Christian Olearius (* 4. Mai 1942 in Oberglogau) ist ein deutscher Bankier. Von 1986 bis 2014 war er Sprecher der Gesellschafter der Hamburger Privatbank M.M.Warburg & CO und bis Ende 2019 Aufsichtsratsvorsitzender der Bank. Ein Strafverfahren gegen ihn vor dem Landgericht Bonn wegen 15 Fällen besonders schwerer Steuerhinterziehung im Verfahren um den Cum-Ex-Steuerbetrug der Warburg-Bank wurde 2024 aufgrund Verhandlungsunfähigkeit eingestellt, was 2026 rechtskräftig wurde. Ein Verfahren zur Einziehung der Taterträge ist noch nicht abgeschlossen.

Leben

Ausbildung Nach Kindheit und Schulbesuch in Ostfriesland studierte Olearius Rechtswissenschaft in Heidelberg, wo er Mitglied der nichtschlagenden christlichen Studentenverbindung Heidelberger Wingolf wurde, in Berlin sowie in Göttingen und promovierte dort 1968 mit der Dissertation Die Haftung des Lizenzgebers im gewerblich-technischen Rechtsschutz zum Dr. iur.

Karriere in der Finanzbranche Seine Bankenlaufbahn begann er 1969 bei der Braunschweigischen Staatsbank. 1971 wechselte er zur Bremer Landesbank Kreditanstalt Oldenburg, wo er als Direktor das Firmenkundengeschäft verantwortete. Später stieg er in den Vorstand der Norddeutschen Landesbank auf. Schließlich wurde Olearius 1986 von Max M. Warburg Jr. zur Hamburger Privatbank M.M.Warburg & CO geholt, dort persönlich haftender Gesellschafter und Sprecher der Gesellschafter.

Unter seiner Leitung wuchs die Bank kontinuierlich – 1997 wurde das Bankhaus Hallbaum in Hannover, 1998 die Privatbank Marcard, Stein & Co aus Hamburg, 1999 das Bankhaus Carl F. Plump & Co. in Bremen und 2003 die Berliner Privatbank Löbbecke in die Warburg-Bankgruppe integriert. Die 2007 erworbene Degussa Bank wurde 2011 in eine eigenständige Holding ausgegliedert und im Jahr 2009 Teile des Bankhauses Wölbern & Co. erworben. Seit 2009 gehört auch die Schwäbische Bank AG mit Sitz in Stuttgart zur Warburg Bankengruppe.

Im August 1988 war der Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) an die Warburg Bank mit der Bitte herangetreten, mit dem Treuhänder des gewerkschaftseigenen, vermeintlich gemeinnützigen Neue-Heimat-Nord-Konzerns den Erwerb von 41.533 Wohnungen als Realeigentum auszuhandeln.Martin Kempe: Die unendliche Geschichte der Neuen Heimat. TAZ, 23. Mai 1990; Wilhelm Kaltenborn: Neue Heimat. Die Jahre 1982–1990, Düsseldorf 1990, S. 58. Innerhalb von drei Monaten konnte Olearius zusammen mit dem Wirtschaftsprüfer Otto Gellert einen Vertrag aushandeln, der es dem Senat ermöglichte, den gesamten Immobilienbestand am 21. Dezember 1988 zum Preis von 2,14 Milliarden DM zu erwerben. Als das Schicksal der Hamburger Stahlwerke (HSW GmbH) angesichts der Stahlpreiskrise 1994 auf dem Spiel stand, bat Voscherau Olearius erneut um Hilfe. Es gelang dem Bankier innerhalb von fünf Monaten, das Unternehmen an den Weltmarktführer ArcelorMittal zu verkaufen und die Arbeitsplätze zu retten.Driesen, Oliver: Der Feuermacher. Willy Korf. Hamburg 2005, S. 167; FAZ 26. September 2005; TAZ vom 21. Dezember 1994.

Um die Übernahme der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd AG durch die Containerreederei Neptun Orient Lines in Singapur im Frühjahr 2008 zu verhindern, baute Olearius gemeinsam mit dem Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) während der weltweiten Subprime-Hypothekenkrise ein Investoren-Konsortium (Albert Ballin KG) auf, das nach einjährigem Verhandlungsmarathon am 23. März 2009FAZ, 8. Dezember 2012. das Traditionsunternehmen (gegr. 1847) für Hamburg und den Güterumschlag des Hafens rettete. „Es war eine ähnliche Situation wie diejenige, als wir den Wohnungsbestand der NEUE HEIMAT an die Hansestadt vermittelten. Wochen, in denen ich befürchten musste, zwischen den Interessengruppen zerrieben zu werden“, berichtete Olearius. „Mit der Kombination verschiedener Mittel haben wir es geschafft, Private-Equity-Fonds, US-Investmentbanken und Staatsfonds auszustechen.“ Das Hamburger Konsortium verpflichtete sich, auf Jahre hinaus die Selbständigkeit der Reederei zu erhalten.FTD, 9. Juli 2009/09.10.2009; Täglicher Hafenbericht, 24. Oktober 2013, S. 13.

Olearius formuliert seine persönliche Sicht des Bankgeschäfts in einem Satz: „Im Kern kommt es darauf an, dass wir uns eine gesunde, geistige Grundeinstellung zu Risiko und Ertrag bewahren. Privatbank ist man nur, wenn das Kapital in privaten Händen bleibt.“ Er warnte seit der Jahrtausendwende vor staatlicher Überregulierung des deutschen Bankwesens: „Die staatlichen Eingriffe nehmen überhand.“ Mehr als jede andere Branche sei das Bankgeschäft abhängig von der Politik. Das Versagen der Banken bei ihrer ureigenen Aufgabe der Kreditvergabe an die Realwirtschaft sei nicht zuletzt der skrupellosen Ratinglogik zu verdanken, „die in großen Dimensionen versagt hat und dazu angetan ist, Kreditwürdigkeiten abzuwürgen und große Teile der Wirtschaft auszugrenzen.“FAZ Sonntagszeitung, 7. Dezember 2014; Hamburger Abendblatt, 25. Juni 2014.

2009 holte er seinen Sohn Joachim Olearius als Gesellschafter in die Geschäftsleitung, der ihm am 1. Juli 2014 als Sprecher der Gesellschafter folgte.Sven Clausen: Generationswechsel bei Privatbank Warburg: Warburg-Chef Olearius vererbt Posten an seinen Sohn, manager-magazin.de, 24. Juni 2014 Christian Olearius wechselte in den Aufsichtsrat und wurde dort Vorsitzender.Volker Meister: Generationswechsel beim Hamburger Bankhaus M.M. Warburg, im Hamburger Abendblatt vom 25. Juni 2014 Das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden legte er mit Wirkung zum 31. Dezember 2019 nieder, das des Sprechers zum 30. September 2021. Ihm folgte als Aufsichtsratsvorsitzender Bernd Thiemann.Rücktritt von Olearius und Warburg: Warburg-Aufsichtsräte beugen sich dem Druck der Bafin, im Manager-Magazin vom 25. November 2019, online Joachim Olearius verließ zum 30. September 2021 den Vorstand der Bank.

Landwirtschaftliche Aktivitäten 1999 kaufte Christian Olearius das ehemalige Gut Schwaneberg in Schwaneberg (Randowtal) im Landkreis Uckermark. Zusammen mit seinem Sohn Joachim Olearius betreibt er es als landwirtschaftliches Unternehmen. Der Verkaufsvorgang und die Verwaltung des Grundstücks durch Olearius wurden kritisiert, da von ihm ganze Landschaften für die Öffentlichkeit gesperrt wurden. 2001 erwarb Olearius mit der DML Pinnow-Felchow GmbH & Co. KG, dem Nachfolgebetrieb der LPG Pinnow (Uckermark), einen weiteren Landwirtschaftsbetrieb. 2022 folgte die Übernahme der Bagemühler Agrar eG (jetzt Gut Grünberg GmbH) in Bagemühl. Die Betriebe bewirtschaften zusammen rund 4.600 Hektar Acker- und Grünland und erhielten im Jahr 2022 in Summe 1.190.694,94 Euro an Agrarsubventionen.

Strafverfahren sowie Einziehungsverfahren wegen besonders schwerer Steuerhinterziehung Unter der Führung von Christian Olearius beteiligte sich das Bankhaus M.M.Warburg & CO von 2008 bis 2011 in Zusammenarbeit mit dem Steueranwalt Hanno Berger und dem Banker Paul Robert Mora an Cum-Ex-Geschäften.

Die Warburg-Bank ließ sich 169 Millionen Euro Steuern vom Hamburger Finanzamt erstatten, die nie zuvor bezahlt wurden. Außerdem wird gegen einen Warburg-Fonds ermittelt, der sich ebenfalls mithilfe Cum-Ex-Steuerbetrug-Geschäften einen dreistelligen Millionenbetrag auszahlen ließ. Schließlich steht der Vorwurf der politischen Einflussnahme zugunsten der Zahlungsverjährung einer Steuerschuld im Raum. Die Staatsanwaltschaft Köln führte ein Ermittlungsverfahren gegen Olearius wegen Steuerhinterziehung in besonders schwerem Fall.

Anwaltlich vertreten wird Christian Olearius durch den Münchner Rechtsanwalt Peter Gauweiler der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Gauweiler & Sauter und den früheren Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer. Christian Olearius wurde zu den Tatkomplexen vom Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags am 8. November 2016 als Zeuge angehört. Dabei machte er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Inzwischen erhob die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen Christian Olearius. Dabei ging es um einen Tatzeitraum ab 2007, um Eigengeschäfte der Warburg-Bank sowie zwei ihrer Fonds.

Zwischen 2016 und 2018 durchsuchte die Steuerfahndung private Immobilien von Christian und seinem Sohn Joachim Olearius sowie Räume der M.M.Warburg & CO. Bei der Durchsuchung 2018 wurden zahlreiche Tagebücher von Christian Olearius sichergestellt. Sie gelten als wichtiges Beweisstück bei der juristischen Aufarbeitung des Cum-Ex-Skandals.zeit.de vom 3. September 2020: Der Bankier und seine Freunde in der Politik Journalisten werteten relevante Passagen der Jahre 2016 bis 2018 aus. Olearius hat wegen veröffentlichter Auszüge daraus die Süddeutsche Zeitung erfolgreich beim Hanseatischen Oberlandesgericht verklagt, wogegen diese Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt hat.

Zur Klärung der Frage, ob und inwieweit Olearius politisch Einfluss nahm, damit das Hamburger Finanzamt Steuerrückforderungen der Warburg-Bank über 46 Millionen Euro verjähren ließ, wurde ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft eingerichtet. Der Ausschuss hatte feststellen können, dass Christian Olearius im Jahr 2016 Hamburgs damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) dreimal getroffen hatte und dabei auf die schlechte Finanzlage der Bank verwiesen habe. Zudem habe es noch ein Telefonat der beiden gegeben. Der Verdacht, dass Olearius auch versucht habe, auf das Bundesfinanzministerium Einfluss zu nehmen, stand im Raum. Am 2. April 2019 trafen Christian Olearius, Staatssekretär Jörg Kukies und der damalige haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Johannes Kahrs in der Causa zusammen. Da M. M. Warburg Spenden an Politiker des Untersuchungsausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft gezahlt hatte, wurde deren Ausschluss gefordert; der SPD-Politiker Kahrs erhielt eine Spende über 45.000 €.

Im April 2020 zahlte die Warburg-Bank 44 Millionen Euro im Tatkomplex Cum-Ex zurück, Ende 2020 weitere 111 Millionen. Damit betrachtete die Bank die im März 2020 vom Landgericht Bonn angeordnete Einziehung der Steuererstattungen als erledigt, sah dies aber nicht als Schuldeingeständnis. Inzwischen fordert die Staatsanwaltschaft Bonn 190 Millionen Euro von der Bank zurück.

In dem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 28. Juli 2021, das Cum-Ex-Geschäfte als Steuerhinterziehung bewertete, bestätigten die BGH-Richter zudem die angeordnete Einziehung aufgrund eines Steuerdelikts. Am 1. Juni 2021 verurteilte das Landgericht Bonn einen Warburg-Mitarbeiter und Vertrauten von Christian Olearius wegen Steuerhinterziehung in fünf besonders schweren Fällen zu fünf Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe. Das Urteil wurde 2022 vom BGH bestätigt.

Olearius und Max Warburg legten Verfassungsbeschwerde ein mit der Begründung, dass Warburg und Olearius in ihren durch die Europäische Menschenrechtskonvention garantierten Rechten verletzt würden, weil sie „medial, in gegen sie bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht geführten Verwaltungsverfahren sowie in einem Untersuchungsausschuss wie verurteilte Straftäter behandelt würden.“ Die Beschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht nicht zur Entscheidung angenommen mit der Begründung, dass Olearius sich nicht mit der bisherigen Rechtsprechung auseinandergesetzt habe. M. M. Warburg klagt in der Cum-Ex-Affäre gegen die Deutsche Bank, Hanno Berger und die Finanzaufsicht Bafin.