Die ehemalige Synagoge in Grünstadt, im rheinland-pfälzischen Landkreis Bad Dürkheim, ist ein barockes Sakralgebäude, wurde nach 1938 profaniert und dient heute als Geschäftshaus. Geschichte Juden in Grünstadt Grünstadt hatte eine alte und große jüdische Gemeinde. Zwischen 1548 und 1555 besaß hier ein Jude namens Jacob einen Schutzbrief. 1569 wird ein Arzt „Jacob Juden“ genannt und 1601 ein Israelit mit Namen „Mosche“.Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer am Rhein, Band 56, 1967, S. 18; (Ausschnittscan) Das erste Einwohnerverzeichnis der Stadt, vom 12. Dezember 1608, nennt bereits drei jüdischen Familien, im fränkischen Leutershausen wurde 1612 ein „Jud von Grünstadt in der Grafschaft Leiningen“ zum Bürger angenommen.Jahresbericht des Historischen Vereins für Mittelfranken, Band 9, Nürnberg, 1839, S. 85; (Digitalscan) In einem Kollektenbuch zugunsten des Wiederaufbaus der 1689 von den Franzosen niedergebrannten Wormser Synagoge wird 1698 erstmals eine jüdische Gemeinde in Grünstadt urkundlich erwähnt; im 19. Jahrhundert zählte sie zu den bedeutendsten der Pfalz. 1804 lebten hier 165 jüdische Einwohner, 1848 waren es 85 Familien mit insgesamt 473 Personen. Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderungen zurück. 1875 gab es in Grünstadt 348, im Jahre 1900 noch 182 und 1925 nur noch 144 jüdische Personen. Der Judenfriedhof am Ostrand der Stadt wurde um 1700 angelegt, der älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1743.Webseite zum Judenfriedhof Grünstadt
Bau und Folgezeit 1741 erwarb die hiesige jüdische Gemeinde ein Wohnhaus am jetzigen Standort und ließ dort 1749–1757 ihre Synagoge errichten. Das Gebäude wurde bis zum 20. Jahrhundert mehrfach umgebaut und renoviert, das heutige Aussehen datiert man in die Zeit um 1790.Webseite der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, mit eigenem Abschnitt zur Grünstadter Synagoge Im frühen 19. Jahrhundert war hier der Grünstadter Jacob Fränkel (1808–1887) als Kantor tätig; er wurde 1862 der erste offizielle Militärrabbiner der US-Armee.Biografische Webseite zu Jacob FrankelArnold Vogt: Religion im Militär, 1984, S. 719, ISBN 3820451854; (Ausschnittscan zur Tätigkeit als Kantor an der Synagoge Grünstadt) Um im Auftrag des Bezirksgerichts Frankenthal einen Judeneid schwören zu lassen, ließ nach einem zeitgenössischen Bericht des Frankfurter Journals, der Grünstadter Landrichter, im Februar 1859 die verschlossene Synagoge und deren Toraschrein gewaltsam aufbrechen, ohne vorher um Einlass nachgesucht zu haben.Beilage zum Frankfurter Journal, Nr. 78, vom 19. März 1859; (Digitalscan) Eine durch das Jahrbuch für Israeliten dokumentierte Renovierung der Grünstadter Synagoge, im Sommer des gleichen Jahres, steht möglicherweise im Zusammenhang mit den zuvor entstandenen Schäden.K. Klein: Volkskalender und Jahrbuch für Israeliten auf das Jahr 5620, Mainz, 1860, S. 94; (Digitalscan)
20. Jahrhundert Zeitweise beabsichtigte man die Synagoge abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. In der Zeitung „Der Israelit“, vom 8. März 1900 heißt es dazu:
Während der Reichskristallnacht wurde die Grünstadter Synagoge 1938 geplündert: Fenster und Inneneinrichtung wurden zerstört, das Harmonium wurde von der Galerie geworfen, und die Thorarollen sowie Akten wurden auf dem nahen Luitpoldplatz verbrannt. 1939 ging das Gotteshaus für 2.000 Reichsmark in Privatbesitz über und diente bis in die 1970er Jahre als Lagerraum. In dieser Zeit wurden die beiden großen Rundbogenfenster der Ostseite in der unteren Hälfte vermauert. Dann sollte die Synagoge abgerissen werden, wozu es aber nicht kam. Es fand sich ein Investor, der das Gebäude 1979–1981 zu einem Geschäftshaus umbaute. Dabei erfolgte durch den Einbau von Rundbogenpforten und Beseitigung der unteren Gewändeteile der beiden Langfenster ein deutlicher Eingriff in die Bausubstanz der Ostfassade.Ansicht vor dem Umbau von 1979 Erst 1986 stellte man die ehemalige Synagoge unter Denkmalschutz; am 10. November 1988 ließ die Stadt Grünstadt eine Gedenktafel anbringen.
Baubestand Es handelt sich um einen flach tonnengewölbten, rechteckigen Putzbau mit Satteldach. Westlich und östlich sind Giebelwände vorhanden, die Hauptfassade befindet sich auf der Ostseite, der originale (jetzt vermauerte) Eingang auf der Nordseite.
Die Ostfassade hat im Giebelbereich drei Rundfenster mit einfach profilierten Sandsteingewänden. Darunter befinden sich (im heutigen Obergeschoss) fünf barocke Rundbogenfenster, ebenfalls mit profilierten Sandsteingewänden, die jeweils oben einen vorspringenden Scheitelstein in Trapezform aufweisen. Das erste sowie das dritte Fenster von Süden ist etwas breiter als die anderen, und sie reichten ursprünglich bis ins Erdgeschoss. Dort sind seit dem Umbau von 1979 drei Rundbogenpforten in die Wand gebrochen, die als Eingänge für das heutige Geschäftshaus dienen. Auf der Nordseite befinden sich drei kurze Rundbogenfenster. Dort war auch der ehemalige Haupteingang, ein rechteckiges Türgewände mit Scheitelstein, das vermauert sichtbar blieb. Die beiden Ecken der Ostfassade sind durch rechteckige Sandsteinquader rustiziert. Im Inneren haben sich an der Decke Blech-Zierrosetten aus dem 19. Jahrhundert erhalten.
Trotz der Profanierung und den Umbauten blieb der Charakter eines heute in der Region seltenen spätbarocken Synagogenbaues bestehen.
Die Synagoge trägt die Adresse „Östlicher Graben 19“, aber das daran vorbeilaufende Teilstück des Grabens nannte man in Grünstadt traditionell „Synagogengasse“. Später wurden die gegenüberliegenden Häuser abgerissen und der so vor dem Gebäude entstandene Platz heißt seit 2014 nun offiziell „Synagogenplatz“.Beschluss des Stadtrats vom 4. Februar 2014 Sitzungsniederschrift 4. Februar 2014
Siehe auch Liste der im Deutschen Reich von 1933 bis 1945 zerstörten Synagogen
Literatur Kyra Schilling: Jüdisches Leben in Grünstadt, Protestantische Kirchengemeinde Grünstadt, 2007
Weblinks Synagoge Grünstadt bei Alemannia Judaica Synagoge Grünstadt bei www.jüdische-gemeinden.de
Einzelnachweise
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