mini|hochkant=1.5|Ein Q'ero-Priester aus den peruanischen Anden ruft die Berggeister, die ein Paket von Zeremonialgegenständen mit ihrer Macht füllen sollen. Indigene Religiosität ist in Südamerika heute noch in vielfältigen Formen präsent
Die indigenen Religionen Südamerikas umfassen alle ethnischen Glaubensvorstellungen der Eingeborenen Südamerikas.
Die Bevölkerung Südamerikas umfasst zahlreiche sehr heterogene Ethnien und Sprachfamilien mit ebenso heterogenen Gebräuchen, also auch unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und -praktiken. In den ethnischen Religionen haben nach dem Untergang der mesoamerikanischen und andinen Staatskulte vor allem die Elemente der alten Volksfrömmigkeit überlebt und ganz unterschiedliche religiöse Systeme ausgeprägt, und zwar trotz der massiven und gewalttätigen Herrschaft der spanischen bzw. portugiesischen Kolonialmächte, die allenfalls die Variationsbreite gemindert hat, ohne dass aber die Überformung durch das Christentum dieses „Heidentum“ verhindert hätte. Insgesamt bewahrten die südamerikanischen Religionen trotz dieser Hindernisse und Zwänge ihren Charakter.Mihály Hoppál: Das Buch der Schamanen. Europa und Asien. Econ Ullstein List, München 2002, ISBN 3-550-07557-X. S. 411 f., 414Mircea Eliade: Schamanismus und schamanische Ekstasetechnik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, OA 1951, ISBN 3-518-27726-X. 2001, S. 309–319.
Die Grundelemente aller südamerikanischer Religionen sind mehr oder weniger animistisch, das heißt, alles ist beseelt und die Welt wird von guten und bösen Geistern, Seelen, Hexen, Zauberern usw. bevölkert, die Schaden bewirken können, wenn die korrekten Rituale nicht eingehalten werden. Vorzeichen, Amulette und Träume sind sehr wichtig. Bei allen südamerikanischen Indigenen ist eine tiefe spirituelle Bindung an ihren Lebensraum vorhanden. In vielen Religionen glaubten die Menschen, sie könnten sich in Tiere verwandeln und anderen derart die Lebenskraft entziehen. Glaube und Frömmigkeit als solche sind entsprechend nicht sehr wichtig, hingegen sind es die Rituale und ihre korrekte Einhaltung. Dasselbe gilt für die Integration des Einzelnen in formelle religiöse Hierarchien von Sippe und Stamm.
Was das Weiterleben ritueller Traditionen in Südamerika angeht, so ist hier sehr häufig eine auffällige Vermischung mit dem Katholizismus zu beobachten und in ganz Lateinamerika finden sich daher noch derart beeinflusste alte Kulturmuster. Das ist nicht überraschend, denn die Subsistenzstrategien der ländlichen Bevölkerung sind immer noch weitgehend dieselben wie seit jeher. Heiligenfeste werden von der Kirche mit Maskentänzen begangen, andere Riten finden in der Natur an heiligen Plätzen statt, wo wie früher geopfert wird, oft in Verbindung mit christlichen Zeremonien. Berge gelten als besonders heilig. Zur Beseelung, welche die Natur in den Augen der Menschen durch die hier besonders häufigen Katastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche zeigt (Pazifischer Feuerring), tritt das kosmische Grundprinzip, das nach wie vor die Vorstellungswelt beherrscht: Die Sonne erhebt sich im Osten über den heiligen Bergen und stirbt im Westen im Ozean und im Land der Toten.Michael D. Coe (Hrsg.), Dean Snow, Elizabeth Benson: Weltatlas der alten Kulturen: Amerika vor Kolumbus. Geschichte, Kunst Lebensformen. Christian Verlag, München 1986, ISBN 3-88472-107-0. S. 162f., 221 f. Sonne (männlich) und Mond (weiblich) sind häufig ein Paar, wobei der Sonne die meisten Kulte gewidmet sind.Bernhard Pollmann: Traditionelle Religionen in Südamerika. In: Harenberg Lexikon der Religionen. Harenberg, Dortmund 2002, ISBN 3-611-01060-X. S. 900–901.
In unzugänglichen Gebieten im Landesinneren Südamerikas – wohin sich viele Ethnien während der Kolonialzeit zurückzogen und wo die Europäer aus mangelndem wirtschaftlichem Interesse kaum einmal hinkamen – haben sich die meisten traditionellen Glaubensvorstellungen erhalten. Später ging von diesen Außenposten auch der stärkste Widerstand aus. Andere Gruppen wurden praktisch ausgelöscht, wenn sie der wirtschaftlichen Nutzung durch die Kolonialherren und ihre Nachkommen im Wege standen, die derart im Verein mit dem Klerus auch ihre katholische Religion und Kultur oft mit Gewalt etablierten, ein Trend, der mancherorts – etwa in Amazonien – bis heute und diesmal unter dem Aspekt der Globalisierung andauert, auch wenn sich inzwischen vermehrt indigene Politiker etablieren.The New Encyclopædia Britannica. 15. Auflage. Encyclopædia Britannica Inc., Chicago 1993, ISBN 0-85229-571-5. Bd. 13, S. 400, 405–414.
In der Moderne zeigten sich verschiedene Ethnien wie die Guaraní, Ticuna und Canela (ein Stamm der Ge-Sprachfamilie im Bundesstaat Maranhão) von Zeit zu Zeit für christlich-messianische Bewegungen anfällig, teils im Bestreben, derart die Unterdrückung durch die Euroamerikaner abschütteln und ein sorgenloses Leben in Wohlstand mit den althergebrachten Bräuchen verbinden zu können.
Klassifizierung Es ist prinzipiell nur in seltenen Fällen möglich bzw. sinnvoll, ethnische Religionen über die Grenzen ihrer tragenden Völker hinweg zu Gruppen zusammenzufassen. Für Südamerika trifft dies in besonderem Maße zu. Dennoch gibt es diverse Versuche, solche Gruppen zu bilden.
Theologische Realenzyklopädie mini|Jaguartanz: Der Jaguar wird von Mexiko bis Amazonien in vielen Religionen vergöttert mini|Inka-Sonnentempel von Pisac in Peru
Hans-Jürgen Prien hat für die Theologische Realenzyklopädie (TRE) drei Gruppen gebildet (die bezüglich der genannten „Kulturstufen“ allerdings auf überholte Theorien des unilinearen Evolutionismus verweisen):Hans-Jürgen Prien: Lateinamerika, erschienen in: Horst Balz et al. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 20: „Kreuzzüge – Leo XIII“. De Gruyter, Berlin/New York 1990, ISBN 978-3-11-019098-4, S. 451–480.
Jäger, Fischer und Sammler mit oder ohne beginnende Landwirtschaft Diese Gruppe umfasst die Stämme des tropischen Tieflandes, die zumeist Gartenbau mit Jagd und Fischfang kombinieren, sowie einige reine Jäger- und Sammlervölker (In der TRE nicht separat genannt, jedoch notwendig hinzu gehören auch die Jägervölker des Chaco und Patagoniens). Als gemeinsame Kennzeichen nennt er Verehrung von Kulturheroen, die ihnen das Pflanzen lehrten Magisch-kultische Riten Tiergeister und/oder Vegetationsgottheiten Geisterbeschwörer, die vor allem rituell auf das ökologische Gleichgewicht Einfluss nehmen und sich um die Seelen der Menschen und Tiere kümmern, um Gefahren durch böse Geister abzuwenden.
Völker der intermediären Kulturstufe Prien bezieht diese Gruppe auf die beiden Kulturareale Zirkumkaribik und Anden-Ostrand, in denen sich deutliche Einflüsse der mesoamerikanischen- und andinen Hochkulturen feststellen lassen. Merkmale: Religiöse Vorstellungen wie im tropischen Tiefland, jedoch ergänzt durch einen differenzierten Kult nach dem Muster der Hochkulturen mit der Dreiheit: Tempel – Priester – Idole. Zudem klar bestimmbare Hochgötter (häufig assoziiert mit dem Jaguar)Richard Cavendish, Trevor O. Ling: Mythologie. Eine illustrierte Weltgeschichte des mythisch-religiösen Denkens. Christian Verlag, München 1981, ISBN 3-88472-061-9. S. 259 ff. Jedoch fließender Übergang zwischen Göttern, Menschen und Tieren. Ahnenkult und Opferkulte an die Götter Bau bestimmter Grabtypen, teilweise auch Tempel
Völker der Stufe der Hochkulturen Für Südamerika gilt dies für den Bereich der Zentralanden: Die Religion war komplex, weil sie Elemente der anderen Stufen mit einbezog. So bildete im Inka-Reich der Kult des Sonnengottes Inti, zu dem der regierende Inka im Kindschaftsverhältnis gedacht wurde, die Reichsreligion, während die Verehrung der Götter der unterworfenen Staaten und die Religiosität der Sippen mit der Verehrung der Ahnengeister und der Schutzgeister fortdauerte. Herausbildung einer besonderen Priesterklasse für den Tempelkult, die sich vom Medizinmannwesen abhebt eher jenseitige Totenreiche als Einfluss der Toten auf die Lebenden wie bei den anderen Kulturen
„Religiöse Kulturareale“ nach Mark Münzel mini|Kulturareale Südamerikas nach Münzel
Der deutsche Ethnologe Mark Münzel hat Ende der 1970er Jahre auf Grundlage der Arbeiten von Clark Wissler (1922) und Alfred Kroeber (1923) eine Einteilung Mittel- und Südamerikas in neun (bzw. elf) Kulturareale vorgelegt, die für jedes Areal auch eine Charakterisierung der dortigen Religionen enthält. Zu einer sehr ähnlichen Einteilung kam auch Julian Steward im Handbook of South American Indians sowie John Bierhorst mit seinen mythischen Regionen Südamerikas (1988).Elke Mader: In: lateinamerika-studien.at, Wien, S. 36–37. Abgerufen am 15. Februar 2016. Da Münzel in vielen Fachpublikationen herangezogen wird, erscheint es sinnvoll, im Folgenden eine Zusammenfassung seiner Religionscharakteristiken – mit einigen Ergänzungen aus anderen Quellen – vorzustellen:
Zirkumkaribik Im Norden des andinen Bereiches bestanden Kontakte zu den Hochkulturen Mittelamerikas als auch - Südamerikas, wie Gemeinsamkeiten in den Mythen zeigen (etwa im Zusammenhang mit dem Jaguar, der zum Teil als Personifizierung der Mutter Erde gesehen wird).Douglas T. Peck: Ix Chel Maya Queen of Heaven in the New World: Evolution of the Maya Goddess Ix Chel from Ancient Times to Modern Times. Xlibris Corporation, 2011, ISBN 978-1-4568-5039-5. S. 35–44. Auch gab es starke Wechselwirkungen mit den karibischen Ethnien. In dieser Region ist ein deutlicher Hochgottglaube vorhanden, der allerdings überall frühe Einflüsse des Christentums aufweist. Dieser Gott ist oft ein Kulturheros, der den Anbau von Bananen und Mais und die Herstellung von Chicha (Maisbier) lehrte. Daneben glaubt man noch an eine Reihe anderer Götter und Geister. Im Gegensatz zu den Andenkulturen gab es dort keine Priester, sondern stattdessen verschiedene Arten von Medizinmännern, die teils große Macht hatten. Der bedeutendste Ritus ist die Initiation der Jugendlichen zum Erwachsenen. Der religiöse Alltag war früher vor allem der Krankenheilung gewidmet.Lindig u. Münzel, S. 77–78.
Zentralanden Obwohl die andinen Kulturen erheblich von den Europäern beeinflusst wurden und die Menschen sich heute zumeist Christen nennen, sind traditionelle religiöse Praktiken noch weit verbreitet und vermischen sich teilweise mit dem Katholizismus. Vielerorts wird zudem noch scharf getrennt zwischen diesem synkretistisch durchsetzten Christentum der „Weißen“ und Mestizen einerseits und den indigenen Religionen andererseits, die allerdings heute auch gewisse „gleichberechtigte“ christliche Elemente enthalten. So wird etwa in der wichtigen andinen Göttin Pachamama ganz bewusst sowohl die traditionelle, nicht personifizierte Mutter Erde, als auch die Verehrung der Jungfrau Maria gesehen.Lindig u. Münzel, S. 104–107.
Das einstige Inka-Reich deckt sich in etwa mit dem Staatsgebiet des heutigen Peru. Es erstreckte sich aber in seiner größten Ausdehnung bis nach Bolivien, Ecuador, Argentinien und Chile. Die Inka-Mythen wurden nie völlig vergessen und sind teils bis heute lebendig, etwa im Mythos des Inkarrí (eine Zusammensetzung aus Inka und span. rey = König), des ersten Menschen, in dem Berggeister (apus) eine wichtige Rolle bei der Erschaffung von Sonne und Menschen spielen.
Typisch für die christlichen Elemente in der heutigen zentralandinen Religion ist die prinzipiell negative Eingliederung der christlichen Elemente: Gott achtet wenig auf die Menschen und Jesus sowie die Heiligen symbolisieren die Konquistadores, die den Indianern das Land raubten; der Katholizismus wird mit Grausamkeit und Angst gleichgesetzt, während die alten Gottheiten und Mächte für das fruchtbare Leben stehen. Diese Kritik an der Mission ist bereits in der Inkarrí-Mythe sichtbar.