Die evangelisch-lutherische St.-Nicolai-Kirche in Grünhain ist eine klassizistische Hallenkirche und wurde 1808–1812 als typische sächsische Predigtkirche nach Entwürfen des Architekten Johann Traugott Lohse gebaut. Das Gotteshaus hatte einige Vorgängerbauten, deren erster um das Jahr 1200 errichtet worden war. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche ist dem hl. Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Reisenden und Händler, geweiht.
Baugeschichte Erste Gotteshäuser Um das Jahr 1200 veranlasste Ritter Heidenreich, ein Lehensmann von Meinher II, Burggraf zu Meißen, an dieser wichtigen Stelle der Salzstraße aus dem Erzgebirge nach Böhmen den Bau eines ersten Kirchengebäudes. Nach Rückgabe des Lehens entstand das Zisterzienserkloster Grünhain, dessen Bauten schrittweise ab dem 20. September 1235 bezugsfertig wurden. Papst Innozenz IV. soll 1244 dem Orden die Kirche zugeeignet haben.Die St.-Nicolai-Kirche zu Grünhain; Informationstafel im Kirchenvorraum; Stand Mai 2015. So bestanden in dieser Zeit zwei Kirchen in Grünhain.
Im Jahr 1530, nach der Reformation, setzte der sächsische Landesherr einen Verwalter (Sequester) für die Klosteranlage ein, die in der Folge aufgelöst und die Stadtkirche evangelisch wurde. Die Klosterkirche blieb ungenutzt und wurde schließlich zu einer Ruine. Im Jahr 1536 brannte St. Nicolai ab, wurde aber bis 1546 wieder aufgebaut. Im Februar 1553 brach ein weiterer Brand aus. Wieder baute die Gemeinde ihre Kirche bis 1559 neu auf, in die – nach unbestätigten Überlieferungen – Fenster, Kirchenbänke, Glocken und die Orgel der Klosterkirche eingebaut worden sein sollen.
Im Dreißigjährigen Krieg, am 8. November 1632, stürmten kaiserliche Truppen den Ort Grünhain, der danach für fast 20 Jahre wüst lag.
In den Jahren 1651–1657 erfolgte im Zusammenhang mit dem Zuzug neuer Bewohner ein dritter Wiederaufbau der Stadtkirche, 1659 war auch der Kirchturm fertig geworden. Die erste Orgel war vernichtet, bis 1674 hatte Matthias Tretzscher aus Kulmbach ein neues Musikinstrument hergestellt und eingebaut.Im Kircheninneren ausgehängte Informationstafel; 2015.
Ein neues Unglück geschah am 22. Juli 1802, als ein Blitzeinschlag große Teile der Kirche stark beschädigte. Die Reparatur dauerte ein Jahr und kostete die Gemeinde 1400 Taler. Ein großer Stadtbrand in der Nacht vom 5. zum 6. November 1807 ließ schließlich von der Kirche nichts mehr übrig, weder Inventar noch Dokumente konnten gerettet werden. Auch zahlreiche andere Gebäude des Ortes fielen in Schutt und Asche.
Neubau zu Beginn des 19. Jahrhunderts Nun musste die Kirchenruine abgetragen und ein Neubau geplant werden. Das Kirchengebäude entstand nach Plänen und unter Leitung von Johann Traugott Lohse aus Pleißa. Am 19. Juni 1809 wurde der Grundstein feierlich gelegt, am 25. und 26. Oktober 1812 konnte die im neoklassizistischen Baustil errichtete neue St. Nicolai-Kirche eingeweiht werden.
Orgeln Für das neue Gotteshaus bestellte die Gemeinde bei dem Orgelbauer Johann Gottlob Trampeli aus Adorf/Vogtl. auch eine neue Orgel. Diese wurde wegen des plötzlichen Todes des Meisters von seinem Lehrling Christian Gottlob Steinmüller, der kurz vor der Gesellenprüfung stand, fertig gebaut. Das Instrument mit zwei Manualen und 25 Registern erfüllte alle Wünsche der Nicolaigemeinde, woraufhin die Grünhainer Steinmüller zur Einrichtung seiner Orgelbauwerkstatt im Ort bewegen konnten. Steinmüller baute hier schließlich weitere 25 Orgeln, von denen die meisten im 21. Jahrhundert erhalten sind – beispielsweise in Arnoldsgrün, Großrückerswalde, Pausa, Raschau, Schwarzbach, Thierfeld und Wolkenstein. Fast genau nach 100 Jahren baute die Firma A. Schuster & SohnHomepage der Orgelbaufirma eh. Schuster, abgerufen am 26. Juni 2016. die Orgel um und erweiterte ihren Spielbereich.Ulrich Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen, Leipzig 1983, S. 147f.Rolf Böttcher: Die Orgel in der St. Nicolai-Kirche zu Grünhain, in: Erzgebirgische Heimatblätter 36 (2014), Heft 5, S. 13f. Im Jahr 1934 erfolgte wiederum ein Eingriff. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde festgestellt, dass durch die wiederholten Eingriffe ein Teil der historischen Substanz des Instruments verloren und ihre Bespielbarkeit nur noch eingeschränkt möglich war. So plante die Kirchengemeinde in der DDR-Zeit 1977 den Einbau einer neuen Orgel, was wegen fehlender Kapazität und Materialproblemen nicht realisiert werden konnte. Die Situation führte schließlich dazu, dass die Steinmüller-Orgel im Jahr 1994 gänzlich stillgelegt werden musste.
Die politische Wende mit dem Ende der Kirchenrepression ermöglichte jedoch ab 1997 eine komplette Sanierung und Restaurierung der gesamten Kirche und ihres Inventars. Die noch vorhandenen historischen Pfeifen aus sieben Registern der Orgel wurden abgebaut und restauriert, andere wurden verkauft oder dem Recycling zugeführt. Bei der Anfertigung eines neuen Instruments durch den Orgelbauer Ekkehart Groß aus WaditzHomepage des Orgelbaumeisters Ekkehard Groß aus Waditz, abgerufen am 22. März 2016. wurden die restaurierten Teile mitverwendet, ebenso der restaurierte ursprüngliche Orgelprospekt. Am 12. Mai 2014 erfolgte die Orgelweihe.
Auswirkungen der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert Erster und Zweiter Weltkrieg sind an der Kirche spurlos vorübergegangen, nur einige Glocken wurden teilweise auf dem „Altar des Vaterlandes“ zur Herstellung von Kriegsgerät geopfert. 1917 mussten zwei Glocken von drei aus dem Geläut von 1812 abgenommen und zum Einschmelzen abgeliefert werden. Sie wurden 1921 durch zwei neue Glocken ersetzt. Auch 1942 mussten wieder zwei Glocken für Rüstungszwecke abgeliefert werden.→siehe Glocken
mini|Abgehängte Stahlgussglocke von 1949 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wieder neue Glocken beschafft. Aus Mangel an Buntmetall musste die große Glocke aus Stahlguss hergestellt werden. Als Material wurde Schrott aus der einheimischen Rüstungsindustrie verwendet. Der Guss erfolgte in der Eisengießerei Morgenröthe. Zwei weitere Glocken aus Bronze fertigte die Glockengießerei Schilling & Lattermann in Apolda. Seit 1949 hat die Kirche ein Geläut mit vier Glocken. Die Stahlgussglocke wurde schließlich 1997 durch eine Bronzeglocke ersetzt, deren Finanzierung durch die Partnergemeinde aus De Lier aus den Niederlanden möglich wurde.Informationstafel an der auf der Freifläche vor der Kirche abgestellten Stahlgussglocke und zusätzliche Informationen von Rolf Böttcher.
In den Jahren 1997 bis 2008 konnte das Innere und Äußere der Kirche restauriert werden. Die Fassaden und Innenwände erhielten neuen Putz und frische Farben entsprechend dem ursprünglichen Aussehen.
Architektur Kirchenhauptraum mini|Ostseite der Kirche mit den Betstuben zu beiden Altarseiten
Das Gotteshaus kann von zwei Seiten, sowohl von Nordwesten – vom Markt durch den Turm und in ein Seitenschiff – als auch von Südosten betreten werden. Über dem Portal auf der Südostseite befindet sich ein Dreiecksgiebel, in dessen Feld mit vergoldeten Versalien der Spruch „Immenso sed proximo“ steht („[Gott] dem Unermesslichen und doch Allernächsten“). Das Schiff hat eine Länge von etwa 33 Metern und eine Breite von rund 19 Metern.Die Bauwerksabmessungen wurden mit dem Tool von Google Earth grob bestimmt. Die Kirche hat ein Satteldach, das 2011 neu gedeckt wurde.
Turm hochkant|links|mini|Kirchturmspitze
Der im Fundamentbereich rechteckige Turm, etwa in den Maßen acht mal sieben Meter, erhebt sich 35 Meter und ist mit Schiefer gedeckt. Er wurde an der südwestlichen Schmalseite des Kirchenhauptschiffs symmetrisch angesetzt. Der obere Teil des Turmes ist achteckig ausgeführt, an seiner Spitze befindet sich die Turmkugel, darüber ein Wetterzeiger und ein Wetterhahn, alle nach der Sanierung frisch vergoldet. Im Jahr 1585 erhielt der Vorgängerbau eine erste Turmuhr.Rolf Böttcher: Die Glocken der St. Nicolai Kirche zu Grünhain. – Ergänzungen, Sept. 2008.
Glocken Wie bereits aus der Baugeschichte hervorgeht, sind in der Kirche Grünhain mehrfach Glocken installiert worden. Eine Glocke mit einer Masse von rund drei Zentnern aus einem Vorgängerbau des Jahres 1559 fand in dem Neubau (1651–1659) ihren Platz, zerschmolz jedoch beim Stadtbrand von 1807. In einem Protokoll heißt es dazu: Der Kirchner bzw. Glöckner habe die Inschrift auf ihrem Gusskörper nicht lesen können.Rolf Böttcher: Die Glocken der St. Nicolaikirche zu Grünhain, Hrsg. Kirchenhistorischer Förderkreis, 1997. Die Mitte des 17. Jahrhunderts wieder eingeweihte Kirche besaß zu diesem Zeitpunkt drei Glocken, von denen zwei in der Glockengießerei Johann Hendel aus Zwickau hergestellt worden waren. Am 3. Januar 1704 war eine dieser Glocken zersprungen. Die Gemeinde ließ die beiden Glocken 1704 in der Stückgießerei von Michael Weinhold umgießen und weihte sie am 28. August wieder ein. Alle drei Glocken wurden schließlich ein Opfer des Stadtbrands von 1807, bei dem auch Bürgerhäuser, die Schule und zahlreiche Nutzgebäude zerstört wurden.
Für das zerstörte Geläut zahlte eine Brand-Versicherungskasse 700 Taler, das geborgene Glockenmaterial fand beim Guss dreier neuer Glocken Verwendung. Das dreistimmige neue Geläut für den kompletten Kirchenneubau hatte die Gemeinde bei der Firma J. N. G. La-Mar (ein Spritzenbaumeister zur Herstellung seltener Maschinenteile aus Messing und Kupfer) in Auftrag gegeben.