mini|EA 161 (Vorderseite), Aziru von Amurru an den Pharao

Bei den sogenannten Amarna-Briefen aus dem Amarna-Archiv handelt es sich um einen umfangreichen Fund an Tontafeln in akkadischer Keilschrift des Palastarchives des Pharao Echnaton, Neues Reich (1550 bis 1070 v. Chr. (18. bis 20. Dynastie)), aus seiner Residenz Achet-Aton, dem heutigen Tell el Amarna in Ägypten.

Fundumstände mini|hochkant|Das königliche Archiv in Amarna mini|hochkant|W. M. Flinders Petrie, der das königliche Archiv in Amarna archäologisch ausgrub und weitere Tontafeln entdeckte.

Die Amarna-Briefe sind nach ihrem Fundort el-Amarna benannt, nach dem sie üblicherweise mit EA abgekürzt werden. Über die genauen Fundumstände gibt es unterschiedliche Berichte.Siehe dazu Jörgen A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln. Mit Einleitung und Erläuterungen. Band 1: Die Texte. Leipzig 1915, S. 4ff.; E. A. Wallis Budge: A History of Egypt from the End of the Neolithic Period to the Death of Cleopatra VII, B.C. 30: Egypt and her Asiatic Empire. 1902, S. 185; E. A. Wallis Budge: On Cuneiform Despatches from Tushratta, King of Mitanni, Burraburiyasch, the Son of Kuri-Galzu, and the King of Alashiya, to Amenophis III, King of Egypt, and on the Cuneiform Tablets from Tell el-Amarna. In: Proceedings of the Society of Biblical Archaeology. (PSBA) 10, 1887/8, S. 540; William M. Flinders Petrie: Syria and Egypt from the Tell el Amarna letters. London 1898, S. 1f. Wahrscheinlich fanden im Jahr 1887 Fellachen die Tontafeln mit Keilschrift, als sie nach Altertümern suchten, nach Mergel zur Düngung ihrer Äcker gruben oder von den Ruinen Ziegel zur Wiederverwendung abtrugen. Die ersten Funde dürften weitere „Schatzsucher“ angezogen haben. Dabei wurden einige Stücke willentlich oder unwillentlich zerbrochen und zerstört, oder sie waren bereits seit antiker Zeit in diesem Zustand. Etwas mehr als 300 der Tafeln gelangten auf unterschiedlichen Kanälen in den Antiquitätenhandel von Kairo und von dort in zahlreiche europäische Museen und das Ägyptische Museum in Kairo.Jörgen A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln. Mit Einleitung und Erläuterungen. Band 1: Die Texte. Leipzig 1915, S. 4ff.

Von November 1891 bis März 1892W. M. Flinders Petrie: Tell el Amarna. London 1894, S. 1. führte W. M. Flinders Petrie auf dem Trümmerfeld von Amarna systematische Ausgrabungen durch und legte dabei viele Gebäude der Stadt frei. In einem Gebäude, das östlich vom Königspalast, südlich vom großen und nahe der nördlichen Ecke des kleinen Tempels lag (und das Petrie als Nr. 19 bezeichnete), fand er weitere Keilschrifttafeln und einen kleinen Tonzylinder mit Keilschrift.W. M. Flinders Petrie: Tell el Amarna. London 1894, S. 23; Jörgen A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln. Mit Einleitung und Erläuterungen. Band 1: Die Texte. Leipzig 1915, S. 9ff. Er identifizierte das Gebäude als königliches Archiv, denn gestempelte Ziegel trugen die Aufschrift: der Ort der Aufzeichnungen des Palasts des Königs.W. M. Flinders Petrie: Syria and Egypt from the Tell el Amarna Letters. London 1898, S. 1. Mit ziemlicher Sicherheit wurden in einem südöstlichen Zimmer dieses Hauses auch die anderen Amarna-Briefe gefunden. Petries Funde konzentrierten sich auf zwei Müllgruben nahe diesem Zimmer. Da die Gruben teilweise unter den Wänden des südöstlichen Zimmers lagen, wurden die Briefe hier vermutlich schon vor dem Bau des Gebäudes entsorgt.W. M. Flinders Petrie: Tell el Amarna. London 1894, S. 19f.

Von den 22 Tontafelfragmenten der Petrie-Grabung enthielten nur sieben brieflich relevanten Inhalt.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XIV. Anmerkung 9. Von 1907 bis 1979 kamen weitere 24 Tafeln zum Vorschein.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XV. Von den heute 382 bekannten Tafeln sind 32 keine Briefe oder dazugehörige Inventarlisten, sondern Mythen und Epen aus der mesopotamischen Schriftkultur, Silbentabellen, lexikalische Texte, eine Geschichte hurritischen Ursprungs und eine Liste von ägyptischen Wörtern in silbischer Keilschrift und den Entsprechungen im Babylonischen.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XVf.

Jørgen Alexander Knudtzon teilte die Amarna-Briefe in zwei Teile: Zuerst die internationale Korrespondenz, danach die Korrespondenz mit den ägyptischen Vasallen. Jene der internationalen Korrespondenz teilte er gegen den Uhrzeigersinn jeweiligen Reichen zu: Babylonien (EA 1-14), Assyrien (EA 15-16), Mitanni (EA 17,19-30), Arzawa (EA 31-32), Alašija (EA 33-40) und Hethiter-Reich (EA 41-44). Die zweite und weit größere Gruppe der Briefe teilte er von Norden nach Süden den Vasallen zu. Innerhalb der zugeordneten Gebiete sind sie chronologisch nach paläografischen Kriterien und innerer Logik geordnet.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XVI.

Sprache Die Briefe sind in Keilschrift und mit wenigen Ausnahmen im Altbabylonischen, einem Dialekt der akkadischen Sprache, geschrieben, lassen aber auch kanaanäischen Einfluss erkennen. Die Übersetzung der Briefe bereitete außerordentliche Schwierigkeiten. Die Sprache ist das Produkt einer langen Entwicklung in der Diplomatie, von der vor der Amarna-Zeit fast nichts bekannt ist. So finden sich in den Amarna-Briefen Logogramme, die in den babylonischen Schreibschulen (gleichzeitig zur Amarna-Zeit) längst durch neue ersetzt worden waren, und es wurden alte Orthographien beibehalten, manchmal mit modernen vermischt.Cyril Aldred: Echnaton. Gott und Pharao Ägyptens (= Neue Entdeckungen d. Archäologie.). Lübbe, Bergisch Gladbach 1968, , S. 215f.; William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XVIII ff. Damit dürften bereits im Altertum nur wenige Schreiber diese lingua franca der Diplomaten beherrscht haben und umso mehr bereitet sie heute Übersetzungsschwierigkeiten: „Für einen angehenden Übersetzer genügt es nicht, Akkadisch zu können, er muss außerdem Spezialist im Hebräischen und Ugaritischen sein, vor allem aber muss er die Briefe so genau kennen, dass er weiß, was er von jedem ihrer Verfasser zu erwarten hat.“Cyril Aldred: Echnaton. Gott und Pharao Ägyptens. Bergisch Gladbach 1968, S. 216.

Richtungsweisend sind die Übersetzungen des norwegischen Linguisten für semitische Sprachen Jørgen Alexander Knudtzon von 1915Jörgen A. Knudtzon: Die El-Amarna-Tafeln. Mit Einleitung und Erläuterungen. Band 1: Die Texte. Leipzig 1915. und von William L. Moran aus dem Jahr 1987.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992.

Chronologie Auch die relative und absolute Chronologie der Amarna-Briefe bereitet der Forschung noch immer große Schwierigkeiten. Die Briefe waren nicht datiert und nur die Könige von Mitanni, Babylon und Assyrien nannten den Pharao beim Namen.Nib-mua-ria (= Neb-maat-Re) für Amenophis III. und Nap-huru-ria (= Nefer-cheper-Re) für Echnaton. Der König von Alašija adressierte an den „König von Ägypten“ und so auch die Vasallen, wenn sie nicht andere Umschreibungen wie „Mein Gott“ oder „Die Sonne“ wählten.

Einen wichtigen Anhaltspunkt gibt der hieratische Vermerk eines Schreibers auf EA 23. Er gibt als Empfangsdatum das 36. Regierungsjahr Amenophis’ III. an. Die anderen Briefe an Amenophis III. gliedern sich höchstwahrscheinlich in den vorherigen fünf Jahren ein, womit das Archiv etwa mit dem 30. Jahr dieses Königs beginnt.

Wesentlich schwieriger ist die Frage nach dem Ende der Amarna-Korrespondenz zu beantworten. Dies hängt generell mit den chronologischen Schwierigkeiten am Ende der Amarna-Zeit zusammen.Siehe dazu v. a. Rolf Krauss: Das Ende der Amarna-Zeit. ... Hildesheim 1978. Entscheidend ist die Frage, ob Tutanchamun noch Briefe in Amarna empfing oder ob der Textkorpus schon früher endet. Als Terminus post quem wird generell die hieratische Aufschrift eines Jahres 12 (Echnatons) auf EA 254 angesehen,Erik Hornung: Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte des Neuen Reiches (= Ägyptologische Abhandlungen. Band 11). Harrassowitz, Wiesbaden 1964, S. 66 (zugleich: Dissertation, Universität Münster). Moran schließt aber eine Lesung als Jahr 32 (Amenophis’ III.) nicht aus.William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XXXVII. Daneben sind die Erwähnungen Meritatons an Stelle von Nofretete ein Anhaltspunkt.Erik Hornung: Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte des Neuen Reiches. Wiesbaden 1964, S. 66.

Bereits unter Semenchkare begann die Wiederherstellung der alten, vor-amarnazeitlichen Verhältnisse und eine kompromisshafte Restaurierung des Amunkultes. Auch Tutanchamun setzte diese „sanfte“ Rückkehr zum alten Glauben anfangs fort. Irgendwann führte er eine kompromisslosere Restauration ein, indem er seinen Namen von Tutanchaton zu Tutanchamun änderte und die Residenz in Amarna zugunsten von Memphis aufgab.Krauss: Das Ende der Amarnazeit. ... Hildesheim 1978, S. 50 f.; Erik Hornung: Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte des Neuen Reiches. Wiesbaden 1964, S. 92. Nach Erik Hornung spielen „Aton und sein Hohepriester in den Gefäßaufschriften des 2. Regierungsjahres noch eine wichtige Rolle“.Erik Hornung: Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte des Neuen Reiches. Wiesbaden 1964, S. 92.

Rolf Krauss geht dagegen davon aus, dass Amarna wahrscheinlich noch im 1. Jahr Tutanchamuns verlassen wurde:

Hinzu kommt die Adressierung des Briefes EA 9 an einen König namens Nibhuruia. Vom philologischen Standpunkt ist eine Gleichsetzung mit Tutanchamuns Thronnamen Nb-ḫprw-Rˁ am wahrscheinlichsten, Echnatons Thronname Nfr-ḫprw-Rˁ ist aber nicht ganz auszuschließen (siehe in diesem Zusammenhang Dahamunzu-Affäre: Nibhururia).

Edward Fay Campbell hält es für möglich, dass Tutanchamun noch die Briefe EA 9, 210 und 170 in Amarna empfing, sie aber eher „irrtümlich“ dorthin geschickt wurden.Edward Fay Campbell (Jr.): The Chronology of the Amarna Letters. With Special Reference to the Hypothetical Coregency of Amenophis III and Akhenaten. Baltimore 1964, S. 138. Die Annahme, Tutanchamun sei der Adressat von EA 9, führt nach Hornung zu derart unwahrscheinlichen Folgerungen, dass die Gleichsetzung von Nibhuruia mit Echnaton sicher nicht voreilig auszuschließen sei. Außerdem geht er davon aus, dass nur jene Briefe in Amarna zurückgelassen wurden, die beim Umzug der Residenz nicht mehr aktuell waren.Erik Hornung: Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte des Neuen Reiches. Wiesbaden 1964, S. 65. Dies alles deutet nach Hornung darauf hin, dass das Amarna-Archiv bald nach dem 12. Regierungsjahr Echnatons endet, vor oder zu Beginn der Mitregentschaft Semenchkares.

William Moran gliedert die internationale Korrespondenz wiederum folgendermaßen:William L. Moran: The Amarna Letters. Baltimore 1992, S. XXXV. Babylonien: Die letzten Jahre Amenophis’ III. bis in die späten Jahre Echnatons oder bis ins erste Jahr Tutanchamuns (wenn EA 9 tatsächlich an Tutanchamun adressiert war). Assyrien: Bis in die späten Jahre Echnatons, oder später. Mitanni: Jahr 30 Amenophis’ III. bis in die frühen Jahre Echnatons (unter der Annahme, dass es keine Koregenz gab) Arzawa: Zeit Amenophis’ III.

Die internationale Korrespondenz In der späten Bronzezeit war die Region um das östliche Mittelmeer unter wenigen Großmächten aufgeteilt, die sich als Mitglieder eines exklusiven „Clubs“ sahen, der in der Literatur öfters „Great Powers Club“ genannt wird.Raimond Cohen, Raymond Westbrook (Hrsg.): Amarna Diplomacy. The Beginnings of International Relations. Baltimore / London 2000. Dementsprechend sprachen sich die Könige der Großreiche in der diplomatischen Korrespondenz als „Brüder“ an. Die Amarna-Briefe sind Teil eines gut etablierten Systems der Diplomatie, von dem sich aber aus früherer Zeit archäologisch nichts erhalten hat.

Babylonien (EA 1-14) mini|Babylonien unter den Kassiten mini|Ruinen der Stadt Babylon im heutigen Irak