Die Geschichte der Hethiter umfasst die Entwicklungen des hethitischen Großreiches von 1600 bis 1200 v. Chr. und der ihm nachfolgenden hethitischen Kleinstaaten. Ferner umfasst sie die Ursprünge des hethitischen Volkes und seine Entwicklung bis zum Großreich.

Datierung Die Regierungslängen hethitischer Herrscher lassen sich mangels hethitischer Quellen nicht genau datieren. Briefe mit anderen Königen und Inschriften erlauben nur punktuelle Datierungen, die sich zusätzlich an die „kurze“ oder „mittlere“ Chronologie anlehnen. Eine von Muršili II. in seinem zehnten Regierungsjahr erwähnte Sonnenfinsternis kann mit verschiedenen Sonnenfinsternissen verbunden werden, wobei die Sonnenfinsternis im Jahre 1312 v. Chr. derzeit bevorzugt wird. Siehe dazu Sonnenfinsternis des Muršilis.

Indogermanische Ursprünge Die Herkunft der Hethiter ist bis heute unsicher. Nach Colin Renfrews Anatolien-Hypothese gehörten sie zu den „Ureinwohnern“ Kleinasiens. Nach stark überwiegender Forschungsmeinung sind Sprecher des anatolischen Zweigs der indogermanischen Sprachen jedoch aus Gebieten nördlich des Kaukasus oder vom Balkan aus nach Anatolien eingewandert. Archäologisch lässt sich eine Einwanderung indogermanischer Völker nicht belegen, zumal eine Verbindung von kulturellen Einschnitten, etwa im späten 3. Jahrtausend v. Chr., mit der Ankunft von Indogermanen kaum beweisbar ist. Vielleicht wanderten Indogermanen nach und nach in Anatolien ein und vermischten sich mit der einheimischen, unter anderem hattischen Bevölkerung. Neben dem Hethitischen bildeten sich in Kleinasien noch andere anatolische Sprachen heraus, darunter das Luwische im Süden und Westen und das Palaische im Norden und Nordwesten Anatoliens. Die Einwanderung der Indogermanen wird oft auf in die zweite Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. datiert. Einige Forscher sehen einen Zusammenhang mit der Demircihüyük-Kultur (ca. 3500–2500 v. Chr.).

mini|Lage von Pala Nach Belegen assyrischer Händler ist jedoch sicher, dass Hethiter im 19. und 18. Jahrhundert v. Chr. in Kaniš (türk. Kültepe „Aschenhügel“, beim heutigen Kayseri gelegen) lebten. Dort wird gelegentlich von einem Fürsten Anitta geredet. Dies ist der erste Nachweis von Hethitern. Die Assyrer führten währenddessen die mesopotamische Keilschrift in Anatolien ein. Der erste aus dieser Zeit bekannte König (eher ein Fürst) der dortigen Kleinkönigreiche war Uḫna aus Zalpa, der die Stadt Kaniš zerstörte und die Hauptgottheit dieser Stadt verschleppte. Vermutlich war er verantwortlich für die völlige Zerstörung von Kaniš, die unsicher auf ca. 1835 v. Chr. datiert wird.

Ein sehr früher Text aus dieser Zeit, der nur in Abschriften erhalten ist, überliefert Anittas Bericht über die Eroberungen seines Vaters Pitḫana. Dieser stamme aus der noch nicht wiederentdeckten Stadt Kuššara und habe durch einen nächtlichen Überfall eine der bedeutendsten anatolischen Städte, Kaniš, in seine Gewalt gebracht. Dahin verlegte er seine Residenz. Um 1730 v. Chr. zog König Anitta von Kaniš/Neša gegen Zalpa, nahm König Ḫuzziya von Zalpa gefangen und führte die von Uḫna geraubte Statue zurück nach Kaniš/Neša. Anitta zerstörte die Stadt Ḫattuša, die von König Piyušti regiert wurde, und belegte die Ruine mit einem Fluch. Erst 150 Jahre später richtete Labarna I. hier seine Residenz ein. Anschließend eroberte Anitta Šalatuwara; der König des Fürstentums Purušḫanda beehrte ihn daraufhin mit einem eisernen Szepter und einem eisernen Thron, der zum Thron aller Herrscher wurde. Purušḫandas Bevölkerung soll sich sehr von der in Kaniš unterschieden haben und wird teilweise als luwisch betrachtet. Damit definierte Anitta das Kernland des hethitischen Reiches, während die Fürstentümer Pala und Luwiya noch unabhängig waren.

Für die Zeit nach Anitta fehlt jegliche Information, denn der assyrische Handel kam für rund 100 Jahre zum Erliegen und Kaniš versank in die Bedeutungslosigkeit. Offenbar fallen die Hethiter in einen Zustand zahlreicher Kleinstaaten zurück. Erst der Aufstieg eines neuen Königs namens Ḫuzziya, der ebenfalls aus Kuššara stammte, leitet die Zeit des hethitischen Reiches ein. Der Name Ḫuzziya ist als Gegner Anittas von einem Ort namens Zalpa bekannt. Dieses Zalpa (eventuell die Ruinen von İkiztepe, nahe dem heutigen Bafra) spielt bei einer hethitischen Legende eine bedeutende Rolle. Demnach habe eine Königin aus Kaniš 30 Söhne geboren und auf einem Fluss ausgesetzt, die nun im Lande Zalpuwa aufwuchsen. Später seien sie nach Kaniš gezogen und hätten ihre Schwestern geheiratet. Diese Legende wird als Einwanderungslegende gedeutet.

Zalpa liegt am Schwarzen Meer an der Mündung des Kızılırmak (griechisch Halys, hethitisch Maraššanta) im Lande Pala. Palaisch ist nach Forschungslage etwas älter als Hethitisch. Jährliche Opferungen in Zalpa gehörten zur königlichen Pflicht. Später nutzten die Kaškäer offenbar denselben Einwanderungsweg.Hethitologieportal Mainz, Uni Würzburg

Hethitische Fürstentümer (bis 1700 v. Chr.)

In der hethitischen Frühzeit wurde der hattische Kulturraum von hattischen Fürstentümern beherrscht. Über einen regen Handel mit dem Zweistromland Assyrien bildete sich Kaniš als bedeutendste Handelsmetropole heraus. Die Händler von Aššur (am mittleren Tigris im nördlichen Irak) kamen nach Anatolien, um vor allem Rohstoffe wie Kupfer, Silber, Gold und wertvolle Steine zu kaufen. Mit Eselskarawanen wurden die Güter nach Mesopotamien geschafft. Von dort kamen im Gegenzug unter anderem Zinn, Stoffe und Kleider. Außerdem beteiligten sich die assyrischen Kaufleute am inneranatolischen Handel. Das östliche Anatolien war mit einem Routennetz überzogen, dessen Knotenpunkte die Handelsstationen bildeten. Sie lagen in Zentralanatolien jeweils bei den Hauptorten hattischer Fürstentümer, wo die assyrischen Händler mit ihren Familien in separaten Vierteln lebten. Sie genossen den Schutz der hattischen Herren und waren steuerpflichtig. Mit den assyrischen Händlern kam die Keilschrift nach Anatolien. Kauf und Verkauf, Termingeschäfte, Kredite und Tauschaktionen wurden auf Tontafeln mit akkadischer Keilschrift festgehalten. Auf diesen Tafeln findet sich auch die erste Erwähnung der späteren Hauptstadt Ḫattuša.

In diesen ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends v. Chr. gab es in Zentralanatolien häufig Konflikte zwischen den einheimischen hattischen Fürsten und den hethitischen Gruppen, die ihre Macht auszudehnen versuchten. Die Grabungen in Ḫattuša zeigen, dass die Stadt um 1700 v. Chr. in einem großen Brand zugrunde gegangen ist. In einem Keilschrifttext berichtet ein König Anitta von Kuššara, dass er den König Piyušti von Ḫattuš geschlagen und seine Stadt zerstört hat.

In diesem Zeitraum gingen auch die Handelsbeziehungen nach Assyrien abrupt zu Ende, wohl durch Blockade der Reisewege durch die in Syrien eingewanderten Hurriter.

Altes Reich (ca. 1600–1500 v. Chr.)

Der erste hethitische Großkönig, der in Ḫattuša seine Residenz nahm, stammte aus Kuššara, der Heimat des einstigen Zerstörers der Stadt, Anitta. Er nahm aber den Namen Ḫattušili, „der von Ḫattuša“, an. Unter seiner Herrschaft kam es zur Einführung der mesopotamischen Keilschrift in einer nordsyrischen Variante, die mit dem Zusammenbruch des assyrischen Handelsnetzes aus Anatolien wieder verschwunden war. Daraus entwickelte sich eine anatolische Schreibtradition, die zur Überlieferung zahlreicher Daten auf Tontafeln geführt hat: Hethitische Staatskorrespondenz und Verträge sind ebenso erhalten geblieben wie Gesetzessammlungen, Kultvorschriften, Orakel und altorientalische Literatur. Die seit 1906 ausgegrabenen Archive von Ḫattuša mit rund 30.000 Tontafeln und -fragmenten bilden den Hauptfundus.

Großkönig Ḫattušili I. (1565 bis 1540 v. Chr.) betrieb den Ausbau des Reiches durch gezielte Eroberungen in Inneranatolien und eine Expansion nach Süden über das Taurusgebirge nach Nordsyrien. Ḫattušili I. eroberte Aleppo (heth. Ḫalpa) und nahm als Symbol der Überlegenheit die Statue des dortigen Wettergottes mit nach Ḫattuša. Jetzt nannte er sich „großer König“. Als schwierig erwiesen sich die Kämpfe gegen die Hurriter in Südostanatolien/Nordsyrien, gegen die Ḫattušili kein endgültiger Sieg gelang. Er konzentrierte sich nun auf die Absicherung des neuen Reiches. Er bestimmte seinen Enkel Muršili I. zu seinem Nachfolger.

Muršili setzte die Eroberungen im Süden fort, deren Ziel die Ausschaltung der syrischen Stadtstaaten und die Kontrolle über die Handelsrouten nach Mesopotamien war. Aleppo wurde erneut erobert. Eine Intervention in Babylon, 1200 km von Ḫattuša entfernt, beendete die Dynastie von Hammurapi. Bald darauf wurde Muršili, verraten von einem Verwandten, ermordet. Es folgte eine Zeit der Unruhe und vieler Königsmorde. Der hethitische Machtbereich war am Ende dieser Zeit auf die zentralanatolischen Gebiete geschrumpft und der Staat befand sich in einer tiefen Krise. Babylon ging verloren, und der kassitische König Agum II. Kakrime konnte sogar die erbeuteten Götterstatuen nach Karduniaš zurückholen.

Mittleres Reich (ca. 1500–1350 v. Chr.) Es folgten auf den Thron vier Könige ohne bisher bekannte größere Bedeutung: Ḫantili I., Zidanta I., Ammuna, Ḫuzziya I. bis etwa 1500 v. Chr. Telipinu die Macht übernahm und diese durch verschiedene Erlasse absicherte. Er versuchte, die Thronfolge durch einen größeren Einfluss der Versammlung der höchsten Adligen, als unabhängige Gerichtsinstanz, zu regeln. Es gab jetzt zum ersten Mal ein Kontrollinstrument außerhalb der königlichen Familie.

Diese Periode wird auch als das Mittlere Reich bezeichnet. Sie ist weiterhin stark von innerpolitischen Machtkämpfen und dem Verlust der außenpolitischen Vormachtstellung in Nordsyrien an das Reich der Mittani geprägt. Auch im Norden des Reiches gab es einen dauerhaften Feind, die Kaškäer, die in den Bergen im Norden und Nordosten am Schwarzen Meer siedelten. Sie fielen zur Erntezeit regelmäßig plündernd in das Hethiterreich ein. Sie versuchten nie, dauerhaft das Reich zu erobern, sondern zogen sich mit der Beute in die Berge des Nordens zurück und waren eine immerwährende Bedrohung für alle Großkönige des Hethiterreiches.

König Tudḫaliya I. (etwa 1420 v. Chr.) versuchte, das Einflussgebiet des alten Reiches wiederherzustellen. Inschriften belegen Feldzüge an die Westküste in das Gebiet von Arzawa und in das nördliche Mesopotamien. Mit dem Reich von Kizzuwatna im Südosten der heutigen Türkei schloss er einen Vertrag. Das Kerngebiet des Hethiterreiches blieb aber, auch unter seinen Nachfolgern bis zum Großkönig Šuppiluliuma I., auf Zentralanatolien beschränkt. Neben den ständigen Angriffen durch die Kaškäer kam es immer wieder zu Aufständen gegen die Hauptstadt Ḫattuša, bei denen lokale Fürsten nach Unabhängigkeit strebten.

Die Zeit des hethitischen Großreichs (ca. 1350–1200 v. Chr.) Großkönig Šuppiluliuma I. mini|350px|Das Hethiterreich im 13. Jahrhundert v. Chr.

Großkönig Šuppiluliuma I. reformierte das Reich und konnte seine mächtigen Gegenspieler, den hurritischen Staat von Mittani im Bereich von Euphrat und Tigris (heute Südosttürkei, Nordsyrien und Nordirak), zurückdrängen. Auch das im Westen gelegene, zwischenzeitlich zur Großmacht aufgestiegene Reich Arzawa wurde zerschlagen. Das hethitische Reich beherrschte nun fast ganz Kleinasien und Syrien. Das hethitische Gebiet in Syrien grenzte direkt an die nördlichste Provinz des ägyptischen Reiches, und so kam es auch zwischen diesen beiden Mächten bald zu Kämpfen.

Die Hethiter und Ägypten