Oktoberdruck ist eine mittelständische Druckerei im Berliner Ortsteil Alt-Hohenschönhausen.

1973 im damaligen Bezirk Kreuzberg als Projekt genauer als Kollektivbetriebhttps://www.kollektiv-betriebe.org/infos/was-ist-ein-kollektivbetrieb/ gegründet, legte die Firma von Beginn an eine starke Betonung auf ihre Organisationsstruktur und orientiert sich nicht an gängigen, betriebswirtschaftlichen Vorstellungen und Kriterien: „Anders als in konventionellen Betrieben gab und gibt es bei Oktoberdruck eine gewählte hierarchische Struktur. […] Auch rechtlich gesehen befindet sich das Unternehmen fest in der Hand der Mitarbeiter.“Michael Schüle: Ökoanspruch in Druckereien wächst. Druck & Medien Magazin, Juli 2002, Druck-Medien-Verlag, Waiblingen, S. 23. „Und auch der Einheitslohn ist erhalten geblieben.“Katja Winckler: Marketing in eigener Sache, W&V (Werben&Verkaufen), 9/2008, Unternehmensgruppe Süddeutscher Verlag, München, S. 68.

Oktoberdruck durchlief die Entwicklungen seit den 1970er Jahren bis heute (Stand: 2016) als ein im marktwirtschaftlichen Umfeld untypisches Unternehmen, dessen Mitarbeiterschaft es gelang, ursprüngliche Ideale zu bewahren und dort, wo Umstände und Erfahrungen es geboten, diese regelgerecht anzupassen.

Von 2001 bis Ende 2017 war Oktoberdruck in der Oberbaum-City beheimatet. Die Oktoberdruck AG wurde im Jahr 2017 abgewickelt und ist seitdem eine GmbH mit Sitz in Berlin-Alt-Hohenschönhausen. Geschäftsführerin ist Lysann Oliveros Muguercia (Stand: 2026).

Kurzporträt mini|Teil der Belegschaft, 2014

Oktoberdruck ist ein Kleinunternehmen mit einer im Produktionssektor deutschlandweit einzigartigen Betriebsverfassung. Gegründet wurde es früh in der Alternativbewegung der 1970er Jahre als Kollektivbetrieb. In der ursprünglichen Konsequenz konnte die interne Struktur nicht aufrechterhalten werden – über mehrere Krisen hinweg, die regelmäßig im Zusammenhang mit Betriebserweiterungen erfolgten, wurden die Organisationsformen an innere und äußere Bedingungen angepasst. Dennoch ist es den Belegschaften gelungen, über 40 Jahre hinweg die Prinzipien mit an der Praxis orientierten Modifikationen zu erhalten.

mini|hochkant|Standort Oberbaum City (Narva-Hochhaus)

Es sei „die Geschichte einer erstaunlichen Prinzipienfestigkeit: […] gleicher Lohn und gleiche Mitspracherechte für alle, dazu ein vorbildliches Umwelt-Engagement. Der Umweltbericht 2008 ist vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung als beste KMU-Umwelterklärung ausgezeichnet worden.“Urs Fitze: CSR – das neue Wirtschaftswunder, enorm – Wirtschaft für den Menschen, Social Publish Verlag Hamburg, Nr. 1 (April–Mai) 2011, S. 30.

Dies wurde auch in der eigenen Branche gewürdigt: „Daß die Berliner Druckerei als ein Unternehmen mit Weitblick und Mut für außergewöhnliche Entscheidungen gilt, zeigt sich unter anderem im intensiven Engagement für den Umweltschutz. Die ökologische Ausrichtung von Produkten sowie der Produktion stehen bei Oktoberdruck in langer Tradition. Seit 1995 verfügt Oktoberdruck als erste Druckerei in Berlin/Brandenburg über ein Umweltmanagement-System mit eingetragenem Standort nach der EU-Öko-Audit-Verordnung (EMAS).“Michael Schüle: Ökoanspruch in Druckereien wächst. Druck & Medien Magazin, Druck-Medien-Verlag, Waiblingen, Juli 2002, S. 23.

Eine Zusammenfassung des innovativen Potentials findet sich in der Begründung zur Verleihung des Berliner Umweltpreises 2012:

„Die Oktoberdruck AG ist mit ihrer nachhaltigen Unternehmensphilosophie eine außergewöhnliche Druckerei. Die Druckerei hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und Maßstäbe in der Druckbranche gesetzt und gehört heute zu den führenden Offsetdruckereien in Berlin.“BUND Berlin: „40 Jahre gelebte Nachhaltigkeit“ –

Belegschaft Zur Belegschaft zählen bei Oktoberdruck alle Mitarbeiter – von Aufsichtsrat, über Geschäftsführung, Büro und Werkstatt bis zu Praktikanten.Die Anzahl der Beteiligten schwankte in den nun über 42 Jahren Betriebsdauer: Von den drei, dann vier Gründern zu 30 Kollektivmitgliedern Mitte/Ende der 1970er Jahre, dann – Mitte der 1980er – „waren wir 12 Leute, in Hochzeiten nach der Maueröffnung bis zu 45, heute sind wir 25.“ Gegenwärtig [Stand: 2016] sind es 15 Mitarbeiter. (M. Fuchs-Buschbeck in: Contraste, 2009).

Doch den Krisen der Marktwirtschaft entgeht auch eine solidarische Betriebsform nicht:

„Seine größte Krise überstand Oktoberdruck, als der teure, zeitraubende Umzug in die jetzige Betriebsstätte in der Berliner Oberbaum-City zusammen mit den sowieso extrem schwierigen Bedingungen der von Preiskämpfen und hohem Rationalisierungsdruck gebeutelten Branche den Betrieb an den Rand einer Insolvenz drängte. […] Am Ende stand die Erkenntnis, dass 13 Entlassungen notwendig waren, und die Frage, wer in einem hierarchiefreien Betrieb wen entlässt. ‚Wir haben das dann auseinander dividiert: Wer hatte eine andere Ausbildung, wer hatte gerade Kinder zu erziehen, wen kann man woanders hin vermitteln mit seinen Qualifikationen? Das in diesem Spannungsfeld selbst auszuarbeiten – das war eine der schlimmsten Sachen, die einem passieren können!“Gregor Stadlober: Labor für Zusammenarbeit (Gespräch mit der Vorstandsfrau Martina Fuchs-Buschbeck) in: strassen|feger, Januar 2010, S. 6. Damals noch nicht, aber später war auch Frau Fuchs-Buschbeck an der Reihe.

Martina Fuchs-Buschbeck war von 1999 bis 2014 Geschäftsführerin bei Oktoberdruck. Die Firma besaß von 2004 bis 2015 einen dreiköpfigen weiblichen Aufsichtsrat.

Produkte (Angebot) Der Tätigkeitsbereich umfasst die Gesamtherstellung Druckproduktion. „Zu den Stammkunden des Betriebs […] gehören Agenturen, Vereine, Verlage und die öffentliche Hand, für die neben Periodikas auch Broschüren, Faltblätter, Plakate, Bücher, Postkarten und Geschäftspapiere hergestellt werden.“Michael Schüle: Ökoanspruch in Druckereien wächst., 2002, S. 23. Dazu kommen Aufträge aus den Bereichen Kunst und Kultur. Spezialität sind anspruchsvolle Druckwerke auf hochwertigem, umweltverträglichem Material (auch auf Recyclingpapier). Wert wird auf Beratung und den laufenden Kundenkontakt gelegt.

Geschichte

Gründung Oktoberdruck entstand in einer Phase gesellschaftlicher Aktivität, in der eine innovative Jugendgeneration – die später sogenannte „Alternativbewegung“ – begann, sich Freiräume zu erkämpfen und bereits gewonnene zu konsolidieren: Dabei wurden zahlreiche Projekte gegründet, die von Bedeutung für eine eigene, unabhängige Logistik waren, etwa in der Herstellung unzenzierbarer Druckwerke.

mini|Die Druckerei am Paul-Lincke-Ufer

Die Gründer waren Constantin Bartning, Marlis Gosch (zuvor bei AGIT-Druck), die „1973 zusammen mit Dieter Melk ihre eigene Druckerei“ aufbauten.Broschüre 20 Jahre Oktober – 1973, 1993, Archiv OD. Alter der Gründer: Anfang bis Mitte Zwanzig. Heimstatt des neuen Betriebes wurden die seit längerem leerstehenden Räumlichkeiten am Paul-Lincke-Ufer 44a in Kreuzberg.

In den 1970er Jahren funktionierte das kollektive Arbeitsmodell, getragen von der Aufbruchstimmung der Bewegung und der damit wachsenden Auftragslage. Der durch den Erfolg entstehende Rationalisierungs- und Organisationsdruck führte zur ersten Zerreißprobe: Der „Übergang von der Aufbauphase zum Alltag der Konsolidierung. Die Probleme wachsen immer weiter, je größer das Kollektiv wird.“Constantin Bartning: Lohnarbeit und Kollektiv in: päd.extra 1/1981 und im Stattbuch 1, Berlin, 1981, S. 24. 1978 lehnte das Kollektiv eine weitere technische Innovation – Rollenoffset – ab:

Der verbliebene ‚Kern‘ der Belegschaft ignorierte die Insolvenz, mit Kunden- und Zulieferer-Unterstützung wurde die Krise gemeistert.

Betriebsphasen Im Jahr 1980 wurde eine GmbH auf der Basis von Mitarbeiteranteilen gegründet. Eine zweite Projekt-Gründerwelle mit erneutem hohen ‚Veröffentlichungsbedarf‘ führte in den 1980er Jahren zu einer anhaltenden Stabilisierungsphase.Geschätzt wurde „1980 die Gesamtheit aller selbstorganisierten Projekte sowie autonomen Arbeitskollektive und Kleinbetriebe der Bundesrepublik auf etwa 11.500, die von etwa 80.000 Personen betrieben wurden. Sechs Jahre später sollen in 18.000 Projekten bereits 200.000 Menschen tätig gewesen sein.“ Die Berliner Alternativszene wurde 1982 mit etwa 1200 Projekten veranschlagt. (Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft, Suhrkamp stw 2075, Berlin 2014, S. 323.)

mini|Das Kollektiv in den 1990er Jahren

Im Zusammenhang mit erneuter Expansion 1990 und zehn Jahre später nach dem Umzug geriet Oktoberdruck in Krisenlagen, die mit gesellschaftlichen Veränderungen oder technologischen Umbrüchen korrespondierten und Anpassungen von internen Strukturen und damit neue Differenzierungen der Firmenphilosophie erforderten. Da man die Grundsätze nicht aufgeben wollte, nahm man 1991 auch einmal „professionelle Hilfe“ durch die Firma Prognos in Anspruch, die das Problem in der Betriebsorganisation sah.

Die ‚Betriebsidee‘ sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, doch wurden ‚klassische‘ Firmenstrukturen eingeführt: Geschäftsführung, Abteilungsleitung und Aufsichtsrat. Der ‚innovative Kern‘ blieb die Tatsache, dass die Besetzung der Positionen über demokratische Wahlen erfolgte.

„Oktoberdruck ist heute ein Unternehmen, das einerseits, wie alle anderen auch, seine Existenzberechtigung am Markt fortlaufend prüfen muss, andererseits ist es bis heute eine Werkstatt für Zusammenarbeit.“ (2009)Martina Fuchs-Buschbeck: Kollektiv und Selbstverwaltung in: Contraste, Verein zur Förderung von Selbstverwaltung und Ökologie, Heidelberg, Februar 2009, S. 7.

Technik Das Konzept von Oktoberdruck war nicht nur auf eine alternative Arbeitsorganisation und neue Umgangsformen angelegt, sondern von Anfang an durch einen bewussten Einsatz von Technik geprägt. Dies begann mit einer „nagelneuen Rotaprint 50-70“ und den aktuellen Maschinen im Mehrfarbendruck bis zu den heute modernen Druckstraßen.

mini|Die Druckerei in der Oberbaum-City, ab 2002

Dass stets neuste Maschinen angeschafft werden konnten, hing bis in die 1990er Jahre in Berlin auch mit den Subventionen zusammen. Die hohe Investitionsbereitschaft von Oktoberdruck bezog sich jedoch nicht nur auf die Produktionsmittel, sondern auch auf die in der Wirtschaft lange als ‚unproduktiv‘ betrachteten ökologischen Neuerungen.

Gedruckt wird heute auf Heidelberg Offset-Maschinen im Format 70 cm × 100 cm (Bogenoffset, Stand: 2021).

Abwicklung und Umwandlung in eine GmbH Die Oktoberdruck AG wurde 2017 liquidiert und in eine GmbH umgewandelt. Die Druckerei arbeitet nun, noch immer mit umweltfreundlichem Konzept, im Ostberliner Bezirk Alt-Hohenschönhausen.

Unternehmensstruktur

Rechtsform Nach den ersten sieben Jahren ohne äußere Zwänge (faktisch als GbR) mussten in Folge der ersten Krise Ende der 1990er Jahre die Eigentumsverhältnisse geklärt und Zuständigkeiten differenziert werden. Zum 1. Januar 1980 wurde eine GmbH mit Belegschaftsanteilen gegründet. Nach Gründung der GmbH 1980 und einer „Phase der Konsolidierung“ mit sprunghafter Vergrößerung folgten 1990 erneute interne Spannungen – gelöst durch die Umwidmung in eine Aktiengesellschaft, die in der Hand aktueller und ehemaliger Mitarbeiter blieb.

Interne Organisation Die interne Organisation von Oktoberdruck heute, die in einer Betriebsverfassung festgeschrieben wurde, ist Resultat dieser langjährigen Erfahrungen und Auseinandersetzungen.

Entscheidungsstrukturen Auf die ursprüngliche Idee kollektiver Entscheidungen (Konsensprinzip) folgte in den achtziger Jahren die „flache Hierarchie“ durch Wahlen (Basisdemokratie). Intern wurde das Prinzip „1 Person = 1 Stimme“ bis in die Gegenwart festgeschrieben. Für die einer GmbH und später der Aktiengesellschaft obliegenden Entscheidungen wurde und wird die (vorgeschriebene) Stimmverteilung anhand von Anteilen praktiziert: „Nach außen gilt das AG-Recht und die Satzung der Oktoberdruck AG, nach innen die Betriebsverfassung.“

Die Führung wird gewählt und dann vom Aufsichtsrat eingesetzt.