Der Bogen von Orange (auch Triumph- oder Augustusbogen von Orange) ist ein dreitoriger Ehrenbogen wohl spätaugusteisch-frühtiberischer Zeit, der dem nördlichen Stadteingang in das antike Arausio, das heutige Orange im südfranzösischen Département Vaucluse, vorgelagert war und etwa 110 Meter außerhalb der Stadt lag.

Nahezu alle Flächen des Bogens sind mit Reliefs überzogen, unter denen die Darstellungen von Waffen und Tropaia überwiegen. Hinzu kommen Schlachtenreliefs siegreicher Römer im Kampf gegen unterlegene Gallier, zudem untergeordnete Reliefs aus dem Bereich der römischen Religion. Befestigungslöcher für die Anbringung metallener Buchstaben, die Anlass und Zeitpunkt der Errichtung des Bauwerks ungefähr bestimmen, lassen die Inschrift rekonstruieren, auch wenn ihre Deutung diskutiert wird.

Der Bogen wurde im 13. Jahrhundert zu einer Festung umgebaut und mit einem acht Meter hohen Turm versehen. Er war damals im Besitz von Raymond I. des Baux, dem prince d’Orange, und gehörte bis 1725 dem Fürstentum Orange. Eine im 19. Jahrhundert behutsam vorgenommene Restaurierung wurde in den 1950er Jahren dem Zeitgeist folgend überarbeitet, so dass für den Laien eine optische Trennung zwischen antikem Befund und Restaurierung kaum mehr möglich ist.

Im Jahr 1840 wurde der Bogen zum monument historique erklärt und damit als bemerkenswertes Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt.. Seit 1981 ist das Monument zudem Weltkulturerbe der UNESCO.

Lage mini|Lage des Bogens im römischen Arausio Der Bogen erhob sich über der Straße, die von Norden kommend die bald nach 36 v. Chr. gegründete colonia Firma Iulia Secundanorum Arausio, kurz Arausio genannt, erreichte und als Teil der Via Agrippa Arausio mit Lugdunum, dem heutigen Lyon, verband. Die Verlängerung der Straße bildete als Cardo maximus eine der städtischen Hauptachsen. Reste der etwa 10 v. Chr. errichteten und in Teilen nachvollziehbaren Stadtmauer sind im Bereich des Bogens nicht nachweisbar. Man geht deshalb davon aus, dass sich der Bogen außerhalb der Stadt befand und dem eigentlichen Zugang deutlich vorgelagert war. Hierfür sprechen auch die nördlich des Bogens gefundenen Fragmente von Gräbern, die sicher zu einer außerhalb der Befestigung angelegten Nekropole gehörten.

Ilse PaarIlse Paar: Der Bogen von Orange und der gallische Aufstand unter Führung des Julius Sacrovir 21 n. Chr. In: Chiron. Band 9, 1979, S. 224–227. und Hans G. FrenzHans G. Frenz: Zur Datierung des Bogens von Orange. In: Mihály Praznovszky (Hrsg.): 2. Internationales Kolloquium über Probleme des Provinzialrömischen Kunstschaffens. Vorträge der Tagung in Veszprém, 14. Mai–18. Mai 1991. Laczkó Dezső Múzeum, Veszprém 1991, S. 85. schlugen daher vor, in dem Monument einen in augusteischer Zeit entstandenen „Stadtgründungsbogen“ zu sehen. Dieser durch Almut von Gladiß geprägte BegriffAlmut von Gladiß: Der Arc du Rhône von Arles. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 79, 1972, S. 17–87; hier: S. 28 f. soll Bögen bezeichnen, die auf dem durch die Auguren festgelegten Pomerium, der rituell gepflügten Stadtgrenze, errichtet wurden. Schon Arthur Lincoln Frothingham sah 1905 in den einer Stadtmauer vorgelagerten Bögen Markierungen des Pomeriums.Arthur Lincoln Frothingham: De la véritable signification des monuments romains qu’on appelle « arcs de triomphe ». In: Revue archéologique. Ser. 4, Band 6, 1905, S. 216–230, bes. S. 219 (Digitalisat). Für den Bogen von Orange hat diese Interpretation nur bedingt Aufnahme gefunden.Siehe Marion Roehmer: Der Bogen als Staatsmonument. Zur politischen Bedeutung der römischen Ehrenbögen (= Quellen und Forschungen zur antiken Welt. Band 28). tuduv, München 1996, 78–94, hier: S. 93 f.; vergleiche aber zustimmend Anne Viola Siebert: Instrumenta Sacra. Untersuchungen zu römischen Opfer-, Kult- und Priestergeräten (= Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten. Band 44). De Gruyter, Berlin 1999, S. 166 f. Unter der griffigen Bezeichnung „Stadtgründungsbogen“ wird das Monument seither gleichwohl verbreitet in Reiseführern vermarktet.Zum Beispiel Thorsten Droste: Provence. Antike Arenen, romanische Kreuzgänge, Städte mit Geschichte – eine Reise durch Frankreichs Sonnenprovinz. 7. Auflage. Dumont, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7701-3927-9, S. 81–85; Cony Ziegler: Provence: mit Camargue. 2. Auflage. Iwanowski, Dormagen 2004, S. 273; Bernhard Abend: Provence, Côte d’Azur. 14. Auflage. Baedeker, Ostfildern 2013, S. 309.

Das Wesen dieser nicht als Triumphmonument dienenden Bögen ging deutlich über das Markieren eines Pomeriums – eine Aufgabe, die viel offensichtlicher durch eine Stadtmauer erfüllt werden konnte – hinaus. Ähnlich wie der Bogen von Glanum war der Bogen in Orange schon von weitem in der Ebene sichtbar. Er kennzeichnete als Landmarke den Eingang zur römischen Stadt und zeugte in deren Vorfeld von der Großartigkeit und Überlegenheit römischer Zivilisation und Kultur, die sich innerhalb der Stadtmauer durch Theater, Tempelbauten und öffentliche Plätze Ausdruck verschaffte.Zu Lage und Funktion mit der älteren Literatur siehe Annette Küpper-Böhm: Die römischen Bogenmonumente der Gallia Narbonensis in ihrem urbanen Kontext. Leidorf, Espelkamp 1996, S. 107–109 mit Anm. 604; S. 127 f.

Architektur Der dreitorige, aus lokalem Kalkstein der Brüche bei SérignanGeorg Grube: Die Attika an römischen Triumphbögen mit besonderer Berücksichtigung des Bogens von Orange. Schneider, Karlsruhe 1931, S. 14. errichtete Bogen hat eine erhaltene Höhe von 18,60 Metern, eine Breite von 19,56 Metern und eine Tiefe von 8,40 Metern. Der für Fuhrwerke und Wagen taugliche mittlere Durchgang erreicht bei einer Breite von 5,02 Metern eine lichte Höhe von 8,87 Metern, die 2,92 Meter breiten seitlichen Durchgänge für die Fußgänger waren 6,48 Meter hoch.Robert Amy, Paul-Marie Duval u. a.: L’Arc d’Orange. Centre national de la recherche scientifique, Paris 1962, S. 57–59 Taf. 41.

Die Bogenpfeiler sind an den Fronten mit je zwei kannelierten Halbsäulen zwischen den Durchgängen versehen, Dreiviertelsäulen als Ecksäulen greifen auf die äußeren Schmalseiten des Bogens um. Die Halbsäulen stehen auf Postamenten, besitzen attische Basen mit Plinthen und werden von Kapitellen korinthischer Ordnung bekrönt. Es folgt ein über den Seitendurchgängen verkröpftes Gebälk, dessen Architrav durch drei horizontale, mittels Astragalen voneinander abgesetzte Bänder gegliedert ist. Während der Architrav über den Seitendurchgängen als Wandarchitrav Teil der Bogenpfeiler ist und entsprechend zurückspringt, überspannt er im Bereich des Mitteldurchgangs frei die mittleren Halbsäulen. Ein Eierstab schließt als bekrönendes Profil den Architrav ab. Es folgt ein figurenreicher, nur noch an Süd- und Ostseite in Teilen erhaltener Fries mit hin und her wogenden Kampfszenen. Auf der Nordseite wurde der Fries hingegen glatt belassen und nicht plastisch ausgearbeitet. Dem Fries folgt nach einem Zahnschnitt und einer Abfolge weiterer Profile ein an seiner Unterseite mit Konsolen verziertes Geison. Eine reiche Profilabfolge vermittelt zur abschließenden blattverzierten Sima. Der zentrale Durchgang wird an beiden Fassaden durch Dreiecksgiebel betont, die den vorspringenden Gebälkbereich überspannen.

Diese Dreiecksgiebel sind der oberhalb des Gebälks folgenden, doppelten Attika vorgeblendet. Während die untere Attika die Vor- und Rücksprünge der Blendarchitekur im Bereich der Durchgänge aufnimmt, wurde die obere durch weitere vorspringende Elemente in Form von Postamenten oberhalb der Seitendurchgänge bereichert.

Die Pilaster, auf denen die Archivolten der Durchgänge ruhen, sind mit zarten Rankenornamenten überzogen und weisen filigran gearbeitetes Blattwerk und Stängel auf. Im Gegensatz zum sonst oft flächenfüllenden Ornament des Bogens haben die Pilasterreliefs großzügige Freiflächen, wodurch die detailreiche, feine Qualität der Rankenbestandteile besonders gut zur Geltung kommt. Die Archivolten selbst sind mit üppig gefüllten Girlanden aus Früchten und Blättern geschmückt, ihre Unterseiten tragen ein Netz aus quadratischen und rhombenförmigen flachen Feldern. Wabenförmige, reich mit wechselnden Profilen dekorierte und mit zentralen Blüten versehene Kassettenfelder zieren die Bogenunterseite im Bereich der Durchgänge.

Die Schmalseiten des Bogens wurden mittels zweier Halbsäulen zwischen den Dreiviertelsäulen der Ecken in drei Felder gegliedert. Der Aufbau der Blendarchitektur folgt jener der Fassaden, weist aber ein anderes Schema der Verkröpfungen auf. Das Gebälk tritt nun lediglich oberhalb des mittleren Feldes zurück, kehrt also die Abfolge der Fassaden um und wird in ganzer Breite von einem Dreiecksgiebel bekrönt. Den mittleren Bereich des Giebelfeldes nimmt oberhalb der Verkröpfung eine Konche ein.

Bildschmuck mini|Relief mit Landwaffen über dem östlichen Durchgang der Südseite mini|Relief mit Seewaffen über dem östlichen Durchgang der Nordseite mini|Südliches Mittelpostament der 2. Attika Neben der reichen Ornamentierung ist der Bogen über und über mit Reliefs unterschiedlicher Inhalte verziert. So weisen die Wandflächen über den seitlichen Durchgängen Waffenreliefs auf, auf denen unter anderem Schilde, Helme, Vexilla, Schwerter und Lanzen dargestellt sind. Die je drei Bildfelder zwischen den Blendsäulen der Außenseiten sind gefüllt mit Tropaia, ursprünglich auf dem Schlachtfeld aufgestellten Zeichen des Sieges, vor denen gefesselte, kriegsgefangene Barbaren stehen.

Der im Verhältnis zu diesen großformatigen Reliefs kleine Fries zeigt eine Aneinanderreihung von Zweikampfszenen zwischen nackten, langhaarigen Galliern und in Tuniken gekleideten Römern. Da sich unter den zu Boden gestürzten Kämpfern nur nackte Gestalten befinden, wird die Sieghaftigkeit der Römer deutlich.

Sind die Relieffelder oberhalb der Durchgänge mit Waffen des Landkrieges gefüllt, so zeigen die entsprechenden Reliefs der ersten Attika Waffen des Seekriegs: Rammsporne, Maste, Anker, Dreizacke, Taue. Maritim sind auch die Darstellungen im Bereich der Attikaschmalseiten, deren Zwickel oberhalb der Giebeldreiecke mit an Tritone erinnernden Meerwesen gefüllt sind. Demgegenüber werden die Zwickel der seitlichen Giebeldreiecke selbst von Füllhörnern eingenommen, eine Büste des Sol erscheint in der Giebelnische.

Die Mittelpostamente der oberen Attika sind mit Schlachtenreliefs dekoriert. Berittene und mit Kettenhemden gepanzerte Römer sowie einfache Legionäre kämpfen gegen die unterlegenen, nackten oder in Hosen kämpfenden Gallier. Zahlreiche Bohrlöcher umgeben die Szene der Südseite und dienten wohl der Anbringung weiterer, in Bronze ausgeführter Darstellungselemente. Auch auf den Seitenwänden der Mittelpostamente sind Kampfszenen angebracht. Ob sie ursprünglich die gesamten Seiten einnahmen oder nur bis zu den Stoßkanten der die Seitenpostamente anbindenden Bauglieder ausgeführt wurden, ist ungeklärt.Robert Amy, Paul-Marie Duval u. a.: L’Arc d’Orange. Centre national de la recherche scientifique, Paris 1962, S. 40 f.; Annette Küpper-Böhm: Die römischen Bogenmonumente der Gallia Narbonensis in ihrem urbanen Kontext. Leidorf, Espelkamp 1996, S. 99 Taf. 22, 2–4.