Von einem ersten Eindruck spricht man in der Psychologie, wenn eine Person bei der erstmaligen Begegnung mit einer anderen Person oder einer neuen Situation eine bildliche Vorstellung von dieser formt. Die Genauigkeit des Eindrucks variiert abhängig von dem Beobachter und dem Ziel (Person, Objekt, Szene, …), welches betrachtet wird.Eliot R. Smith, Diane M. Mackie: Social Psychology. 3. Auflage. Psychology Press, Hove 2007, ISBN 1-84169-409-6.Carlin Flora: In: Psychology Today. 14. Mai 2004, abgerufen am 20. Februar 2011. Erste Eindrücke von Personen basieren auf verschiedensten Merkmalen: Alter, Ethnie, Kultur, Sprache, Geschlecht, Aussehen, Akzent, Körperhaltung, Stimme, Anzahl der anwesenden Personen und die zur Verarbeitung verfügbare Zeit.Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert: Social Psychologie. 6. Auflage. Pearson Prentice-Hall, Upper Saddle River 2007, ISBN 0-13-238245-8.Jeremy C. Biesanz, Lauren J. Human, Annie-C. Paquin, u. a.: Do We Know When Our Impressions of Others Are Valid? Evidence for Realistic Accuracy Awareness in First Impressions of Personality. In: Social Psychological and Personality Science. Band 2, Nr. 5, 2011, S. 452–459, doi:10.1177/1948550610397211.Rajesh Bhargave, Nicole V. Montgomery: The social context of temporal sequences: Why first impressions shape shared experiences. In: Journal of Consumer Research. Band 40, Nr. 3, 2013, S. 501–517, doi:10.1086/671053.Jonathan Y. C. Ding, Nicholas O. Rule: Gay, Straight, or Somewhere in Between: Accuracy and Bias in the Perception of Bisexual Faces. In: Journal of Nonverbal Behavior. Band 36, Nr. 2, 2012, S. 165–176, doi:10.1007/s10919-011-0129-y.Laura P. Naumann, Simine Vazire, u. a.: „Personality Judgments Based on Physical Appearance“. In: „Personality and Social Psychology Bulletin“. Band 35, Nr. 12, 2009, S. 1661–1671, doi:10.1177/0146167209346309.Michelle Trudeau: You Had Me At Hello: The Science Behind First Impressions. In: NPR. National Public Radio, 5. Mai 2014, abgerufen am 6. Mai 2014. Der Umgang mit einem Menschen in vielen Bereichen des Alltags kann stark von dem ihm zugewiesenen ersten Eindruck beeinflusst werden.Rosanna E. Guadagno.; Robert B. Cialdini: Gender Differences in Impression Management in Organizations: A Qualitative Review. In: Sex Roles. Band 56, Nr. 7–8, 21. März 2007, S. 483–494, doi:10.1007/s11199-007-9187-3.Timothy J. Wood: Exploring the role of first impressions in rater-based assessments. In: Advances in Health Sciences Education. Band 19, Nr. 3, August 2014, S. 409–427. doi:10.1007/s10459-013-9453-9.
Geschwindigkeit und Genauigkeit Es dauert nur eine Zehntelsekunde, um jemanden einzuschätzen und einen ersten Eindruck zu gewinnen.Janine Willis, Alexander Todorov: First impressions: Making up your mind after 100 ms exposure to a face. In: Psychological Science. Band 17, Nr. 7, 2006, S. 592–598, doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01750.x. Studien belegen, je mehr Zeit Probanden gewährt wird, um Eindrücke zu gewinnen, desto sicherer sind sie sich in ihrer Annahme.Eric Wargo: How many seconds to a first impression? In: Observer. Band 19, Nr. 7, Juli 2006. Menschen bilden sich nicht nur sehr schnell einen ersten Eindruck, sie liegen in ihrer Einschätzung meist auch richtig, vorausgesetzt die Zielperson präsentiert sich selbst authentisch. Personen können vorgetäuschte Emotionen und Lügen nicht gut als solche erkennen. Versuchspersonen, die angaben, genaue Eindrücke von Zielpersonen zu bilden, neigen dazu, eine genauere Wahrnehmung von Zielpersonen zu haben, die mit den Berichten anderer übereinstimmt. Individuen wissen meistens, welchen ersten Eindruck sie anderen Personen von sich vermitteln.
Die Geschwindigkeit, mit der verschiedene Eigenschaften beim ersten Eindruck erkannt werden, ist möglicherweise evolutionär bedingt. Beispielsweise waren Vertrauenswürdigkeit und Attraktivität die zwei am schnellsten erkannten und bewerteten Eigenschaften in einer Studie zu menschlichen Gesichtern. Menschen können Persönlichkeitsmerkmale allgemein gut einschätzen, allerdings unterscheiden sich die Beurteilungen von jüngeren und älteren Erwachsenen anhand des ersten Eindrucks. Ältere Erwachsene beurteilten Bilder von jüngeren erwachsenen Zielpersonen als gesünder, vertrauenswürdiger und weniger feindselig, dafür aggressiver, als jüngere Erwachsene, denen die gleichen Bilder gezeigt wurden. Die älteren Erwachsenen reagierten langsamer auf negative Signale aufgrund der geringeren Verarbeitungsgeschwindigkeit, was dazu führte, dass sie Gesichtszüge als positiver sahen als junge Erwachsene, die eine höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit besitzen.
Anzahl der Beobachter Der erste Eindruck wird durch die Anzahl der Personen beeinflusst, die bei der Bildung des Eindrucks präsent sind. Gemeinsame Erfahrungen werden globaler verarbeitet, wie es auch in kollektivistischen Kulturen der Fall ist. Globale Verarbeitung hebt erste Eindrücke mehr hervor, da der kollektive erste Eindruck dazu tendiert, über längere Zeit hinweg stabil zu bleiben. Allein gemachte Erfahrungen ermöglichen eine lokale Verarbeitung, was den Beobachter dazu bringt, einen kritischeren Blick auf die Zielperson zu werfen. Folglich gewinnen Individuen eher einen negativen ersten Eindruck als Gruppen von zwei oder mehr Beobachtern des gleichen Ziels. Zugleich glauben Individuen einen Aufwärtstrend, also eine Steigerung im Verlauf einer Folge von mehreren Eindrücken, zu erleben. Beispielsweise wird einem einzelnen Zuseher die letzte Episode einer TV-Serie besser gefallen als die erste Episode, obwohl diese von gleicher Qualität ist.
In einem Experiment bewerteten Probanden außerhalb einer Gruppe Kunstwerke, die in einer qualitativ ansteigenden Reihenfolge gezeigt wurden, als signifikant besser als jene, die in umgekehrter Reihenfolge präsentiert wurden. Teilnehmer, die sich in einer Gruppe befanden, beurteilten das jeweils erste und letzte Werk als gleichwertig. Das allein durch Priming erzeugte Gefühl, sich in einer Gruppe zu befinden oder allein zu sein, analytisch oder holistisch zu verarbeiten, reichte, um die gleichen Beobachtungseffekte hervorzubringen.
Kulturelle Einflüsse Individualismus versus Kollektivismus Ähnlich wie die Anzahl der Beobachter, können auch Kollektivismus und Individualismus die Eindrucksbildung beeinflussen. Kollektivisten fühlen sich wohl, wenn sich ihre Eindrücke im Wesentlichen mit den Eindrücken der Gruppe decken. Wenn ein Kollektivist seine Eindrücke verändern will, ist er möglicherweise gezwungen, die Ansichten aller anderen Gruppenmitglieder zu verändern. Dies kann allerdings für Kollektivisten, die weniger provokativ agieren als Individualisten, eine Herausforderung darstellen. Individualisten können ihre Sichtweisen nach Belieben verändern und fühlen sich mit Unbeständigkeit allgemein wohler, weshalb sie eher bereit sind, ihre Eindrücke zu ändern.
Einfluss der Medienreichhaltigkeit Forscher sind nicht einheitlicher Meinung, ob die nationale Kultur die Beziehung zwischen Medienreichhaltigkeit und Vorurteilen in der Eindrucksbildung vermittelt. Einige Studien, welche die Medienreichhaltigkeit manipulierten, fanden heraus, dass in Textform präsentierte Information ähnliche Eindrücke über verschiedene Kulturen hinweg erzeugt. Andere Studien hingegen belegen, dass reichhaltigere Informationsformen, wie beispielsweise Videos, interkulturelle Vorurteile effektiver reduzieren. Letzteres unterstützt die Medienreichhaltigkeitstheorie.
Akzente und Sprache Akzente und einzigartige Sprachmuster können beeinflussen, wie Menschen von Gesprächspartnern wahrgenommen werden. Beispielsweise bewerteten Versuchspersonen in einem fiktiven Bewerbungsgespräch Bewerber mit demselben Akzent wie die Versuchsperson (Akzent vom mittleren Western der USA) aufgrund wahrgenommener Ähnlichkeit positiver als Bewerber mit anderen Akzenten (kolumbianischer oder französischer Akzent). Jedoch unterschied sich die Bewertung von Bewerbern mit kolumbianischem Akzent nicht signifikant von der Bewertung von Personen mit den anderen Akzenten. Erste Eindrücke können stark von einer Ähnlichkeits-Attraktions-Hypothese beeinflusst werden: Personen werden vom Beobachter unmittelbar in die Kategorien „ähnlich“ und „unähnlich“ eingeteilt und dementsprechend beurteilt.
Körperliche Merkmale und Persönlichkeit Obwohl sich verschiedene Kulturen untereinander sehr schnell als „anders“ beurteilen können, gibt es einige Merkmale des ersten Eindrucks, die in allen Kulturen vorhanden sind. Bei Vergleichen von Merkmalseindrücken von Gesichtern von US-Bürgern und von Gesichtern der kulturell isolierten, bolivischen Tsimané, konnten interkulturelle Übereinstimmungen bei der Zuordnung bestimmter körperlicher Merkmale zu beschreibenden Eigenschaften, wie Attraktivität, Intelligenz, Gesundheit und Herzlichkeit festgestellt werden. Beide Kulturen zeigen bei der Eindrucksbildung ein starkes Attraktivitäts-Halo. Attraktive Personen werden also als kompetenter, sozialer, intelligenter und gesünder eingeschätzt.
Äußeres Erscheinungsbild Gesichter und Merkmale Das Aussehen eines Menschen gibt uns klare Hinweise auf dessen Persönlichkeit, ohne dass dieser sich bewegt oder spricht. Frauen können meist besser als Männer nonverbales Verhalten beurteilen. Personen konnten anhand von Fotos, auf denen Menschen in neutraler und in einer selbstgewählten Position abgebildet waren, sehr genau das Ausmaß an Extraversion, emotionaler Stabilität, Offenheit, Selbstwert und Religiosität beurteilen. Der kombinierte Eindruck von physischen Charakteristika, Körperhaltung, Gesichtsausdruck und Kleidungsstil ermöglicht dem Beobachter eine genaue Vorstellung von der Persönlichkeit der Zielperson, solange die Zielperson sich selbst authentisch präsentiert. Allerdings existieren in diesem Bereich widersprüchliche Daten. Andere wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sich Beobachter oft zu sehr auf die äußere Erscheinung der Zielperson anstatt auf tatsächliche Informationen verlassen. Wenn Probanden beschreibende Informationen über eine Zielperson bekommen, stützen sie sich beim Beurteilen von Persönlichkeit und Fähigkeiten trotzdem auf das Aussehen der Person. Menschen fällt es schwer, das körperliche Erscheinungsbild außer Acht zu lassen, auch wenn sie Informationen erhalten, die ihrer anfänglichen Beurteilung konträr gegenüberstehen. Beispielsweise basieren die Beurteilungen von Politikern unter anderem auf sehr kurzen Betrachtungen ihrer Bilder. Wahrgenommene Kompetenz eines Kandidaten, gemessen am (auf Gesichtsmerkmalen basierenden) ersten Eindruck, ermöglicht eine direkte Prognose des Wahlergebnisses.
Der „What is beautiful is good“-Effekt (dt. Was schön ist, ist auch gut) ist im Umgang mit ersten Eindrücken ein sehr präsentes Phänomen. Attraktive Zielpersonen werden positiver bewertet und ihnen werden mehr einzigartige Eigenschaften zugeschrieben als unattraktiven Personen. Da Schönheit zum Teil subjektiv ist, können auch Zielpersonen, die nicht als allgemein attraktiv gelten, von diesem Effekt profitieren, falls sich der Beobachter zu ihnen hingezogen fühlt.