Grabungen in Chesters wurden von William Tailford und seinem Sohn geleitet, die diesem Projekt 45 Jahre ihres Lebens widmeten. Die Funde plante Clayton in einem kleinen Museum vor Ort auszustellen. Es konnte aber erst fünf Jahre nach seinem Tod (1890) durch seinen Neffen Nathaniel George Clayton seiner Bestimmung übergeben werden. Ein großer Teil der Festung und die Zivilsiedlung wurden nicht ausgegraben. Die Funde bilden die bedeutendste und umfangreichste Sammlung von Inschriften und Skulpturen am Hadrianswall. In und um das Kastell konnten neun Altäre, elf Ehreninschriften, 13 Bauinschriften, fünf Grabsteine, zehn Inschriftenfragmente und ein monumentales Inschriftenrelief geborgen werden. John Clayton kaufte auch Land um das Kastell Housesteads, den Mithras-Tempel von Carrawbourgh, Carvoran und andere historische Stätten auf, um sie so vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren. In den späten 1940er Jahren wurden von J. K. St. Joseph vom Areal Luftaufnahmen angefertigt. Der südwestliche Teil des Praetoriums wurde 1960 von R. P. Harper freigelegt. Zwischen 1982 und 1991 konzentrierten sich die Ausgräber der Royal Commission of Heritage Memorial in England (RCHME) Newcastle hauptsächlich auf die Untersuchung und Freilegung des östlichen und westlichen Widerlagers der Wallbrücke. Im Juni 1992 wurde im Kastellinneren eine Bodenradaruntersuchung vorgenommen. Eine ausführliche Darstellung der historischen Quellen und eine Zusammenfassung der Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen wurde von Mitarbeitern des English Heritage 1993 zusammengestellt.R. P. Harper 1961, S. 321–326, Eric Birley 1959, Bidwell/Snape 1993, R. G. Collingwood, R. P. Wright: addenda and corrigenda by R. S. O Tomlin, The Roman inscriptions of Britain, 1. Inscriptions on Stone. Nr. 1448–1496, 1965, S. 467–480.
Entwicklung Im Jahre 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway Firth zu errichten, um die britischen Provinzen wirksamer vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und Seeleute der Classis Britannica errichtet.
Am ursprünglichen Hadrianswall waren noch keine Kastelle direkt angebaut worden. Innerhalb von zwei Jahren nach seiner Fertigstellung fiel jedoch im Oberkommando die Entscheidung, 15 zusätzliche Kastelle an der Mauer zu errichten, die von Einheiten der Hilfstruppen besetzt werden sollten. Die neuen Kastelle ragten mit ihrer nördlichen Hälfte über den Hadrianswall hinaus. Dies war auch in Chesters der Fall. Um das Lager an der vorgesehenen Stelle zu errichten, mussten vorher der Graben an der Wandfront verfüllt und ein Wachturm beseitigt werden. Man nimmt an, dass die Festung um 123 entstand. Sie sicherte neben dem Hadrianswall auch eine Brücke, über die der Wall und die Militärstraße über den Fluss Tyne (North Tyne) geführt wurden. Von dieser Brücke sind heute noch die Reste ihres westlichen Widerlagers zu sehen.
Das Kastell diente in seiner Frühzeit als Stützpunkt einer Kavallerieeinheit, die von hier aus unter anderem überfallsartige Kampfeinsätze (Raids) in den Norden durchführte. Später wurden die Reiter vorübergehend durch Infanteristen abgelöst. Ein 1978 in Chesters aufgefundener Weihealtar der Cohors I Dalmatorum war dem Kult der Disciplina geweiht, der besonders von Kaiser Hadrian in der Armee gefördert wurde. Wie bei den meisten römischen Kastellen in Nordbritannien war die Zeit von 180–250 die Blütezeit sowohl der Festung als auch der weitläufigen Zivilsiedlung außerhalb der Lagermauern. Die überwiegende Mehrheit der Inschriften, die in Chesters gefunden wurden, stammt aus diesem Zeitraum und bezieht sich auf Bauvorhaben, Erklärungen der Kaisertreue, religiöse Zeremonien und die Bestattung von Toten. Um 221 wurden einige baufällige Gebäude von der Asturereinheit wiederhergestellt, wie eine Bauinschrift, gefunden in der SW-Ecke des Kastells, annehmen lässt. Von Mitte bis Ende des 3. Jahrhunderts erlebte das Römische Reich ständige Bürgerkriege und Einfälle von Barbarenstämmen. Im Zuge dessen lösten sich auch die traditionellen Strukturen der römischen Armee auf.DISCIPVLINAE IMP HAD AVG ALA AVG OB VIRT APPEL "Für die Disziplin und unseren Imperator Hadrianus Augustus, das Reiterschwadron des Augustus, die Tugendhaften, [haben dies gestiftet]."RIB 1496a; RIB 1465
Um 300 wurden immer weniger Inschriften angefertigt, sodass eine Rekonstruktion der Geschichte oder des täglichen Lebens im Chester des vierten Jahrhunderts sehr schwierig ist. Materiell waren die Soldaten viel schlechter gestellt als ihre Vorgänger in der mittleren Kaiserzeit. Der Sold der Soldaten wurde vorwiegend in Naturalien abgegolten, sie dürften aber auch noch etwas Münzgeld erhalten haben. Im 5. Jahrhundert entglitt Britannien immer mehr der Kontrolle der römischen Zentralregierung. Laut der Notitia Dignitatum war Chesters im frühen 5. Jahrhundert noch vom römischen Militär belegt. Zu dieser Zeit verteidigte der Rest der Kavallerieeinheit vermutlich nur noch einen vom übrigen Reich weitgehend abgeschnittenen Außenposten. Archäologische Beweise, dass das Kastell über diesen Zeitraum hinaus noch von regulären Truppen besetzt war, existieren ebenfalls nicht. Es ist daher ungewiss, ob die Asturer um 410 abgezogen oder einfach sich selbst überlassen wurden. In und um das Kastell ist danach keine größere Siedlungstätigkeit mehr nachzuweisen. Sein Areal wurde nurmehr landwirtschaftlich genutzt. Um 675 brachen die Angelsachsen die letzten Reste der Wallbrücke ab, um daraus Baumaterial für eine Kirche im nahen Hexham zu gewinnen. Auch das südliche Seitenschiff der St.-Giles-Kirche in Chollerton wird von vier römischen Säulen gestützt, die vermutlich aus Cilurnum hierher gebracht wurden.
Die Kastellruine wurde bis in das späte 18. Jahrhundert als Steinbruch genutzt. Im Jahre 1796 kaufte Nathaniel Clayton alles Land um das Kastell auf, um dort einen Park anzulegen. Zu diesem Zweck ließ er die Mauerreste des Lagers mit Erde überdecken, wodurch bis zum Ufer des Tyne ein ebenes bzw. sanft abfallendes Grünland entstand. Sein Sohn und Erbe John übernahm das Anwesen im Jahr 1832. Er ließ die Planierungen beseitigen, um die Ruinen wieder freizulegen. Im Jahr 1954 wurden das Kastell, der Wall und das Badegebäude in die Obhut des Ministeriums für öffentliche Arbeiten übergeben. Die Nachfolgeorganisation, English Heritage, kümmert sich heute um die Überreste und verwaltet – zusammen mit den Treuhändern der Clayton-Collection – auch das Museum.
Kastell Das nach NO ausgerichtete Kastell ähnelte stark seinen östlichen Nachbarkastellen und hatte den für mittelkaiserzeitliche Befestigungen typischen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform). Es maß 122 × 174 Meter, bedeckte eine Fläche von 2,3 Hektar und war fast vollkommen in Stein errichtet worden. Cilurnum war das drittgrößte Kastell am Hadrianswall. Wie bei den Reiterkastellen am Wall üblich, reichte die nördliche Hälfte (praetentura) über den Hadrianswall hinaus. Die sichtbaren Überreste des Kastells gehören verschiedenen Epochen aus seiner 300-jährigen Nutzungsdauer an. Die Tore und ein Großteil der Principia stammen noch aus der Regierungszeit des Hadrian. Die Mauerreste zählen, abgesehen vom Kastell Housesteads, zu den eindrucksvollsten am Wall. Die meisten Gebäude des Lagers sind aber immer noch im Boden begraben. Von den Umfassungsmauern überstanden nur ein paar Fundamente den – wohl schon in der Römerzeit einsetzenden – Steinraub und die landwirtschaftliche Nutzung des Kastellareals. Die am besten erhaltenen Mauern sind an der SO-Ecke zu sehen. Sie erreichen dort noch eine Höhe von 1,9 Meter.
Umwehrung Die 1,5 Meter starken Mauern waren mit vier, innen angesetzten, Ecktürmen und vermutlich acht Zwischentürmen (zwei an jeder Seite) mit quadratischem Grundriss verstärkt. Als Wehrgang diente eine aufgeschüttete Erdrampe. Wahrscheinlich erreichte die Mauer eine Höhe von sechs Meter, Türme und Tore dürften um die neun Meter hoch gewesen sein. Zusätzlich war das Kastell an allen vier Seiten von einem Spitzgraben umgeben. Es verfügte über vier Haupttore (portae principales) und zwei Seitentore (portae quintanae); Ost-, West- und Nordtor befanden sich nördlich des Walls. Dadurch konnten die Reiter bei einem Angriff rasch einen Ausfall durchführen. Alle waren jeweils mit zwei Durchgängen, getrennt durch Steinpfeiler (spina) und zwei quadratischen Flankentürmen, versehen.